Velotäre Weltrettung

Ich sage ja immer wieder, alle Menschen (die können), sollten Fahrrad fahren, das Fahrrad sollte (neben der Fortbewegung zu Fuß) das primäre Fortbewegungsmittel in den Innenstädten sein. Wenn es allein darum ginge, hier gäbe es heute nichts interessantes zu lesen.
Nein, es geht hier darum, dass Fahrradfahren die Welt noch viel weitreichender zu retten hilft, als selbst die meisten Radfahrer glauben. Aber erst mal ein Bildchen meines vollen Transportgespanns, damit die Linkvorschau in den sozialen Netzwerken was zu kucken hat, danach dann Butter bei die Fische.

Denkt euch am Fahrer noch einen Rucksack dazu. Sollte reichen. (Nein, der Autoanhänger hinter dem Rad gehört nicht dazu)

Denkt euch am Fahrer noch einen Rucksack dazu. Sollte reichen. (Nein, der Autoanhänger hinter dem Rad gehört nicht dazu)


So, zur Butter: Offensichtlich ist, dass jeder den Kraftfahrzeugen abgeluchster Fahrtenkilometer dabei hilft, weniger Treibstoff zu verbrauchen. Der Fokus hierbei ist Erdöl, da seine Verbrennung die Erdatmosphäre mit zusätzlichem CO2 und weiteren Gasen anreichert, die aus fossilen Lagern stammen. Das auch im Unterschied zu Atmung und der Verbrennung von Treibstoffen aus organischer Quelle, die nur CO2 entlassen, das seinerseits aus der gegenwärtigen Atmosphäre stammt und somit das Gleichgewicht der Gase nicht verändern. Etwas, was auch viele nicht verstehen und dann meinen, Radfahrer erzeugten ebenfalls zusätzliches CO2, aber das ist hier nicht der Punkt.
Der Punkt ist das politische Gewicht von Öl.

Shell, Arabien und der Klimawandel

Der Klimawandel ist eine praktisch unbestrittene Tatsache. Die menschliche Verantwortung für den Klimawandel ist eine sehr gut belegte und von einer großen Mehrheit der Forscher bestätigte Beobachtung. Der Hauptbeleg dafür ist, dass die natürlichen Ursachen von Klimaschwankungen diese zwar sehr gut erklären können — aber plötzlich ab etwa 1950 versagen.
Das eine Problem ist, dass die wenigen „skeptischen Forscher“ in ihrer Lautstärke erheblich aufgedreht werden, da der Klimawandel für jene, die ihn verursachen, natürlich ein gutes Geschäft ist. So fallen sie etwa regelmäßig dadurch auf, mit Millionenbeträgen von diversen Ölkonzernen „gefördert“ zu werden, was für eine Bewegung wie die Klimawandelskeptiker, die der Gegenseite regelmäßig Manipulation und wirtschaftliche Interessen vorwerfen, eigentlich bis hin zu Selbstauflösung peinlich sein müsste, von diesen aber regelmäßig ignoriert wird, weil es ihnen nicht in den Kram passt.
Das andere ist, darauf weist zur Zeit etwa Hermann Ott hin, der politische Einfluss der Erdöl exportierenden Staaten. Er nennt vor allem Saudi-Arabien, aber auch die Macht der USA basiert auf dem Öl, jene der Sowjetunion stand im engen Zusammenhang mit den längst versiegten Ölquellen in ihrem Süden und auch das heutige Russland lebt von seinen mit den einstigen Ölvorkommen geologisch zusammenhängenden Gasexporten.
Das bedeutet, dass die Erdölwirtschaft neben ihren direkten Folgen für das Klima auch erhebliche Folgen für den Kampf gegen den Klimawandel hat. Jedes wirksame Vorgehen gegen die Emission klimawirksamer Gase wird vom Zweiklang aus Ölkonzernen und Ölstaaten massiv wirtschaftlich wie politisch behindert. Und das macht das Problem natürlich nur noch schlimmer. So wird es kein wirksames internationales Abkommen zur Reduktion des Ausstoßes von Klimagasen geben, denn selbst wenn die „Dealer&ldequo; nicht mit am Tisch säßen, wäre ihr politischer Einfluss auf den Rest der Welt doch so groß, dass sie alles blockieren können.

Und deshalb ist das Fahrrad wichtig: Es läuft ohne Öl. Ein großer gesellschaftlicher Umstieg auf das Rad entzieht den Konzernen und Scheichs Geld. Jeder Cent zählt, denn letztlich besteht jedes noch so große Vermögen nur aus einer großen Menge Cents. Es geht nicht darum, ob einer etwas bewirken kann. Es geht darum, wie viele mitmachen.

ISIS, Al Qaida und der Petrodollar

Wenn es um den internationalen Terror geht, insbesondere den islamistischen, fallen weltweit zwei Staaten als große Geldgeber des Terrors auf. Da sind zum einen, in Eurasien vor allem als Erbe des Kalten Krieges, die USA, zum anderen die ebenso wirtschaftlich wie religiös motivierte saudische Königsfamilie und ihre Günstlinge.
Da hätten wir die Taliban und al Qaida, die zeitweise von beiden finanziert wurden, Boko Haram als Freunde der Saudis und ganz eklatant und aktuell ISIS/ISIL, die sowohl auf arabisches Geld als auch auf eigene Ölexporte setzen können. Der Independent geht durchaus begründet davon aus, dass Saudi-Arabien der „eigentliche Feind des Westens sei.

They pour money into Islamist organisations and operations, promote punishing doctrines that subjugate women and children, and damn liberal values and democracy. They are pursuing a cruel bombing campaign in Yemen that has left thousands of civilians dead and many more in dire straits.

Und auch dieses Geld stammt im Falle Arabiens aus dem Öl.
Deshalb kann man durchaus zugespitzt sagen, wie ich es gestern als Teaser für diesen Text auf Twitter tat:

Unsere beste Waffe gegen ISIS ist übrigens das Fahrrad, weil man damit den Geldgebern des Terrors Einkünfte aus dem Ölexport verweigern kann

Denn, ganz ehrlich, eine andere Antwort auf den Terror haben wir nicht. Krieg ist ein sehr unpräzises Mittel, auch wenn ich ihn gegen ISIS durchaus als gerechtfertigt sähe. Er brächte aber nur eine vorübergehende Lösung, da er den Terror nicht in seiner Existenz als Struktur angreift. Das ist ein wichtiger Unterschied etwa zur Entnazifizierung, da die Macht der Nazis an die militärische und polizeiliche Macht des Deutschen Reiches als Staat gekoppelt war. ISIS hingegen ist nicht gewählt, nicht heimisch, sie treten auch in den kontrollierten Gebieten als Besatzungsmacht ohne Heimatland auf, ihre Machtbasis liegt bei ihnen selbst, ganz gleich, wie kaputt der Staat um sie herum ist. Identisch ist aber immer noch folgendes: Den Terror stoppen kann nur der Machtentzug. Und die Macht von ISIS speist sich aus den Mitteln, für die sie ihr Geld einsetzen.
Das ist somit unsere größte Waffe gegen ISIS und Konsorten: Ihnen und ihren Unterstützern die wirtschaftliche Existenzgrundlage entziehen. Und das geht am besten mit dem Fahrrad. Mit einem Westen, noch über seine Autos Hauptgeldgeber des Terrors, in dem eine Milliarde Fahrräder den täglichen Nahverkehr erledigen und in dem Kraftfahrzeuge nur noch für Transporte und Fernverkehr eingesetzt werden. Genug, dass die Menschen in Arabien leben können aber nicht genug, um täglich Milliarden in den Terror pumpen zu können.
Es ist das einzige, was mir gegen den Terror einfällt, was wirkt.
Europa hat eine halbe Milliarde Einwohner. Einwohner mit einem absolut überdurchschnittlichen Verbrauch an Erdölprodukten. Das sollten genug sein, um einen solchen Erdölausstieg zu einem empfindlichen Schlag zu machen.

Bei-Spiel: Elektromobilität

Erwähnt werden sollte noch die Rolle der Elektromobilität in dieser ganzen Geschichte. Ich bin selber nicht unbedingt ein Freund undurchdachter Umsetzung der Elektromobilisierung des Kraftverkehrs. Man kann den Ressourcenverbrauch für die Batterien ebenso kritisieren wie die bloße Verlagerung des Klimaproblems vom Fahrzeug selbst zu den Kraftwerken, die den Strom für ihren Betrieb erzeugen. Man muss sogar kritisieren, dass sie neben dem Treibstoffproblem keines der durch Automobile verursachten Probleme (etwa gestiegene Gefährlichkeit des Straßenverkehrs, Platzverbrauch und Bewegungsmangel für die Nutzer) zu lösen im Stande sind.
Aber: In gewissem Umfang sind Kraftfahrzeuge einfach notwendig, um unseren Lebensstil halbwegs so zu halten, wie er ist. Und das müssen wir, denn alles andere ist schlicht und ergreifend nicht durchsetzbar.
Kein anderer alltagstauglicher Antrieb ist so neutral der Herkunft der Energie gegenüber wie der Elektromotor, gleich welcher Bauart. Wollen wir die Wirtschaft auf erneuerbare Energien umstellen, geht das nur mit Elektromotoren in vernünftigem Maße, denn die anderen Optionen (also hauptsächlich Treibstoffe vom Feld) sidn alle weder praktisch noch in irgendeiner Weise umweltverträglich, wenn man sie im nötigen Umfang umsetzt.
Und deshalb ist die Elektromobilität notwendig: Nicht als Teil der Abkunft von fossiler Energie, sondern als alternativlose Vorbedingung dieser. Ohne Elektromotoren keine vollständige Energiewende mit allen Folgen nicht nur für das Klima, sondern eben auch für die globalen Machtstrukturen.


Freitägliche Fünf 5.12.2014

Fünf positive Dinge aus den vergangenen sieben Tagen, jeden Freitag. Jetzt schon zum dritten Mal zu füllen geschafft. Yay!

1. Es ist nicht einfach, in der gegenwärtigen Zeitungslandschaft guten Wirtschaftsjournalismus zu finden und im Wirtschaftsteil kann man die Suche gleich ganz aufgeben. In der FAZ gab es diese Woche mal eine Perle klugen Wirtschaftsjournalismus. Im Feuilleton in einer TV-Kritik, denn fast nur noch dort kann man heute noch Kluges über die Wirtschaft sagen, aber immerhin. Unbedingt lesenswert.

2. Hier mal eine kleine Doku. Für am Thema Nachhaltigkeit interessierte nicht viel neues, aber dennoch ist es eine guter Rundumschlag zur Einführung ins Thema.

3. Ich habe einen hübschen Schrank vom Sperrmüll gezogen. Mehr oder weniger Sperrmüll, er stand vor einem leergezogenen Haus mit allerlei Brettern und einem Schild „zu verschenken“. Ein Regal, das sehr schön zu meinem Plan passt, den Schreibschrank durch ein Stehpult zu ersetzen — bis jetzt fehlte es mir dazu an Stauraum für die bisher im Schreibschrank aufbewahrten Bücher und Utensilien.
Nachdem ich ihn etwas über einen Kilometer durch die Nacht geschleppt habe kann ich auch klar bezeugen, dass das Regal stabil und schwer ist. Das sollte ein wenig halten.
Ein sehr schöner Zufallsfund auf dem Weg zur Fraktionssitzung und somit das wahrscheinlich beste, was eine Fraktionssitzung mir in den letzten Monaten gebracht hat.

4. Ich mag es, wenn Menschen große Probleme mit simplen Ideen angehen, die einen Tick ausserhalb der „normalen“ Denkweisen liegen. Der Gedanke hinter der Grazing Revolution ist ein solcher: Wir haben wachsende Wüsten? Dann gehen wir doch hin und machen aus der Bekämpfung des Wüstenwachstums ein Geschäft. Gezielte Viehwirtschaft soll die alten Tiergemeinschaften der Steppen simulieren. Sie weiden auf spärlich bewachsenem Boden, kacken dort, wodurch der Boden gedüngt und fruchtbarer wird, was stärkeres Wachstum von Pflanzen mit sich bringt.
Das Buch ist mehr eine Autobiografie mit Fokus darauf, wie der Autor den Plan auf seiner eigenen Farm in Simbabwe umgesetzt hat, aber es ist schon allein interessant, diesen Ansatz anzustoßen.

5. Die Uni von Bristol bringt uns einen Schritt näher an Formenergie. Mit gezielt projizierten Schallwellen erzeugen sie bei Hologrammen die Illusion, diese böten beim Berühren Widerstand. Ganz im Ernst, die Hologrammtechnologie ist fortgeschrittener, als ich gedacht hätte, bleibt aber bisher abgesehen von Gorillaz-Konzerten in den Laboren versteckt. Wobei, Gorillaz-Konzerte gibt es auch nicht mehr, oder?

Runner-Up
Heute hatten wir bei Grünens das inzwischen zur Tradition herangewachsene Packen von Präsenttüten zu Nikolaus, welche dann am 6. Dezember in den Flüchtlingsunterkünften der Stadt an die Kinder verteilt werden. Hat wie immer Spass gemacht, in der kleinen Gruppe zu packen und die Schenkaktion vorzubereiten.