Der Fuchtel und die Religion

Weltbilder sind nicht einfach, das gilt insbesondere für linke humanistisch geprägte Atheisten aus Deutschland bei den Grünen. Sie sind manchmal so kompliziert, dass solche Vorbemerkungen nötig sind. Denn es geht um die Frage der Beschneidung von Kleinkindern aus religiösen Gründen. Eine Diskussion, die oft genug mit dem wahnsinnig stichhaltigen Argument „Antisemitismus!!11elf!!“ recht schnell beendet wird. Bei den Grünen ist das nochmal ein Sonderfall, denn grade die Idee multikuturellen Zusammenlebens hat erhebliche Spannungen mit anderen Zielen und lässt keine einfache Antwort in der Frage zu, wie weit Multikulturalität gehen kann. Tierschutz gegen Stierkämpfe, Feminismus gegen Kopftuchzwang, Freiheitsrechte gegen arrangierte Ehen (übrigens für beide Ehepartner, dass die Männer sich gewöhnlich nicht beklagen hat komplexe Gründe im anerzogenen Rollenbild der Geschlechter).
Ich werde am Ende dieses Beitrag einige Leser verloren haben. Damit werde ich leben müssen. Einige andere werden erfahren, wie ich meine grundlegendsten politischen Überzeugungen überhaupt, das Gleichbehandlungsprinzip und die freie Selbstbestimmung, auslege.

Nun ist nach dem inzwischen allgemein bekannten kölner Richterspruch die Frage der Beschneidung in den Fokus gekommen. Die Kölner hatten festgestellt, dass die Beschneidung ohne Einverständnis des Beschnittenen eine Körperverletzung ist und entschieden, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit (sowie die Bekenntnisfreiheit) höhere Rechte sind als das Erziehungsrecht der Eltern.
Das ist durchaus logisch. Mit der selben Begründung (minus Bekenntnisfreiheit) gehen die Gerichte auch gegen Kindesmisshandlung vor.
Der Fall könnte so einfach sein: Keine Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes, wenn dies nicht einverstanden ist oder eine medizinische Notwendigkeit vorliegt.

Das Problem hierbei ist: Die Beschneidung von Jungen ist im Judentum innerhalb der ersten acht Tage nach der Geburt vorgeschrieben. Folgerichtig sehen die jüdischen Gemeinden sich nunmehr dadurch bedroht, sich an grundlegende Menschenrechte halten zu müssen (etwas, worin Religionen nie sonderlich gut waren). Die Muslime sind deutlich ruhiger, was vermutlich daran liegt, dass diese problemlos bis zum 14. Geburtstag des Kindes (dann erlangt es Religionsmündigkeit) mit der Schnippelei warten können. Bis auf Cem Özdemirs hanebüchenen Vergleich mit der Taufe, da diese ja nach katholischem Glauben auch nicht rückgängig zu machen sei – ja, lieber Cem, nach dem katholischen Glauben, aber eine Taufe hinterlässt körperlich keine bleibenden Schäden und jeder, der nicht an die Taufe glaubt kann sie kurzerhand ablehnen.

Es ist für mich schwer, das ernsthaft zu diskutieren denn hier ist mein Grundsatz in solchen Fragen: Gleiches Recht für alle, gleiche Pflichten für alle. Dieser Grundsatz ist nicht abhängig von Befindlichkeiten und etwaigen Traditionen auslegbar. Diese können höchstens als mildernde Umstände gelten, wenn eine Straftat begangen wird.
Es gibt Ebenen, auf denen man eine Änderung gesetzlicher Regelungen zu Gunsten einzelner Gruppen diskutieren kann. Die Menschenrechte und insbesondere die Frage der körperlichen Unversehrtheit von Schutzbefohlenen zählen nicht dazu.

Aber, und hier kommen wir zu Cem zurück: Ich bin durchaus auch dafür, die rechtliche Wirksamkeit der Taufe aufzuheben und den Beitritt zur Kirche von der Religionsmündigkeit des Kindes abhängig zu machen. Dann kann es sich auch aus freier, eigener Entscheidung für eine der Schniedelwutz-Beschnippel-Religionen entscheiden, denn mit seinem [i]eigenen[/i] Körper kann jeder machen, was er will (hier verläuft übrigen auch meine Konfliktlinie mit der Verschärfung des Nichtraucherschutzes, die ich als zu sehr in individuelle Freiheitsrechte eingreifend ablehne).
Wir können nicht anfangen, diese Grundsätze aufzugeben nur weil irgendeine alte Religion ihre barbarischen Bräuche über die Menschenrechte stellen zu können meint. Eines davon ist die Beknntnisfreiheit – aber die Bekenntnisfreiheit umfasst nicht das Recht, die anderen Menschenrechte nach Belieben zu brechen.

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Rede zum Burkaverbotsantrag der CDU, 10.11.2010

Für die Ratssitzung vom 10. November 2010 stellte die CDU einen Antrag zu einer Art kommunalem Burkaverbot gestellt. Konkret sollte geprüft werden, ob die Stadt über ihr Hausrecht das Tragen einer Vollverschleierung „aus religiösen und anderen Gründen“ beim Betreten öffentlicher Gebäude untersagen kann – wenn ja, solle so verfahren werden.
Auch die NVV (die Stadtwerke in Mönchengladbach sowie angrenzenden Kleinstädten) wäre über den Antrag aufgefordert gewesen, in ihren Bussen udn Schwimmbädern entsprechend zu handeln. Hier nun meine im Rat vorgetragene Reaktion auf diesen Antrag. Weiterlesen »