CD, WZ und die Sache mit der freien Presse

Ich wollte eigentlich nichts über den neuen düsseldorfer AStA-Vorstand schreiben. Hauptsächlich, weil mir nix positives einfällt und weil ich die Jungs auch nicht so früh schlecht machen wollte. Das erschien mir einfach unfair (unfehr ;-) ).
Doch es gibt da ein Thema, welches durchaus Aufmerksamkeit verdient und auch den alten AStA, zu dem ich gehörte, betrifft. Die Sache mit der freien Presse.

Doch ganz an den Anfang:
Es begab sich kurz vor dem Uni-Wahlkampf 2008 in der philosophischen Fakultät, irgendwo im Bereich des psychologischen Instituts.
Ein Treffen war anberaumt, auf dem sich die linken Oppositionslisten (Grüne, Fachschaftenliste, Marxistischer Studentenbund, Piraten) auf Einladung der Fachschaftenliste auf gemeinsame Ziele einigten: Der Sturz des als korrupt und undemokratisch wahrgenommenen sozialliberalen AStA, der damals regierte war der wichtigste Punkt – gleich an zweiter Stelle folgte die Einrichtung einer unabhängigen Studierendenpresse.
Die Presse der Studierenden, das war und ist die Campus Delicti. Diese hatte sich über die Jahre einen Ruf als Propagandablättchen des AStA „erarbeitet“ und eben das wollten wir beenden. Wie, darüber gab es eine lange Diskussion; am Ende kamen wir doch nur überein, irgendwie eine freie Presse herzustellen und dies durch eine Reform in der CD zu erreichen.
Es kam die Wahl, es kam der Sieg und die neue orange-grüne Koalition nahm die CD in ihre übliche Referentenpolitik auf: Referentenstellen wurden nicht mehr von den Listen mit ihren Leuten besetzt, sondern ausgeschrieben und an die kompetentesten Bewerber vergeben. So kamen zahlreiche Leute ohne Listenbindung in die Redaktion, eine Unabhängigkeit bei gleichzeitig engem Kontakt zum AStA war gegeben.
Unabhängig genug, um uns auch einmal unangenehm zu werden, so als die Kürzung der Babybeihilfe (lange Geschichte von vor meiner eigenen Zeit) es zum Titelthema brachte. Aber das war auch ein klares Signal: Die Campus Delicti war unabhängig und immer wieder auch unparteiisch und gar unangenehm. Nach den Maßstäben einer Demokratie ein (leider nur selten realisierter) Traum – eine Presse, die als Kontrollgremium der Politik fungiert.

Etwa mit der Ablösung von Stefan Finger, Burçak Atsu und Sabine Fischer (aus unterschiedlichen Gründen, die hier keine Rolle spielen) durch Hannah Schade, André Moser, Abdelilah el Hamdani und mich selbst geschah dann etwas seltsames.
Unsere Darstellung in der Westdeutschen Zeitung wurde zunehmend schlechter bis feindlich. Da wurde ein Zitat so lange entstellt, bis André als arrogantes, studentenfeindliches Arschloch rüberkam und bei Dennis Heckendorf wurde süffisant die niedrige Zahl der Direktwahlstimmen angegeben. Noch am Tage der Wahl des neuen AStA-Vorstandes wurde diesem ebendies vorgeworfen – ohne auch nur einen Hauch von journalistischer Neutralität zu versuchen mit der aufmerksamkeitsheischenden Überschrift „Der Asta kümmert sich nur um sich selbst„.
Immer wieder dabei als Verfasserin: Sema Kouschkerian.

Ich muss zugeben, ich dachte zuerst, Andrés Pressearbeit wäre tatsächlich so schlecht, denn während die WZ, die ihn als Kontakt hatte, so negativ berichtete standen wir in der von Hannah Schade und mir kontaktierten Rheinischen Post hervorragend da.
Doch dann fiel auf: Es war immer der Name Sema Kouschkerian unter den Artikeln. Und noch etwas fiel auf: Bei ernsthaften Fragen über die Studierenden und ihre Situation kamen nicht etwa Vertreter des aktuellen AStA zu Wort – sondern der ehemalige Vorsitzende Phillip Tracer von der Juso-Hochschulgruppe. Der durfte sich gar in einem Streitgespräch mit dem zuständigen Minister Andeas Pinkwart präsentieren (ausnahmsweise mal nicht unter Kouschkerians Namen) – den damals aktuellen AStA hatte man gar nicht erst gefragt.
Und als Sahnehäubchen-Abschluss gab es sofort nach der Wahl von Andreas Jentsch (Juso HSG) ein ausführliches Interview mit diesem in der WZ – mit folgender erster Frage:

Herr Jentsch, vom Asta hat man im vergangenen Jahr nur wenig gehört. Sind Studentenvertreter überflüssig geworden?

Für die Leser der WZ stimmt das sogar. Eine interessante Strategie – totschweigen und dann konstatieren, man höre nicht viel vom Totgeschwiegenen.
Eine persönliche Einschätzung: Wenn es einen gibt, der die Präsenz des AStA nicht erhöhen wird, dann ist es die profillose Schlaftablette Jentsch. Ich bitte die, die von mir neutralen Journalismus erwarten, um Entschuldigung – das musste einfach raus.

Leser der RP unterdessen erhielten ein weniger tendenziöses Bild vom AStA – und hier wurde auch der AStA zu öffentlichen Veranstaltungen eingeladen – und zwar der aktuelle.
Die Präsenz dort war etwa genauso hoch wie in der WZ – aber weitaus positiver ohne tendenziös zu werden.
Die WZ gegen einen, die RP für einen – für einen AStA, vor allem einen linken, verkehrte Welt.

Nun endete die Geschichte mit einem Zirkelschluss: Der neue AStA hatte es enorm eilig, die alte Campus-Delicti-Redaktion rauszuschmeissen und mit neuen Leuten aus den eigenen Reihen zu besetzen. Es wäre vor Semesterende nur noch eine Ausgabe erschienen – aber schon vor dieser war die alte Redaktion entlassen – und gleich auch noch als tendenzjournalisten diskreditiert (Lacher des Semesters).
Eine Stelle wurde sogar per Ausschreibung gesucht, wobei das das erste Mal gewesen sein dürfte, dass ich einen dermaßen politisch eingefärbten, slebstbeweihräuchernden Text in einer öffentlichen Ausschreibung gesehen habe.

Ich bin gespannt, wie’s in Düsseldorf weitergeht, erwarte aber nichts gutes.


Print – Rückkehr in die Fremde

Mein Ausstieg aus der Welt der alten Medien ist inzwischen fast ein Jahr her. Inzwischen besitze ich gar keinen Fernseher und kein Radio mehr.

Zurückgekehrt sind aber die Zeitungen. Und es ist eine seltsame Rückkehr.
Offenbar wird von einem politisch aktiven Menschen, vor allem in einer Partei und vor allem von einem Kandidaten für ein Amt (wie bei mir für den Gladbacher Stadtrat) erwartet, sich regelmäßig dem Printjournalismus zu widmen – die Frage, welche Zeitung ich lese kam öfters, meine übliche Antwort war „keine“, sehr zur Verwunderung meiner Parteigenossen. Man müsse doch eine zeitung lesen, wie sei man sonst informiert, so die Rückantwort.
Dabei sollten grade die Grünen auf John Yemma hören, wenn er sagt: „Printjournalismus macht einfach keinen Sinn: Da werden Bäume gefällt, fässerweise Farbe durchs Land gefahren, Zeitungen gedruckt, die tags darauf im Altpapier landen.“ Baumvernichtung, CO2-Ausstoß und Müllproblem ohne wirklichen Zwang dazu – und kosten tut der Spass auch noch (kostenlose Tageszeitungen wie in san Francisco scheint es in Deutschland nicht zu geben).

Nun denn, meine Wahl fiel auf die Westdeutsche Zeitung (WZ) – die hat (anders als die taz) einen Lokalteil und ist vergleichsweise günstig (85 bis 95 Cent, je nachdem ob ich grade die gladbacher oder düsseldorfer Ausgabe erwische). Vor allem erstreckt sich der Lokalteil auch auf die Nachbarstädte, was gegen den Zwang wirkt, diese mit Belanglosigkeiten zu füllen.
Die politische Ausrichtung ist dezent sozialdemokratisch – nicht ideal, aber okay. Dass das Verhältnis zwischen dieser Zeitung und dem AStA in Düsseldorf eher zerrüttet ist (erster Artikel einen Tag nach unserer Ernennung zum Vorstand: „Der AStA beschäftigt sich nur mit sich selber“ – na herzlichen Dank) spielt dabei eine eher geringe Rolle.
Dass die WZ vergleichsweise dünn ist, ist durchaus von Vorteil – im Gegensatz etwa zur Rheinischen Post (RP) kann man sie auf der täglichen Fahrt MG-Düsseldorf hin und zurück gemütlich durchlesen (dafür mag die RP den aktuellen düsseldorfer AStA mehr – tja…) ohne größere Teile auszulassen.

So steigert sich der Leseschnitt: Immerhin lese ich jetzt gut 10% komplett – und weitere 10% gar nicht. Zuvor las ich bis zu 80% gar nicht.
Grund für das Nichtlesen war bei der RP zunehmendes Desinteresse, bei der Wz ist es das Treffen von Freunden und Bekannten im Zug. Insgesamt also angenehmer.
Und dennoch – mit tagesaktuellen Lokalseiten wie der Bürgerzeitung MG, großen Nischenseiten wie Telepolis und der grundsätzlichen Schnelligkeit des Internet bei Themen überregionaler Bedeutung erscheinen diese Papierstapel überflüssig. Ihre Informationen sind grundsätzlich mehrere Stunden veraltet, weil Zeit für den Druck draufgeht. Wer behauptet, Zeitungen seien besser recherchiert verkennt entweder den Aktualitätsdruck der Zeitungen oder die Qualität der Netzschreiber.
Essays und Dossiers gibt es zu selten und wenn, sind sie oft zu kurz um wirklich interessant zu sein – das Essayformat funktioniert besser mit praktisch unbegrenztem Raum und Verlinkungen, welche die Informationen und Meinungen vertiefen und verknüpfen.
Hinzu kommt noch das poitische und gesellschaftliche Engagement – bei Ereignissen und Veranstaltungen dabei zu sein und später in der Zeitung darüber zu lesen – der Vergleich ist fast immer desillusionierend. Reduzierte Darstellungen und die Sprache von menschen, die seit Jahren nur noch PR-blabla ertragen und davon geistig langsam infiziert werden, beherrschen das Bild.

Etwas anders ist das bei den Wochenmagazinen. Von diesen habe ich mir die Zeit empfehlen lassen.
Recherchiert, jenseits der erdrückenden Tagesaktualität – und erfüllt von einem Geist der Pseudointellektualität und des Kulturkampfes gegen das böse Internet.
Dennoch, immer wieder greifen die Zeitler gute Themen auf – zuletzt in einem Dossier über eine Wirtschaft ohne Wachstum. Aber die Darstellungen bleiben oberflächlich, letztlich inhaltslos und fallen in die Kategorie „schön, mal drüber gesprochen zu haben“.
Seine Energie verschwendet man unterdessen in Abwehrgefechten gegen das Internet und die digitale Welt, die fast durchgehend aus Unverständnis und Zukunftsangst gespeist sind, die das alte deutsche Makel fortführen, intellektuell und intelligent, unverständlich und komplex zu verwechseln.
Alles in allem ist die Zeit zum Lesen uninteressant, zum Überfliegen aber ein hervorragendes Blatt – mehr als ein Blatt bräuchte es aber oft auch nicht für den tatsächlich interessanten Inhalt einer Ausgabe dieser Zeitschrift.

Bleibt zu guter Letzt eine einzige Frage: Warum tue ich mir den Unfug eigentlich an? Nur, weil alle meinen, man müsste?
Und kann die Zeitung im Zeitalter des Internet überhaupt mehr sein als ein Pendant zur Krawatte – ein nutzloses Statussymbol für Wichtigtuer, welches seine Wichtigkeit allein durch die wiederholte Behauptung dieser Wichtigkeit erhält?


Dr. Wilhelm Nachglos

Blablabla etc. pp. von GuttenbergJupp, da isser wieder, der Nachglos.

Diesmal mit einem Nachkommentar: All ihr beschissenen besserwisserischen pseudoempörten neunmalklugen Klugscheisser!
Hört bitte auf, so zu tun, als hättet ihr es besser gewusst. Wenn es nicht inzwischen ein Geständnis beim Bildblog und eine Korrektur bei der Wikipedia gegeben hätte, stünde jetzt bei euch nämlich auch überall Wilhelm (zumindest, wenn ihr überhaupt berichtet hättet).

Steckt euch eure selbstgerecht-heuchlerische Besserwisserei also bitte sonstwohin. (Seht ihr, ich hab sogar ganz lieb „Bitte“ gesagt).
Ich ergänze indes meine alte Namensgebung der Herrn Dr. Nachglos um „Wilhelm“. Weil ich nicht so tun muss, als wären solche Lappalien der Untergang des Abendlandes.

Bildquelle: Wikipedia