Velotäre Weltrettung

Ich sage ja immer wieder, alle Menschen (die können), sollten Fahrrad fahren, das Fahrrad sollte (neben der Fortbewegung zu Fuß) das primäre Fortbewegungsmittel in den Innenstädten sein. Wenn es allein darum ginge, hier gäbe es heute nichts interessantes zu lesen.
Nein, es geht hier darum, dass Fahrradfahren die Welt noch viel weitreichender zu retten hilft, als selbst die meisten Radfahrer glauben. Aber erst mal ein Bildchen meines vollen Transportgespanns, damit die Linkvorschau in den sozialen Netzwerken was zu kucken hat, danach dann Butter bei die Fische.

Denkt euch am Fahrer noch einen Rucksack dazu. Sollte reichen. (Nein, der Autoanhänger hinter dem Rad gehört nicht dazu)

Denkt euch am Fahrer noch einen Rucksack dazu. Sollte reichen. (Nein, der Autoanhänger hinter dem Rad gehört nicht dazu)


So, zur Butter: Offensichtlich ist, dass jeder den Kraftfahrzeugen abgeluchster Fahrtenkilometer dabei hilft, weniger Treibstoff zu verbrauchen. Der Fokus hierbei ist Erdöl, da seine Verbrennung die Erdatmosphäre mit zusätzlichem CO2 und weiteren Gasen anreichert, die aus fossilen Lagern stammen. Das auch im Unterschied zu Atmung und der Verbrennung von Treibstoffen aus organischer Quelle, die nur CO2 entlassen, das seinerseits aus der gegenwärtigen Atmosphäre stammt und somit das Gleichgewicht der Gase nicht verändern. Etwas, was auch viele nicht verstehen und dann meinen, Radfahrer erzeugten ebenfalls zusätzliches CO2, aber das ist hier nicht der Punkt.
Der Punkt ist das politische Gewicht von √Ėl.

Shell, Arabien und der Klimawandel

Der Klimawandel ist eine praktisch unbestrittene Tatsache. Die menschliche Verantwortung f√ľr den Klimawandel ist eine sehr gut belegte und von einer gro√üen Mehrheit der Forscher best√§tigte Beobachtung. Der Hauptbeleg daf√ľr ist, dass die nat√ľrlichen Ursachen von Klimaschwankungen diese zwar sehr gut erkl√§ren k√∂nnen — aber pl√∂tzlich ab etwa 1950 versagen.
Das eine Problem ist, dass die wenigen „skeptischen Forscher“ in ihrer Lautst√§rke erheblich aufgedreht werden, da der Klimawandel f√ľr jene, die ihn verursachen, nat√ľrlich ein gutes Gesch√§ft ist. So fallen sie etwa regelm√§√üig dadurch auf, mit Millionenbetr√§gen von diversen √Ėlkonzernen „gef√∂rdert“ zu werden, was f√ľr eine Bewegung wie die Klimawandelskeptiker, die der Gegenseite regelm√§√üig Manipulation und wirtschaftliche Interessen vorwerfen, eigentlich bis hin zu Selbstaufl√∂sung peinlich sein m√ľsste, von diesen aber regelm√§√üig ignoriert wird, weil es ihnen nicht in den Kram passt.
Das andere ist, darauf weist zur Zeit etwa Hermann Ott hin, der politische Einfluss der Erd√∂l exportierenden Staaten. Er nennt vor allem Saudi-Arabien, aber auch die Macht der USA basiert auf dem √Ėl, jene der Sowjetunion stand im engen Zusammenhang mit den l√§ngst versiegten √Ėlquellen in ihrem S√ľden und auch das heutige Russland lebt von seinen mit den einstigen √Ėlvorkommen geologisch zusammenh√§ngenden Gasexporten.
Das bedeutet, dass die Erd√∂lwirtschaft neben ihren direkten Folgen f√ľr das Klima auch erhebliche Folgen f√ľr den Kampf gegen den Klimawandel hat. Jedes wirksame Vorgehen gegen die Emission klimawirksamer Gase wird vom Zweiklang aus √Ėlkonzernen und √Ėlstaaten massiv wirtschaftlich wie politisch behindert. Und das macht das Problem nat√ľrlich nur noch schlimmer. So wird es kein wirksames internationales Abkommen zur Reduktion des Aussto√ües von Klimagasen geben, denn selbst wenn die „Dealer&ldequo; nicht mit am Tisch s√§√üen, w√§re ihr politischer Einfluss auf den Rest der Welt doch so gro√ü, dass sie alles blockieren k√∂nnen.

Und deshalb ist das Fahrrad wichtig: Es l√§uft ohne √Ėl. Ein gro√üer gesellschaftlicher Umstieg auf das Rad entzieht den Konzernen und Scheichs Geld. Jeder Cent z√§hlt, denn letztlich besteht jedes noch so gro√üe Verm√∂gen nur aus einer gro√üen Menge Cents. Es geht nicht darum, ob einer etwas bewirken kann. Es geht darum, wie viele mitmachen.

ISIS, Al Qaida und der Petrodollar

Wenn es um den internationalen Terror geht, insbesondere den islamistischen, fallen weltweit zwei Staaten als gro√üe Geldgeber des Terrors auf. Da sind zum einen, in Eurasien vor allem als Erbe des Kalten Krieges, die USA, zum anderen die ebenso wirtschaftlich wie religi√∂s motivierte saudische K√∂nigsfamilie und ihre G√ľnstlinge.
Da h√§tten wir die Taliban und al Qaida, die zeitweise von beiden finanziert wurden, Boko Haram als Freunde der Saudis und ganz eklatant und aktuell ISIS/ISIL, die sowohl auf arabisches Geld als auch auf eigene √Ėlexporte setzen k√∂nnen. Der Independent geht durchaus begr√ľndet davon aus, dass Saudi-Arabien der „eigentliche Feind des Westens sei.

They pour money into Islamist organisations and operations, promote punishing doctrines that subjugate women and children, and damn liberal values and democracy. They are pursuing a cruel bombing campaign in Yemen that has left thousands of civilians dead and many more in dire straits.

Und auch dieses Geld stammt im Falle Arabiens aus dem √Ėl.
Deshalb kann man durchaus zugespitzt sagen, wie ich es gestern als Teaser f√ľr diesen Text auf Twitter tat:

Unsere beste Waffe gegen ISIS ist √ľbrigens das Fahrrad, weil man damit den Geldgebern des Terrors Eink√ľnfte aus dem √Ėlexport verweigern kann

Denn, ganz ehrlich, eine andere Antwort auf den Terror haben wir nicht. Krieg ist ein sehr unpr√§zises Mittel, auch wenn ich ihn gegen ISIS durchaus als gerechtfertigt s√§he. Er br√§chte aber nur eine vor√ľbergehende L√∂sung, da er den Terror nicht in seiner Existenz als Struktur angreift. Das ist ein wichtiger Unterschied etwa zur Entnazifizierung, da die Macht der Nazis an die milit√§rische und polizeiliche Macht des Deutschen Reiches als Staat gekoppelt war. ISIS hingegen ist nicht gew√§hlt, nicht heimisch, sie treten auch in den kontrollierten Gebieten als Besatzungsmacht ohne Heimatland auf, ihre Machtbasis liegt bei ihnen selbst, ganz gleich, wie kaputt der Staat um sie herum ist. Identisch ist aber immer noch folgendes: Den Terror stoppen kann nur der Machtentzug. Und die Macht von ISIS speist sich aus den Mitteln, f√ľr die sie ihr Geld einsetzen.
Das ist somit unsere gr√∂√üte Waffe gegen ISIS und Konsorten: Ihnen und ihren Unterst√ľtzern die wirtschaftliche Existenzgrundlage entziehen. Und das geht am besten mit dem Fahrrad. Mit einem Westen, noch √ľber seine Autos Hauptgeldgeber des Terrors, in dem eine Milliarde Fahrr√§der den t√§glichen Nahverkehr erledigen und in dem Kraftfahrzeuge nur noch f√ľr Transporte und Fernverkehr eingesetzt werden. Genug, dass die Menschen in Arabien leben k√∂nnen aber nicht genug, um t√§glich Milliarden in den Terror pumpen zu k√∂nnen.
Es ist das einzige, was mir gegen den Terror einfällt, was wirkt.
Europa hat eine halbe Milliarde Einwohner. Einwohner mit einem absolut √ľberdurchschnittlichen Verbrauch an Erd√∂lprodukten. Das sollten genug sein, um einen solchen Erd√∂lausstieg zu einem empfindlichen Schlag zu machen.

Bei-Spiel: Elektromobilität

Erw√§hnt werden sollte noch die Rolle der Elektromobilit√§t in dieser ganzen Geschichte. Ich bin selber nicht unbedingt ein Freund undurchdachter Umsetzung der Elektromobilisierung des Kraftverkehrs. Man kann den Ressourcenverbrauch f√ľr die Batterien ebenso kritisieren wie die blo√üe Verlagerung des Klimaproblems vom Fahrzeug selbst zu den Kraftwerken, die den Strom f√ľr ihren Betrieb erzeugen. Man muss sogar kritisieren, dass sie neben dem Treibstoffproblem keines der durch Automobile verursachten Probleme (etwa gestiegene Gef√§hrlichkeit des Stra√üenverkehrs, Platzverbrauch und Bewegungsmangel f√ľr die Nutzer) zu l√∂sen im Stande sind.
Aber: In gewissem Umfang sind Kraftfahrzeuge einfach notwendig, um unseren Lebensstil halbwegs so zu halten, wie er ist. Und das m√ľssen wir, denn alles andere ist schlicht und ergreifend nicht durchsetzbar.
Kein anderer alltagstauglicher Antrieb ist so neutral der Herkunft der Energie gegen√ľber wie der Elektromotor, gleich welcher Bauart. Wollen wir die Wirtschaft auf erneuerbare Energien umstellen, geht das nur mit Elektromotoren in vern√ľnftigem Ma√üe, denn die anderen Optionen (also haupts√§chlich Treibstoffe vom Feld) sidn alle weder praktisch noch in irgendeiner Weise umweltvertr√§glich, wenn man sie im n√∂tigen Umfang umsetzt.
Und deshalb ist die Elektromobilit√§t notwendig: Nicht als Teil der Abkunft von fossiler Energie, sondern als alternativlose Vorbedingung dieser. Ohne Elektromotoren keine vollst√§ndige Energiewende mit allen Folgen nicht nur f√ľr das Klima, sondern eben auch f√ľr die globalen Machtstrukturen.


In dunklen Tagen

Achso, ISIS=Islam.
Deshalb sind die im Krieg mit den anderen Muslimen.
Deswegen sind Millionen Muslime auf der Flucht aus den von ISIS kontrollierten Gebieten.
Deshalb gab es vorgestern ein Attentat auf Beirut.
Das ist alles soooo logisch!

Rassistische Dummschwätzer!

Terrorist sein ist keine Religion, Terrorist sein ist eine Geisteskrankheit. Religion erleichtert lediglich den √úbertr√§gern die Infektion und ja, manche Religion ist anf√§lliger als andere. Man muss sie daf√ľr kritisieren, aber man muss doch auch immer diesen wichtigen Unterschied im Auge behalten. Wer ihn vergisst, droht seinerseits, sich anzustecken.

Dass solche Dinge ausdr√ľcklich gesagt werden m√ľssen, das sind die Folgen des Terrorismus vor denen ich mehr Angst habe, als ich vor dem Terrorismus jemals haben k√∂nnen werde. Die Ausbreitung von Rassismus, die Spaltung der Gesellschaft, der Eintritt in eine sich best√§ndig gegenseitig befeuernde R√ľckkopplung aus Angst, Gewalt und Unterdr√ľckung.

Mag sich mancher √ľber die Bezeichnung als „rassistischer Dummschw√§tzer“ beschweren, ich halte nichts anderes als diesen Anwurf f√ľr angebracht. In schweren Zeiten ist nichts wichtiger als Klarheit.
Dies sind dunkle Tage. Wie dunkel wir sie werden lassen, daf√ľr sind allerdings wir selbst verantwortlich. Und daf√ľr ist notwendig klar zu benennen, in welcher Gestalt uns das Dunkel heimsucht.

Nous sommes unis. Nous sommes forts. Nous sommes la lumière face à la marée des ténèbres.


La veille d’une nuit sombre

Es ist nicht einfach, auch nach einer Woche nicht, den richtigen Ansatz zu finden, angemessen √ľber den Anschlag auf die Redaktion der Charlie Hebdo zu sprechen. Wahrscheinlich liegt das Geheimnis darin, die Angemessenheit links liegen zu lassen und einfach zu schreiben. √úber Freiheit, Ma√ühalten, und √ľber Krieg.

Es geht um Mohammed-Karikaturen. Vor fast drei Jahren noch, im Mai 2012, war ich auf einer Demo vor der Moschee an der Steinsstra√üe in Rheydt, gegen ProNRW, die damals aggressiv mit einigen zu dieser Zeit ber√ľhmt gewordenen Mohammed-Karikaturen aus D√§nemark auftraten. Heute stelle ich mich auf jene Seite, die das Recht der Charlie Hebdo und ihrer Genossen zu verteidigen bereit sind, ihre Karikaturen zu ver√∂ffentlichen. Klingt das nach einem Widerspruch? Es ist keiner. Ich habe auch nichts gegen den Stuhlgang, bitte dennoch darum, ihn nicht auf meinem Esstisch auszuf√ľhren.

ProNRW damals und die Attentäter von Paris vor wenigen Tagen haben eine wichtige Komponente des alltäglichen Umgangs miteinander vergessen: Vernunft.
Die Jyllands Posten, Charlie Hebdo und Titanic samt ihrer Genossen haben jedes Recht der Welt, ihre Karikaturen zu ver√∂ffentlichen. Ebenso haben andere das Recht, diese nicht zu m√∂gen. Die notwendige Pflicht, die sich aus jedem Recht ergibt ist, es verantwortungsbewusst anzuwenden. Wer Menschen aus Missfallen an deren √Ąusserungen umbringt, hat ohne jede Frage jegliche Vernunft verloren. Wer wie damals ProNRW Menschen, die niemandem etwas getan haben, aktiv beleidigt, den muss man ebenso fragen, ob er noch ganz sauber tickt.
Das ist das gr√∂√üte Problem im menschlichen Umgang, das fehlende Gef√ľhl von Vernunft, von Ma√ü – letztlich das fehlende Gef√ľhl daf√ľr, dass die anderen genauso Menschen sind wie wir.

Die Islamisten sind ein Symptom dieser Krankheit. Die Rechten sind ein anderes. Der gegenw√§rtige Aufschwung von Verschw√∂rungstheorien scheint mir ebenso dazuzugeh√∂ren, denn auch die meisten dieser Theorien funktionieren nur genau so lange, wie man sich als Anh√§nger nicht klar macht, dass „die da“ ebenfalls Menschen sind.
Es ist das Klima, in dem große Kriege geboren werden. Denn je mehr man die anderen entmenschlicht, desto niedriger wird die Hemmschwelle, gegen sie vorzugehen.
Gruppen wie der IS sind bereits an dem Punkt, an dem man willens in den Krieg zieht und andere Menschen umbringt. Die Rhetorik vieler Rechter bei Veranstaltungen mit lustigen Abk√ľrzungen (HoGeSa, Pegida usw.) l√§sst darauf schlie√üen, dass diese davon ebenfalls nicht weit entfernt sind. Beide Gruppen arbeiten zudem aktiv daran, noch nicht an diesem Punkt angelangte Sympathisanten weiter in ihren Sumpf zu ziehen.

Wer jetzt auf den Ausbruch des Krieges wartet, der kann lange warten. Schon seit langem brechen Kriege nur noch in den wenigsten F√§llen zu einem klar definierbaren Zeitpunkt aus. Und schon seit 1914 gibt es kaum noch Kriege, in denen eine der beteiligten Parteien schuld gewesen w√§re (Ausnahmen wie 1939 existieren nat√ľrlich f√ľr beides immer). Europa wird keinen Krieg bekommen, weil niemand da ist, der ihn erkl√§ren k√∂nnte. Aber es wird im Konflikt dieser Gruppen eine lange und sehr dunkle Nacht geben.
Unvernunft in Form von Vorurteilen und Entmenschlichung ist gegenw√§rtig einmal mehr weit verbreitet, bei denen, aber ebenso auch bei uns. Es ist nun (das ist √ľbrigens die √úbersetzung der √úberschrift) der Vorabend einer dunklen Nacht. Die Aufgabe jener, die dabei nicht mitmachen wollen wird es nun sein, Lichter zu entfachen.
Aber eines ist dabei wichtig zu merken: Wann entfacht man tatsächlich ein Licht und wann droht man in Wirklichkeit anderen mit einer brennenden Fackel? Wichtig, aber alles andere als einfach.

Um allerdings mit etwas Positivem abzuschlie√üen: In Deutschland wird endlich etwas lauter √ľber die Abschaffung des Gottesl√§sterungsparagraphen (¬ß166 StGB) debattiert. Was mich auf ein neues Thema bringt, warum wir die widerliche Begrifflichkeit von der „Instrumentalisierung“ abschaffen sollten – f√ľr alle Kontexte. Aber dazu komme ich ein andermal.


Was darf ist Satire?

So, weil ich mich heute noch nicht unbeliebt genug gemacht habe nun noch etwas √ľber die Titanic-Geschichte.

Was darf die Satire?
Alles.

Tucholskys Schlussworte seines ber√ľhmten Textes √ľber den Zustand der deutschen Satire werden gerne von selbsternannten Satirikern zitiert, die meinen, wenn es Leute gibt, die dar√ľber lachen, wird es schon Satire sein.

Tucholsky mied in seinem Essay die Frage, was Satire eigentlich ist. Weniger aus Angst vor der Antwort als aufgrund dessen, dass er die Definition f√ľr allgemein bekannt zu halten scheint. Dies und die Definition, mit der er arbeitet schimmern an einigen Stellen durch:

Ich hebe den Vorhang auf, der schonend √ľber die F√§ulnis gebreitet war, und sage: ‚ÄěSeht!‚Äú
[…]
Die Satire mu√ü √ľbertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bl√§st die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Satire ist also etwas enth√ľllendes. Zudem muss sie √ľbertreiben, um die Wahrheit zu verdeutlichen, ihre enth√ľllende Funktion erf√ľllen, indem sie mithilfe ebendieser √úbertreibung auf das zu Enth√ľllende zeigt.

Und da sind wir auch schon beim Problem mit dem Titanic-Titelblatt.
Seht ihr, ich w√§re in dieser Sache wirklich gern auf der Seite der Titanic. Sehr, sehr gern. Ich mag Ratzinger nicht, ich mag nicht wie er seine Kirche und mit ihr etliche Anh√§nger in eine mittelalterliche Glaubensvorstellung zur√ľckf√ľhrt und wie er sich (wie so viele P√§pste vor ihm) in das Weltgeschehen einmischt und so beispielsweise die Verteilung von Verh√ľtungsmitteln und AIDS-Vorbeugung in Afrika verhindert. Wenn es so etwas wie „das B√∂se“ √ľberhaupt gibt ist der Papst seine Personifikation.
Nur beruft sich die Titanic auf die Satirefreiheit. Und hier ist das Problem: Ich sehe keinerlei Satire auf dem Titanic-Titel. Welche Wahrheit bildet es ab und deckt es auf, den Papst mit Inkontinenzflecken darzustellen? Das scheint mir nicht mehr als kindische Unflätigkeit.

Nein, ich meine dennoch nicht, dass so etwas verboten werden sollte. Das Recht auf freie Meinungs√§usserung steht meiner Meinung nach zu hoch alsdass Beleidigung strafbar sein d√ľrfte (anders ist das vielleicht bei Verleumdung).
Aber ich pl√§diere daf√ľr, die Satire nicht durch solche Dinge abzuwerten. Ein d√§mlicher Pippi-Kacka-Witz ist keine Satire.
Die Reaktion der Titanic auf das Verbot interessanterweise schon eher, denn diese bezieht sich auf ein aktuelles Ereignis und schießt erkennbar gegen die Zensurbestrebungen des Papstes.

Das w√§re √ľbrigens auch das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu den Mohammed-Karikaturen der Jyllands Posten, die einige wissen wollten: Die ber√ľhmtesten und am weitesten verbreiteten der Mohammed-Karikaturen (jene von Kurt Westergaard und Rasmus Sand Homer) hatten eine satirische Aussage, sie nahmen sich der dem Islam inh√§renten Gewaltt√§tigkeit an.*
Das ist eine Dimension, die dem Titanic-Cover schlichtweg fehlt.

*Mancher mag hierin einen Widerspruch zu meiner Teilnahme an der Gegendemo zu ProNRW entdecken. Dazu möchte ich anmerken, dass ich mich dort gegen die politischen Aussagen und Ziele der Partei ProNRW aufgestellt habe. Gegen die Karikaturen selbst habe ich nichts, allerdings gegen die Verwendung dieser seitens ProNRW allein zu Zwecken des Krawalls.


Der Fuchtel und die Religion

Weltbilder sind nicht einfach, das gilt insbesondere f√ľr linke humanistisch gepr√§gte Atheisten aus Deutschland bei den Gr√ľnen. Sie sind manchmal so kompliziert, dass solche Vorbemerkungen n√∂tig sind. Denn es geht um die Frage der Beschneidung von Kleinkindern aus religi√∂sen Gr√ľnden. Eine Diskussion, die oft genug mit dem wahnsinnig stichhaltigen Argument „Antisemitismus!!11elf!!“ recht schnell beendet wird. Bei den Gr√ľnen ist das nochmal ein Sonderfall, denn grade die Idee multikuturellen Zusammenlebens hat erhebliche Spannungen mit anderen Zielen und l√§sst keine einfache Antwort in der Frage zu, wie weit Multikulturalit√§t gehen kann. Tierschutz gegen Stierk√§mpfe, Feminismus gegen Kopftuchzwang, Freiheitsrechte gegen arrangierte Ehen (√ľbrigens f√ľr beide Ehepartner, dass die M√§nner sich gew√∂hnlich nicht beklagen hat komplexe Gr√ľnde im anerzogenen Rollenbild der Geschlechter).
Ich werde am Ende dieses Beitrag einige Leser verloren haben. Damit werde ich leben m√ľssen. Einige andere werden erfahren, wie ich meine grundlegendsten politischen √úberzeugungen √ľberhaupt, das Gleichbehandlungsprinzip und die freie Selbstbestimmung, auslege.

Nun ist nach dem inzwischen allgemein bekannten kölner Richterspruch die Frage der Beschneidung in den Fokus gekommen. Die Kölner hatten festgestellt, dass die Beschneidung ohne Einverständnis des Beschnittenen eine Körperverletzung ist und entschieden, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit (sowie die Bekenntnisfreiheit) höhere Rechte sind als das Erziehungsrecht der Eltern.
Das ist durchaus logisch. Mit der selben Begr√ľndung (minus Bekenntnisfreiheit) gehen die Gerichte auch gegen Kindesmisshandlung vor.
Der Fall könnte so einfach sein: Keine Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes, wenn dies nicht einverstanden ist oder eine medizinische Notwendigkeit vorliegt.

Das Problem hierbei ist: Die Beschneidung von Jungen ist im Judentum innerhalb der ersten acht Tage nach der Geburt vorgeschrieben. Folgerichtig sehen die j√ľdischen Gemeinden sich nunmehr dadurch bedroht, sich an grundlegende Menschenrechte halten zu m√ľssen (etwas, worin Religionen nie sonderlich gut waren). Die Muslime sind deutlich ruhiger, was vermutlich daran liegt, dass diese problemlos bis zum 14. Geburtstag des Kindes (dann erlangt es Religionsm√ľndigkeit) mit der Schnippelei warten k√∂nnen. Bis auf Cem √Ėzdemirs haneb√ľchenen Vergleich mit der Taufe, da diese ja nach katholischem Glauben auch nicht r√ľckg√§ngig zu machen sei – ja, lieber Cem, nach dem katholischen Glauben, aber eine Taufe hinterl√§sst k√∂rperlich keine bleibenden Sch√§den und jeder, der nicht an die Taufe glaubt kann sie kurzerhand ablehnen.

Es ist f√ľr mich schwer, das ernsthaft zu diskutieren denn hier ist mein Grundsatz in solchen Fragen: Gleiches Recht f√ľr alle, gleiche Pflichten f√ľr alle. Dieser Grundsatz ist nicht abh√§ngig von Befindlichkeiten und etwaigen Traditionen auslegbar. Diese k√∂nnen h√∂chstens als mildernde Umst√§nde gelten, wenn eine Straftat begangen wird.
Es gibt Ebenen, auf denen man eine √Ąnderung gesetzlicher Regelungen zu Gunsten einzelner Gruppen diskutieren kann. Die Menschenrechte und insbesondere die Frage der k√∂rperlichen Unversehrtheit von Schutzbefohlenen z√§hlen nicht dazu.

Aber, und hier kommen wir zu Cem zur√ľck: Ich bin durchaus auch daf√ľr, die rechtliche Wirksamkeit der Taufe aufzuheben und den Beitritt zur Kirche von der Religionsm√ľndigkeit des Kindes abh√§ngig zu machen. Dann kann es sich auch aus freier, eigener Entscheidung f√ľr eine der Schniedelwutz-Beschnippel-Religionen entscheiden, denn mit seinem [i]eigenen[/i] K√∂rper kann jeder machen, was er will (hier verl√§uft √ľbrigen auch meine Konfliktlinie mit der Versch√§rfung des Nichtraucherschutzes, die ich als zu sehr in individuelle Freiheitsrechte eingreifend ablehne).
Wir k√∂nnen nicht anfangen, diese Grunds√§tze aufzugeben nur weil irgendeine alte Religion ihre barbarischen Br√§uche √ľber die Menschenrechte stellen zu k√∂nnen meint. Eines davon ist die Beknntnisfreiheit – aber die Bekenntnisfreiheit umfasst nicht das Recht, die anderen Menschenrechte nach Belieben zu brechen.

Nachtrag Wegen extremen Spam-Aufkommens wurden die Kommentare zu diesem Beitrag geschlossen. Er hat bis heute, 10. 3. 2013, ca. 250.000 automatisch erstellte Spam-Kommentare erhalten.


Nicht gehaltene Rede zu Pro NRW

Heute um die Mittagszeit herum war die Partei „Pro NRW“ f√ľr eine Kundgebung in M√∂nchengladbach, an der Moschee in M√ľlfort. Die 10 traurigen Gestalten sahen sich dank einer breiten Mobilisierung von Parteien und B√ľndnissen gut 300 Demonstranten gegen√ľber, die sich sch√ľtzend und lautstark vor die Moschee stellten.
Es war bis zuletzt nicht klar, ob es von jeder Partei (Jusos, Links, Gr√ľne) eine kurze Kundgebung (je 5 Minuten) geben w√ľrde, daher habe ich mich einfach sicherheitshalber auf eine solche vorbereitet. Es gab keine. H√§tte es eine gegeben, dies w√§re mein Text gewesen:

Gestern Abend sagte mir ein Bekannter ab und erw√§hnte dabei auch, dass es das umgekehrt in islamischen L√§ndern nicht g√§be. Niemals w√ľrden sich dort Christen sch√ľtzend vor eine Moschee stellen.
Selbst wenn das wahr w√§re – was es nicht ist – muss ich dazu doch sagen und sagte ich ihm: Wir k√∂nnen das Fehlverhalten anderer nicht zum Ma√üstab unseres eigenen Handelns machen. Wir stehen hier f√ľr Menschenrechte, Frieden und Freiheit. Diese Rechte stehen in diesem Land jedem zu. Wer dies abschaffen will, der ist Pro Garnix, vor allem nicht Pro Deutschland oder Pro NRW. Wer sich gegen diese Rechte stellt, stellt sich gegen das, wof√ľr unser Land steht, worauf es aufgebaut ist, was es ausmacht.
Wer sich hingegen gegen diese Rechten stellt, der lebt die Werte, die Geschichte, die Erfahrungen und die Verantwortung unseres Landes.
Die Rechten sind heute hier, um zu provozieren. Sie werden scheitern. Wir lassen uns nicht provozieren. Aber das heisst nicht, dass wir schweigen werden.

Notiz: Das w√§re nicht der w√∂rtliche Text gewesen. Ich schreibe meine Reden nicht vorher, sondern formuliere grunds√§tzlich w√§hrend ich rede, an einigen im Kopf behaltenen Stichpunkten entlang. Das macht es nat√ľrlich etwas schwierig, meine Beitr√§ge zu dokumentieren. Zumal bei solchen, die schlussendlich nicht gehalten wurden.
Nein, f√ľnf Minuten w√§ren damit wohl nicht gef√ľllt gewesen. Warum auch, wenn das Wichtige so auch in zwei Minuten komplett gesagt ist?


Menschliches Potenzial

Es ist inzwischen beunruhigend, wenn man sich eingehender mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und ähnlichen Problemen auseinandersetzt.
Wer sich das alles nur aus der Ferne betrachtet, der mag es (noch?) nicht merken, aber die Atmosph√§re insbesondere den Muslimen gegen√ľber ist in gradezu erschreckender Weise vergiftet. Aber als Kommunalpolitiker, der in genau dem Bezirk lebt und t√§tig ist, in dem auch Eicken mit seiner geplanten Salafistenschule liegt, steht man an vorderster Front in diesen Zusammenh√§ngen. Ein Eindruck aus einer Stadt, die fast die Geschichte ver√§ndert h√§tte.

Es ist eine dieser unter Schriftstellern und Historikern inzwischen beliebt gewordenen Geschichten, deren Konzepte mit „Was w√§re wenn…“ beginnen.
So absurd ist es nicht, dass die CDU in einem anderen Verlauf der Geschichte 2009 die Macht in Mönchengladbach behalten hätte. Immehrin war sie zuvor 60 Jahre lang dran und die Abwahl erfolgte haarscharf.
Und eben jene CDU wollte Herbst 2010 in einem Antrag im Stadtrat ein Verbot von Verschleierungen f√ľr das betreten √∂ffentlicher Geb√§ude erlassen. Der Vorsto√ü war entschlossen und popul√§r genug, um nach der Ablehnung durch die Ampel im Rat nochmal von B√ľrgern im Petitionsausschuss (bzw. Ausschuss f√ľr Beschwerden und Anregungen) gestellt zu werden.

Gehen wir also davon aus, dass die CDU in unserem alternativen Geschichtsverlauf das Burkaverbot (denn darum ging es de facto) durchbekommen hätte.
Dann w√§re M√∂nchengladbach heute die erste deutsche Gro√üstadt, die ein solches Verbot erlassen h√§tte. Selbst wenn die Paradiesler dagegen erfolgreich klagen w√ľrden, bleibt ein schaler Beigeschmack, wie knapp wir hier an einer solchen Pioniertat der Fremdenfeindlichkeit vorbeigeschrammt sind. Ein kleiner Schritt, nur ein paar Stimmen, historischer Zufall im Endeffekt, haben verhindert, dass diese Stadt zu einem Fanal kultureller Intoleranz wurde.
Es ist ein unangenehmes Gef√ľhl, welches diese einfache Erkenntnis mit sich bringt.
Dar√ľber, wie weit wir in diesem Land schon gekommen sind, was die Diskriminierung Andersdenkender angeht. Dar√ľber, wie sehr Fremdenfeinde davon √ľberzeugt sind, sie t√§ten einfach das Richtige. Dar√ľber, wie leichtfertig wir bereit sind, grundlegende Errungenschaften der Zivilisation aufzugeben, wenn wir nur genug Angst vor etwas haben. Dar√ľber, wie sehr Fremdenfeindlichkeit im ganz allt√§glichen menschlichen Potenzial liegt.

Und unterdessen lassen unsere Regierungen auf europäischer Ebene Migranten aus Afrika im Mittelmeer ersaufen und wir schauen weg.
Wahrscheinlich m√ľssen wir unseren Enkeln dann in 50 Jahren erz√§hlen, wir h√§tten davon ja nichts gewusst.


Rede zum Burkaverbotsantrag der CDU, 10.11.2010

F√ľr die Ratssitzung vom 10. November 2010 stellte die CDU einen Antrag zu einer Art kommunalem Burkaverbot gestellt. Konkret sollte gepr√ľft werden, ob die Stadt √ľber ihr Hausrecht das Tragen einer Vollverschleierung „aus religi√∂sen und anderen Gr√ľnden“ beim Betreten √∂ffentlicher Geb√§ude untersagen kann – wenn ja, solle so verfahren werden.
Auch die NVV (die Stadtwerke in M√∂nchengladbach sowie angrenzenden Kleinst√§dten) w√§re √ľber den Antrag aufgefordert gewesen, in ihren Bussen udn Schwimmb√§dern entsprechend zu handeln. Hier nun meine im Rat vorgetragene Reaktion auf diesen Antrag. Weiterlesen »


Zu der Imam-Idee

Ich finde erschreckend, dass alle Parteien – auch die gr√ľne – sich positiv zum Vorschlag des Wissenschaftsrats √§ussern, Imame an den Universit√§ten auszubilden.
Ich habe daher die folgende mail an die wissenschaftspolitischen Sprecherinnen in NRW und Bundestag geschickt:

Liebe Ruth,
liebe Priska,

ich bin aktuell etwas erschrocken dar√ľber, wie uneingeschr√§nkt positiv der Vorschlag des Wissenschaftsrates f√ľr eine universit√§re Imam-Ausbildung aufgenommen wird.
Statt sich darum zu k√ľmmern, dass die Theologie endlich aus den Universit√§ten verschwindet (einfach weil sie keine Wissenschaft ist), fordert man nun die Einf√ľhrung weiterer Pseudowissenschaften. Was wird als n√§chstes eingef√ľhrt, Astrologie? Chirologie? Tarot?

Ich verstehe Universitäten als Einrichtungen der Wissenschaft und dazu zählen die Religionen nunmal nicht.
Zwar gibt es durchaus eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Religion (auch dem Islam, etwa Islamwissenschaften in Mainz), die Ausbildung von Geistlichen aber ist Sache der Religionsgemeinschaften. Es ist schon Skandal genug (aber wohl historische Erblast), dass die christlichen Priester, Pfarrer usw. an staatlichen Institutionen ausgebildet werden. Theologie ist keine Wissenschaft, sondern eine Ausbildung, die dazu befähigt möglichst elaborierten Unfug zu verbreiten (etwas neutraler formuliert: Theologen erzeugen in der Regel Meinungen, kein Wissen).
Ein Staat, der das besonders beachtet ist √ľbrigens die laizistische T√ľrkei. Das nur um aufzuzeigen, weshalb ich die √Ąusserungen einiger Integrationsverb√§nde fragw√ľrdig finde.

Um das zusammenzufassen: Die Vermittlung von Glaubensinhalten egal welcher Couleur ist keine universitäre Angelegenheit, sondern eine der Religionsgemeinschaften. Daher ist die Erweiterung um die Glaubensinhalte weiterer Religionen keinesfalls eine Verbesserung.

Betrachtet man zus√§tzlich, dass die Theologie von einer ausseruniversit√§ren Institution (den Gro√ükirchen) bestimmt wird, f√§llt zudem auf, dass die Theologie die Idee der Unabh√§ngigkeit der Wissenschaft untergr√§bt. Da ist es nicht mehr weit bis zum Unwesen der unternehmensgef√ľhrten wirtschaftswissenschaftlichen Institute, die nicht mehr Wirtschaft erforschen, sondern nur mehr neoliberale Lehrs√§tze verbreiten – ist das wirklich unsere Zielvorgabe in der Entwicklung der Wissenschaft?

Mit den besten Gr√ľ√üen,
Thomas R. Diehl