Games: Generation des Meh

Gut, dass ich gestern doch noch was politisches geschrieben habe. Mein ursprünglicher Plan war ein Beitrag über meine Erwartungshaltung für die nächste Konsolengeneration. Jetzt kann ich stattdessen schreiben, warum die 7. Generation der Heimkonsolen im Grunde enttäuschend sein musste. Nach der 6. Generation, der wohl besten und innovativsten Zeit in der Videospieleindustrie seit den 1980ern, war es einfach fast unmöglich, etwas vergleichbares hervorzubringen.
Entsprechend kam das auch nicht.

Es gab eine Enttäuschung, mit der ich schon vorher ganz klar gerechnet hatte: Das Ende der High-End-Grafik. Oder besser, die Stagnation dieser.
De aktuelle Generation hat die Qualität der Grafik auf einen Standard gehoben, an dem die Leistungsstärke des Prozessors und Grafikchips kaum noch eine Rolle spielt. Einfach weil nur noch Titel mit Millionenbudgets die zur Verfügung stehende Rechenkraft überhaupt noch ausnutzen können. Klar, es gibt noch deutlich Potenzial nach oben, nur: Wer will das ausnutzen. Abgesehen von Crytek, die mehr spielbare Grafikdemos produzieren als Spiele. Wenn auch zugegebenermaßen sehr gute Grafikdemos.
Der Trend zeigt sich bereits seit einiger Zeit: Grafikleistung wird zunehmend bedeutungslos, der grafische Stil gewinnt an Wichtigkeit. Besonders deutlich wird das beim grassierenden Retro-Trend. Wenn Mega Man 9 & 10 oder Retro City Rampage in NES-Grafik daherkommen und unter Gamern ernsthaften Hype hervorrufen, ist das der beste Beweis für das Ende der Grafikschlacht. Es wird noch große, grafisch aufpolierte Spiele geben, aber wegen der Entwicklungskosten für solche Titel werden es nicht allzu viele sein.

Die anderen Trends sind herstellerabhängig. Also tauchen wir in die Einzelabteilungen und vergleichen die 6. mit dert 7. Generation Hersteller für Hersteller, nach der Reihenfolge der Vorstellung der jeweiligen großen Wohnzimmerkonsole.

Nintendo
Die große Legende. Nintendo ist der traditionsreichste Konsolenhersteller im heutigen Markt. Als die Wii 2006 auf den Markt kam war sie eine Revolution: Der einfache Controller mit Bewegungssteuerung und nur vier Tasten war etwas völlig anderes, als alle Konsolen bisher. Unterdessen verkaufte sich im Markt für tragbare Systeme der DS mit seinen zwei Bildschirmen (einer davon ein Touchscreen) so gut, dass Nintendo die GameBoy-Reihe einmotten konnte. Dann kam der Trend zu mehr Fitness-Spielen, auf dem Nintendo vorne mitritt. Kurzum: Mitte der 2000er definierte Nintendo Videospiele. Nicht unbedingt für die selbsternannte „Hardcore Gamer“, aber für die Massen.
Dann kam mit dem 3DS ein nettes, aber letztlich überflüssiger Nachfolger des DS. Und für die WiiU getaufte Nachfolgerin der Wii nahm Nintendo kurzerhand alle Innovationen der letzten Generation zurück und ersetzte sie durch den klobigsten Controller seit langem (fast so schlimm wie jener des Nintendo64).
Dabei hätte es so einfach sein können: Nintendo hätte als letzter Hersteller ohne HD-Auflösung eine grafisch leistungsfähigere Wii bringen können. Ein Gegenstück zu den Erfolgen/Trophäen der anderen Hersteller dazu und fertig. Mehr wollte niemand, zumindest niemand in der Zielgruppe von Nintendo – die Wii war ein einmaliges und vielfältiges Konzept, das etliche Jahre hätte überdauern können.

Microsoft
Die Xbox 360 war eine feine, aber von technischer Anfälligkeit geplagte Konsole. Microsofts Versuch, als erster die neue Konsolengeneration zu starten, funktionierte, brachte aber Probleme wie desaströse Ausfallraten der Geräte mit sich.
Die große Innovation der 360 waren die Erfolge, ein System, bei dem Spiele Punkte für bestimmte Leistungen vergaben, die dann in einem alle Spiele übergreifenden System zusammengezählt und aufgelistet wurden. Da die Erfolge als Gamerscore zugleich die menschliche Sammelwut als auch den Wettbewerb unter Spielern förderten. Das war Kleinkram, aber im Endeffekt überraschend wichtig. Wichtig genug jedenfalls, dass Sony sich veranlasst sah, es für die PS3 zu kopieren. Xbox Live war zu seiner Einführung ein ziemlich guter Online-Service, den damals niemand sonst zu bieten hatte.
Die neue Xbox One kann Skype, Kamerasteuerung, Sprachsteuerung… im Grunde all das, was eine Xbox 360 mit Kinect auch kann, nur einen Tick besser. Der Controller, der mE wichtigste Bestandteil jeder Konsole, ist funktional mit jenen der Xbox und Xbox 360 identisch. Sie hat etwas mehr Leistung, aber siehe Einleitung des Artikels. Das ist die Art von Update, die man sonst nur von Apple kennt, mit dem Unterschied, dass Apple sowas im Jahresrhytmus bringt, weshalb die Trippelschritt-Innovation dort zumindest gut begründbar ist. Oh, und man kann beim Zocken Fernsehn kucken. Weil das so toll gleichzeitig funktioniert, sich auf einen Film konzentrieren und Noobs pwnen.
Die Xbox One ist im Grunde ein SmartTV mit zusätzlicher Videospielefunktion. Oder mit anderen Worten ein PC für den fernseher. Äh ja, danke, einen PC habe ich schon – allerdings keinen Fernseher, meine Konsolen laufen über Konverter auf einem Computermonitor und ich habe kein Interesse am in Deutschland verfügbaren TV-Programm. Vielleicht würde ich das Ding kaufen, wenn ich damit (endlich!) in Deutschland BBC One empfangen könnte. England hat nämlich im Gegensatz zu Deutschland gute Öffentlich-Rechtliche Programme, für die ich Geld zu zahlen bereit wäre.
Nur eines ist gelungen: Es gibt jetzt auch spieleübergreifende und dynamische Achievements. Das ist toll, ich mag Achievements.
Alles in allem bin ich von der X1 nicht wirklich enttäuscht – das Englische hat den schönen Begriff „underwhelmed“, was sich in etwa übersetzen lässt mit „nicht so begeistert wie ich zu sein erwartet hatte“.
Übrigens: Hässlich finde ich sie nicht unbedingt. Langweilig, ja, aber nicht hässlich.
PS: Hier ist ein Konterunkt zur One beim ElJoel

Sony
Sony sollte mich besser überraschen.
Der dritte im Bunde hat mit seinen ersten beiden PlayStations zwei technisch schwache und innovationsarme Systeme in den Ring geworfen, die von beachtlichem Marketing und Software getragen zu Bestsellern wurden. Mit Ausnahme des EyeToy hat Sony nie eine eigene Innovation ins Feld geführt (okay, zwei Analog-Sticks statt einem).
Dann kam die PS3 und plötzlich hatte Sony die stärkste Konsole im Ring. Sony hat einige Fehler gemacht, das frühe Verbot von 2D-Titeln auf seiner Maschine etwa hat ganze Genres der Konkurrenz in die Arme getrieben (wer hätte je gedacht, dass die Xbox die beste Konsole für meine heissgeliebten japanischen Shmups wird?) und der Start der Konsole ging völlig in die Hose (Riiiiiiiiiidge Racer!). Aber alles in allem hat Sony viel richtig gemacht – die Achievements kopiert und dabei mit seinen Trophäen noch übertroffen (einfach nur Punkte? Pah, unsere Punkte sind verschieden gut!), einen Online-Service hervorgebracht, der Xbox Live locker in die Tasche stecken konnte (vom Wii-Channel schweigen wir hier mal) und eine überaus leckere Software-Bibliothek zusammengestellt, die zu weniger als 90% aus Shootern und immergleichen Rennspielen bestand.
Die PS4 bekommt ein paar Gimmicks wie das von der PS Vita bekannte Touchpad am Controller, verändert sich aber wenig.
Die Sache ist die, dass wir noch nicht viel über die PS4 wissen. Es könnte eine ebensolche Enttäuschung sein wie die Xbox One. Es könnte noch mit einer neuen Idee aufkommen, das wäre allerdings extrem untypisch für diesen Konzern. Vorerst bleibe ich skeptisch, dass Sony nach den beiden Gurken der Konkurrenz mit etwas großem auftrumpfen kann. Und wehe, die Überraschung sind wieder proprietäre Speicherkarten mit Preisen von 60 € für 12 GB wie bei der Vita.

Fazit
Die 6. Generation der Videospielkonsolen hätte problemlos die vorerst letzte bleiben können, die bis zur 7. noch 5-6 Jahre gelaufen wäre, vielleicht ergänzt um eine Wii HD.
Alle drei Konsolen zeigten durch Aktualisierungen und neue Hardware mitten in ihrer Lebenszeit das Potenzial, als Plattform ewig weiterzulaufen. Die letzte Generation war gefüllt mit Innovationen vor allem bei den Controllern, besonders bemerkenswert hier Kinect und WiiMotion Plus. Wie wir jetzt sehen, scheint jede weitere Innovation entweder marginal (Xbox One) oder konterproduktiv (WiiU) zu sein.
Mein Abschlussgedanke: Die Zeit war einfach noch nicht reif.


eBook-Land Woche 33

Bücher im Verkauf: 5 | Eigene: 2 | Einkünfte: 172,20 € | Händler: 6

In eigener Sache
Ich hatte ja bereits angekündigt, die übrigen Bände von Meilensteine der Evolution näher beieinander zu veröffentlichen. Ich habe nun entschieden, daraus eine kleine Aktion zu machen: Die restlichen Bände und die Aktualisierung von Feuchten Fußes werden alle gleichzeitig Anfang Juli erscheinen. Okay, logistisch keine kleine Aktion, wir sprechen hier immerhin von 10 eBooks (11 mit dem Sammelband), aber ich will genau diese Aktion auch offensiv als kleinen Event nutzen.
Ausschlag gaben hierfür zwei Umstände: Zum einen will ich möglichst bald den Weg frei haben für andere Projekte um eventuell später mit einer zweiten Staffel zu der Serie zurückzukehren (das sieht übrigens inzwischen sehr wahrscheinlich aus). Zum anderen will ich nicht, dass Leser am Ende enttäuscht sind, wenn sie die ganze Serie einzeln kaufen und dann sehen, dass es noch einen Sammelband gibt. Da der Sammelband die Leser weniger kostet als alle Bände zusammen (9,99 € statt 13,41 €) und mir zugleich mehr bringt (6,79 € statt 4,59 €) macht es für alle beteiligten Sinn, den Sammelband zugleich anzubieten. Wer nur einen einzelnen Band der Reihe will oder einen als Kostprobe kauft (ein Einzelband plus Sammelband ist immer noch etwas billiger als die ganze Reihe), kann dies auch weiterhin tun. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.
Die beiden bisher namenlosen Bände erhalten übrigens die Titel Geschwinden Gleitens (Fliegende Reptilien des Perm) und Kraftlosen Keuchens (Massensterben am Ende des Perm). Nicht meine schönsten, aber ich werde nicht für diese zwei Bände das schöne Muster der übrigen Serie aufbrechen.

Danach gehe ich erstmal an meine beiden Kurzgeschichtensammlungen – eine in Deutsch, eine in Englisch, jeweils mit eigenen Geschichten (und Gedichten), die in der jeweiligen Sprache entstanden sind. Die Texte fallen ohnehin grade an, während ich meine ganzen alten Blogs aus den letzten 14 Jahren auf thomasdiehl.eu zusammenführe und dabei sichte.

Aus der Szene
Kommen wir zur großen Nachricht der Woche für den deutschen Markt: Die gestern veröffentlichte zweite eBook-Studie des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Hier die kurze Präsentation der Ergebnisse, denn wozu paraphrasieren, wenn ich einfach einbinden kann?:

Was mich etwas erschreckt ist die große Zahl an Artikeln, welche dieDaten einfach missverstehen, verkürzen, falsch zitieren oder einfach den entscheidenen Punkt auslassen. Qualitätsjournalismus halt. Tatsache ist: Der eBook-Markt entwickelt sich mit einer Verdoppelung von 2010 auf 2011 erwartungsgemäß und der Optimismus der Verlage zum zukünftigen Marktanteil verbessert sich sogar (Seite 26 in der Präsentation). Nur die Buchhändler erwarten weniger Wachstum in ihrem Geschäft – das aber macht Sinn, denn eBooks werden ganz einfach nicht im Buchhandel gekauft, wozu auch?
Komplett gelsen haben die Studie unter den großen Medien offenbar nur die FAZ und Heise.
Erstere wagt denn auch den Schritt ins eBook-Land und bringt Zusammenstellungen von Artikeln zu wichtigen Themen als eBooks raus, ein Modell, das in den USA schon länger erfolgreich läuft. Und möglicherweise ein erster Hinweis, dass der deutsche Markt stellenweise einfach die andernorts bereits erfolgten Innovationen übernimmt und damit potenziell schneller wachsen könnte als dort, da er relativ früh einen höheren Nutzen bietet als die älteren Märkte.

Eine andere Studie, die ich sehr interessant finde belegt unterdessen, dass reine eBooks den mit Multimedia angereicherten „enhanced e-books“ überlegen sind, was die Aufmerksamkeitsbindung angeht. Wie ich immer sage: eBooks brauchen keine Gimmicks.
Anders sieht das natürlich aus, wenn man Bücher zu Videospielen macht, so wie Sony. Mit Lesen hat das natürlich wenig zu tun, aber es ist eine schöne Idee. Ich gehe nicht davon aus, dass es da mehr als, sagen wir mal, fünf Titel für gibt. Was typisch wäre für solche Sony-Innovationen in der PlayStation-Reihe.

Noch eine andere Studie präsentierte Mark Coker vom eBook-Händler Smashwords in der HUffington Post. Demnach ziehen eBook-Leser (oder zumindest die Kunden bei Smashwords) lange Bücher vor, insbesondere solche, die länger sind, als es im Printbereich überhaupt wirtschaftlich wäre. Es wird sich zeigen müssen, ob das ein statistischer Ausreisser ist oder sich als Trend erweist. Ich muss ehrlich sagen: Als Trend gefiele es mir nicht einfach weil ich relativ kurz schreibe. Es passt aber zu dem Phänomen, dass sich Serien grundsätzlich besser verkaufen als Einzeltitel.

Bleiben noch die kleineren Nachrichten: Kristine Kathryn Rusch hat sich mal dezidierter der letzte Woche schon von mir kritisierten Taleist-Studie angenommen und weist vor allem auf Unstimmigkeiten in der Erhebung hin, aber auch in der Art und Weise, wie die Leute bei Taleist aus ihren Zahlen Erkenntnisse ziehen.
Als sehr nützlich könnte sich eine geplante Plattform erweisen, auf der Autoren und Buchdienstleister (Lektoren, Coverdesigner, Marketing-Leute, Übersetzer etc.) Dienste anbieten und suchen können.
Und zum Schluss noch was zu lachen: Eine Ausgabe von Tolstois Krieg und Frieden für Nook, in der alle Erwähnungen von „to kindle“ (engl.: entzünden) durch „Nook“ ersetzt wurden.