Postsedative Wohnwelten

Unsere Welt ist voll von Konzepten, ausserhalb derer wir nicht denken können. Meist keine expliziten Ideen, sondern Dinge, die sich zwangsläufig aus unserem Lebensstil, unseren Verhältnissen, unserer Biologie und anderen Faktoren ergeben. Sichtbar sind diese Dinge oftmals nur für jene, die sich als nonkonform verstehen – ob mit Absicht oder eher beiläufig als Folge ihrer Art, die Welt zu sehen. Für alle anderen werden sie erst sichtbar, wenn neue Entwicklungen das alte sinnlos machen.
Und damit kommen wir zum Thema dieses Beitrags: Die Selbstverständlichkeit der Sesshaftigkeit.

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Erfindung der Sesshaftigkeit, also des Wohnens an festen Standorten. Mit der Landwirtschaft entstehen die Landwirte, welche ihre Felder das ganze Jahr durch bewirten und Häuser bauen, um jahreszeitlich wechselndem Wetter und anderen Herausforderungen des sesshaften Lebens zu widerstehen.
Die Abende finden nun in den sicheren Häusern statt, Zeit, die zuvor zum Wandern und Wachehalten benötigt wurde, wird für andere Aktivitäten frei. Und mit dem neuen Phänomen der Freizeit beginnt das Zeitalter der Erfindungen, denn plötzlich ist viel Zeit zum Denken frei. Und so kommt es, dass die Völker der Erde in jener Reihenfolge als kulturell-technologische Kräfte in den Geschichtsbüchern auftauchen, in der sie sesshaft werden (von den Mongolen abgesehen). Zunächst war der ideale Mensch der Häuslebauer, dann der Bürger (Bewohner einer Burg).
Wenn Sesshaftigkeit so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, so sehr ihre Grundzutat ist, erklärt das, warum wir an ihrer Selbstverständlichkeit so selten etwas seltsam finden. Zwar gab es immer Völker, die nicht oder weniger sesshaft waren, doch diese ignorierten wir meist, erklärten sie für primitiv und/oder entwicklungsbedürftig.

Bis heute hat sich das zu einem unterschwelligen Extrem entwickelt. Unsere Vorstellung von Stadtentwicklung ist oft davon geprägt, dass wir Menschen als Bewohner von Häusern verorten und den Raum zwischen den Häusern einzig als Verkehrsfläche betrachten, die dazu genutzt wird, von einem Haus zum nächsten zu gelangen. Wir kennen es in seiner massentauglichsten Variante als die Idee von der „autogerechten Stadt“.
Es ist die Allgegenwart des menschen-leben-in-Häusern-Denkens, die Ansätze wie jene von Jan Gehl so revolutionär erscheinen lassen, der Städte für Menschen bauen will. Städtte, in denen Menschen ausserhalb ihrer Häuser leben.

Doch genau in jener Zeit, als die Idee autogerechter Städte aufkam, ging bereits eine Saat auf, die das Ende der Sesshaftigkeit bedeuten konnte. Es war die Grüne Revolution. Diese hat trotz des Namens wenig mit den Grünen zu tun. Es handelt sich um die Industrialisierung der Landwirtschaft.
Plötzlich brauchte es viel weniger Menschen in der Feldarbeit. Doch die Arbeitswelt basierte auf sesshaften betrieben und verfügbaren Dienstleistungen, alles war auf Sesshaftigkeit ausgelegt. Arbeit, Kommunikation, Gesetze, alles erschwerte ein Leben ohne festen Wohnsitz, alles war auf der Norm aufgebaut, dass ein zivilisiertes Leben ohne einen solchen nicht möglich sei. Es gab kein Ausbrechen aus dieser Norm ohne ein völliges Ausbrechen aus der menschlichen Gesellschaft.
Aber es gab Spuren davon: Das Auto kam und mit ihm etwas Neues: Der Berufspendler. Heim und Arbeitsplatz trennten sich, ein niederschwelliges Nomadentum wurde zur Norm.

Und dann kamen die späten 1980er. Auf den Schulhöfen der westlichen Welt (und Japans) erschien der Vorbote einer Revolution.

Viva la Pling-Geräusch-olucion!


Wie gesagt: Vorbote.

Es kam das Zeitalter der mobilen Technologie.
Innerhalb weniger Jahrzehnte erschien Technologie, die es ermöglichte, unterwegs auf seine Arbeit zuzugreifen. Zugegebenermaßen galt das nur für Büroarbeit, aber diese wurde etwa zeitgleich zur dominanten Form von Arbeit. Laptop, mobiles Internet, Smartphone… das digitale Nomadentum wurde eine echte Option für Menschen in Bürojobs oder der Kreativwirtschaft. Unsere Besitztümer werden zunehmend digitaler – Filme, Bücher, Musik, Spiele, alles ist digital und wird über das Netz bezogen. Und wenn unsere Städte menschenfreundlicher werden, brauchen manche Menschen nicht mehr als ein Bett für die Nacht, das ganze übrige Leben kann draussen stattfinden – und wieso nicht jahreszeitabhängig in unterschiedlichen Klimazonen?
Das mit dem Bett ist übrigens keine neue Idee: In der Industriellen Revolution gab es Arbeitersiedlungen, in denen die Menschen nur zum Schlafen in ihre Häuser gingen, wobei die Betten von mehreren Personen abwechselnd benutzt wurden, quasi Schlafen im Schichtdienst. Dieses Wohnmodell verschwand mit der Durchsetzung menschenwürdigerer Arbeitszeiten und Löhne, aber nichtsdestotrotz ist festzuhalten, dass Menschen durchaus so gelebt haben. Und wenn sie es diesmal freiwillig tun, wieso eigentlich nicht? Die japanischen Kapselhotels bieten für eine solche Lebensweise den idealen Raum. Denn wenn man den Rest des Tages ohnehin nicht im Haus verbringt, braucht man auch nicht mehr als ein Bett.

Worauf ich eigentlich hinauswollte?
Wie unglaublich kleingeistig ich diese „Zukunftsvision“ in diesem Kontext letztendlich finde:

Das ganze Konzept basiert darauf, dass Menschen in Zukunft weiterhin ihr ganzes Leben in Häusern verbringen. Es fehlt die Reflexion einer Frage: Warum sollten sie? Zumal, wenn die Wohnungen der Zukunft so beschissene Orte zum Leben sein werden, wie hier dargestellt.


Ab ins Luftschiff

Okay, Luftschiffe.

Es gibt andere Themen in der Stadt (Bibliothek, Schulsozialarbeiter), aber die Luftschiffe kommen dazwischen, einfach weil das Bundestagswahlprogramm der Grünen ansteht und ich dieses Thema endlich einbringen will. Zur Bibliothek (und den diversen überaus ärgerlichen Falschdarstellungen diverser Medien dazu) werde ich diese Woche ebenfalls noch etwas veröffentlichen. Die Sache mit den Luftschiffen aber steht heute an, daher komme ich erstmal dazu. Zunächst der Antrag für die BDK (=Parteitag), die durch den Antrag dazukommenden Textteile sind gefettet, der Rest ist mit dem ursprünglichen Text identisch:

Die BDK möge beschließen:

Der letzte Absatz von Abschnitt 2 (Zeile 113 ff.) wird wie folgt geändert:

Die Binnenschifffahrt wollen wir fördern, wenn es ökologische und ökonomische Vorteile gegenüber anderen Verkehrsträgern gibt und sich die Schiffe den Flüssen anpassen. Als Ergänzung und Alternative zur Hochseeschifffahrt soll Deutschland an die international wieder erstarkende Entwicklung von Luftschiffen anknüpfen.
Das Wachstum des Flugzeugverkehrs ist vor allem durch die heutige Subventionierung möglich geworden. Wir wollen die Steuerprivilegien bei der Energiebesteuerung und bei der Mehrwertsteuer beenden und die Luftverkehrsteuer und den Emissionshandel ökologischer ausgestalten.

Begründung:

Weltweit werden zunehmend Luftschiffe für den Transport von Waren entwickelt. Diese können dank ihrer Flughöhe mit Solarzellen bestückt emissionsfrei elektrisch angetrieben werden und stellen somit eine ideale Alternative für die meist mit Schwerölen betriebene Hochseeschifffahrt dar. Zudem sind sie unabhängig von Wasserwegen und benötigen nur minimale Einrichtungen zum Landen. Große Eingriffe in die Natur wie Kanalbau, Flussbegradigung und Gewässervertiefung sind für den Aufbau von Transportrouten nicht nötig. Sie teilen mit der Schifffahrt die gegenüber dem Flugzeug niedrigeren Transportkosten, können aber zugleich etwas schneller zum Zielort kommen als Schiffe, da sie in vielen Fällen einfach geradeaus über das Festland fahren können.
Moderne Luftschiffe können im Betrieb klimaneutral, sicher und zuverlässig arbeiten. Deutschland war einst Weltmarktführer im Luftschiffbau, viel Wissen über diese Fahrzeuge ist heute noch vorhanden.
International sind es vor allem die Militärs, die an Luftschiffen als Versorgungsfahrzeuge für unwegsames Gelände arbeiten. Dem sollten wir zivile Nutzungen im Frachtverkehr und der Anbindung der Entwicklungsländer entgegenstellen.

Strenggenommen fliegen Luftschiffe nicht, sondern fahren. Dennoch sollte „Flugverkehr“ durch „Flugzeugverkehr“ ersetzt werden, um einen scheinbaren Widerspruch in diesem Absatz zu vermeiden.

Die erste Frage, die sich hier stellt ist natürlich: Welche Probleme soll das lösen? Die Begründung im Antrag gibt ein wenig Einblick, aber ich will das hier etwas weiter ausführen.

Luftschiffe stehen als Verkehrsmittel in direkter Konkurrenz zum Schiffsverkehr. Eine Alternative zum Flugzeug sind sie schon wegen ihrer geringen Geschwindigkeit nicht, sollen sie aber auch gar nicht sein. Der Großteil der Waren, die heutzutage international verschickt werden gehen immer noch über die Schifffahrt um die Welt. Flugzeuge sind für die meisten Waren als Transportmittel ganz einfach zu teuer und werden daher fast nur dann für Warenverkehr eingesetzt, wenn schneller Transport unbedingt benötigt wird (weltweit beträgt der Anteil der Luftfracht am Güterverkehr etwa 2%, in Deutschland 0,1%). Die wenigen Bereiche, in denen Flugzeuge angewendet werden haben so spezifisch auf das Flugzeug zugeschnittene Bedingungen, dass das Luftschiff hier gar nicht konkurrieren kann.
Geschwindigkeit und Art der transportablen Waren entsprechen vielmehr der Schifffahrt.

Der Warenverkehr mit Schiffen bringt mehrere Probleme mit sich, die gerne ignoriert oder übersehen werden, weil Schiffe nur selten durch die Innenstädte fahren oder sie überfliegen. Wo sie es tun, sind sie oft relativ unproblematisch,w eil Binnenschiffe recht stark reguliert werden.
Frachtschiffe auf hoher See werden dagegen gern mit billigem Schweröl betrieben. Kurzgesagt ist in Schweröl fast all der Dreck aus dem Rohöl, der bei der Produktion von Benzin und Diesel herausgefiltert wurde und nicht im Asphalt gelandet ist. Oder anders gesagt: Schweröl ist destillierte Scheisse, sein Verbrennungsprodukt ein lustiger Cocktail aus Russ, Gift und CO2. Im vergleich zu den von usn Grünen gerne bekämpften Flugzeugen sind Schiffe das größere Problem. Das Problem mit den Havarien mal ganz aussen vor gelassen.
Daneben bereiten die Schiffsmotoren auch Probleme für die Wale.
Diese Probleme, insbesondere der Treibstoffverbrauch, lassen sich lösen und an Lösungen wird gearbeitet. Hier sind Luftschiffe ein Lösungsansatz von vielen.

Der wesentlich größere Punkt sind die Wasserstraßen: Schiffe benötigen Wasser, das dürfte niemanden überraschen.
Das hat zwei Konsequenzen: Zum einen können sie keine Hindernisse passieren, sie müssen diese umfahren. Und wenn dieses Hindernis beispielsweise der afrikanische Kontinent ist, kann das ein ziemlicher Umweg werden. Luftschiffe sind nicht auf Wasserwege angewiesen. Hohe Gebirge müssen auch sie umfahren, aber dennoch kommt man direkter von – sagen wir mal – Moskau nach Baikonur, oder München nach Timbuktu.
Um das Problem ein wenig zu entschärfen werden seit Jahrtausenden Kanäle gebaut und Flüsse vertieft und begradigt. Das sind zum Teil gewaltige Eingriffe in die Natur, seien es die direkten Probleme einer Flussvertiefung wie an der Elbe oder das Problem der Einwanderung fremder Arten durch Verbindung einst getrennter Meere.
Aber auch abseits ökologischer Aspekte gibt es Probleme – die Maßnahmen sind extrem teuer und bringen politische Probleme mit sich. Der Panamakanal ist immer mal wieder ein Zankapfel zwischen den USA als quasikolonialem Besitzer und Panama als Standort. Und ab und an drohen geopolitisch vorteilhaft gelegene Staaten auch mal mit der Blockade internationaler Wasserwege, die recht einfach vorzunehmen ist, weil Schiffe nicht mal eben über Land ausweichen können, wenn ein Kanal zu oder von Piraten besetzt ist.
Die Landeeinrichtungen sind auch ein Punkt: Ein für Hochseeschiffe geeigneter Hafen ist ein teures Großbauprojekt, das selbst in erfahrenen Hafenstädten der industrialisierten Welt wirklich übel schiefgehen kann. Zum Landen eines Luftschiffes braucht man genug freien Platz, einen Ankermast, zwei Fluglotsen und zwei Leute, die Seile festmachen (die können aber auch Teil der Schiffsbesatzung sein, sind also nicht zwingend Teil des Landeplatzes). Das ist insbesondere für die Versorgung von Entwicklungsländern sowie für die kostengünstige Umrüstung der hierzulande reihenweise pleitegehenden Kleinflughäfen (zB Mönchengladbach) interessant.

Natürlich gibt es heute Luftschiffe. Das meiste sind die bekannten Werbeballons, die übrigens auch erfolgreiche Karrieren als Spionagegefährte für Israel und die USA leisten.
Weltmarktführer für „richtige“ Luftschiffe ist noch Deutschland mit der Traditionsfirma Zeppelin, die auch in den USA herumfahren und einen Vertrag geschlossen haben, die berühmte Werbeflotte von Goodyear teilweise durch Zeppelin NT zu ersetzen.
Andere Unternehmen waren nicht ganz so erfolgreich, aber wenn man die Ergebnisse sieht, die die Cargolifter AG auf dem Weg erreicht hat – die Errichtung der größten freitragenden Halle der Welt und der Bau mehrerer kleiner Luftschiffe zu Versuchs- und Ausbildungszwecken – wird klar, dass das Projekt bei besserem Management, realistischerer Zielsetzung mit kleineren Dimensionen zum Start und mit daraus resultierend mehr Zeit durchaus ein Erfolg hätte werden können.

Unterdessen hat die US Army vor zwei Monaten den ersten Testflug eines neuen Typs von Luftschiff durchgeführt, mit einem wesentlich größeren Modell für den Frachteinsatz in der Entwicklung.
In einer Welt, in der Treibstoff immer teurer und Klimaschutz immer wichtiger wird und die sich zugleich immer weiter globalisiert, sind Luftschiffe ein wichtiger Schritt zu einem zukunftsfähigen und krisensicheren Transportwesen. Kein anderes Land hat so viel technisches Wissen in diesem Fahrzeugsegment wie Deutschland. Warum sollte es dieses nicht nutzen?

Die Idee mag fremdartig erscheinen, gewagt und herausfordernd. Aber was soll das denn auch für eine Zukunft sein, die nicht mehr ist als die Gegenwart mit einer neuen Jahreszahl im Kalender? Wenn wir nichts verändern wollen, können wir auch gleich aufhören, in irgendeiner Form Politik zu betreiben, denn dann reicht es, wenn wir schlichtweg nichts tun.
Es ist Sinn und Zweck von Politik, die Zukunft zu gestalten oder zumindest zu beeinflussen, sodass die Gegenwart eine bessere ist, wenn sie diese Zukunft erreicht. Denn das wird gerne vergessen: Die Zukunft ist nichts weiter als die Gegenwart, die noch kommt und in der wir oder unsere Nachfolger einst leben werden.


eBook-Land Woche 32

Bücher im Verkauf: 5 | Eigene: 2 | Einkünfte: 154,82 € | Händler: 6

In eigener Sache
Dieses Cover ist Müll! hat mit einigen kleinen Korrekturen und Aktualisieurngen nunmehr Verisonsnummer 3.0.2 erreicht und war zu diesem Anlass am vergangenen Freitag kostenlos zu haben. Das Ergebnis ist dabei wesentlich schlichter als damals bei Feuchten Fußes: 237 Exemplare wurden am Freitag geladen, 3 seitdem verkauft (darunter mein erster Verkauf in Spanien). Dazu kommen noch 11 Stück, die nach dem Ende der Gratis-Aktion als kostenlos gezählt wurden. Ich vermute, das ist ein Darstellungsfehler und diese sind noch in der kostenlosen Zeit bestellt, aber erst später zur Statistik gezählt worden. Ich habe dennoch Amazon dazu kontaktiert, vielleicht steckt ja noch Geld drin ;-) .
Ein Erfolg, den ich bei der anderen Aktion dafür nicht hatte, waren gleich zwei hervorragende neue Bewertungen des Buches. Die erste davon kam während der Aktion bei xtme, einer Seite, die regelmäßig kostenlose Amazon-eBooks sammelt und die besten (sowie ein richtig schlechtes als Warnung) verlinkt (also etwa das, was eBooksfuerlau bei Twitter macht).

xtme in seiner Liste guter kostenloser eBooks: Dieses eBook ist KEIN Müll! Im Gegenteil, mir gefällt die konstruktive und detaillierte Herangehensweise des Autors an ein Thema, das jedem, der mal bei Amazon in den eBooks recherchiert hat, begegnet ist: schlechte und unleserliche Cover. Falls Sie sich mit dem Gedanken tragen, ein eBook für Kindle zu veröffentlichen: lesen Sie dieses eBook! (Viele Abbildungen, 704 Positionen, 59 Normseiten, 3,99 € Normalpreis)

Dazu kam gestern noch eine Rezension auf Amazon.de selbst, wenn ich das A. richtig aufdrösel von SF-Autor Ava Felsenstein. Diese sind besonders wertvoll, weil sie dort für die Kunden sichtbar sind und vor allem die Sternwertung erscheinen lassen, die somit jetzt bei fünf Sternen liegt:

Hätte ich dieses Buch doch schon viel früher gelesen…
.. wird sich so mancher Leser dieses Ebooks sagen, welcher ebenfalls veröffentlicht hat und nie ganz mit seinem Cover zufrieden war. Eine Fülle guter Tipps, Anleitungen und Wegweiser sind hier zusammengetragen.(…)

Ich drücke dem Autor die Daumen, dass noch viele Autoren im Selbstverlag und andere Leser zu diesem Konzentrat an Wissen greifen und ihm die gerechtfertigten Platzierungen noch lange erhalten bleiben bzw. sich noch verbessern werden!

Wenn ich jetzt die nette Erwähnung bei Eileen Janket mitzähle, sind das drei positive Kritiken – drei mehr als bei Feuchten Fußes, welches bis heute die doppelte verkaufte Auflage aufweisen kann, es aber nur auf einen erfreulichen aber eher beiläufigen Hinweis im Manager-Magazin gebracht hat. Ich vermute, Ratgeber werden einfach häufiger bewertet als Sachbücher, da sie leichter nach Praxistauglichkeit benotet werden können. Für mich eine interessante Erkenntnis.
Die nächste Überarbeitung des Titels wird dann wohl wieder etwas größer sein – mit Version 3.1 ist dann im Spätommer zu rechnen, wenn nichts wichtiges dazwischenkommt.
Die zweite Auflage von Feuchten Fußes (also Version 2.0) nähert sich unterdessen ihrer Fertigstellung. Etwas später, als geplant, aber dafür wird das Buch auch merklich an Umfang zulegen.

Freundliche Hinweise
Wilhelm Ruprecht Frieling stellt seine Autobiografie Der Bücherprinz oder: Wie ich Verleger wurde noch bis zum 31. Mai kostenlos zum Download. Frieling ist eine recht ungewöhnliche Figur in der deutschen Verlagsszene und unter anderem dafür verantwortlich, dass das Konzept der Zuschussverlage hierzulande populär wurde. Das liest sich locker und amüsant, auch wenn man vom Konzept des Zuschussverlages (ursprüngliche Kernfunktion eines Verlages ist ja eigentlich grade die Finanzierung von Werken) wenig hält.
Mein Eindruck bisher: Der Text ist offen und durchaus auch selbstkritisch. Natürlich als Autobiografie nicht abschließend. Ich bin allerdings ein eher langsamer Leser und daher kann ich noch nichts zum Abschluss sagen. Einer der Gründe, warum ich praktisch nie Rezensionen schreibe (und Hörbücher mit ihrer vorgegebenen Geschwindigkeit ohne parallele Beanspruchung der anderen Sinne nicht mag).

Aus der Szene
Die aktuellste, aber in gewisser Weise auch beachtlichste Meldung gleich zu Anfang: Heute morgen hat das Sat.1-Frühstücksfernsehen ein selbstverlegtes Kindle-eBook empfohlen. Sechs von Niels Gerhardt, um genau zu sein. Der Videobeitrag selbst ist hier zu sehen.
Das große Thema in den USA ist momentan eine Studie des Blogs Taleist, deren Auswertung allerdings sehr zu wünschen übrig lässt. So wird festgestellt, dass Autoren mehr Geld verdienen, wenn sie professionelle Hilfe (Lektorat, Korrektorat, Coverdesign) in Anspruch nehmen, aber nicht weiter gegraben, ob das die Ursache für die höheren Einkünfte ist oder nur eine Folge der eigentlichen Ursache. Sicherlich ein interessantes Projekt für jemanden, der Ahnung von Statistik hat.
Ein anderes Thema waren Rezensionen: Einerseits gibt es da eine Untersuchung, die zu dem Schluss kommt, dass Rezensionen verkaufsfördernd wirken – und zwar weitgehend unabhängig davon, wie das Buch bewertet wird. Andererseits nimmt das Problem gefälschter Rezensionen offenbar langsam überhand.
Amazon verschärft nebenbei die Regeln zu Spam und untersagt künftig auch die Nutzung von frei im Netz zugänglichen Inhalten, sofern es sich nicht um eigene Inhalte oder gemeinfreie Literatur handelt. Konkret richtet sich die Regel wohl gegen die zahlreichen eBooks, die nur aus abgeschriebenen Wikipedia-Artikeln bestehen.
Tony Sanfilippo beschäftigt sich mit der Frage, wie Buchläden in Zukunft aussehen könnten. Alteingesessenen Lesern dieses Blogs werden Teile des Szenarios bekannt vorkommen. Ich vermeine unterdessen, erste Tendenzen zu einem Umdenken sehen zu können – man beachte die Überschrift. An dieser Stelle ist auch erwähnenswert, dass die honorige Stiftung Lesen sich inzwischen deutlich hinter Selbstverleger stellt.
Ein Einzelerfolg, der nicht verschwiegen werden sollte ist natürlich Fifty Shades of Grey, jene Twilight-Fan-Fiction-Serie, die es leicht überarbeitet als wortwörtlicher Vampirporno inzwischen in die Bestsellerlisten schafft – und mit seinen beiden Fortsetzungen in den USA zwischenzeitlich 25% des Belletristikmarktes ausmacht.


Bibliothek der Zukunft

Vor einer Woche hatte ich hier von der Zukunft der Bibliothek gesprochen, orientiert an der aktuellen Diskussion in meiner mönchengladbacher Heimat. Hier nun folgt die logische Fortsetzung: Die Bibliothek der Zukunft und wie eBooks in das System passen, wenn ich es doch für einen Fehler halte, bestehende Bibliotheken auf diese Technologie umzustellen. Und da ich schon aufgrund der räumlichen Entfernung nicht zur Prototype in Leipzig kann, tu ich das hier im Blog.

Normalerweise braucht man keine örtliche Bindung, um eBooks auszuleihen. Daher ist im Grunde kein Bibliotheksgebäude nötig, was aber auch den negativen Effekt hat, dass Literatur sich aus der öffentlichen Wahrnehmbarkeit zurückzieht. Die Schaffung eines Bibliothekskonzepts ist somit Kulturförderung und seien wir ehrlich: Wirtschaftsförderung, denn Kultur ist auch ein Wirtschaftszweig. Es braucht daher ein Konzept, das eBooks lesen mit einer örtlichen Zuordnung verbindet, einen besonderen Ort für eBooks schafft. Zugleich kann es ein Problem lösen, dass bei eBooks nicht annähernd so leicht lösbar ist wie bei Papierbüchern: Der Zugang zu Kultur auch für finanziell schlechter Gestellte.
Dieses Bibliothekskonzept ist in mehrere Ebenen gegliedert und ich geh jetzt Ebene für Ebene durch, von innen nach aussen.

1: Leseraum & lokale Leihpauschale
Der Kern des Konzepts ist die Bibliothek selbst: An die Stelle eines großen Gebäudes mit Regalreihen voller Bücher tritt ein weitläufiger Leseraum mit Couchs und Tischen. Gegen eine jährliche oder monatliche Pauschale können die Kunden hier aus dem gesamten Angebot lesen. Technisch läuft das über ein lokales Netzwerk: Im Laden gibt es einen Sender, der ein relativ kleines kabelloses Netzwerk aufbaut. Lesegeräte in diesem Netzwerk können beliebig Inhalte vom Bibliotheksserver abfragen, der diese liefert. Ob der Sender dabei die komplette Buchdatei überträgt oder immer nur eine Seite, ist relativ egal.
Im Gegenzug haben die Lesegeräte eine entsprechende Software, die die Ausleihfunktion aktiviert, sobald das Netzwerk verfügbar ist. Das Lesegerät selbst bleibt im Besitz der Bibliothek, die es ausgegeben hat, wird den Nutzern aber dauerhaft überlassen und kann bei zusätzlichen Bibliotheken registriert werden (dazu sollte ausreichend selten Bedürfnis bestehen, dass man diesen Service ruhig bieten kann). Wer will kann das Lesegerät auch kaufen.
Als Ort für eine solche Einrichtung eignen sich hervorragend die leer stehenden Plattenläden und Videotheken in den Innenstädten: Groß, geräumig, hell. Perfekt, um ein paar gemütliche Möbel zum Lesen reinzustellen. So soll ein Raum geschaffen werden, in dem man in Ruhe und fern vom Alltag (nicht jeder liest gern zu Hause, wo Familie, Arbeit und Postbote nerven können) einfach nur lesen kann. Hauptprodukt dieser Ebene sind nicht die Bücher, sondern das Lesen.

2: Mitnahmeoption
Was dieses Modell gegenüber Online-Angeboten benachteiligt ist, dass man die Bücher nicht an beliebigen Orten ausleihen kann. Hier kommt die zweite Ebene ins Spiel: Gegen einen geringen Preis (10 Cent pro Woche? 1 Cent pro Tag? Müsste man durchrechnen und auch mit dem Kaufpreis abwägen) erwirbt man das Recht, ein Buch für eine gewisse Zeit auf seinem Lesegerät mitzunehmen.
Das erfordert natürlich eine Rechteverwaltung in dem Gerät, das zeitlich begrenzte Leserechte verwalten kann. Technisch kein Problem, aber meines Wissens bisher auf dem eBook-Markt nicht vorhanden.

3: Verkauf
Zuletzt ist es auch möglich, eBooks ganz normal zum vom Autoren festgelegten Preis zu kaufen. Nach dem Kauf gibt der Server dem Verkäufer entweder eine lizenzfreie Datei des Buches oder trägt es als gekauft in die Rechteverwaltung des Gerätes ein (ersteres wäre kundenfreundlicher, letzteres hätten die Verlage lieber). Um Datenverlust bei Verlust oder Austausch des Lesegeräts zu vermeiden speichert auch die Bibliothek eine Liste der vom Kunden erworbenen Bücher. Diese Liste wird in einer gemeinsamen Nutzerverwaltung der eBibliotheken gespeichert, damit der Nutzer auch dann noch auf seine Bücher zugreifen kann, wenn er umzieht oder die Bibliothek zugemacht hat.

4: Druckerei
Verfolgen wir die Entwicklung anderer verschwindender Technologien wie der Schallplatte, dem Bogenschießen oder der Fortbewegung per Pferd, findet sich ein gemeinsamer Trend: Die bisher normale Technologie wurde zu einem Sport oder Hobby, für das enorm viel Geld ausgegeben wird. Diesen Trend kann man im Buchbereich von vorneherein nutzen.
Ganz in der Tradition der alten Verlagsbuchhandlungen verfügen diese Bibliotheken der Zukunft über genau jene Gerät, dessen Untergang viele momentan vorhersagen: Eine Druckmaschine. Die alten Berufsbilder des Buchdruckers und Buchbinders erleben einen Wiederaufschwung durch die Herstellung handgefertigter gedruckter Editionen der zum Standart gewordenen eBooks. Diese Sparte existiert jetzt schon – gibt man ihr den gewaltigen eBook-Markt als Inhalt für ihre Produkte an die Hand, kann sie nach langem Siechtum wiederkehren. Es wird nicht viele Drucker geben, vielleicht zwei-drei in einer großen Stadt, aber sie werden einmalige Produkte bieten und entsprechend teuer verkaufen können für ein exklusives Publikum. Jenseits eines kollektivistischen Verlagswesens, das zunehmend als überflüssiger Wirtschaftszweig verschwindet werden sie individuelle Schmuckstücke fertigen.

Gesamtbild
Und das ist dann die neue Bibliothek: Ein großer Lesesaal mit einem Server für die Bücher und einer angeschlossenen Handwerksdruckerei, die teure Printeditionen für Sammler und Liebhaber herstellt. Print existiert in den alten Papierbibliotheken und als Handwerksprodukt für jene, denen diese Spezialform eines Buches der Preis wert ist. Buchhandlungen sind zunehmend zu eBibliotheken geworden, ob das Verlagswesen überhaupt noch existiert wage ich zu bezweifeln, sofern es nicht eine stichhaltige Rechtfertigung für seinen Fortbestand findet. Und in irgendeiner Form steht jedem Leser jedes Buch zur Verfügung.
Die technischen Hürden sind gering, im Grunde geht es nur um Software, die noch fehlt. Die Hardware besteht aus einem Server, einem Kabellosnetzwerk und einem eReader pro Kunde. Wenn jemand die Möglichkeiten hat und so etwas umsetzen will, sagt mir Bescheid, ich beteilige mich gerne ideell und berichte auch gerne darüber wie das Experiment läuft.


Zukunft der Bibliothek

Es gibt vermutlich zwei Lesergruppen, die diesen Beitrag lesen: Jene, die mich als Gladbacher Kommunalpolitiker kennen und jene, die mich als Mitstreiter an der eBook-Front kennen. Jene, die an beiden Gruppen Teil haben werden sich schon wundern, warum ausgerechnet ein eBook-Mensch in der Lokalpolitik den Bau einer neuen Zentralbibliothek unterstützt.
Eine berechtigte Frage und eine, an der ich selber lange herumüberlegt habe. Emotional war mir die Sache schon länger klar: Die kleine, technisch längst veraltete Zentralbibliothek an ihrem gut versteckten Standort an der Blücherstraße in einem gradezu minoischen Einbahnstraßenlabyrinth muss Ersatz bekommen. Ein besserer Standort, geringere Energiekosten, eine bessere Präsentation dieser zentralen Kulturinstitution und nicht zuletzt auch die Möglichkeit, diverse Sammlungen gemeinsam an einen Standort zu bringen.

Rational war das schwieriger: Ich wusste, Bibliothek hatte eine Funktion in der kommenden Bücherwelt, allein welchen? Am besten bin ich, wenn ich herausgefordert werde und da kam mir dieser Artikel in der Rheinischen Post zu Gute, in der ein Doktor aus Wickrath die Modernisierung der Bibliothek fordert – und darunter die Auslagerung von Beständen in ein Archiv verstand. Jetzt hatte ich mein Stichwort, das war es, was mir fehlte. Es folgte dieser Kommentar zum RP-Artikel:

Die Hauptfunktionen einer Bibliothek sind Archivierung, Zugänglichmachung eben jenes Archivs und die Präsentation des Archivs.

Letzteres ist ein wichtiger Faktor: Es ist eine wesentliche Fnktion einer Bibliothek, Lesern Zugang zu ihnen bis dahin unbekannten Büchern zu verschaffen, auf die sie beim Aufenthalt einer Bibliothek stoßen. Ist dies nicht mehr gegeben und die Bände verschwinden statt dessen in einem Magazin, wie Dr. Bode hier vorschlägt, kann man die Bibliothek als Institution auch gleich abschaffen. Denn Bücher, die man bereits kennt, kann man auch anderswo bestellen oder auch eben als eBook kaufen oder über einen Online-Dienst ausleihen. Dafür brauche ich gar keine Bibliothek als Gebäude mehr.

Bodes Vorstoß nimmt der Bibliothek jegliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem eBook und leitet damit die Abschaffung dieser Institution ein.
Wieso soll ich einen ganzen Tag auf ein Buch warten, wenn das gleiche Online in Sekunden geht?
Wie finde ich den Großteil der Bücher (Akademika mal augenommen) und vor allem mir unbekannte Titel, wenn nicht durchs Durchschauen der Regale? Wenn das online geschieht, kann ich auch gleich dort kaufen/leihen.
Eine Bibliothek nach solchem Konzept hätte über kurz oder lang keine Existenzberechtigung mehr.

Bibliotheken müssen, anstatt Unfug wie der Virtuellen Bibliothek anzuhängen (sorry, aber wenn es virtuell ist, braucht es gar kein Gebäude jenseits eines Serverraums irgendwo auf Tuvalu), eigene Stärken und Konzepte entwickeln. Sonst werfen sie sich der virtuellen Konkurrenz zum Fraß vor.

Da sag ich jetzt mal als jemand, der sich sehr viel mit eBooks beschäftigt und auch welche herausgibt. Für mich sind eBooks die Zukunft des Buches.
Ein blindes Aufspringen auf diesen Trend aber, kann dazu führen, dass man – wie meines Erachtens hier – die Konkurrenzfähigkeit durch mangelnde Profilierung verliert und sich so selbst in die Obsolenz scheinmodernisiert.
Zu einer ordentlichen Betrachtung gehört zu erkennen, was genau die eigene Institution auszeichnet und diese Eigenschaften zu stärken. Und das bedeutet mE für die Bibliotheken: Präsenzbestand und somit Verfügbarkeit und Sichtbarkeit ausbauen. Bibliotheken sind keine Orte um Bücher aufzubewahren – sie sind Orte, um Bücher zu entdecken.

Da also ist sie, die Funktion einer Bibliothek, die sie dem elektronischen voraus hat und die sie in eine neue Buchwelt einbringen kann. Eine Bibliothek, die sich als eine Art Ausstellungs- und Findestätte für Literatur versteht, die Zugang zu anders nie entdeckter Literatur liefert – das ist eine Funktion, die ein Online-Shop nur schwerlich liefern kann.
Und eine Magazinbibliothek ebensowenig. Dazu ist noch zu sagen: Die alten Bücher verschwinden ja nicht, nur weil die neuen elektronisch erscheinen.

Und weil das nicht die ganze Geschichte ist folgt die Tage noch ein Nachschlag: Nach der Zukunft der Bibliothek (wie wir sie kennen) die Bibliothek der Zukunft. Aber nicht heute, heute muss ich erstmal weg. Die Bibliotheksfinanzierung verhandeln.


Yogeshwars 10 Gebote

Ranga Yogeshwar war also im Landtag als Experte für eBooks eingeladen. Mir ist nicht wirklich klar warum. Von den 37 Ergebnissen für seinen Namen im Amazon-Buchbereich sind nur 3 eBooks. Dazu kommt noch eine iOS-App, ein in der Branche nach seiner von heftigem Tamtam begeleiteten Veröffentlichung schnell vergessenes Werk mit eher durchwachsenen Kritiken bei den wenigen, die es ernsthaft beachtet haben. Und zudem mehr eine Lehr-App ist als dass sie irgendetwas mit einem Buch (ob nun digital oder papiern) zu tun hätte. In der Szene ist Herr Yogeshwar ansonsten eher negativ aufgefallen.
Wie dem auch sei, Herr Yogeshwar war also im Kulturausschuss des Landtages. Und durfte dort als Experte für eBooks auftreten. Neben so angeschimmelten Allgemeinplätzchen wie „wir müssen das Kulturgut Buch schützen“ gab es da auch konkretes. Und damit beende ich die leicht anpolemisierte Einleitung und gehe über in die Sachdiskussion. Schauen wir uns die 10 Punkte doch einfach mal an, die Yogeshwar als Forderungen einbringt:

  • Grenzüberschreitende Buchpreisbindung auch für E-Books.

Auf den Punkt „Grenzüberschreitend“ komme ich an einem späteren Punkt zurück, hier gehe ich erstmal nur auf die Buchpreisbindung ein.
Zunächst einmal sei ein grundlegendes Missverständnis geklärt: Ja, die Buchpreisbindung schützt ein Kulturgut. Aber dieses Kulturgut ist keineswegs das Buch. Das Buch als Medium und auch als Produkt hat keinen Vorteil davon, zu einem für alle Händler festgelegten Preis verkauft zu werden. Ganz im Gegenteil, es verhindert (gewollt) Sonderangebote und Preissenkungen seitens der Händler und führt so zu einem hohen Preis. Hohe Preise aber, so lehrt uns die Marktwirtschaft, verringern die erreichbare Kundschaft. Kurzgefasst: Wenn Arbeitslose zur bildungsfernen Schicht werden liegt das (auch) daran, dass sie sich dank Buchpreisbindung keine Bücher leisten können. Denn Bücher sind teuer und jeder Wettbewerb, der dies ändern könnte, wird gesetzlich unterbunden.
Das Kulturgut, das die Buchpreisbindung schützt, ist die Buchhandelslandschaft.
Dazu ein kleiner Ausflug: Die Buchpreisbindung wurde eingeführt, um den billigen Versandbuchhandel zu unterbinden, der sich um die Jahrhundertwende herauszubilden begann. Damals boten Versandhändler Bücher zu Schleuderpreisen an, indem sie große Kontingente zu entsprechenden Nachlässen einkauften, zusätzlich am Personal sparten (hier sind Versandhändler immer im Vorteil gegenüber Einzelhändlern) und die Einsparungen zu großen Teilen an die Kunden weitergaben. Um diese Praxis zu unterbinden und den Buchhandel vor Ort zu schützen vereinbarten die Verlage, für alle Händler verbindliche Preise festzulegen. Kulturpolitisch hatte das durchaus einen Sinn: Die Buchhändler boten Kunden direkte Beratung und fungierten als Werber für die Angebote der Verlage. Zudem standen sie im damals noch sehr stark ausgeprägten elitistischen Kulturbild für eine Art „Kulturerziehung“ – eine Idee, die bis heute nachwirkt.
Was die Buchpreisbindung letztlich also entfernt ist die Weitergabe eines Kostenvorteils der Großhändler an die Kunden. Übrigens wenig erfolgreich: Große Versandhändler wie Bertelsmann und Weltbild wurden kurzerhand zu Verlagen und brachten verbilligte Lizenzausgabe und später auch eigene Programme auf den Markt. Die Buchpreisbindung ist im Grunde also der wohl erfolgreichste Misserfolg der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Auf den eBook-Markt lässt sich diese Idee aus einem ganz einfachen Grund nicht übertragen: Großhändler haben keine oder bestenfalls marginale Kostenvorteile. Es gibt keine Händlerrabatte und die Kosten für Vertrieb und Verkauf bewegen sich (höchstens) im einstelligen Cent-Bereich. Wo aber ohnehin alle Marktteilnehmer die selben Möglichkeiten haben besteht kein Grund, eine solche Chancengleichheit herzustellen. Eulen nach Athen, und so…

  • Nur offene Reader, keine geschlossenen Systeme.

Hier mangelt es erheblich an einer Definition von „offen“ und „geschlossen“, aber vielleicht hat Yogeshwar das im Ausschuss ja genauer ausgeführt. Das einzige nach meinem Verständnis geschlossene System hat momentan Apple mit seinem App-Store (allerdings nicht mit iBooks). Also genau jenes System, welches Yogehswar selbst mit seinem epedio-Projekt exklusiv bedient.
Die anderen beiden großen Systeme, Kindle und ePub, bieten allen Nutzern die Möglichkeit, eigene Inhalte sowie kostenlos erstellbare Dateien aus anderen Quellen hinzuzufügen und zu exportieren, auch wenn das im Falle des Kindle nur von wenigen Händlern angeboten wird.

  • Mehrwertsteuer sollte sich nach dem Bestimmungsland richten.

So, jetzt kommen wir zum Punkt „Grenzüberschreitung“.
Kurz: Das geht so nicht. Entweder richtet sich meine Mehrwertsteuer nach dem Bestimmungsland. Das würde mich als Verleger dazu zwingen, für jeden Markt einen der jeweiligen Mehrwertsteuer angepassten Endpreis festzulegen, damit ich im Export in Länder mit deutlich höherer Umsatzsteuer keinen Verlust mache. Das gibt es bereits, etwa bei Zeitschriften und ist einer der Gründe, warum auf dem Spiegel so viele unterschiedliche Preise stehen.
Oder ich lege einen grenzüberschreitenden Preis fest, der muss dann aber mit dem höchsten Mehrwertsteuersatz gebildet werden, was die Buchpreise aufgrund der hohen Sätze in Skandinavien (wo durchaus auch viel deutsch gelesen wird) sofort um 10% erhöhen würde.
Es sollte auch angemerkt werden, dass Yogeshwars Forderung auf europäischer Ebene bereits erfüllt wurde, die entsprechende EU-Richtlinie tritt am 1. Januar 2015 in Kraft.

  • Agency-Modell und kein Wholesale Store (d.h. Verlage bestimmen Bedingungen des E-Book-Verkaufs, nicht der [Online]-Großhandel).

Das nennt man auch Buchpreisbindung und warum Yogeshwar diese gleich zweimal benennt, ist mir schleierhaft. Vielleicht, weil 10 so eine schöne runde Zahl ist, keine Ahnung.

  • Preisgestaltung liegt ausschließlich bei den Verlagen.

Okay, er nennt die Buchpreisbindung dreimal. Ich weiss, Redundanz ist in der Wissenschaft beliebt, insbesondere wenn man vorträgt. Dennoch ist sie überflüssig.

  • Online-Plattformen/Händler unterliegen verbindlichen Transparenzregeln.

Nix zu mäkeln, das klingt erstmal nicht schlecht.

  • Für alle E-Book-Anbieter gilt nationales (deutsches) Recht.

Neokolonialismus? Oder einfach nur eine unsauber formulierte Forderung? Stand der Dinge jedenfalls ist in der Praxis: Für alle .de-Domains und hauptsächlich auf den deutschen Markt ausgerichtete Anbieter gilt deutsches Recht. Das ist geübte Praxis in diversen Rechtsbereichen, vor allem aber im Verlagsrecht (Stichworte Impressumspflicht und Strafbarkeit von Inhalten).

  • Datenschutz des Lesers muss gewahrt werden: Lesedaten dürfen nicht verwertet werden.

Ich muss ehrlich zugeben nicht zu wissen, was er damit meint. Was sind „Lesedaten“?

  • E-Books können über ein Vouchersystem (Gutscheine/Belegsystem) auch im stationären Buchhandel angeboten werden.

Meinetwegen. Und was hat der Gesetzgeber damit zu tun? Das ist doch wohl Sache der Händler, sowas zu organisieren.
Davon ab krieg ich beim Rewe um die Ecke problemlos Gutscheine für buch.de, iTunes und Amazon sowie weitere Onlinehändler, deren Name mir grade nicht einfällt und die ich nicht nachschauen kann, weil grade Sonntag ist und mein Rewe somit zu hat.

  • Store hat kein formales oder inhaltliches Mitspracherecht.

Was zunächst gut klingt ist eine ernsthafte Einschränkung der Handelsfreiheit. Jeder Händler darf sich das von ihm angebotene Sortiment selbst auswählen. Das ist das eine. Das mag jetzt arg handelsfreundlich klingen, aber: Händler müssen Titel wegen inhaltlicher Bedenken (Pornografie, Gewaltverherrlichung etc.) aus ihrem Angebot entfernen können.
Ein Sonderproblem sind hier auch Nischenhändler und Selbstverlage: Wenn ich meine Bücher über meine eigene Webseite verkaufe, müsste ich dann zur Erfüllung von Yogeshwars Forderung auch jedes andere in Deutschland verfügbare eBook anbieten? Muss ein Händler für Kinderbücher einen Titel wie ChefSekretärin – … fick mich härter! führen? Man stelle sich ein solches Szenario mal im restlichen Kulturbetrieb vor: Jedes Kino müsste jeden Film zeigen, jedes Theater jedes mögliche Stück aufführen und auf Rammsteins Aufführung von Britney Spears‘ One More Time bin ich auch schon sehr gespannt. Okay, streicht das letzte, das könnte verdammt gut werden. Ich will Till Lindemann „Hit me Baby one more time“ grummeln hören. Jetzt!

Alles in allem zeugt Yogeshwars Katalog vor allem davon, dass er vom eBook-Phänomen nur oberflächlich und von der relevanten Gesetzgebung sowie ihrer Geschichte gar keine Ahnung hat. Die Vorschläge sind wenig durchdacht und hätten vor Veröffentlichung dringend eines Lektorates sowie zusätzlicher Recherche bedurft, wovon auch zeugt, dass der erste, vierte und fünfte identisch sind. Mehrere seiner Forderungen sind bereits umgesetzt und daher überflüssig.


Sauberes Wasser als Kinderspiel

Dieser Artikel erscheint in ähnlicher Form auch bei Sporle & Co. Daher nicht wundern, wenn euch der hier bekannt vorkommt.

PlayPumps ist ein interessantes Projekt zur Hilfe in Entwicklungsländern: Die Aktion stellt in armen Ländern Kinderkarussells auf, die zugleich als Pumpbrunnen fungieren – während die Kinder auf dem Karussell spielen, treiben sie eine Pumpe an, die Grundwasser in einen Tank befördert, aus dem es dann entnommen werden kann.

Playpump Funktionsweise

Während Kinder auf einem Karussell-ähnlichen Spielgerät spielen (1), wird sauberes Wasser (2) aus dem Untergrund (3) in einen 2,500 Liter fassenden Behälter gepumpt (4). Aus einem einfachen Wasserhahn (5) kann das Wasser dann abgeschöpft werden. Überschüssiges Wasser wird aus dem sieben Meter über der Erde stehenden Tank zurück ins Bohrloch gepumpt (6). Durch die Werbeflächen (7), welche an den Behälter angebracht sind, können nicht nur essentielle aufklärende Informationen verbreitet sondern auch die Wartungskosten der Pumpe finanziert werden.

Ich halte das Projekt für extrem sinnvoll und wunderbar kreativ. ich mag ja grundsätzlich unkonventionelle Ansätze zur Weltverbesserung.

Quelle: Tamundo


Zum Thema Arcandor/KarstadtQuelle

Die Krise von Karstadt ist ja mal wieder in den Schlagzeilen. Dazu sollte man vielleicht anmerken: Die Krise bei Karstadt ist nicht neu.
Ganz im gegenteil, die aktuelle Krise ist bereits das dritte wirtschaftliche Nadelöhr des Konzerns in den letzten 10 Jahren. Daher kann auch das geforderte Darlehen über 860 Mio. € die Kette nicht mehr retten – allerhöchstens ein paar Jahre über Wasser halten. Die Krise bei Arcandor ist konstant, besserungssignale blieben aus.

Dabei liest sich die Chronik des Niedergangs durchaus interessant:
1999 gründet sich Arcandor aus der Fusion der kriselnden Marktriesen Karstadt-Schickedanz (Karstadt, Thomas Cook, Hertie, Kadewe) und Quelle (Quelle, Fundgrube). Das Unternehmen bekommt kurzen Aufwind, verändert sich abernicht wirklich und bleibt somit als Anbieter hinter der Konkurrenz zurück.
2005 werden kleine Märkte abgestoßen und einer Hertie-Neugründung zugeführt. Runner’s Point (Schuhe) und SinnLeffers (Mode) werden aus dem Unternehmen ausgegliedert – und laufen als unabhängige Ketten interessanterweise wesentlich besser. Der Food-Bereich geht an eine gemeinsame Tochter mit Rewe.
Die dritte Krise ist gekennzeichnet durch die Übergabe des Buchgeschäfts an Weltbild und in dieser stecken wir immer noch – nach 10 Jahren schlechter Geschäfte kann der Konzern nicht mehr. Ganze Marksparten werden an Dritte vermietet, Karstadt selbst reduziert sich zunehmend auf eine Tätigkeit als Immobilienmakler. Rettung ist an diesem Punkt eigentlich schon längst zu spät – Karstadt ist praktisch tot.

Nun will die Politik Geld in das Unternehmen pumpen, allein: Es wird nichts nutzen. Karstadt wird, wenn sich nicht grundlegend etwas an der Kette verändert, über kurz oder lang verschwinden.

Ein Problem ist das hier in der Stadt für Rheydt: Das Karstadt dort gehört zu den zentralen Ankerpunkten der Innenstadt .
Ich sehe 5 Szenarien, was nun passieren kann und auf die die kommunale Politik hinwirken kann. Bei einem bleibt Karstadt mehr oder weniger erhalten, bei den 4 anderen verschwindet es.
Mehr dazu nach dem Link.
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Windkraft ohne Verspargelung

Naja, eigentlich ohne zusätzliche Verspargelung. Das Design-Projekt Wind-It schlägt vor, Strommasten in Zukunft mit integrierten Windkraftturbinen auszustatten.
Man könnte einerseits Strommasten von klein auf mit solchen Anlagen bauen, aber auch bestehende Masten damit ausstatten.

Winkraft-Strommast

Fraglich ist freilich, ob Strommasten als Teil des zentralisierten Energiesystems der Großnetze noch eine lange Zukunft haben.
Dennoch haben diese Masten große Vorteile gegenüber bestehenden Windkraft- anlagen: Sie nehmen keinen zusätzlichen Platz weg, hängen von Natur aus direkt am Stromnetz und können dadurch nicht nur fast verlustfrei Strom liefern, sondern auch sehr kurzfristig auf Schwankungen im Verbrauch und der Erzeugung reagieren.


5 Revolutionen für 2020

Ich möchte in diesem beitrag kurz fünf Entwicklungen vorstellen, von denen ich glaube, dass sie unsere Welt bis 2020 enorm umgestalten werden.
Natürlich sind solche Voraussagen immer mit Vorsicht zu genießen – in den 70ern glaubte man auch, man könne zur Jahrtausendwende verlorene Gliedmaßen nachwachsen lassen. Dennoch denke ich, dass bestimmte Technologien für die Zukunft entweder ein Muss sind oder zumindest sehr verlockend:

1. Vertikalfarmen
Bereits seit einiger Zeit arbeiten Architekten, maßgeblich ausgehend von den Niederlanden, an so genannten vertikalen Farmen. Gemeint sind zur Nahrungspflanzenzucht genutzt Hochhäuser, die in mehreren Stockwerken Felder enthalten und/oder aussen mit wirtschaftlich nutzbaren Hängepflanzen (Erdbeeren, Gurken) bewachsen sind.
Da die Landwirtschaft extrem viel Land nimmt und somit auch für einen großteil unserer Umweltzerstörtung verantwortlich ist, sind vertikale Farmen eine großartige Entwicklung. Hinzu kommt, dass sie die Versorgung von Großstädten unabhängig machen vom Umland – und somit kürzere Transportwege der Nahrungsmittel mit sich bringen, was sich wiederum positiv auf die CO2-Bilanz der Städte auswirkt.
Aussehen kann das dann beispielsweise so:

Hochhausfarm

2. Pflanzen als Nutzgegenstände
Doch auch in normale Häuser können Pflanzen zunehmend einziehen.
Kannte man Pflanzen bisher nur als Topfpflanzen, könnten neue Entwicklungen dafür sorgen, dass einzelne Einrichtungsgegenstände in Zukunft durch Pflanzen ersetzt werden.
Ein erster Vorreiter dessen sind die oben verlinkten Mossteppiche, die es übrigens auch als Matten fürs Badezimmer gibt.
Möglich wäre es in Zukunft, auch lebendige Möbel zu züchten, etwa aus Hecken. Inwieweit sich das durchsetzen wird oder einfach nur eine seltsame Idee bleiben wird, muss sich zeigen.

3. Physiovoltaik
Als Physiovoltaik bezeichne ich die Gewinnung von Strom aus dem menschlichen Körper.
Das ist weit weniger gruselig, als es sich anhört: Der Mensch produziert jede Menge Wärme- und Bewegungsenergie. Inzwischen gibt es schon metallische Härchen, die auf der Haut aufliegen und durch die Bewegungen des Pulsschlages dazu angeregt werden, Strom zu erzeugen. Diese Entwicklung geht eilig voran – bis 2020 könnten Kleingeräte wie Handys und MP3-Player bereits komplett ohne Batterien auskommen und nur durch die Energie ihres Trägers versorgt werden.

4. Autarke Energieversorgung
Die EU hat grade beschlossen, dass alle Neubauhäuser bis 2019 nicht mehr Energie verbrauchen dürfen, als sie ernten.
Die Technik dafür ist da – es gibt Blockheizkraftwerke im Format eines Kühlschranks, Windräder für den Garten – und Solarzellen sind eh in jeder Größenordnung einsetzbar, also auch auf einem normalen Hausdach.
Wehren werden sich nur die Energieversorger – werden sie doch plötzlich überflüssig. Die zentralisierte Energiearchitektur mit großen Kraftwerken udn kilometerweit spannenden Stromleitungen wird in wenigen Jahrzehnten ebenso verschwinden wie vor ihr die Telegrafennetze.

5. Zepelline
Luftschiffe sind so eine Entwicklung, auf deren zweite Blüte wir schon seit Jahrzehnten warten. dennoch gebe ich nicht auf: Luftschiffe verbrauchen wesentlich weniger Treibstoff als Flugzeuge. Die geringe Geschwindigkeit gleichen sie aus, indem sie (anders als Schife) auch Land überqueren können und zum Explodieren neigen sie heute auch nicht mehr. Aktuelle Entwüre sind teils spektakulär und reichen vom Großfrachter bis zum Kreuzfahrtschiff. Ich glaube, spätestens wenn das Öl in 3-4 (seien wir großzügig: 5) Jahrzehnten zur Neige geht, werden Luftschiffe das einzige Lufttransportmittel sein, das wir uns noch leisten können.
Aussehen tun die Dinger heutzutage so:

Aeolus