Innenstadt neu denken

Leerstände in Rheydt

Die Friedrich-Ebert-Straße am Donnerstag, 25.02.2016, früher Nachmittag

Nein, Rheydt steht nicht alleine da. Rheydt ist besonders eklatant, da es neben den Problemen aller Innenstädte auch noch extrem nah an größeren Zentren liegt, mit denen es nicht mithalten kann. Das liegt nicht an der Struktur von Mönchengladbach mit zwei Kernen, denn die rheydter Innenstadt hat ja früher auch funktioniert und es ist nicht so, als wäre sie in den bald 45 Jahren seit der Zusammenlegung der Städte weiter nach Norden gerückt, als wären die Abstände zwischen den beiden Innenstädten in dieser Zeit kleiner geworden. Das ist einfach nur albern. Die spezielle Lage der Stadt Mönchengladbach, der schon seit Jahren von mir wiederholt angeprangerte Mangel an Differenzierung Rheydts vom nördlichen Nachbarn und die Konzeptlosigkeit der panikhaften Rheydt-Rettungspolitik sind zwar Faktoren, aber sie alleine reichen nicht, die desaströs werdende Entwicklung zu erklären.
Es hat lange gedauert, bis die Presse sich ausdrücklich des Themas annahm, um genau zu sein bis heute und auch dann noch relativiert. Das Strukturproblem der ganzen Stadt wird auf einzelne Straßenabschnitte begrenzt, als seien diese durch eine Mauer vom Rest der Stadt abtrennbar und somit separat zu behandeln. Auch das ist albern.
Um diese Abtrennung der problematischen Bereiche zu rechtfertigen, redet man sich die Entwicklung in den nicht-problematisch beschriebenen Bereichen schön. Da wird jedes Café zum Triumph emporgehoben, das noch nicht kläglich verhungert ist. Die Rettung von Karstadt wird mit dem Einzug von Billigketten zum Schildbürgerstreich und was jubelt die Rheinische Post dazu?
Rossmann und Action Deutschland ziehen ins Basement des Gebäudes am Rheydter Marktplatz ein[…] Für Rheydt und seine Bürger dürfte am Ende somit eine Aufwertung stehen

Nun steht zu vermuten, dass Rossmann dann aus der Hauptstraße wegzieht. Action ist eine dieser Ketten, bei denen man einkauft, wenn man am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig hat — die aber belegen in Rheydt ohnehin schon die gefühlte Hälfte der Ladenlokale und gelten als sichtbares Merkmal des Niedergangs. „Aufwertung“.

Vom Ende der Innenstadt, wie wir sie kannten

Es gibt aber ohne Frage neue Faktoren, welche die Innenstadt an sich bedrohen. Als wichtigster davon gilt in der Diskussion wenig überraschend der Aufstieg des Online-Versandhandels. Mit seinem gewaltigen Angebot von Waren aus der ganzen Welt, einschließlich Nischenwaren, die mangels lokaler Nachfrage kein normaler Laden führen würde, seiner 24-Stunden-Öffnung, seiner sofortigen Verfügbarkeit weiterer Informationen und Bewertungen durch andere Kunden und seiner Einfachheit übertrumpft online lokal in fast jeder für die Kunden wichtigen Kategorie. Fälschlich geht die Diskussion oft in die Richtung zu behaupten, Anbieter wie Amazon punkteten mit billigen Angeboten, aber das ist schlichtweg falsch: Amazon ist preislich in der Regel nicht günstiger als der Handel vor Ort, in manchen Kategorien wie etwa bei den Lebensmitteln sogar weitgehend deutlich teurer.
Nun kann man aber lobend erwähnen, dass Mönchengladbach zu den wenigen Beispielen gehört, wo eine Stadt es geschafft hat, mit einem Pilotprojekt online ein Angebot aufzubauen, welches den Handel vor Ort auf Augenhöhe zu bringen vermag. Die Befürchtungen von Gerritt Heinemann von der Hochschule Niederrhein scheinen sich dabei nicht zu bewahrheiten:

Der Versuch, durch lokale Online-Marktplätze die Innenstädte zu beleben, wird nicht funktionieren. Stadtväter, die das glauben, haben eine rosarote Brille auf und ignorieren die Realität.

Nein, wenigstens die Kooperation zwischen Mönchengladbach und eBay funktioniert nach allem, was ich dazu vernehmen darf, hervorragend und bringt Kundschaft heran.
Und hier zeigt sich dann das nächste Problem: Wo kommen diese Kunden eigentlich her? Wenn es bei Berichten zur Kooperation stolz heisst, man erreiche Kunden von nah und vor allem auch fern, stellt sich doch genau diese Frage. Auf wessen Kosten saniert sich Mönchengladbach-Gladbach da eigentlich? Nun, zum Beispiel auf jene von Mönchengladbach-Rheydt. Und Viersen und Erkelenz und Düren und Krefeld und so weiter. Der Ansatz des lokalen Bündnisses im Internet richtet sich nicht gegen das Problem, es sorgt nur dafür, dass man als dies angehende Kommune möglichst zu den Siegern gehört.
Und ganz ehrlich: Das Problem lässt sich auch gar nicht bekämpfen. Der Online-Handel ist dem lokalen Handel schlicht und ergreifend strukturell überlegen. Einzelne Sparten können hier eine Ausnahme bilden, weil sie besondere Qualitäten wie Frische, Beratung, Genuss-Atmosphäre oder Anprobemöglichkeit erfordern — aber dafür fallen andere Sparten mit der fortschreitenden Digitalisierung bald komplett weg. Innenstädtische Atavismen wie die letzten Plattenläden, Videotheken und mittelfristig wohl auch der Buchhandel werden von der Geschichte überholt wie so viele andere vor ihnen, vom Hufschmied über den Kolonialwarenladen bis zum Internetcafé. Die Überlebenden sind nicht genug, um die Innenstadt als Konzept zu retten. Sie sind entweder zu wenige oder richten sich nur an eine Kundschaft, die für die klassische Innenstadt nicht als attraktiv gilt. Eine Zukunft, in der das Einkaufen in der Innenstadt eine Tätigkeit ist, der nur mehr die verarmten Bevölkerungsschichten nachgehen, ist denkbar geworden.
Da kann man den Verbrauchern so lange ins Gewissen reden, wie man will, es erreicht doch nur eine Minderheit und von dieser Minderheit wird wiederum nur eine Minderheit den Versandhandel boykottieren. Viele können das auch gar nicht, wenn sie Produkte suchen, die es eben offline nur in vereinzelten Läden in den Haupt- und Millionenstädten überhaupt gibt.
Es gibt noch ein paar andere Trends, die unsere Innenstädte zunehmend schwächen: Armut ist natürlich ein Problem für den Handel. Konsumkritik und Selbstversorgung halte ich beides für sehr gute Dinge, aber ich kann nicht verschweigen, dass jeder Apfel, den der Laden weniger verkauft, letztlich eine Mindereinnahme für den Laden ist. Und in diesem Kontext muss man durchaus selbstkritisch an die Frage gehen, ob unsere Innenstädte im 20. Jahrhundert nicht schlichtweg zu groß geworden sind und sich dies nun rächt.

Die postkommerzielle Innenstadt?

Die Geschichte der Stadt und die Geschichte des Handels sind seit Jahrhunderten eng verwoben. Manche sagen, seit Anbeginn der Geschichtsschreibung, aber da darf man zweifeln, ob hier nicht moderne Weltbilder in vergangene Epochen projiziert werden. Auch muss man deutlich unterscheiden zwischen der Art Handel, aus der sich an Knotenpunkten von Handelsrouten Städte bildeten und dem Bau von Supermärkten — also dem Austausch zwischen Geschäftsleuten einerseits und dem reinen Verkaufsbetrieb an Endkunden andererseits.
Aber ich schweife ab. Der Punkt ist der, dass es uns heute extrem schwer fällt, die Innenstadt nicht als Ort des Kommerzes zu denken, als Sammelpunkt für Geschäfte und Märkte. Was seltsam ist, denn wir tuen es dennoch unentwegt.
Denken Sie an Ihre Lieblingsstadt. Was macht diese aus? Woran denken Sie, wieso ist es Ihre Lieblingsstadt? Ich möchte fast wetten, es ist kein Supermarkt an der Hauptstraße, kein Schuhgeschäft am Bahnhof und auch nicht der Elektronikhändler in der lokalen Mall. Nein, es wird meist oder wenigstens zuerst ein Café in einer Nebenstraße sein, der Ausblick auf die Auen des jeweiligen Flusses, die Atmosphäre eines Altbauviertels, ein Museum oder auch die Art der Menschen dort. Soziale Orte und solche der Entspannung, Erholung, des Erlebens. Orte von Geschichte, Kunst und Kultur. Natürlich auch mit Handel, ohne Handel kein Café oder Restaurant, aber immer sekundär. Der Handel bildet die wirtschaftliche Grundlage der Innenstadt, aber er bildet eben nicht ihre Oberfläche, ihre Einladung an Besucher und Einwohner.
Im Zeitalter des Internet ist es nicht mehr sinnvoll, die Menschen mit Konsummöglichkeiten locken zu wollen. Und die attraktivsten Städte, die boomenden Zentren und alles, was in den letzten Jahrzehnten zu Weltruhm gelang, haben dies auch nie getan. Handel ist nur sehr eingeschränkt ein Frequenzbringer und selbst das, was er in der Vergangenheit an Frequenz bringen konnte, schwindet nun, versickert ins Internet. Aber Plätze, Museen, Cafés, Restaurants und dergleichen, diese Art von Ort gibt es online nicht in dieser Form.
Wollen wir unsere Innenstädte und damit die Siedlungsstrukturen der Großstädte, wie wir sie kennen, erhalten, müssen wir weg von der gegenwärtigen Stadtplanung, die Innenstädte als Orte des überbordenden Kommerzes definiert, plant und fördert. Wir müssen zu einem Verständnis von Innenstädten, das nicht mehr fragt, was es dort zu kaufen gibt, sondern vielmehr, was es dort vorzufinden, zu erleben, gibt. Warum man dort hingehen sollte.
Wenn wir das schaffen, werden die Städte vielleicht endlich wieder etwas, was sie schon so lange nicht mehr waren: Einladend. Und vielleicht sogar schön.

Kinder spielen an einem Brunnen in Frankfurt

Frankfurter Innenstadt Sommer 2009 – Bild: FAZ/Anna Jockisch


Karstadt Rheydt

Ich sage es heute nicht zum ersten Mal, wenn ich sage, dass Mönchengladbach und Rheydt nur als Doppelzentrum einer Stadt überleben können, wenn sie jeweils eigene Zentren entwickeln. Wenn sie jeweils etwas zu bieten vermögen, was die andere nicht in vergleichbarer Form zu bieten hat.

Karstadt in Rheydt steht in meinen Augen schon lange für eine andere Herangehensweise: Rheydt als verkleinertes Abziehbild von Gladbach. Natürlich ist die (inzwischen bestätigte) Meldung über die Mitte 2016 anstehende Schließung des Hauses ein Schock. Aber wie hilflos die Politik in der Stadt mit Versuchen reagiert, das seit Jahren kriselnde Althergebrachte krampfhaft zu erhalten, ist schon erschreckend und wird Rheydt letztlich auch schaden. Sicher, OB Reiners hat Recht, wenn er auf die Anstrengungen der Stadt zum Erhalt des Kaufhauses verweist und man mag dies für sich betrachtet als Verdienst (wohlgemerkt des vorherigen OB Norbert Bude, des alten Bezirksvorstehers Karl Sasserath und des alten Rates) anerkennen, hier geht es mir aber um größere Zusammenhänge.

Zunehmend scheint mir, Stadtplanung sei in ihren Ansätzen unterkomplex um die Probleme einer mittleren Großstadt mit mehreren Zentren zu behandeln. Bei den ganz großen Städten funktioniert es schon wegen der räumlichen Entfernungen von allein, aber bei den mittelgroßen wie eben Mönchengladbach (oder auch zum Beispiel Wuppertal, das ähnliche Probleme hat) muss eine solche Struktur gepflegt werden.
Dieser Mangel schlägt sich in der Diskussion deutlich nieder: Ständig geht es um „Frequenzbringer“. Da wird davon ausgegangen, dass es nur darum geht, Menschen in die Stadt zu holen. Ob dies nun die Besucher einer Bibliothek, eines Einkaufszentrums, eines Wochenmarkts oder eines Schwimmbades sind, derlei Details gehen im Begriff des Frequenzbringers unter. Doch damit verschwinden eben auch die Auswirkungen der unterschiedlichen Gründe in die Innenstadt zu fahren auf deren Verhalten innerhalb der Innenstadt. Menschen als gleich zu betrachten ist zwar durchaus löblich, wenn wir von Innenstädten und damit von Geschäftsräumen sprechen müssen wir sie aber sehr wohl einteilen, denn hier geht es letzten Endes um Marketing. Was wir brauchen, sind Zielgruppen.

Zielgruppen sind zunächst einmal ein böses Wort aus der Werbewirtschaft. Dabei ist die Aufteilung der Gesellschaft in Zielgruppen durchaus von Vorteil. Denn es ist immer noch besser als die Bedienung des kleinsten gemeinsamen Nenners aller. Natürlich, eine solche Gleichschaltung des Konsums ist für denjenigen einträglich, der es schafft, die Schaltpulte des Kollektivs unter Kontrolle zu bekommen. Doch in eine solche Position kommen nur wenige und für die vielen anderen bleibt dann keine Kundschaft mehr übrig, weil die Nischen im Einheitsbrei untergegangen sind. Sind die Zielgruppen intakt, kann ein Aldi problemlos neben einem Rewe stehen, da beide unterschiedliche Kundschaft anziehen (natürlich mit einer gewissen Überschneidung). Sind die Zielgruppen nicht intakt kommt ein Amazon daher und verleibt sich praktisch den gesamten Online-Versandhandel ein.

Da die Stadtplanung nur den abstrakten Frequenzbringer und die von ihm als Frequenz gebrachte anonyme Menschenmasse kennt, läuft sie zwangsläufig auf die Schaffung einer Struktur wie Amazon hinaus: das Zentrum mit den meisten und kräftigsten Frequenzbringern zieht mit der Zeit nahezu sämtliche Frequenz auf sich, die anderen Zentren gehen langsam unter. Wer hier bestehen will muss sich, hier schließt der Kreis, an eine klar definierte Zielgruppe richten.
Und hier liegt das Problem mit Karstadt: Karstadt ist nichts weiter als ein Kaufhof des Südens. Und mit dem Bau des Pfefferminzhäuschens („Minto“) in Gladbach hat es sein Amazon erhalten. In einer Stadt, in der ein Minto steht, kann kein Karstadt mehr stehen. Wir haben Karstadt umgebracht.

Was jetzt nötig ist, gleicht einer Neugründung der rheydter Innenstadt. Wir müssen den sich abzeichnenden Leerstand als Chance sehen, als Raum zum Füllen. Nicht mit neuen Ladenlokalen, wie dies die EWMG bereits anplant. Das ist nichts weiter als Hospizdienst an einer sterbenskranken Innenstadt. Rheydt braucht etwas neues, was Gladbach nicht hat und was in Gladbach auch kulturell nicht in dieser Form hinpassen würde.

Meinen Vorschlag, den Wochenmarkt im Gebäude unterzubringen und den von der Bevölkerung gut angenommenen Marktplatz ganzwöchig frei zu haben, habe ich ja bereits in den Ring geworfen. Ich halte den Wochenmarkt in Rheydt weiterhin für eine stadtweit in dieser Größe und Qualität einmalige Einrichtung, die viel für ein eigenständiges Profil dieser Innenstadt tun kann. Wochenmärkte sind vor allem für genau jene Zielgruppen interessant, die ungern das Angebot von Shopping-Malls nutzen – beispielsweise die vor einigen Jahren allgegenwärtigen LOHAS. Eine Stärkung des Wochenmarktes ist eine Stärkung Rheydts bei genau jenen Menschen, für die Rheydt potenziell attraktiver ist als Gladbach. Ein wetterunabhängiger Markt in der bestehenden Bebauung wäre eine großartige Entwicklung für den Süden der Stadt.
Ja, auch Gladbach hat Wochenmärkte, aber nichts in Größe und Qualität mit Rheydt vergleichbares. Und das wird es auch nie haben, denn Wochenmärkte sind für die dort zu findenden Zielgruppen beständig weniger attraktiv. Sie werden in Gladbach nicht verschwinden, aber bei Fortführung der aktuellen Trends doch eine deutlich kleinere Rolle spielen. Und das muss durchaus kein Fehler sein, denn wenn Gladbach nicht mehr versucht, alles auf ein Mal zu sein, steckt darin auch für den Norden der Stadt ein eigenes Profil. Und davon profitieren dann beide Hälften der Stadt.

Andere Vorschläge, die mir zwischenzeitlich zu Ohren gekommen sind:

  • Zentralbibliothek in das größere Gebäude in Rheydt verlegen, jetzige Zentralbibliothek zur Stadtteilbibliothek umnutzen – ich sehe jetzt schon so manches Monokel fliegen, aber von den Gebäuden her ist das durchaus eine Überlegung wert. Auch eine Bibliothek ist von den erreichten Zielgruppen sehr weit von einer Mall entfernt
  • Komplettes Gebäude für die Verwaltung nutzen – das birgt für die Stadtverwaltung großes Einsparpotenzial, bringt allerdings für die Innenstadt selber sehr wenig
  • Abreissen – meiner Meinung nach zu teuer
  • Historisches Museum (alte Überlegung von mir) – das Gebäude eignet sich baulich sicher auch als Museum. Da gibt es in Rheydt ja einige Möglichkeiten, wofür man eines bauen könnte: Hugo Junkers, Sportmuseum (man denke an den Vorschlag Olympiabrunnen, Rheydt hat viele bedeutende Sportler hervorgebracht), Goebbels-Mahnstätte…

Wer hat noch weitere Vorschläge? Ich bin gespannt!


Politische KW 12-2012

Okay, offenbar wird es jetzt also doch fest Sonntag, wenn diese Reihe erscheint. So sei es denn:

Sitzungen: 3(9 h)| Anträge in Arbeit: 3 | Sonst: 5 h Wahlkampf, ca. 2 h eMails

Montag
Und da ist die 1. Stunde eMails. Genauer eMail. Ja, eine.
Es ging um die Baumfällungen in den letzten 12 Monaten in der Stadt, eine Bürgerin beklagte diese und fragte nach, wie wir Grüne hier aktiv seien. Ich erklärte ihr, dass die meisten Fällungen von Einzelbäumen begründet seien (kranke, tote, zu stürzen drohende Bäume), aber auch mir viele Fällungen aufgefallen sind, die nicht vorher angekündigt waren. Viele besonders sichtbare Fällungen sind auch Bäume, die wegen Baumaßnahmen fallen (Marienplatz, Hugo-Junkers-Park). Am Marienplatz stehen nachher deutlich mehr Bäume als zuvor, im Hugo-Junkers-Park stehen am Ende 67 neue an einer anderen Ecke (ich weiss allerdings nicht, wie viele dort zuvor gefallen sind). Da mir einige mehr aufgefallen sind oder mitgeteilt wurden stellte ich aber im letzten Umweltausschuss die Frage, wie weit die bekannten Baumfälllisten abgearbeitet seien und wieviel aus welchem Grund ausserhalb der Listen gefällt wurde.
Vieles ist auch deshalb so radikal, weil die Jahre der Verwahrlosung wieder eingeholt werden müssen. Dennoch Ich bin ziemlich sauer, wie in dieser Stadt mit Grün umgegangen wird. Es herrscht weiterhin eine Golfrasenmentalität in der Planung und Pflege des Grüns vor, Natur ist nur so weit vorgesehen, wie sie mit den ästhetischen Idealen der Gärtner übereinstimmt. Das Problem ist, dass Gärtner und Landschaftsgestalter diese Mentalität in ihrer Ausbildung als eherne Gesetze der Zunft eingeimpft bekommen. Die wenigsten schätzen Natur als Natur, sie wird mehr verwendet wie eine weitere Art Gestaltungselement.

Am Abend dann die Fraktionssitzung. 3 Stunden Vorbesprechung der Ratssitzung und anderer für die Woche anliegender Themen. Da hab ich mich dann mal eben als alles andere als ein Freund des Schützenwesens geoutet. Ich finde es problematisch, wenn bewaffnete Männer in Unform im Gleischritt zu Marschmusik durch die Straßen schreiten und sowas auch noch als toll gilt. Wie sich das mit einer pazifistisch orientierten Partei vereinen lässt, weiss der Teufel allein. Ich kann verstehen, wenn man in bestimmten Situationen einen Krieg für gerechtfertigt hält, etwa um einen Völkermord zu stoppen. Aber ich kann nicht verstehen, wie man eine Veranstaltung gutheissen kann, deren Präsenz den Eindruck zu fördern geeignet ist, Krieg oder zumindest Militärästhetik sei ein alltäglicher Bestandteil der Gesellschaft.

Dienstag
Zum zweiten Mal hintereinander tagte die Bezirksvertretung Nord in einer Sondersitzung im Rathaus Rheydt. Es ging erneut um das HDZ (Handels- und Dienstleistungszentrum), sprich die große Mall im nördlichen Zentrum. Das fanden einige gar historisch. Das ist für ein übergroßes Einkaufszentrum dann doch etwas arg hoch angesetzt, aber na gut.
Ich nutzte den Punkt „Anfragen aus der Bezirksvertretung“ für einen ersten Einwurf im Kampf gegen ein Übel, dessen ich mich zukünftig stark annehmen will: Die so genannten Drängelgitter an vielen Stellen der Stadt, die ein erhebliches Hindernis nicht nur für Fahrräder, sondern auch für Kinder- und Handwagennutzer darstellt.


Bild von hier

Nun stellte sich das Gitter, das ich hierfür als erstes erwählte sich tatsächlich als sinnvoll heraus. Das Gitter an der Ecke Vitusstraße/Fliehtstraße dient dem Schutz eines Schulweges vor Radfahrern, die dort mit hoher Geschwindigkeit bergab kommend versuchen, der roten Ampel über den Bürgersteig auszuweichen. Das leuchtet in der Tat ein. Aber das ist nicht die einzige derartige Stelle auf meiner Liste.

Später am Dienstag traf sich dann noch das Gladbacher Anti-Atom-Bündnis Strahlenzug. Wir haben natürlich für den Tschernobyl-Jahrestag am 26. April wieder eine schöne Aktion ausgeheckt. Vorher sind wir natürlich am Ostermontag in Jülich beim AntiAKW-Ostermarsch dabei. Den habe ioch mal oben ins Zeitbudget nicht eingerechnet, da der Strahlenzug explizit nicht zu den Parteien gehört. Und weil ich nicht darauf geachtet habe, wie lang wir uns eigentlich getroffen haben. 2-3 Stunden etwa.

Mittwoch
Nachdem ich tagelang jeden Politiker anderer Fraktionen mit der Frage genervt habe, wie sie abstimmen würden war es am Mittwoch klar: Mönchengladbach erhält das Kfz-Kennzeichen der 1972 aufgelösten Stadt Rheydt (RY) nicht wieder. Das freut mich sehr. Ich hielt den Vorstoß in einer Stadt, die gesellschaftlich immer noch so gespalten ist für schädlich im Zusammenhalt und vor allem dem Prozess des Zusammenwachsens der Gesamtstadt.
Beim HDZ überbot der Oberbürgermeister den Bezirksvorsteher nochmal in Sachen vollständiger Überhöhung des Baus und sprach vom „größten historischen Ereignis seit Bau der Abtei“, vulgo der Gründung der Stadt. Man kann es auch übertreiben. Das größte historische Ereignis der Stadt ist immer noch die Erfindung von Käpt’n Blaubär durch einen Gladbacher Rheydter. War allerdings auch ein paar Millionen billiger.
De neue Zentralbibliothek ist auf dem Weg und ich muss bei allen Bekenntnissen zur Bibliothek ehrlich sagen: Je länger ich mich mit eBooks beschäftige, desto weniger bin ich vom Sinn einer Bibliothek überzeugt. Meine eigenen schwindenden Bücherregale spielen da sicher auch eine Rolle. Wahrscheinlich stehen bei mir irgendwann nur noch ein Kindle und ein Sony eReader rum, das Papier wird verschwinden. Ähnliches erwarte ich auch für die Bibliothek – und dann braucht sie gar keinen physisch existenten Ort mehr.
Die Stadt bewirbt sich um das so genannte Stärkungspaket Kommunalfinanzen II. Mal abgesehen davon, dass die Bezirksregierung uns ziemlich unmissverständlich klar gemacht hat, dass sie das von der Stadt erwartet, sonst ist die Haushaltsaufsicht in Zukunft weniger nachsichtig mit der hoch verschuldeten Stadt: Ich denke auch, es ist sinnvoll, dies zu tun. Das Schlimmste was passieren kann ist, dass wir kein Geld kriegen und alles bleibt wie es ist. Dem gegenüber steht die Chance bis 2019 jährlich mehrere Millionen zu erhalten, die wir in zur Haushaltssanierung dringend notwendige Investitionen stecken können. Mönchengladbach hat strukturelle Probleme mit einer extremen Arbeitslosen- und Aufstockerquote, einem verfallenden Gebäudebestand und einer Verwaltung, die wegen Personaleinaprungen stellenweise am Rande ihrer Leistungsfähigkeit arbeitet.
Pro forma bin ich jetzt übrigens auch stellvertretendes Mitglied im Aufsichtsrat der NEW mobil & aktiv, unserer Betreibergesellschaft für ÖPNV und Bäder. Ich erwarte aber nicht, dass ich diese Funktion je ausfüllen muss.

Donnerstag
Ich werde ein Ansinnen wohl aufgeben müssen, die Umbenennung der Lettow-Vorbeck-Straße. Das wollte ein Partner mit einem anderen Anliegen verbunden wissen („Wir stimmen zu, wenn ihr hier zustimmt“). Da ich das Gegenvorhaben für wesentlich folgenreicher als den positiven Effekt der Umbenennung einer nach einem Völkermörder benannten Straße hielt werde ich mich darauf nicht einlassen. Kommt der Antrag halt nach der nächsten Kommunalwahl 2014 nochmal auf den Tisch.
Apropos Wahl: Das Wahlamt rief mich an, ob ich nicht wie in den letzten Jahren (ausser bei der Kommunalwahl, wo ich ja selbst Kandidat war) die Wahlleitung in meinem Wahlkreis machen wollte. Nach der Klärung, ob das rechtlich überhaupt möglich sei, ich bin ja nun politisch kein ganz unbekanntes Gesicht mehr, sagte ich zu. Womit mein 13. Mai auch schon weg wäre. Ein potenzieller Naziplatz weniger.

Freitag
Mal ein Präsenztermin, gibt es auch hin und wieder: Es ging zum kurdischen Neujahrsfest in Eicken. Die Kurden feiern das neue Jahr am Frühlingsanfang, also unserem 21. März. Gesprochen habe ich anders als 2011 nicht, die Rolle der positiven Stimme der Hoffnung zum neuen Jahr übernahm diesmal der sehr gute Edmund Erlemann. Was die übrigen Beiträge angeht, so sehe ich die durchaus kritisch, aber dazu wird es die Woche einen eigenen Beitrag geben. Sagen wir mal so: Die Kurden bräuchten dringend ein Gegenstück zu Gandhi. Jene, die dort momentan politisch agieren tragen selbst heftig zum Aufschaukeln der Aggressionen zwischen Türken und Kurden bei – das jedenfalls ist mein Eindruck von diesem Abend.
Da das Ganze irgendwie nicht so richtig politisch war hab ich es mal nicht oben mitgezählt.

Samstag
Wieder Landtagswahlkampf am ehemaligen Stadttheater. Immer spannend, wen man dort alles trifft und was man dort alles erfährt. Und wäre mir nicht in der vorhergehenden Nacht mein großer Fahrradanhänger geklaut worden hätte ich auch den bestellten zweiten Klapptisch für zusätzliches Infomaterial mitbringen dorthin können.
Aber naja, mit den Leuten reden lohnt immer. Ausser uns gab es diesmal noch die Linke, aus Wuppertal importierte Republikaner (inklusive erheblicher Polizeipräsenz in der Fußgängerzone) und einen einsamen Piraten auf der Suche nach seiner Crew, die am Abend zuvor mangels Teilnehmern am Stand diesen abgesagt hatte (was aber offenbar nicht im Piratenpad stand).


Kleine Physikeinführung: Magnetismus und seine politischen Implikationen

Hinweis: Dieser Artikel wurde am 30. April 2015 teilweise ergänzt.

Eine der wichtigsten Eigenschaften eines konventionellen Magneten ist die Mehrpoligkeit. Eine Magnet hat nicht nur keine Probleme damit, mehrere Pole zu haben, sie sind sogar zentrales Element seines Magnetismus (Ja, einpolige Magnete ignoriere ich mal als extreme Sonderfälle).

Der Magnetismus entsteht durch die räumliche Trennung der Pole, welche gemeinsam ein Magnetfeld aufbauen, welches andere magnetische oder magnetisierbare Materie anzieht.
Die Pole müssen unterschiedlich sein, sonst entsteht kein Magnetfeld.

Womit wir zu den politischen Implikationen der Sache kommen: Mönchengladbach/Rheydt.
Wenn Mönchengladbach will ein Magnet mit zwei Polen bleiben. Das wäre zwar nicht zwingend notwendig, ist aber durchaus von Vorteil, will man nicht ein Zentrum im Norden mit langsam verfallendem Anhängsel im Süden erhalten. Was wir (hoffentlich) alle nicht wollen.

Der wichtige Punkt in der Lektion über Magneten da oben ist die Sache mit der unterschiedlichen Ladung der Pole: Sind beide Pole gleich, gibt es keine Bipolarität.
Bei einem Magneten führt das zur Nichtausbildung des Magnetfeldes, bei einer Zweizentrenstadt führt es dazu, dass die erfolgreichere Innenstadt die andere langsam verdrängt und auffrisst. Die Stadt als Ganzes wird dann ärmer an kultureller, sozialer und auch kommerzieller Vielfalt.
Die Rheydter kennen das: Rheydt geht es nicht gut, während Gladbach eigentlich noch ganz okay da steht – ich sehe seit Oktober/November sogar wieder einen leichten Aufwärtstrend an der Hindenburgstraße mit neuen Läden einer leicht höheren Klasse als zuvor (leicht!).

Was tut man in Rheydt nun dagegen – man beschließt, man wolle besser werden.
Sehr gut.
Wie? Das weiss keiner. Im Grunde wird alles gemacht, um Rheydt zu verschönern und verbessern, nur weiss offenbar keiner, was eigentlich das Ziel dieser Bemühungen ist. Letztendlich versucht man halt einfach nur, schöner, größer und besser zu werden. Was aber nicht funktioniert, weil man bereits schneller aufgefressen wird, als man Rheydt verbessern kann.
Der Grund dafür ist leider recht einfach: Rheydt will genauso werden wie Gladbach. „Ein Zentrum“ halt, als wäre jedes Zentrum gleich. Beide Stadtteile kümmern sich dabei nicht weiter darum, auch ein eigenes Profil zu implementieren.
Mönchengladbach im Norden kann das egal sein, es ist groß und vor allem wirtschaftlich stark genug um alles umliegende zu verdrängen. Rheydt nicht. Um zu überleben, muss Rheydt ein eigenes Profil entwicken. Und um Rheydt zu schützen (und damit die Gesamtattraktivität der Stadt), muss Gladbach das auch.

Und es wäre so einfach. Hier mein Vorschlag:

Handelszentrum Gladbach
Machen wir uns keine Illusionen, das Einkaufszentrum an der Hindenburgstraße kommt, die Frage ist nur, wie es letztendlich aussieht und wie groß es wird.
So oder so, es wird die Innenstadt Nord als Handelszentrum zementieren [Aktualisierung: Wir sehen diesen Effekt 2015 bereits]. Und damit sollte Gladbach dann auch arbeiten: Das Gladbacher Zentrum richtet sich schwerpunktmäßig auf den Handel ein und baut sich daran auf. An der Peripherie entsteht ein Kultur- und Bildungszentrum mit Museen, Bibliothek und Schulen, basierend auf den jetzt vorhandenen Einrichtungen.
Das ist der Weg, den Gladbach so oder so geht. Er ist mittlerweile so weit forciert worden, dass eine Kurswende nicht mehr möglich und auch nicht mehr sinnvoll ist.

Handwerkszentrum Rheydt
Rheydt hat mit der Etablierung des HDZ in der jetzigen Form kaum noch Chancen, in seiner aktuellen Form zu bestehen. Es wird ja jetzt schon aufgefressen.
Aber Rheydt hat einen Sektor, in dem Mönchengladbach keine vergleichbare Stärke aufweisen kann: Handwerk.
Die rheydter Innenstadt kann mit einer Vielzahl an Handwerksbetrieben glänzen, die Gladbach in dieser Konzentration und Stärke nicht hat. Diese Stärke auszubauen kann Rheydt einen eigenen Charakter verleihen, durch den Rheydt ein starkes Zentrum mit ganz eigenem Profil werden kann. Das passt auch sehr gut mit dem großen Wochenmarkt auf dem Marktplatz zusammen.
Die rheydter Peripherie ist geprägt von den dort ebenfalls starken Bereichen Geschichte und Gastronomie mit Rathaus, den Schlössern des Gladbacher Südens, zahlreichen Lokalen und einem Reichtum an historischen Persönlichkeiten (auch den negativen), die aus diesem Stadtteil stammen.
Das ist ein Weg, den Rheydt gehen kann – wenn es will. Geht es wie Gladbach den jetzigen Weg weiter, geht es abwärts mit Rheydt.

Weitere Zentren
Dieses Konzept lässt auch die Herausbildung weiterer Zentren zu.
Der Bereich Hardt/JHQ/Rheindahlen könnte sich durch seine Nähe zu den Niederlanden, seine Grüngebiete und seine Mischexistenz aus Stadt- und Landnähe zu einem Fremdenverkehrszentrum entwickeln mit einer von Sport und Freizeit geprägten Peripherie (Nordpark, Hardter Wald, Stadtwald).
Andere Bereiche haben ebenfalls klare Entwicklungspotenziale, als spezifische Zentren zu agieren.

Ja, eine multipolare Stadt ist möglich. Nur müssen wir dazu festlegen, was für Zentren wir denn haben wollen.
Einfach nur „Zentren“ funktioniert nicht, die fressen sich mittelfristig gegenseitig auf.
Wer aber mehrere Zentren hat, die sich deutlich unterscheiden, der erhält eine echte Magnetwirkung: Jedes Zentrum zieht andere Leute an, die Stadt insgesamt wird für viel mehr Menschen attraktiv als jetzt und die Zentren ergänzen sich gegenseitig zu einer gemeinsamen, attraktiven und starken Stadt Mönchengladbach.


Arcandor – was nun

Absehbar war es ja schon seit einiger Zeit, nun ist es endgültig: Arcandor wird wohl zerschlagen.

Bedeutend ist das über den dortigen Karstadt für die rheydter Innenstadt, die bei einem Verlust des Marktes zu veröden droht.
Ich hatte mich damit ja schon einmal beschäftigt – und so, wie die Entwicklung dieser Kette läuft, werde ich das wohl auch noch ein paar mal tun.

Zusammen mit einigen anderen Ideen, die ich in den letzten Wochen hatte, kombiniere ich hier jetzt einmal ein Szenario, wie Mönchengladbach (und Rheydt) gestärkt aus dem eventuellen Verlust des Karstadt hervorgehen kann.
Ob ich das in der Politik vorschlage, hängt von der weiteren Entwicklung bei Arcandor und dem rheydter Standort ab – hier im Blog entwickle ich erstmal.

Ausgangslage
Gehen wir von folgenden Voraussetzungen aus:
1. Arcandor wird zerschlagen, Karstadt verkauft seine Märkte.
2. Durch die starke lokale Konkurrenz (Real, Marktkauf, Galerie am Marienplatz) und die absehbare Baustelle vorm Eingang (Marktplatzumbau ab 2011) hat kein Investor ernsthaftes Interesse an dem Kaufhaus.
3. Die Innenstadt-Ost von Rheydt soll erhalten bleiben, eine Verlagerung der Innenstadt nach Westen Richtung Hauptbahnhof ist nicht erwünscht.
4. Die Zentralbibliothek hat Bedarf an neuen Räumen, bei einem Umzug würde aber die Stiftung des jetzigen Bibliotheksgrundstücks verfallen.
5. Gladbach will sein Profil als Sportstadt stärken

Handlungsoption bei Aufgabe des Karstadt
Wir gehen also davon aus, dass Karstadt einen Erhalt am Standort Rheydt nicht schafft bzw. potenzielle Investoren daran kein Interesse haben. Ein herber Verlust für Rheydt – aber es gibt andere Bedürfnisse in der Stadt, die dies ausgleichen könnten.
Im Juni sprach ich die Option an, die Zentralbibliothek in das Gebäude zu verlegen. Die Bibliothek braucht ein größeres, energetisch modernes Gebäude und der Karstadt-Komplex, in dessen oberen Stockwerken bereits die Zweigbibliothek Rheydt Platz findet, wäre ideal.
Die Stadt spart die Baukosten für ein neues Bibliotheksgebäude (für die Ersparnis kann man das Gebäude dann mal energetisch sanieren), Rheydt hat weiterhin einen Anziehungspunkt für Leute, in den Osten der Innenstadt zu kommen (sogar einen stärkeren als zuvor) und die Bibliothek hat wesentlich mehr Platz zur Verfügung, etwa vergleichbar mit der Landesbibliothek.

Die Innenstadt Mönchengladbach auf dem Abteiberg würde so natürlich einen Anziehungspunkt verlieren – wenn auch einen ohnehin etwas peripher gelegenen. Das Grundstück ist zudem so gestiftet, dass dort nur ein Museum oder eine Bibliothek stehen kann, sonst verfällt der städtische Besitz daran.
Hier nun kommt der Sportpart der Annahmen ins Spiel.
In meinem Artikel über Joseph Pilates deutete ich die Möglichkeit eines Pilates-Museums in Gladbach an. Dazu nun mehr.
Die Idee wäre das Joseph-Pilates-Museum für Fitnessgeschichte. Im Stile moderner Museen ist es ein Mitmachmuseum: Gezeigt werden historische Trainingsgeräte von der Antike bis in die Gegenwart, die als Replika auch benutzt werden können. Weitere nicht-interaktive Exponate zur Ideengeschichte der Fitness und dem Körperbild würden diese Einrichtung ergänzen – von den alten Griechen über die Nazis bis zur modernen Fitnessbewegung. Diese Kombination aus Museum und Fitnesseinrichtung wäre weltweit einmalig und stellt für Mönchengladbach eine einmalige Gelegenheit dar, sein Profil als Sportstandort und Geburtsort von Joseph Pilates und zahlreicher weiterer Sportler zu stärken.

Peripherie
Ein paar andere Projekte lassen sich damit auch noch verbinden:
Die von Gerd Schaeben (Grüne) vorgeschlagene Bibliothek zwischen den gladbacher Altstadtgymnasien Math-Nat, Huma und Geroweiher auf dem Gelände des alten Zentralbades könnte kleiner und komplett auf die Bedürfnisse der Schulen zugeschnitten gebaut werden. Vor alem die an alten Schriften reiche Bibliothek des Huma würde von der professionell-bibliothekarischen Behandlung und Archivierung profitieren, während die Schüler einen speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Lernraum erhalten, was die Unterrichtsqualität erhöht.
Auch würden die Schüler einen Verweilraum erhalten, in dem weitere kulturelle Einrichtungen angesiedelt werden können – es entstünde im Idealfall eine Art Bildungsviertel aus Bibliothek, Gymnasien, Musikschule und eventuellen weiteren Einrichtungen mit einem ganz eigenen, positiven Flair am Fuße des Abteibergs, von dem die ganze Stadt profitiert. Vor allem würde dadurch wiederum die Stadt ihre (aktuell nicht vorhandene) Attraktivität für Jugendliche wiedergewinnen.

Folgen
Die rheydter Innenstadt gewinnt durch die nun in Rheydt ansässige Zentralbibliothek an Attraktivität für Peripheriekunden (Kunden der Bibliothek, die – wo sie schonmal da sind – auch gleich einkaufen gehen).
Die Innenstadt von Mönchengladbach erreicht das selbe Ziel mit einem weltweit einmaligen Museum und einem benachbarten Schulviertel, welches eventuell auch die Attraktivität der Gesamtstadt für Jugendliche erhöht.
Zugleich steigert das Joseph-Pilates-Museum Bekanntheit und Profil der Gesamtstadt, auch hiermit einem besonderen Fokus auf junge Leute. Das neue Stadtprofil ist ein Schritt, Bevölkerungsverlust und demografischen Wandel in Gladbach zu besänftigen.
Durch einen einzigen Umzug, einen Einzug und einen Bau haben wir hier die Möglichkeit, das Bild und die Attraktivität der Stadt nachhaltig zu verbessern.
Nun zu den Nachteilen: Die Karstadt-Mitarbeiter wären arbeitslos, so sie nicht für den Einsatz in den Bibliotheken und dem Musuem umgeschult werden können. Und das ganze dürfte die Stadt schätzungsweise 8-10 Millionen € kosten, wobei die meisten Kosten auf den Neubau an der Lüpertzender Straße (Gelände altes Zentralbad) entfallen. Und ja, die Schätzung liegt bewusst am oberen Ende der möglichen Kosten, damit niemand die kurzfristige Belastung unterschätzt. Und weil ich in solchen zahlen nicht so die große Erfahrung habe – da setze ich lieber vorsichtigerweise sehr hoch an. Nicht enthalten ist der eventuell anfallende Kaufpreis für das Karstadt-gebäude. Andererseits könnte das Museum von einer Stiftung übernommen werden, statt der Stadt zu Last zu fallen.

Und das wäre der aktuelle Stand meiner Ideen zu diesem Thema in unserer Stadt. Ich bin ziemlich sicher, da kommen mit der Zeit noch Details hinzu.
Über Input von rundherum würde ich mich sehr freuen.


Zum Thema Arcandor/KarstadtQuelle

Die Krise von Karstadt ist ja mal wieder in den Schlagzeilen. Dazu sollte man vielleicht anmerken: Die Krise bei Karstadt ist nicht neu.
Ganz im gegenteil, die aktuelle Krise ist bereits das dritte wirtschaftliche Nadelöhr des Konzerns in den letzten 10 Jahren. Daher kann auch das geforderte Darlehen über 860 Mio. € die Kette nicht mehr retten – allerhöchstens ein paar Jahre über Wasser halten. Die Krise bei Arcandor ist konstant, besserungssignale blieben aus.

Dabei liest sich die Chronik des Niedergangs durchaus interessant:
1999 gründet sich Arcandor aus der Fusion der kriselnden Marktriesen Karstadt-Schickedanz (Karstadt, Thomas Cook, Hertie, Kadewe) und Quelle (Quelle, Fundgrube). Das Unternehmen bekommt kurzen Aufwind, verändert sich abernicht wirklich und bleibt somit als Anbieter hinter der Konkurrenz zurück.
2005 werden kleine Märkte abgestoßen und einer Hertie-Neugründung zugeführt. Runner’s Point (Schuhe) und SinnLeffers (Mode) werden aus dem Unternehmen ausgegliedert – und laufen als unabhängige Ketten interessanterweise wesentlich besser. Der Food-Bereich geht an eine gemeinsame Tochter mit Rewe.
Die dritte Krise ist gekennzeichnet durch die Übergabe des Buchgeschäfts an Weltbild und in dieser stecken wir immer noch – nach 10 Jahren schlechter Geschäfte kann der Konzern nicht mehr. Ganze Marksparten werden an Dritte vermietet, Karstadt selbst reduziert sich zunehmend auf eine Tätigkeit als Immobilienmakler. Rettung ist an diesem Punkt eigentlich schon längst zu spät – Karstadt ist praktisch tot.

Nun will die Politik Geld in das Unternehmen pumpen, allein: Es wird nichts nutzen. Karstadt wird, wenn sich nicht grundlegend etwas an der Kette verändert, über kurz oder lang verschwinden.

Ein Problem ist das hier in der Stadt für Rheydt: Das Karstadt dort gehört zu den zentralen Ankerpunkten der Innenstadt .
Ich sehe 5 Szenarien, was nun passieren kann und auf die die kommunale Politik hinwirken kann. Bei einem bleibt Karstadt mehr oder weniger erhalten, bei den 4 anderen verschwindet es.
Mehr dazu nach dem Link.
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