Sieben am Sonntag 17.09.2017

Sieben Dinge der Woche, ausgewählt zum Ende der Woche. Eine Chronik des alltäglichen Wahnsinns, der Erfreulichkeiten, Merkwürdigkeiten und sonstigen -keiten, der Fundstücke und Dings. Jeden Sonntag, mehr oder weniger.

Musik der Woche


Meine Facebookfreunde wissen, warum, alle anderen: Dancing Queen!
Dank Vera Anders.

Fahrrad der Woche

Fahrrad mit auf dem Kopf stehender Fahrerin und Pedalen oben

pɐɹɹɥɐɟ

Ich habe keine Ahnung, wo dieses Bild herkommt. Die BIldsuche findet es nicht und bei Pinterest liegt kein Link dahinter. Aber es kann kein Zweifel bestehen, dass dieses Fahrrad in diese Liste gehört. So lange ich es nicht fahren muss.
Soviel zu meiner Behauptung: „Wenn es Pedale hat, kann ich es fahren!“

Abschied der Woche


Henryk M. Broder verzieht sich also hinter eine Bezahlschranke. Ich werde ihm keine Träne nachweinen.
Die Sache mit Broder ist, dass mir immer noch nicht klar ist, ob ernun ein Arschloch, ein Trottel oder ein begnadeter Satiriker ist. Doch mit zunehmend verstreichender Zeit und wachsendem Erfahrungsschatz frage ich mich ohnehin, ob letzteres ein Kompliment wäre. Denn während Satire bei gebildetem Publikum ein mächtiges Instrument ist, schreibt Broder in der Welt, die ausser im Kontrast zu den anderen Springer-Blättchen nicht eben als Akademikerzeitung gelten kann.
Und diese Leute nehmen ihn ganz einfach ernst. Und das ist gefährlich. Deshalb ist es goldrichtig, Broders Publikum deutlich zu verengen. Wer für Texte zu zahlen bereit ist hat immerhin eine höhere Wahrscheinlichkeit genügend Textverständnis zu haben, um Broders Überspitzungen als eben solche identifizieren zu können.

Karikatur der Woche

lahlali-cause-effectDas ist eine karikatur mit dem Titel Cause & Effect (Ursache und Wirkung) des Karikaturisten Naoufal Lahlali aus dem Dezember 2016. Klarer kann man das wohl kaum noch ausdrücken. Original hier.

Sicherheitsmaßnahme der Woche

Dackelsperre

Dackelsperre


Noch so ein Bild, dessen Quelle ich partout nicht finden kann, aber das ist einfach eine extrem praktische Erfindung. Oder etwa nicht?

Urteil der Woche

Das EuGH hat momentan mit einer recht spektakulären Frage zu tun: Ist eine Scheidung nach Sharia-Recht in Deutschland (und da es das EuGH ist, in Europa) rechtsgültig? Nach Darstellung der ARD ist sie das nicht.
Das allerdings wäre spektakulär. Denn wenn eine Scheidung in einem anderen Land nach islamischem Recht in Deutschland nichtig ist, müsste das selbe dann nicht auch für eine Hochzeit gelten? Immerhin sind kirchliche Hochzeiten in Deutschland nicht rechtsgültig und dennoch werden sie akzeptiert, wenn sie in einem Land vollzogen wurden, in dem dies anders ist (beispielsweise die berühmten Blitzhochzeiten in Las Vegas).

Endlich verteidige auch ich mal Donald Drumpf

Endlich verteidige auch ich mal Donald Drumpf

Das ist keine einfache Entscheidung über die Gültigkeit der Scharia, das ist ein richtig großes zivilrechtliches und gar verfassungstheoretisches Fass, was da aufgemacht wird.

Spiel der Woche

Das da links ist Defend Your Trump, ein kleines Onlinespiel, in dem es darum geht, Trumps Geld vor diversen Einbrechenr und stehlenden Roboterklauen zu schützen. Unten steht ein stark idealisierter Donald Trump (vor seiner Präsidentschaft) samt einer Billion Dollar in praktischen Säcken, von oben kommen die Bösewichte und versuchen, ihm sein Vermögen Sack für Sack wegzunehmen. Der Spieler kontrolliert eine Dampframme, mit der die Schurken im wahrsten Sinne des Wortes plattgemacht werden können.
Als kleines Manko scheint der letzte Endgegner nicht besiegbar zu sein. Auf jeden Fall eine interessante Idee für ein Spiel, das trotz Promibezug mehr ist, als nur ein einfacher Klon bekannter Konzepte.
Defend Your Trump ist auf diversen Online-Spieleseiten spielbar, zum Beispiel bei Newgrounds. Es ist allerdings noch ein Flash-Spiel, was bei manchen modernen Browsern erst noch aktiviert werden muss.


In dunklen Tagen

Achso, ISIS=Islam.
Deshalb sind die im Krieg mit den anderen Muslimen.
Deswegen sind Millionen Muslime auf der Flucht aus den von ISIS kontrollierten Gebieten.
Deshalb gab es vorgestern ein Attentat auf Beirut.
Das ist alles soooo logisch!

Rassistische Dummschwätzer!

Terrorist sein ist keine Religion, Terrorist sein ist eine Geisteskrankheit. Religion erleichtert lediglich den Überträgern die Infektion und ja, manche Religion ist anfälliger als andere. Man muss sie dafür kritisieren, aber man muss doch auch immer diesen wichtigen Unterschied im Auge behalten. Wer ihn vergisst, droht seinerseits, sich anzustecken.

Dass solche Dinge ausdrücklich gesagt werden müssen, das sind die Folgen des Terrorismus vor denen ich mehr Angst habe, als ich vor dem Terrorismus jemals haben können werde. Die Ausbreitung von Rassismus, die Spaltung der Gesellschaft, der Eintritt in eine sich beständig gegenseitig befeuernde Rückkopplung aus Angst, Gewalt und Unterdrückung.

Mag sich mancher über die Bezeichnung als „rassistischer Dummschwätzer“ beschweren, ich halte nichts anderes als diesen Anwurf für angebracht. In schweren Zeiten ist nichts wichtiger als Klarheit.
Dies sind dunkle Tage. Wie dunkel wir sie werden lassen, dafür sind allerdings wir selbst verantwortlich. Und dafür ist notwendig klar zu benennen, in welcher Gestalt uns das Dunkel heimsucht.

Nous sommes unis. Nous sommes forts. Nous sommes la lumière face à la marée des ténèbres.


Neues eBook „Unter Wittgensteins Löwen“ – und ein Fisch

Und dabei bin ich doch Steinbock

Unter Wittgensteins Löwen ist fertig, das Buch über mein Verhältnis zur Religion als Nichtgläubiger. Es enthält den wichtigsten Fisch meines Lebens (siehe links), einen frechener Vogel in der eickener Fußgängerzone und natürlich Löwen. Ausserdem Anita Sarkeesian, Immanuel Kant und ein bisschen auch Ludwig Wittgenstein. Karlheinz Deschner in einem Nebensatz. Das nenn ich mal ein Crossover!
Daneben war es auch mein erster Gehversuch mit Neobooks und sagen wir mal so: Ich werde in Zukunft noch andere Optionen ausprobieren, eBooks bei den Tolino-Händlern ins Programm zu bringen.
Doch eins nach dem anderen.

Buchlinks
Beginnen wir mit dem Kommerz für alle, die diesen aller Voraussicht nach ziemlich langen Beitrag nicht komplett durchlesen wollen. Unter Wittgensteins Löwen ist ab sofort erhältlich bei Amazon (Kindle) und Neobooks (ePub, PDF), weitere Händler folgen in den nächsten Tagen über Neobooks‘ Netzwerk, darunter auch die Tolino-Händler. Preis: 2,99 €. Eine Papierversion folgt im Oktober.

Von Facebook zum eBook
Dieses Buch geht auf Diskussionen um das Thema Religion und Glauben zurück, die im Juni/Juli dieses Jahres an mehreren Stellen und angeregt durch verschiedene Beiträge auf Facebook statt fanden. Es ist schwierig, alte Facebook-Einträge wiederzufinden, deshalb versuche ich es erst gar nicht; das ist einer der Gründe, warum ich Facebook nicht als Blog-Plattform nutze. Den damaligen Mitdiskutanten von der „Gegenseite“ habe ich im Buch eine Danksagung zukommen lassen: Wilbert Schiffeler, Martin Püschel, Peter Beckers.
Manch einer mag sich an meinen damaligen Blogbeitrag zum Thema erinnern, in dem erstmals der Bezug zu Wittgensteins Zitat aufschien, das mir damals schon für meine Verwirrung der Religion gegenüber so perfekt erschien: Leben mit Wittgensteins Löwen oder: Religion und ich

Wenn der Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen
– Ludwig Wittgenstein

Vieles blieb damals offen, weil es nicht zum Kernthema des Beitrages gehörte oder weil ich einige Dinge nicht kannte – etwa eine reihe von nicht-personellen Gottesvorstellungen oder auch den christlichen Atheismus. Das Buch füllt viele dieser Lücken und geht in deutlich fundamentalere Kritik der Prämissen hinter religiösen Vorstellungen und Argumenten gegen den Unglauben oder Atheismus. Das hat natürlich auch zu neuer Beschäftigung mit dem Thema geführt. Und damit nicht eben zu einer Besänftigung meiner Empfindungen der Religion gegenüber.
Meine Grundauffassung ist, dass jeder Mensch jede Freiheit genießen soll, die nicht die Freiheit anderer Menschen übermäßig einschränkt. Die unmittelbare Folgerung daraus wäre Ignostizismus oder Apatheismus, Positionen, die daraus bestehen, die Religionen einfach zu ignorieren und sich nicht weiter mit ihnen zu beschäftigen. Sollen die Gläubigen doch glauben, was sie wollen, was geht das mich an. Doch diese Position ist zum Ende durchdacht nicht haltbar, wenn sie nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Der damalige Schluss, dass Neutralität in der Frage der Religion kein gangbarer Weg sei, so lange sich die Religiösen ständig in die Belange der Gesamtbevölkerung einschließlich ihrer anders- und nichtreligiösen Mitglieder einmischen, hat sich in der Zwischenzeit nur noch bestärkt.
In anderen Kontexten bringt man das auf die Formel „Keine Toleranz der Intoleranz“.
Es gibt dabei ein paar Kollateralschäden, die sich erst in längerer Form herausarbeiten lassen. Die Idee von den Lehren der Geschichte erhält in einem Kapitel zu den Verdiensten (und Untaten) im Namen des Christentums Schlagseite. Dem Begriff der Seele ergeht es noch deutlich schlechter. Und die Unterteilung in gute Gläubige und böse Extremisten wird auch gut durchgegrillt.
Dabei ist es eigentlich ein relativ dünnes Buch, problemlos an einem Nachmittag durchlesbar. Ich mag es halt nicht, Themen ohne triftigen Grund ewig in die Länge zu ziehen. Einige Themen erschienen mir auch nicht wichtig genug, ihnen ein Kapitel zu widmen, etwa das Argument, am Christentum müsse doch etwas dran sein, wenn es so viele Anhänger hat. Ja klar, und Justin Bieber muss einer der größten Musiker der Welt sein, seht nur seine Follower-Zahlen! Wenn die Fragen oft genug kommen, gibt es vielleicht eine Fortsetzung oder erweiterte Neuauflage.

Der wichtigste Fisch meines Lebens
Das Buch enthält — abgesehen vom Titelbild — genau eine Abbildung, den ganz oben in diesem Beitrag gezeigten Quastenflosser. Ich habe ihn in den letzten Tagen und auch im Buch als den wichtigsten Fisch meines Lebens bezeichnet. Und nun zur Geschichte hinter diesem Fisch, die sich natürlich auch im Buch findet, gleich im ersten Kapitel nach dem Vorwort.
Es begab sich einst, dass ich ein Kindergartenkind war. Das war Ende der 80er, wenn mich nicht alles täuscht 1986–1988. Dort fand ich neben vielen anderen Dingen eine Art von Spielzeug, die etwas mir völlig fremdes und faszinierendes zeigte: Eine Serie von Stempeln mit Tieren der Urzeit. Sie beruhte auf den immer wieder aufgelegten Bildern von Zdeněk Burian und hatte bei der Umsetzung in die einfarbige Welt der Kinderstempel wenig von deren eindrucksvoller Wirkung verloren.
Der Eusthenopteron war es, der mir davon am stärksten in Erinnerung geblieben ist und so wurde er der Quell meiner lebenslangen Faszination für das Leben der Urzeit, für die sich ständig verändernde Welt und für die unerforschte Umwelt ausserhalb des Lebensbereichs der Menschheit. Es weitete sich bald aus zu einer Faszination für exotische Tiere an sich und bald auch zurück auf heimische Tiere — mein Weg zum Interesse am damals aufblühenden Thema Umweltschutz war geebnet.
Und eben über die Evolution auch jener in den Atheismus. Der Fisch passte nicht zu dem, was die Lehrer mir später in Reli erzählen wollten. Eusthenopteron sowie meine zu diesem Zeitpunkt bereits vorhandenes Wissen, dass Märchen und Fernsehsendungen nur erfundene Geschichten waren, ließen mich die Geschichten der Christen sofort in die selbe Welt der Märchen und Legenden einordnen. Ich kannte Eusthenopteron, ich hatte von einigen anderen Wesen der Urzeit wie dem Neandertaler sogar Knochen gesehen (damals noch im wunderbar provinziellen Fuhlrott-Museum in einem Fachwerkhaus im Wald). Vom Christentum dagegen war ich bis zu meiner Schulzeit weitgehend unbeleckt.

Mein erstes eBook über die Evolution hatte selbstverständlich Quastenflosser

Auch wenn der Fisch meinen Atheismus sicher nicht allein verursacht hat, er markiert doch einen wichtigen Punkt in dieser Entwicklung. Es war eine nicht so abwegige Entwicklung, die Welt als ständigem Wandel unterworfen und eben nicht fertig geschaffen zu betrachten, wenn die Welt sich doch in genau dieser Zeit völlig veränderte. Erst verschwand die DDR, dann die Schallplatte, dann die Schreibmaschine und viele Kleinigkeiten. 1993 kam Jurassic Park auf einer nie dagewesenen Welle popkultureller Präsenz für die Dinosaurier, die sich bereits Ende der 80er aufzubauen begonnen hatte und die mich mit voller Breitseite traf. Eine Welle mit Fischbestand.
Und ich habe ihn noch. Ich weiss nicht mehr, ob mein Fisch der aus dem Kindergarten war oder ob ich ihn später kaufte. Einige dieser Stempel hatte ich gekauft, bei Spielwaren Gerads am Harmonieplatz in Rheydt, ich glaube, sie hatten damals eine DMark gekostet. Auf jeden Fall wusste ich beim Schreiben des Buches noch, dass ich ihn in irgendeine Kiste voller Spielzeugdinosaurier gepackt hatte.
Also habe ich für dieses Buch die alten Spielzeugkisten hervorgekramt, mich durch Schichten von Dinosauriern (und gelegentlich mal einem Matchbox-Auto und jeder Menge Lego) gegraben und mir dabei nur deshalb keine Staublunge eingefangen, weil der Staub so dick war, dass er sich nicht mehr ohne Absicht aufwirbeln ließ. In der vorletzten Kiste fand ich sie dann, fünf Stempel: Brontosaurus, Pteranodon, Eryops, Irischer Elch und eben Eusthenopteron.
Dieses Buch war in meinen Augen nicht komplett ohne meinen Fisch. Und so borgte ich mir im Grünen Büro ein Stempelkissen (mein eigenes war knochentrocken), stempelte Eusthenopterons auf ein Blatt Papier, kämpfte mit einem vor Jahren aus dem Schrott gezogenen halb defekten Scanner, den ich noch nie installiert geschweige denn verwendet hatte (sonst hätte ich gewusst, dass er halb defekt war).
Ich schnitt den besten Abdruck aus, konvertierte das ursprünglich blaue Bild in schwarz-weiss, um es auch in der Papierausgabe ohne zusätzliche Kosten nutzen zu können und setzte ihn als finales Stückchen in den Code der Buchdatei ein.

Neobooks
Und nun zu etwas völlig anderem: Erneut habe ich mit einem eBook ein Experiment gewagt, dieses Mal war es der Versuch, das eBook auf dem deutschen Markt auch als ePub herauszubringen. ePub ist das Format, das die meisten eBook-Reader lesen können, auf denen nicht „Kindle“ steht. Dafür entschied ich mich wegen der guten Konditionen und des großen Vertriebsnetzes für Neobooks.
Ich muss sagen, ich bin nicht begeistert. Neobooks nimmt keine fertigen ePub-Dateien, sondern verlangt explizit eine DOC- oder DOCX-Datei, also Word. Das allein wäre nur leicht lästig, leider akzeptiert Neobooks aber allem Anschein nach auch keine Word-Dateien, die von LibreOffice erzeugt wurden, wenigstens keine halbwegs komplexen. Ärger, den man sich hätte sparen, wenn man eben einfach fertige ePubs einschicken könnte.
Also musste der Online-Editor die Arbeit übernehmen. Glücklicherweise war das Buch schon geschrieben, doch was war das — ich kann bei Neobooks nur in Kapiteln schreiben? Alles, was vor dem Inhaltsverzeichnis kommt, ließ sich nicht eigenständig erstellen? Und auch nur mit eingeschränkten Layout-Fähigkeiten, zum Beispiel ohne die Möglichkeit eines Seitenumbruchs innerhalb eines Kapitels, wie er in meinen Meilensteinen der Evolution ständig und in Unter Wittgensteins Löwen immerhin noch ein Mal vorkommt?
Hrmph.
Am Ende bastelte ich eine gut lesbare ePub-Version zusammen, die ich guten Gewissens so verkaufen kann, aber dennoch muss ich sagen: Die Kindle-Version ist in der Gestaltung deutlich besser und wer die Wahl, dem empfehle ich diese, der Preis ist ja mit 2,99 € identisch.
Neobooks nehme ich nicht wieder und werde statt dessen für die ePub-Ausgaben der Meilensteine der Evolution Xinxii ausprobieren.

Und was kommt jetzt?
Ich habe noch mein eBooks für die 8-Hour-Fiction-Challenge September 2014 fertigzustellen und werde somit übers Wochenende ins Englische wechseln, wo die Kurzgeschichte Khamel in einem Fantasy-Gegenstück zu Mönchengladbach namens Calmrill/Kalmrill wartet. Die Geschichte werde ich später mit Sicherheit auch noch ins Deutsche übersetzen.
Danach folgt Zackigen Zahnes und nach dessen Fertigstellung Anfang Oktober werde ich mich um die ePub-Versionen der bisherigen Bände der Meilensteine sowie um die Papierversion von Wittgensteins Löwen kümmern. Ob die Meilensteine dann auch Papierversionen erhalten, überlege ich noch, Versionen mit farbigen Illustrationen sind aber im Moment im Selbstverlag auf jeden Fall noch zu teuer.


Leben mit Wittgensteins Löwen oder: Religion und ich

Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit wieder häufiger mit dem Thema Religion konfrontiert zu werden. Dafür gibt es diverse Gründe, wobei in meinem Fall aufgrund meiner politischen Verheimatung die überaus unglückliche Wahl der stark missionarisch auftretenden Katrin Göring-Eckhardt zur Grünen-Spitzenkandidatin ein besonders konstanter und besonders lästiger Umstand ist, da es schwer ist, ihren für mich persönlich beleidigenden Aussagen zu entgehen. Später im Text mehr hierzu, vorerst so viel: Ersetzt jedes Mal, wenn G-E vom Glauben bzw Atheismus spricht, diese Begriffe durch Hetero- bzw. Homosexualität und vielleicht wird euch klar, wie ihre Aussagen für mich klingen.
Ich bin religiöser Analphabet. Und ich komme zunehmend zu der Erkenntnis, dass dies eine nicht haltbare Position ist. Doch auch dazu später mehr, zunächst einmal zu meiner Geschichte betreffs Religion bis zu diesem Punkt.

Es ist schwierig, die Herkunft des Begriffs „religiöser Analphabet“ nachzuvollziehen, hauptsächlich, weil er immer wieder mit sehr verschiedenen Bedeutungen auftritt. Er scheint aus der Jahrtausendwende zu stammen, aber die Grundidee verkörpert kein Bild so gut wie Ludwig Wittgensteins Löwengleichnis: „Wenn der Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“
Wittgensteins Verhältnis zur Religion war kompliziert und es ist durchaus möglich, dass er diesen Satz (bewusst oder unbewusst) aus der Erfahrung des Lebens als Areligiöser in einer Welt voller religiöser Menschen geboren hat. Dass der Löwe spätestens seit dem Mittelalter als Symbol des Christentums präsent ist, ist hier wohl ein glücklicher Zufall.
Es ist einfach ein so perfektes Bild für das Erleben von Religion durch die Augen und Ohren von Menschen wie mich.

Die einfache Tatsache hier ist jene, dass ich nie religiös geworden bin. Ich wurde evangelisch getauft, weil man das halt so macht. Danach hatte ich keinen Kontakt mehr zu irgendeiner Religion, bis zu meiner Einschulung war da schlichtweg nichts. Und bis dahin war es bereits zu spät. Als ich schließlich in der (katholischen) Grundschule erstmals in nennenswerten Kontakt zum Christentum kam, ordnete ich dieses ohne Zögern in einen mir bekannten Kontext ein: Die Märchen der Gebrüder Grimm.
Nun war das Thema damit nicht abgehakt, hatte ich doch die meiste Zeit in der Schule Religion als Unterrichtsfach. Das Ersatzfach Philosophie erschien mir genauso unsinnig und so kam ich nie auf die Idee, nicht in Religion zu gehen. Ich wurde recht gut im Zweifeln und im Hinterfragen religiöser Inhalte, was meinen Lehrern gefiel und Reli zu dem Fach mit meinen besten Noten zu machen (gefolgt und in einigen Jahren übertroffen nur von Bio).
Ich ordnete mich als Atheist ein, sobald ich das Wort erlernte, ließ die Konfirmation über mich ergehen, wieder weil sich das so gehörte (und die Geldgeschenke üppig waren) und trat schließlich beim Amtsgericht aus der Kirche aus, bevor ich auch nur meinen ersten Pfennig verdient hatte. Bis dahin war Religion als Unterrichtsfach präsent, aber nie als Überzeugung oder Vorstellung irgendeiner Art. Es blieb mir fremd, wie irgendjemand in religiösen Texten irgendetwas anderes als Märchen sehen konnte und mit zunehmendem Alter wurde es mir noch fremder, wie selbst Erwachsene an dieser komischen Idee festhielten, es gäbe so etwas wie einen Gott. Ein Gott zudem, der mir zunehmend überflüssig erschien, ohne Platz im real existierenden Universum, wie es die Wissenschaftler ergründeten und wie wir es jeden Tag um uns herum sehen konnten. Mein Bild von Gott wurde zu einer anderen Formulierung von „Keine Ahnung“, er saß überall dort, wohin die Wissenschaft noch nicht vorgedrungen war, nicht weiter als ein lückenbüßerisches Phantom.

Ich versuchte zu verstehen, warum Gläubige an diesen Gott glaubten, doch alle Erklärungen, die ich bekam, drehten sich entweder im Kreis, blieben oberflächliches Geschwafel oder im besten Fall noch irgendwelche persönlichen Gefühlserlebnisse, die ich nicht nachvollziehen konnte („Ich spüre Gottes Dasein tief in mir“ und ähnliche Nullaussagen). Ich nahm am (nicht mehr existenten) Religionsforum teil und am Freigeisterhaus, wurde in beiden Moderator und versuchte, die Denkwelt der religiösen Mitglieder zu verstehen. Ich scheiterte vollständig und begriff irgendwann, dass dies eine fremde Welt ist, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
Auf die Identifikation als Atheist folgte mit Erlernen der jeweiligen Begriffe jene als Agnostiker, dann Ignostiker und schließlich das heutige Bekenntnis zum religiösen Analphabeten, einer Person, unfähig zu religiösem Glauben, unfähig auch nur zu verstehen, was das ist und wieso es existiert. Glaube soll die wichtigsten Fragen des Lebens beantworten, allein, ich verstehe schon die Fragen nicht oder was an diesen so wichtig sein soll. Und noch viel weniger verstehe ich, wieso grade diese Antworten die richtigen seien sollen, schließlich sind es nichts weiter als von irgendwem aufgestellte Behauptungen, die genauso gut frei erfunden sein können.

Und das ist dann auch mein heutiges Bild von Religion: Religion ist, wenn jemand etwas erzählt und alle glauben es, weil… ?
Mein Satz endet in der Leere, weil hier mein Unverständnis beginnt. Ich weiss nicht, warum Leute irgendeinen abgefahrenen Scheiss glauben, nur weil jemand mit ausreichend zugebilligter Autorität es als Wahrheit verkündet. Oder weil es in irgendeinem Buch steht. Hier fehlt für mich mindestens eine Begründungsstufe. Warum glauben Menschen irgendeinen Kram, der in irgendeinem alten Buch steht oder von jemandem in einer Kutte vorgetragen wurde? Wer sagt denn, dass das nicht alles frei erfunden ist? Da fehlt etwas.

Und hier ist das Bizarre: Christen haben dieses Problem ebenfalls, nur weichen sie dieser Erkenntnis aus, indem sie Religionen, an die sie nicht glauben (vorzugsweise solche, die sie ausgerottet haben), zu Mythologien degradieren. Sie kaschieren so die Tatsache, dass die Vorstellungen der antiken Pantheons den damaligen Menschen keineswegs Mythen waren, sondern Religionen mit einem ebenso großen Wahrheitsanspruch wie die heutigen. Eine gefährliche Erkenntnis, birgt sie doch die Frage, was genau den heutigen Göttern einen größeren Wahrheitsanspruch verleiht als jenen Göttergeschlechtern unter Zeus, Iupiter, Teutates oder Wodan. Oder als den Heerscharen anderer Götter, die durch die Köpfe der Menschen spuken und spukten.
Wir meinen zu wissen, dass diese Götter unwahr sind, doch was macht sie unwahrer als die heutigen Götter? Oder andersrum: Warum sollte Yahweh weniger fiktiv sein als Tiamat?

Doch die Sache ist auch die, dass es mir lange egal erschien. Sollen die Gläubigen sich damit selbst herumschlagen, ich hatte diesen Fragen endlich den Rücken gekehrt. Allein, sie mir nicht.

Immer und immer wieder versuchen Religiöse, sich in die Lebensgestaltung jener einzumischen, die nicht zu ihrer Religion gehören. Sie nennen das dann Teilhabe an ethischen Diskussionen. Dass die ethischen Positionen einer Religion für den Rest der Menschheit völlig unerheblich sein könnten, auf diese Idee kommen sie erst gar nicht.
Und so kommen wir zu einer Welt, in der in Westdeutschland erst in den 90ern die Illegalität von Homosexualität abgeschafft wurde. In der staatliche Friedhöfe immer noch nach christlichen Vorstellungen gestaltet werden, ob es den „Bewohnern“ passt oder nicht (wozu haben die eigentlich ihre eigenen Friedhöfe, wenn die doch wieder ihre Nasen in fremde Einrichtungen stecken?). In der Menschen, die sterben werden und wollen gegen ihren Willen noch etwas länger gequält werden, da ihnen Sterbehilfe aus religiösen Gründen versagt bleibt, an die sie möglicherweise noch nicht mal glauben. Da erlangt der explizit missionarisch angelegte Religionsunterricht Verfassungsrang, aber ein für das Verständnis der Welt essenzielles Fach wie Mathe seltsamerweise nicht. Da werden bei uns die süßen Sternsinger rumgeschickt, um in Geld zu sammeln, mit denen man in Afrika fremde Religionen und Kulturen verdrängt (denn etwas anderes ist Missionierung nicht) und ganz nebenbei gewaltige Glaubenskriege auslöst. Politiker eiden auf „So wahr mir Gott helfe“, was alle Nicht-Theisten im Publikum nur zu dem Schluss führen kann, dass alles davor gelogen ist, denn das Gott ihm/ihr hilft ist ja aus deren Sicht nicht wahr (interessante Frage für die Juristen hier: Wenn ein Atheist mit dieser Formel endet und dann den Eid bricht, hat er gelogen? Hat er den Eid überhaupt jemals geschworen?). Da gibt es ausführliche Debatten, wie weit Religionen sich denn an Menschenrechte zu halten haben (zuletzt die Beschneidungsdebatte) anstatt dass dies wie bei allen anderen gesellschaftlichen Gruppen als eine dem Rechtsstaat unabdingbare Selbstverständlichkeit gilt.
All dies mit Verweis auf irgendwelche Werte und Normen, die offenbar dermaßen schlecht begründet sind, dass sie nicht argumentiert werden können, sondern per Dekret einer höchstwahrscheinlich fiktiven Autorität verordnet werden müssen.

Es ist offenbar keine gangbare Option, die Religiösen einfach in Frieden zu lassen, denn sie sind nicht in der Lage, diese Rücksichtnahme zu erwidern. Das liegt teilweise im Wesen von Mission als einem Kerninhalt vieler Religionen, aber noch mehr liegt es im Unverständnis.
Wenn Göring-Eckhardt (da isse wieder!) meint, in einem Flugzeug gäbe es keine Atheisten mehr, sobald es in Turbulenzen kommt, so spricht daraus eine vollkommen fehlende Einsicht zu verstehen, dass es auch Menschen gibt, die schlichtweg nicht glauben. In so einem Weltbild sind die diversen Areligiösen Denkweisen nur verkappte Religiöse. Und daraus legitimiert sich dann der Anspruch religiöser Gruppen, sich in Fragen einzumischen, die sie schlichtweg nichts angehen – vor allem Dinge, die allein die Betroffenen etwas angehen sollten, wie Sexualität und Sterbehilfe.
Auch diese unsinnige Begrifflichkeit, vom Glauben abgefallen zu sein, existiert und verschwindet nur langsam. Natürlich können Menschen vom Glauben abfallen, aber nicht jeder Ungläubige hatte jemals etwas, von dem er abfallen konnte.
„Man muss doch an etwas glauben“ ist auch so ein beliebter Satz von Gläubigen gegenüber Ungläubigen, ein perfektes Destillat des Problems: Der Aussage liegt völliges Unverständnis zu Grunde und sie ist im Gegenzug für Ungläubige ebenso unverständlich. Ich meine, was soll dieser Satz überhaupt bedeuten? Es ist für mich als Nicht-Glaubenden ein offensichtlich falscher Satz, der zudem einen Begriff als selbstverständlich voraussetzt, den ich etwa so gut verstehe wie ein geboren Blinder den Begriff „blau“.

Und somit komme ich zu dem Schluss, dass die Idee religiöser Toleranz eine gänzlich utopische ist. Die Vertreter von Kirchen und vergleichbaren Einrichtungen zeigen sich unfähig, sich aus anderer Leute Angelegenheiten rauszuhalten. Toleranz aber basiert auf Gegenseitigkeit.
Toleranz den Religionen gegenüber ist erst dann ein gangbarer Weg, wenn die Religionen selbst gelernt haben, die Grenzen ihrer Zuständigkeit zu erkennen und ihrerseits Toleranz den Anders- und Nichtreligiösen gegenüber zu üben. Bis dahin ist es die Pflicht eines jeden, der gleiche Rechte für alle als Ideal hält, ihnen diese Grenzen aufzuzeigen und sich gegen jegliche Grenzüberschreitung, jede unbotmäßige Einmischung in anderer Leute Leben, aufzustehen und zu protestieren, sich zu wehren.

Dieser Beitrag wird bereits viel zu lang. Viele Fragen müssen hier offen bleiben, etwa ob nicht schon die grundlegende Struktur von Glauben, dieses grundlose Übernehmen von Behauptungen, für die Menschheit schädlich ist und als Relikt einer Zeit umfassender Unmündigkeit überwunden werden muss. Um Glaubensinhalte ging es nur bedingt, aber die spielen offengestanden auch kaum eine Rolle. Ich bin sicher, ich werde irgendwann auf die anderen Themen in diesem Komplex zurückkommen.


Das Mausolibrarium

Die Nicht-Raute von Wickrathberg gibt mir Gelegenheit, mal etwas anzusprechen, was ich schon länger ansprechen und vor allem vorschlagen wollte. Aber zunächst etwas Vorgeschichte, sonst ist dieser Text nicht langweilig genug.

Gräber, ihre Funktion und die Kirche
Auch wenn mir als Atheist (bzw inzwischen eher Ignostiker oder Apatheist) gerne nachgesagt wird, mir sei nichts heilig, so halte ich doch den Letzten Willen und den Respekt davor für einen der wichtigsten Werte der menschlichen Zivilisation und das meine ich durchaus so hoch gehängt, wie ich es hier schreibe. Die Erinnerung an einen Menschen ist alles, was nach seinem Ableben von ihm bleibt und entsprechend sollte diese auch behandelt werden. Verblassen wird sie auch ohne unser Zutun früh genug.
Der Letzte Wille kann natürlich nicht uneingeschränkt gelten, aber so lange er niemanden unzumutbar beeinträchtigt und nicht zu irgendwelchen größeren Problemen führt, ist er zu gewähren. Damit steht er für mich auf einer Stufe mit den Menschenrechten. Das gilt übrigens nicht nur für die Grabgestaltung, sondern auch für andere Teile des Letzten Willens, die Existenz etwa von Pflichtanteilen am Erbe finde ich eine Unverschämtheit, da Entscheidungen über die Verteilung der Erbschaft allein dem Vererbenden zustehen und nur in Ermangelung eines rechtskräftigen Letzten Willens von anderen vorgenommen werden dürfen.
Nun versuchen immer wieder Gruppen, vor allem Religionsgemeinschaften, die Rechte der Toten durch eigene Maßgaben zu beschränken, wofür gerne Begriffe wie Pietät verwendet werden. Pietät ist ursprünglich einer dieser von sich aus inhaltslosen Begriffe, die je nach grade nützlichem Gebrauch mit Inhalt gefüllt werden, ähnlich Begriffen wie Bildung und Kultur (letztere als Kultur im engeren Sinne). Man kann Pietät in der modernen Verwendung aber als den Respekt gegenüber den Toten zusammenfassen.
Nun ist es nicht grade besonders respektvoll den Toten gegenüber, ihnen einfachste Wünsche zu verwehren. Klar kann man jetzt sagen, man kann ja auf einem anderen Friedhof bestattet werden, aber was, wenn jemand in seinem Heimatort beigesetzt werden möchte und dort nur ein konfessioneller Friedhof vorhanden ist?
Auch wenn ich auf Facebook vorgeschlagen habe, alle Friedhöfe städtisch zu machen, um das Problem zu lösen, ist das doch nur eine halbgare Lösung – religiöse Gruppen versuchen schon ewig und durchaus erfolgreich, auch auf die Regeln auf nicht-konfessionellen Friedhöfen Einfluss zu nehmen, zumeist werden sie gar als Experten geladen für wasauchimmer. Der Bevormundung durch die Religionen entkommt man so also nicht, die mischen sich wie so oft nämlich gerne auch in die Angelegenheiten jener ein, deren Angelegenheiten sie schlichtweg nichts angehen.

Das ist also die eine, m.E. naheliegende Forderung, die ich hier aufstellen will: Schmeisst die Religiösen aus den Friedhöfen raus. Sie können die Friedhöfe gerne nutzen und ihre eigenen Gräber gestalten, wie sie wollen, aber sie sollen endlich (wie in so vielen anderen Dingen) lernen, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern und den Rest der Menschheit in Ruhe zu lassen.
Und insbesondere sollen sie endlich lernen, dass man Respekt nicht einfach einfordert. Respekt verdient man sich, die beste Art von Respekt verdient man sich aus Gegenseitigkeit. Bringt den Toten den Respekt entgegen, den ihr von den Hinterbliebenen fordert. Ihr Christen kennt das, ist eine Abwandlung der Goldenen Regel, wir Ungläubige nennen es den Kantschen Imperativ, aber das ist essenziell das selbe.

Die Idee: Das Mausolibrarium
Und hier ist der Grund, aus dem dieser Beitrag nicht in die in diesem Blog vorhandenen Kategorien passte. Und die größere Idee, die ich seit etwa zwei Jahren mit mir heurmtrage, für die es nun einen Anlass gibt.

Meine Prämisse ist die, dass Gräber der Erinnerung an die verstorbenen Personen dienen. Das war historisch nicht immer so, ursprünglich waren sie wohl dazu da, dass herumliegende Leichen keine Raubtiere anlockten, aber bereits seit der Zeit der Neanderthaler sind Gräber aufwendig in Gedenken an die Toten gestaltet und werden mit Grabbeigaben ausgestattet.
Nun ist es aber eine Tatsache, dass Gräber nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, diese Aufgabe zu erfüllen. Was ein Grab vom Toten bewahrt sind bestenfalls Spurenelemente und selbst das nur, wenn das Grab sehr durchdacht und in Kenntnis der beerdigten Person gestaltet wird. Die meisten Friedhofssatzungen machen diese Unpersönlichkeit des Grabes durch all zu enge Vorgaben in der Grabgestaltung nur noch schlimmer, alle Gräber sehen im Grunde gleich aus.
So manchem war das schmerzlich bewusst. Einige, die genug Geld und/oder Macht hatten, taten etwas dagegen.

Man kann nicht sagen, es hätte nicht funktioniert - Bild © 2006 Ricardo Liberato

Ja, ich will auf Mausoleen hinaus. Allerdings nicht ganz so groß und auch nicht ein Mausoleum für jeden, dann hätten wir sehr bald ganze Totenstädte und dafür ist auf der Erde schlichtweg kein Platz.

Die Tatsache ist, wer erinnert werden will, muss der Welt etwas hinterlassen. Nur die wenigsten schaffen das. Und noch weniger schaffen es, in dieser Erinnerung irgendwie eine Mitsprache zu haben. Doch die moderne Welt bietet jedem die Möglichkeit, etwas zu hinterlassen.
Ich spreche von einer Bibliothek der Toten.

Die Idee ist ein Kolumbarium, allerdings mit mehr Individualität für die Verstorbenen als jede andere Art der normalen Bestattung sie bietet. Jeder Verstorbene erhält dort einen Urnenplatz (hinter Panzerglas) und das Recht, ein zu Lebzeiten vorbereitetes Totenbuch präsentieren zu dürfen (oder auch mehrere). Wie viel Platz er dazu hat, hängt davon ab, wie die Möbel gebaut werden, sprich wie viele Urnen auf wie viel Regalfläche entfallen.
Der Zugang ist öffentlich, Bücher können bei Beschädigung durch eine hauseigene Druckerei aus digitalen Vorlagen ersetzt werden. Was in den Büchern steht, ist allein Sache der Verfasser. Beleidigendes, nicht jugendfreies oder sonstwie bedenkliches Material kommt in eine nichtöffentliche Abteilung, wo nur (gegebenenfalls Erwachsene) Angehörige Zugriff haben.
Verweigert werden können dem Toten in dieser Einrichtung nur physisch unmögliche oder unzumutbare Wünsche (Urnenbestattung etwa ist Pflicht, weil ganze Leichen zu viel Platz brauchen), Wünsche, die sich auf eine andere als die eigene Grabstätte beziehen und solche, die den Grund- und Menschenrechten widersprechen. Aber er kann so viele Rauten in und auf sein Buch drucken lassen, wie er will und wie auf den zur Verfügung stehenden Platz passen.

Das ganze Konzept könnte privat betrieben werden. Es könnte sich aus Beiträgen jener finanzieren, die dort in Zukunft bestattet werden wollen, sagen wir beispielsweise 10 € im Monat bis zum Tode, womit man das zeitlich unbegrenzte Recht auf ein dort angelegtes Grabregal erhält.
Nur zwei Dinge sind sicherzustellen: Dass kommerzielle Interessen nicht über den Interessen derer stehen, die dort bestattet wurden und dass die Einrichtung weltanschaulich-religiös neutral bleibt.

Was wir damit bekommen würden wäre eine Art von Grabstätte, die endlich allen die Möglichkeit bietet, mehr zu hinterlassen als nur einen Stein mit Namen und Lebensdaten. Und für die Besucher ein Fenster in Leben, Ideen und Ansichten derer, die vor ihnen gelebt haben, seien dies nun eigene Vorfahren oder Unbekannte, in deren Bücher man bei einem Besuch hineinstöbert.

Ein paar Hürden gibt es noch: Wie gesagt mischen sich die Kirchenleute ständig in Dinge ein, die sie nichts angehen, so auch in die Bestimmungen für nicht-kirchliche Bestattungen. Und auch sind privat betriebene Grabstätten in Deutschland vom Gesetzgeber nicht gern gesehen. Ob die Bestattung in einer solchen Einrichtung die Friedhofspflicht erfüllen kann, muss noch geklärt werden.
Oh, und natürlich die Tatsache, dass es für den Start einer Finanzierung und natürlich eines geeigneten Gebäudes bedarf, wobei letzteres ersteres voraussetzt. Mal sehen, als wie erfolgversprechend es sich in den nächsten Tagen erweist, so etwas anzustoßen. Oder ob jemand anders die Idee aufnimmt.

Kurz noch zum Begriff: Mauso- von Mausoleum, was heutzutage ein Oberbegriff für Grabgebäude ist und nicht mehr nur das Grab des Mausolos bezeichnet, weshalb ich diese Ausgliederung für machbar halte. Theoretisch wäre auch Nekrolibrarium denkbar, wenn Mauso- nicht auf Zustimmung trifft. -libr- von Latein liber für Buch, -arium ist der Lokativ zu -ārius, mit dem ich mich in diesem Blog schon einmal dezidiert beschäftigt habe und der für Örtlichkeiten das tut, was -ārius für Menschen tut.


Was darf ist Satire?

So, weil ich mich heute noch nicht unbeliebt genug gemacht habe nun noch etwas über die Titanic-Geschichte.

Was darf die Satire?
Alles.

Tucholskys Schlussworte seines berühmten Textes über den Zustand der deutschen Satire werden gerne von selbsternannten Satirikern zitiert, die meinen, wenn es Leute gibt, die darüber lachen, wird es schon Satire sein.

Tucholsky mied in seinem Essay die Frage, was Satire eigentlich ist. Weniger aus Angst vor der Antwort als aufgrund dessen, dass er die Definition für allgemein bekannt zu halten scheint. Dies und die Definition, mit der er arbeitet schimmern an einigen Stellen durch:

Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“
[…]
Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Satire ist also etwas enthüllendes. Zudem muss sie übertreiben, um die Wahrheit zu verdeutlichen, ihre enthüllende Funktion erfüllen, indem sie mithilfe ebendieser Übertreibung auf das zu Enthüllende zeigt.

Und da sind wir auch schon beim Problem mit dem Titanic-Titelblatt.
Seht ihr, ich wäre in dieser Sache wirklich gern auf der Seite der Titanic. Sehr, sehr gern. Ich mag Ratzinger nicht, ich mag nicht wie er seine Kirche und mit ihr etliche Anhänger in eine mittelalterliche Glaubensvorstellung zurückführt und wie er sich (wie so viele Päpste vor ihm) in das Weltgeschehen einmischt und so beispielsweise die Verteilung von Verhütungsmitteln und AIDS-Vorbeugung in Afrika verhindert. Wenn es so etwas wie „das Böse“ überhaupt gibt ist der Papst seine Personifikation.
Nur beruft sich die Titanic auf die Satirefreiheit. Und hier ist das Problem: Ich sehe keinerlei Satire auf dem Titanic-Titel. Welche Wahrheit bildet es ab und deckt es auf, den Papst mit Inkontinenzflecken darzustellen? Das scheint mir nicht mehr als kindische Unflätigkeit.

Nein, ich meine dennoch nicht, dass so etwas verboten werden sollte. Das Recht auf freie Meinungsäusserung steht meiner Meinung nach zu hoch alsdass Beleidigung strafbar sein dürfte (anders ist das vielleicht bei Verleumdung).
Aber ich plädiere dafür, die Satire nicht durch solche Dinge abzuwerten. Ein dämlicher Pippi-Kacka-Witz ist keine Satire.
Die Reaktion der Titanic auf das Verbot interessanterweise schon eher, denn diese bezieht sich auf ein aktuelles Ereignis und schießt erkennbar gegen die Zensurbestrebungen des Papstes.

Das wäre übrigens auch das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu den Mohammed-Karikaturen der Jyllands Posten, die einige wissen wollten: Die berühmtesten und am weitesten verbreiteten der Mohammed-Karikaturen (jene von Kurt Westergaard und Rasmus Sand Homer) hatten eine satirische Aussage, sie nahmen sich der dem Islam inhärenten Gewalttätigkeit an.*
Das ist eine Dimension, die dem Titanic-Cover schlichtweg fehlt.

*Mancher mag hierin einen Widerspruch zu meiner Teilnahme an der Gegendemo zu ProNRW entdecken. Dazu möchte ich anmerken, dass ich mich dort gegen die politischen Aussagen und Ziele der Partei ProNRW aufgestellt habe. Gegen die Karikaturen selbst habe ich nichts, allerdings gegen die Verwendung dieser seitens ProNRW allein zu Zwecken des Krawalls.


Der Fuchtel und die Religion

Weltbilder sind nicht einfach, das gilt insbesondere für linke humanistisch geprägte Atheisten aus Deutschland bei den Grünen. Sie sind manchmal so kompliziert, dass solche Vorbemerkungen nötig sind. Denn es geht um die Frage der Beschneidung von Kleinkindern aus religiösen Gründen. Eine Diskussion, die oft genug mit dem wahnsinnig stichhaltigen Argument „Antisemitismus!!11elf!!“ recht schnell beendet wird. Bei den Grünen ist das nochmal ein Sonderfall, denn grade die Idee multikuturellen Zusammenlebens hat erhebliche Spannungen mit anderen Zielen und lässt keine einfache Antwort in der Frage zu, wie weit Multikulturalität gehen kann. Tierschutz gegen Stierkämpfe, Feminismus gegen Kopftuchzwang, Freiheitsrechte gegen arrangierte Ehen (übrigens für beide Ehepartner, dass die Männer sich gewöhnlich nicht beklagen hat komplexe Gründe im anerzogenen Rollenbild der Geschlechter).
Ich werde am Ende dieses Beitrag einige Leser verloren haben. Damit werde ich leben müssen. Einige andere werden erfahren, wie ich meine grundlegendsten politischen Überzeugungen überhaupt, das Gleichbehandlungsprinzip und die freie Selbstbestimmung, auslege.

Nun ist nach dem inzwischen allgemein bekannten kölner Richterspruch die Frage der Beschneidung in den Fokus gekommen. Die Kölner hatten festgestellt, dass die Beschneidung ohne Einverständnis des Beschnittenen eine Körperverletzung ist und entschieden, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit (sowie die Bekenntnisfreiheit) höhere Rechte sind als das Erziehungsrecht der Eltern.
Das ist durchaus logisch. Mit der selben Begründung (minus Bekenntnisfreiheit) gehen die Gerichte auch gegen Kindesmisshandlung vor.
Der Fall könnte so einfach sein: Keine Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes, wenn dies nicht einverstanden ist oder eine medizinische Notwendigkeit vorliegt.

Das Problem hierbei ist: Die Beschneidung von Jungen ist im Judentum innerhalb der ersten acht Tage nach der Geburt vorgeschrieben. Folgerichtig sehen die jüdischen Gemeinden sich nunmehr dadurch bedroht, sich an grundlegende Menschenrechte halten zu müssen (etwas, worin Religionen nie sonderlich gut waren). Die Muslime sind deutlich ruhiger, was vermutlich daran liegt, dass diese problemlos bis zum 14. Geburtstag des Kindes (dann erlangt es Religionsmündigkeit) mit der Schnippelei warten können. Bis auf Cem Özdemirs hanebüchenen Vergleich mit der Taufe, da diese ja nach katholischem Glauben auch nicht rückgängig zu machen sei – ja, lieber Cem, nach dem katholischen Glauben, aber eine Taufe hinterlässt körperlich keine bleibenden Schäden und jeder, der nicht an die Taufe glaubt kann sie kurzerhand ablehnen.

Es ist für mich schwer, das ernsthaft zu diskutieren denn hier ist mein Grundsatz in solchen Fragen: Gleiches Recht für alle, gleiche Pflichten für alle. Dieser Grundsatz ist nicht abhängig von Befindlichkeiten und etwaigen Traditionen auslegbar. Diese können höchstens als mildernde Umstände gelten, wenn eine Straftat begangen wird.
Es gibt Ebenen, auf denen man eine Änderung gesetzlicher Regelungen zu Gunsten einzelner Gruppen diskutieren kann. Die Menschenrechte und insbesondere die Frage der körperlichen Unversehrtheit von Schutzbefohlenen zählen nicht dazu.

Aber, und hier kommen wir zu Cem zurück: Ich bin durchaus auch dafür, die rechtliche Wirksamkeit der Taufe aufzuheben und den Beitritt zur Kirche von der Religionsmündigkeit des Kindes abhängig zu machen. Dann kann es sich auch aus freier, eigener Entscheidung für eine der Schniedelwutz-Beschnippel-Religionen entscheiden, denn mit seinem [i]eigenen[/i] Körper kann jeder machen, was er will (hier verläuft übrigen auch meine Konfliktlinie mit der Verschärfung des Nichtraucherschutzes, die ich als zu sehr in individuelle Freiheitsrechte eingreifend ablehne).
Wir können nicht anfangen, diese Grundsätze aufzugeben nur weil irgendeine alte Religion ihre barbarischen Bräuche über die Menschenrechte stellen zu können meint. Eines davon ist die Beknntnisfreiheit – aber die Bekenntnisfreiheit umfasst nicht das Recht, die anderen Menschenrechte nach Belieben zu brechen.

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Rede zum Burkaverbotsantrag der CDU, 10.11.2010

Für die Ratssitzung vom 10. November 2010 stellte die CDU einen Antrag zu einer Art kommunalem Burkaverbot gestellt. Konkret sollte geprüft werden, ob die Stadt über ihr Hausrecht das Tragen einer Vollverschleierung „aus religiösen und anderen Gründen“ beim Betreten öffentlicher Gebäude untersagen kann – wenn ja, solle so verfahren werden.
Auch die NVV (die Stadtwerke in Mönchengladbach sowie angrenzenden Kleinstädten) wäre über den Antrag aufgefordert gewesen, in ihren Bussen udn Schwimmbädern entsprechend zu handeln. Hier nun meine im Rat vorgetragene Reaktion auf diesen Antrag. Weiterlesen »


Werbung: Das ignorierte Comedy-Subgenre

Werbung ist ja sowieso eine Welt für sich und jene im Internet bietet oft besonders elaborate Beispiele für Absurdität. Die Anzeige, die den Test auf Rot-Grün-Blindheit für eine IQ-Frage hält, dürfte jeder schonmal gesehen haben und ist immer wieder ein großer Lacher für jeden, der das Wort „Medizin“ auch nur unfallfrei aussprechen kann.

Gut, das Fernsehen erzählt uns, dass unser Verdauungssystem auf Activia angewiesen ist, weil sonst die lustigen gelben Kügelchen in unserem Bauch den Darmausgang nicht finden. Aber im Bio-Unterricht haben sie uns ja auch einzureden versucht, Menstruation sei nicht blau.

Nur: In traditioneller Print- und TV-Werbung versucht man noch, uns Sachen einzureden. Etwa, indem man Jogurt, der Blähungen auslöst als „aktiviert den Darm“ verkauft und damit den Verkaufsschlager des frühen 21. Jahrhunderts schafft (kein Witz, was dachtet ihr, was Actimel ist?).

Internetwerbung ist dagegen viel lustiger, wenn sie eben nicht versucht, uns Bullshit zu verkaufen. Beispiel gefällig?:

Ich hätte es ja mit einer Burka vervollkommnet, aber im Grunde ist es schon in seiner Ursprungsform komisch genug.


Zu der Imam-Idee

Ich finde erschreckend, dass alle Parteien – auch die grüne – sich positiv zum Vorschlag des Wissenschaftsrats äussern, Imame an den Universitäten auszubilden.
Ich habe daher die folgende mail an die wissenschaftspolitischen Sprecherinnen in NRW und Bundestag geschickt:

Liebe Ruth,
liebe Priska,

ich bin aktuell etwas erschrocken darüber, wie uneingeschränkt positiv der Vorschlag des Wissenschaftsrates für eine universitäre Imam-Ausbildung aufgenommen wird.
Statt sich darum zu kümmern, dass die Theologie endlich aus den Universitäten verschwindet (einfach weil sie keine Wissenschaft ist), fordert man nun die Einführung weiterer Pseudowissenschaften. Was wird als nächstes eingeführt, Astrologie? Chirologie? Tarot?

Ich verstehe Universitäten als Einrichtungen der Wissenschaft und dazu zählen die Religionen nunmal nicht.
Zwar gibt es durchaus eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Religion (auch dem Islam, etwa Islamwissenschaften in Mainz), die Ausbildung von Geistlichen aber ist Sache der Religionsgemeinschaften. Es ist schon Skandal genug (aber wohl historische Erblast), dass die christlichen Priester, Pfarrer usw. an staatlichen Institutionen ausgebildet werden. Theologie ist keine Wissenschaft, sondern eine Ausbildung, die dazu befähigt möglichst elaborierten Unfug zu verbreiten (etwas neutraler formuliert: Theologen erzeugen in der Regel Meinungen, kein Wissen).
Ein Staat, der das besonders beachtet ist übrigens die laizistische Türkei. Das nur um aufzuzeigen, weshalb ich die Äusserungen einiger Integrationsverbände fragwürdig finde.

Um das zusammenzufassen: Die Vermittlung von Glaubensinhalten egal welcher Couleur ist keine universitäre Angelegenheit, sondern eine der Religionsgemeinschaften. Daher ist die Erweiterung um die Glaubensinhalte weiterer Religionen keinesfalls eine Verbesserung.

Betrachtet man zusätzlich, dass die Theologie von einer ausseruniversitären Institution (den Großkirchen) bestimmt wird, fällt zudem auf, dass die Theologie die Idee der Unabhängigkeit der Wissenschaft untergräbt. Da ist es nicht mehr weit bis zum Unwesen der unternehmensgeführten wirtschaftswissenschaftlichen Institute, die nicht mehr Wirtschaft erforschen, sondern nur mehr neoliberale Lehrsätze verbreiten – ist das wirklich unsere Zielvorgabe in der Entwicklung der Wissenschaft?

Mit den besten Grüßen,
Thomas R. Diehl