Die 2. Internetrevolution und das Buch

Okay, jetzt, da die Arbeiten an der Blogtechnik durch sind ist es an der Zeit, den Artikel zur Zukunft des eBooks fortzusetzen. Letztes Mal ging es darum, warum enhanced eBooks ein völlig überhyptes Konzept sind. Und um Videospiele und Visual Novels als mögliche Zukunft für das Erzählen von Geschichten in der digitalen Welt. Diesmal geht es darum, wie die Medienrevolution dort, wo sie wirkt, stärker wirkt als allgemein gedacht.

Kurz zur Überschrift: Ich gehe momentan davon aus, dass das Internet (mindestens) drei Wellen von Revolution mit sich bringt. Die mit der Durchsetzung des Smartphones weitgehend abgeschlossene Revolution der Kommunikation, die laufende Revolution der Medien (MP3, eBook, Streaming) und die sich für die zweite Hälfte des laufenden Jahrzehnts abzeichnende Revolution der Warenproduktion (3D-Drucker). Durchaus möglich, dass weitere folgen, aber ich kann nicht sagen, welche. Schon die vorliegenden Revolutionen sind tiefgreifend genug, um die Zivilisation an sich für immer zu verändern – sie tun genau dies bereits.

Das mag groß klingen. Doch es ist eine nötige Denkweise, denn die bisherige Erfahrung mit dem Internet zeigt vor allem eines: Wir denken zu klein. Und die Entwicklung des Buches ist dafür ein schönes Beispiel: Dort, wo Text sinnvoll von interaktiven Möglichkeiten profitiert, bringt dies keine verbesserten Bücher hervor, es führt zur Loslösung des Textes vom Buch, zu völlig neuen Medien. Weiterlesen »


10 Jahre Baryonyx diehlii

15 minutes of fame? Pah, Kleinkram. Ich bin inzwischen bei 8 Jahren und es läuft noch.
Ausserdem habe ich einen eigenen Dinosaurier – und das sogar schon seit 10 Jahren.


Bildquelle: The Guardian

Grundlage dieser Erkenntnis ist der Artikel über den Baryonyx in der deutschen Wikipedia. Und dort der folgende Abschnitt:

Die ungewöhnlichste Theorie [zur Fortbewegung des Baryonyx – shadaik] stammt von Thomas R. Diehl. Dieser meint, dass sich Baryonyx am Gewässerboden untergetaucht mit seinen Krallen unauffällig (da ohne große Schwimmbewegungen) fortbewegte und sich so an seine Beute anschlich.

Thomas R. Diehl – der Name wird all jenen bekannt vorkommen, die zumindest hier im Impressum mal reingeschaut haben. Jupp, das bin ich.

Ursprünglich hatte ich meine Idee in einer Paläontologen-Mailingliste vorgestellt. Das war im Januar 2010.
Sie wurde damals recht klar abgelehnt, wiel die Vorderbeine als nicht stark genug dafür galten. Ausserdem wurde entgegengehalten, dass der baryonyx entgegen meiner Ausführungen nicht hydrodynamisch vorteilhaft gebaut war.
Beides bezweifelte ich und führte das darauf zurück, dass die anderen Diskutanten nicht ganz verstanden, wie ich mir die Fortbewegung des Baryonyx unter Wasser vorstellte. Ich habe dies indes nie weiter ausgeführt.

Springen wir also zwei Jahre ins Jahr 2002: Im Internet entstand ein neues Wissensportal: Die Wikipedia. Die kannte damals noch kaum einer und ich war mit einer der ersten an Bord der deutschen Variante. Neben dem Eintrag über Mönchengladbach arbeitete ich vor allem an diversen Tierarten: Schnabeltier, Hauspferd, Elefanten, Gemeiner Flugdrache, Axolotl, Flugsaurier (und weitere: Somalia, Somali, Kurd Laßwitz, Tragschrauber…).
Zu diesen Tieren gehörten auch einige Dinosaurier und darunter wiederum der Baryonyx. Und in diesen Artikel baute ich dann den obigen satz ein. Dazu muss man sagen, dass die Wikipedia noch lange nicht so bedeutend, groß oder auch nur ernsthaft wie heute war. Und ich selbst noch sehr… ambitioniert.

Im Grunde hatte ich das dann vergessen, bis mich im letzten herbst ein Bekannter anschrieb, ob ich das sei, der da in dem Wikipedia-Artikel erwähnt ist.
Und tatsächlich: Mein belegfreier Satz aus dem August 2002 stand auch im November 2009 noch unverändetr in der Wikipedia – und zwar in einer „gesichteten Version“ des Artikels – ein so genannter Experte war den Artikel also in dieser Form durchgegangen und hatte nichts zu beanstanden. Noch nicht einmal eine Nachfrage im Diskussionsbereich für die Quelle zu dieser Aussage. Das erstaunte mich dann doch.

Nunja, letztendlich habe ich den Satz gestern vormittag dann gelöscht.
Ein sehr hübsches Detail an der Sache: ich habe heute mehr recht als damals. Aber dazu später mehr in einem eigenen Artikel.

Übrigens nicht meine einzige Erfindung in der Wikipedia, die sich jahreang gehalten hat. Wer die andere findet, kriegt 15 Gummipunkte, ansonsten gibt es die Auflösung dieses Wochenende hier im Blog.

PS: Die Spezies heisst natürlich immer noch Baryonyx walkeri. Aber es ist jetzt quasi mein Dinosaurier, weil meine Darstellung des Tiers sich so lange in der Wikipedia gehalten hat. ;-)


11. Türchen 2009

Es ist Dezember und weil ich von einem Pizza-Anbieter einen Adventskalender mit Schokolade als Werbegeschenk bekommen habe, werde ich für jedes Türchen einen Blogeintrag schreiben. den 1. Dezember habe ich verpasst, da war ein Flugzeug drin.
Was in den Beiträgen drin ist? Woher soll ich das vorher wissen?

11. Dezember: Tannenbaum
Blogkonversion: Noch etwas Musik

So, nach einem englischen nun mal ein deutsches Weihnachtslied, damit mir keiner Anglisierung und ähnlich garstige Fremdwörter unterstellt.

O Tannenbaum

Nachtrag
Spannend, die Wikipedia-Artikel deutsch/englisch zum Lied zu vergleichen.
Allein schon die Wahl der Illustration spricht Bände. Interessant auch der in der englischen Wikipedia vorhandene Hinweis auf die Favorisierung des Liedes durch die Nazis, der in der deutschen Version fehlt. Wer mal exemplarisch schauen will, was bei der deutschen Wikipedia falsch läuft, sehe sich das einfach mal an und lese sich dann noch die Diskussionsseite zum Artikel durch, in dem sich ein gewisser Mauki zeigt, der das Prinzip eines Wiki offenbar nicht verstanden hat und sich aufregt, dass ständig andere in „seinem“ Artikel rumschreiben.


de.wikipedia.org: Eine Motzschrift

Die deutsche Wikipedia. Hort für profilierungssüchtige Wichtigtuer, die zeigen wollen, wie toll sie sind.
Nun gut, das Risiko war von Anfang an bekannt, aber damals meinte man die Verfasser der Artikel. Statt dessen hat es aber die Moderatoren und Admins erwischt – zumindest in Deutschland.

Einen Moderatoren der deutschen Wikipedia hat man sich als Dampflok vorzustellen, die immerzu gradeaus über ein Gleis prescht.
Dies allerdings eben stets nur gradeaus. Nun könnte man meinen „Gut, ignoriert die Lok die Weichen halt, ist ja weit und breit kein anderer Zug, mit dem sie zusammenstoßen könnte“ – aber sie ignoriert die Weichen nicht einfach. Wenn die Moderatorenlok eine Weiche passiert, so biegt sie sie grade oder schmilzt sie gleich ganz ein. Aus ihren Auslässen zischt der Dampf dabei aus dem Kessel, man vermeint den Qualm leise ein „Relevanzkriterien“ oder auch „Neutralität“ zu flüstern – wenn es richtig laut wird auch mal ein „Eigenrecherche“ oder ähnliches.

Das wäre dann der Löschwahn. Es ist unglaublich, was die Wikipedianer alles für löschenswert halten. MOGIS zum Beispiel, einen der wichtigsten Konterakteure in der Internetsperrendiskussion.
Aber zur bloßen Löschwut hat Fefe schon einen besseren Kommentar geschrieben, als ich es hier auf die Schnelle kann:

Liebe Wikipedia-Forenblockwarte. Laßt mich als Friedensangebot mal ein häufiges Mißverständnis aufklären, dem auf Wikipedia immer wieder Blockwarte zum Opfer fallen. Das Relevanzkriterium bezieht sich nicht darauf, ob ihr oder irgendjemand einen bestimmten Begriff für relevant haltet. Sondern ob der Text, der da zu dem Begriff steht, relevant für die Erklärung des Begriffes ist.

Denn das ist das schöne bei einem Wiki. Niemand erleidet einen Schaden, wenn noch ein weiterer Eintrag dabei ist. Es gibt kein Buch, was dann zu dick zum Herumtragen würde. Es gibt keine Elektronen, die alle werden. Und nur weil ihr einen Begriff nicht kennt, heißt das noch lange nicht, dass der auch für die andere Milliarde Internetnutzer irrelevant ist. Wer sich diese Entscheidung über andere anmaßt, hat den Beruf verfehlt und hätte doch Heiseforentroll bleiben sollen.

Ein Hinweis sei noch ergänzt: In der englischen Wikipedia gibt es das in diesem Ausmaß nicht. Im Gegenteil, dort finden sich völlig selbstverständlich eigene Artikel beispielsweise zu praktisch jeder Comicfigur der 40er Jahre. Und hat ein solcher Artikel mal ein deutsches Gegenstück, so ist der englische um Längen besser (ich benutze die deutsche Wikipedia eben deshalb schon lange so gut wie nicht mehr).

Viel interessanter ist die Selektivität. Diese geschieht nach mehreren Kriterien:
1. Naturwissenschaft vor
Es ist auffällig, wie wenig bei den Naturwissenschaften gelöscht wird. Noch weniger bei der Mathematik, wo wirklich jeder nur für kleinste Sondergruppen relevante Kleinkram drinstehen darf – und das noch dazu in einer Kürze, die anderswo gleich Protest auslösen würde.

2. Rechts vor Links
Die Verkehrsregelgrundlage gilt auch in der Wikipedia – man vergleiche mal eine beliebige linke Persönlichkeit mit einer etwas prominenteren Unionsfigur – „Kritik“-Abschnitte bei konservativen Politikern sind eine seltenheit, während man einen linken Politiker, der diesen Abschnitt nicht aufweist, erstmal finden muss.

3. Neutralitätswahn
Das ist kein Wikipedia-Phänomen, sondern ein mehr oder weniger deutsches: es gibt offenbar ernsthaft Leute, die glauben, man könne beliebige Sachverhalte neutral darstellen. Mal ehrlich: Wer kommt auf so einen Schmarn?
Zumal die Wikipedia ja ständig davon spricht, eine Enzyklopädie zu sein. Eine Enzyklopädie aber ist ein politisches Werk – gemeint ist wahrscheinlich ein Lexikon (beides ist in englisch eine encyclopedia), das aber ist die Wikipedia ganz einfach nicht, da ein Lexikon sich durch den schnellen Überblick auszeichnet, Wikipedias Anspruch abe rin ausführlicher Information besteht.

4. Internetunverständnis
Es gehört zu den großen Ironien der Weltgeschichte, dass die Wikipedianer das Internet nicht zu verstehen haben scheinen. Beispielsweise hat die Wikipedia praktisch unbegrenzt Platz für neue Artikel – woraus folgert, dass eine Löchung nur erfolgen sollte, wenn es dafür gute Gründe gibt. Denn, um Fefe nochmal zu zitieren:
Mein Anspruch an die Wikipedia ist, dass ich, wenn mir jemand von Tschunk erzählt, bei der Wikipedia nachschlagen kann, was das eigentlich ist. Oder wenn mir einer von MOGIS erzählt. Genau wie ich das machen kann, wenn mir jemand von Anonymous erzählt.

Und wisst ihr was: In der englischen Wikipedia funktioniert das auch. Sogar mit Tschunk.

Erstaunlich ist auch, dass die Wikipedia Blogs nicht als Quelle akzeptiert – das gilt zwar auch bei anderen Sprachversionen der Wikipedia, dort aber nur bis zu einer gewissen Grenze.
Wenn ein Artikel sich zum Beispiel um einen Politiker dreht, der ein Blog hat, so wird dieses Blog selbstverständlich als Quelle gelten. Hierzulande undenkbar, bevor nicht eine Tageszeitung o.ä. ihrerseits den Blogeintrag übernommen hat.