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Wir Kinder der Buchhandlung Wackes 1 

Ja, es ist einer dieser Titel mit einer Referenz, in diesem Fall auf Dogenabhängigkeiten. Immerhin geht es um die gefährlichste Droge der Welt: Bücher! An ihr sind schon ganze Gesellschaften zerbrochen — zumeist solche, die allerdings niemand vermisst.
Zum Ende der Buchhandlung Wackes (und anderer) in der Stadt hatte ich ja schon ein Mal geschrieben, aber diese Woche kam die Schließung von Wackes nun und ich nehme das zum Anlass für einen Rückblick. Immerhin passt das Logo des weiterhin existierenden Onlineshops der Buchhandlung so schön in die Farbgestaltung meiner Seite.

Es ist ein Rückblick in Dingen. Aber in Dingen von Bedeutung. Denn zu Büchern ohne Bedeutung habe ich vor geraumer Zeit schon geschrieben. Und ich bin halt erst fertig, wenn ich mir in jeder Kategorie Feinde gemacht habe.
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Schauzeit’n mer mal 2 

Seit Samstag gibt es für einen Monat in der Ring-Passage (Friedrich-Ebert-Straße 53-55 in Rheydt) eine kleine Verweilbibliothek, gefüllt mit Werken von Schriftstellern aus ganz Mönchengladbach, betrieben von eben jenen Autoren.
Und hier ist ihre Geschichte.

Getane Arbeit, einladender Raum, unsere kleine Bibliothek

Getane Arbeit, einladender Raum, unsere kleine Bibliothek

Etwas Vorgeschichte

Ich glaube, es ist nun zwei Jahre her, dass sich für einen Monat drei Autoren aus Mönchengladbach in den Bestsellerlisten die Hand gaben. Charlotte Roche, Walter Moers und Rebecca Gablé waren das damals. Dadurch und bei der täglichen Recherche für eBooks für lau fiel mir das Potenzial der hiesigen Schriftstellerszene ins Auge. Und so entstand die Idee, dieses Potenzial in Form einer kleinen Verweilbibliothek zu präsentieren.
Der erste Gedanke lief auf einen großen Pavillon mit Regalen und Sitzgelegenheiten auf dem Eine-Stadt-Fest hinaus. Das sollte neben der Präsentation der Bücher auch dazu dienen, dieser etwas charakterarmen Veranstaltung mehr Besonderheit, mehr Bezug zur Stadt zu geben. Denn ich finde, ein solches Fest mit ausdrücklichem Bezug zu dieser und keiner anderen Stadt sollte mehr sein als ein Doppel aus „Fressmeile“ und Kunstmarkt. Es sollte ein Schaufenster der Stadt sein, auf dem es auch Dinge gab, die es anderswo nicht gab. Dazu sollte die Bibliothek Anstoß geben, zu einer Art Messe, die aber mehr Fest- als klassischen Messecharakter hatte.
2016 verpasste ich den Termin für eine Anmeldung, 2017 dagegen bot sich überraschend eine andere Möglichkeit: Die Schauzeit in Rheydt sollte wiederholt werden. Bei der Schauzeit erhalten Kreative für einen Monat ein leerstehendes Ladenlokal, welches sie dann mit Leben füllen. Das war erstmals 2015 durchgeführt worden und damals ein großer Erfolg. Einige blieben sogar, allen voran das Kollektiv in der Harmonie 20 mit Wohnaccessoires und Schmuck.
Der Vorteil der Schauzeit: Für einen geringen Betrag gab es nicht nur einen Platz und einen Kontext samt Werbung für die Maßnahmen, sondern auch noch ein festes Dach über dem Ganzen statt eines immer sehr wetterabhängigen Pavillons oder ähnlichem.

Fliegt, meine Hübschen, fliegt! - Bild: Schauzeit Rheydt

Fliegt, meine Hübschen, fliegt! – Bild: Schauzeit Rheydt

Das Kollektiv

Im Frühsommer begann ich, mir bekannte lokale Autoren anzuschreiben, ob grundsätzlich Interesse an so einer Aktion bestand. Die Reaktionen waren durchgehend positiv. Ich hatte damit gerechnet, dass viele kein Interesse daran hatten, ihre Werke frei zum Lesen zur Verfügung zu stellen, doch das war kein Problem. Im Gegenteil, das Angebot, hier auch einen Verkauf zu organisieren, ließ ich schnell wieder fallen – zu kompliziert, zu riskant, zu teuer und den regulären Buchhandel wollte auch niemand verärgern.
Auch wenn mir im Juli ein Fahrradunfall ins Konzept schlug, durch den ich zeitweise meine Arme kaum einsetzen konnte, wodurch ich einen Monat der Vorbereitung verlor, lud ich Anfang August zu einem ersten Treffen ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein Dutzend Autoren kontaktiert, von denen 10 positiv geantwortet hatten. Sechs davon trafen sich am ersten Augustwochenende im Café van Dooren. Es war ein sehr angenehmes Treffen, bei dem wir entschieden, die Idee trotz der etwas knappen Zeit weiter zu verfolgen und weitere Kollegen zu kontaktieren.
Die Bewerbung des Projekts beim Quartiersmanagement Rheydt war da wegen der Fristen bereits rausgegangen. Ich hatte sie persönlich dort vorbeigebracht, wie ich es bei Empfängern im Stadtgebiet eigentlich immer tue. Dabei hatte ich mich auch schon mit der anwesenden Mitarbeiterin (Ich glaube, es war Birte Jürgens) unterhalten und sie war sehr angetan von dem Projekt, da es neben den anderen Schauzeit-Projekten etwas ganz anderes war, was es so noch nicht gab. Das sah die Jury der Schauzeit offenbar genauso und so erhielt das Projekt den Zuschlag und kam in einem Ladenlokal in der Ring-Passage unter, einer Verbindung zwischen der Friedrich-Ebert-Straße und einem Parkhaus an der Wilhelm-Schiffer-Straße.

Das Ladenlokal

30 Quadratmeter Glaskasten in einer Passage waren es, die wir da zugeteilt bekommen hatten. Zwar sind Standorte in Passagen immer schwierig, denn da muss ja überhaupt erstmal jemand reinkommen, aber dafür lag das Ladenlokal genau im Sichtfeld aller, die durch die Passage in Richtung Parkhaus wollten. Die große Glasfront und weite Doppeltür sorgten für eine einladend offene Atmosphäre. Einrichtung gab es nicht, wenn man eine Heizung an der Wand mal ignoriert. Nichtmal eine Tür zum kleinen Lagerraum war vorhanden, da gähnte das Loch eines einsamen Türrahmens.
Bei einem Besuch des Lokals mit Thomas Maria Claßen entstand dann das Konzept für den Raum: Er hatte noch ein paar Stühle da. Die klassisch-hässlichen weissen Plastikgartenstühle sahen zwar für sich nicht aus, aber wenn man sie mit Decken überwarf, wirkte das schon wieder ganz anders. Wegen der knappen Zeit führte das zu…

Tag X

Am 2. September war vieles noch im Fluss. Thomas Maria Claßen hatte Lesezeichen und Plakate entworfen sowie Aushänge für jeden Titel, der in der kleinen Bibliothek vorlag. Das war alles in einheitlichem Design mit der Wortmarke „Buchaktiv“ gestaltet worden. Inzwischen war die Gruppe auf 19 Leute angewachsen, obwohl ich definitiv noch einige anzusprechen vergessen oder verpasst habe, denn es gibt wie angedeutet wirklich viele Schreibende in und aus der Stadt. Eine Besonderheit war noch Günter Seuren, unsere einzige Leiche im Team, da ich in den Vorbereitungen erfuhr, dass eine Freundin von mir seine Nachlassverwalterin war. Ich hatte noch am Donnerstag zuvor eine kleine Tour durch die Buchläden der Stadt gemacht, um dort Werbematerial einzusammeln. Denn wir verkaufen schlussendlich nicht, aber wenn jemand ein Buch kaufen möchte, verweisen wir sie natürlich an den lokalen Buchhandel. Ebenfalls am Donnerstag zuvor trafen sich wiederum sieben Autoren für ein erstes Promofoto für die Schauzeit.

Wer halt grade rechtzeitig da war: Jutta profijt, Karl-Heinz Thifessen, Anja Wedershoven, ich selbst, Susanne Goga und Carsten Steenbergen - Bild: Barbara Schwinges/Quartiersmanagement Rheydt

Wer halt grade rechtzeitig da war: Jutta Profijt, Karl-Heinz Thifessen, Anja Wedershoven, ich selbst, Susanne Goga und Carsten Steenbergen – Bild: Barbara Schwinges/Quartiersmanagement Rheydt

Jedenfalls begann der 2. September früh. Um acht Uhr morgens fuhren Thomas und ich zu einer Scheune in Wanlo, um besagte Stühle zu holen. Und so trugen wir 22 alte Plastikstühle aus dem Dachstuhl einer Scheune die Treppen runter, staubten uns dabei gründlichst ein, verteilten sie in einem Pkw-Anhänger und verteilten sie im Ladenlokal. Das war alles erstmal hübsch hässlich, da galt es noch nachzuarbeiten. Es galt, Stühle zu putzen und jene, die gar nicht mehr in so einem Rahmen vorzeigbar waren, auszusortieren und für Notfälle (und Lesungen) in den Lagerraum zu stellen. Da waren dann auch Inge Jansen und Susanne Goga tatkräftig dabei.

Bevor eine Baustelle fertig wird, wird es halt immer erstmal hässlich

Bevor eine Baustelle fertig wird, wird es halt immer erstmal hässlich

Unterdessen machte sich Andrea Rings kurzfristig an einen Ersatz für die nicht ganz gelungene Idee mit den Decken: Sie schnitt aus Stoffen (ja, das sind in der Tat Reste von Vorhängen) Überwürfe für die Stühle und die als Beistelltische verwendeten Hocker zurecht. Das Ergebnis hat auf jeden Fall etwas sehr gemütliches, wohnzimmerhaftes. Was vermutlich auf die Vorhänge zurückgeht.
Regale gibt es keine, die Bücher verteilen sich über Stühle und Tische. Wer lesen möchte, nimmt sich ein Buch, legt die übrigen in den nächsten Stuhl und kann sich dann hinsetzen. Auch das trägt zur offenen Atmosphäre der kleinen Bibliothek bei.

Genug Lesematerial für alle und überraschend gemütliche Stühle, die perfekte Bibliothekseinrichtung

Genug Lesematerial für alle und überraschend gemütliche Stühle, die perfekte Bibliothekseinrichtung

Reaktion

Ich kann die Reaktionen einfach nur super nennen. Alle fanden die Idee gut, auch die Buchhändler. Die Bibliothek hat auf die Aktion verwiesen, ebenso die MGMG, natürlich die Schauzeit und noch einige andere (ich habe ehrlich gesagt irgendwann den Überblick verloren) und wir fanden eigentlich in jedem Artikel zur Eröffnung der Schauzeit noch einmal Erwähnung, eben weil wir herausstachen. Literatur hat als Kunstform das Manko, sich nicht so sehr für die Form der Galerie zu eignen, was einen solchen Ansatz zu einer Besonderheit macht.
So waren denn auch am Montag nach der Eröffnung die Rheinische Post und der WDR vor Ort. Der WDR brachte seine Aufnahmen am Rande eines Kurzberichts über die Gesamtveranstaltung Schauzeit unter (ab 12:50), die Rheinische Post brachte einen großformatigen eigenen Artikel zu der Bibliothek, nachdem sie am Tag zuvor schon über die Eröffnung der Schauzeit berichtet hatte.
Kommenden Sonntag wird es von 13 bis 17 Uhr Lesungen geben, da bin ich mal sehr auf die Resonanz gespannt.
Ich denke, wir Autoren werden nach dieser Aktion auf jeden Fall in Kontakt bleiben und sicherlich wird es in Zukunft auch mal wieder andere Aktionen und Treffen geben. Wie ich den Autoren schon in meinem Anschreiben sagte, was weitere Formate und Ideen innerhalb des Konzepts betraf: „Wir sind schließlich Kreative, uns fällt sicher noch mehr ein.“

Die Bibliothek der Mönchengladbacher ist im September jeden Mittwoch bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, jeden Samstag von 11 bis 15 Uhr, am 09.09. (Blumensonntag) von 11 bis 18 Uhr sowie am 17.09. (Tag des offenen Ateliers) von 11 bis 15 Uhr geöffnet.
Die vertretenen Autoren sind Vera Anders (Belletristik), Thomas Maria Claßen (Krimi), Thomas R. Diehl (Science-Fiction und Sachbuch), Ansgar & Nadine Fabri (Krimi), Sabine Fischer (Romantik), Susanne Goga (Krimi), Kirstin Grabowski (Kinderbuch), Nicola Grosch (Kinderbuch), Inge Jansen (Romane zum Thema Sucht), Arnold Küsters (Krimi), Jutta Profijt (Krimi), Andrea Rings (Jugendroman), Günter Seuren (Belletristik), Carsten Steenbergen (Science-Fiction und Thriller), Karl-Heinz Thifessen (Historische Geschichten), Anja Wedershoven (Familienroman) und Moritz Wigand (Kolumnen). Dabei gewesen wären, wenn sie nicht aus verschiedenen Gründen verhindert gewesen wären, Rebecca Gablé, Fee Grupe, Paul Sonn und Karin Welters. Und ja, in Gladbach werden sehr viele Krimis geschrieben. Wobei man bei einigen auch Titel aus anderen Genres findet – Jutta Profijts Möhrchenprinz und Kirstin Grabowskis Grenzsteine einer Liebe etwa.

Das große Felgensterben hat begonnen 1 

Es ist ein paar Tage her, dass ich zuletzt ein deutschsprachiges Buch hier vorgestellt habe. Zweieinhalb Jahre, um genau zu sein. Und diesmal ist es noch nicht mal von mir, sondern von einem Freund in einem Genre, dass es von mir bisher noch nicht gegeben hat: Krimi! Regio-Krimi, Fahrradkrimi, Krimi mit so mancher Leiche. Und doch gibt es eine kleine Gemeinsamkeit: Sowohl in meinem aktuell letzten deutschsprachigen Buch Khamel als auch in Thomas Claßens Felgenkiller gibt es ein Mönchengladbach, das nicht so heisst – sei es nun Kalmrill oder Grawenhorst.
Doch eins nach dem anderen:

Felgenkiller-Das-BuchIn „der niederrheinischen Großstadt Grawenhorst“ sterben mehrfach Radfahrer auf Touren. Der ein oder andere wird an der Gestaltung des Zwischentitels bemerkt haben, dass dies kein unblutiger Krimi ist, es gibt durchaus mehr als eine Leiche.
Ebenso gibt es natürlich mehr als einen Verdächtigen, darunter Protagonist Manni, der bald selbst nachforscht. Und natürlich ausreichend Spuren und Überraschungen, um die Spannung für 308 Seiten zu halten.

Inspiriert hat Thomas dazu die Tatsache, dass unter all den Krimis, die ständig im Deutschen erscheinen, kein Fahrradkrimi zu finden war. Dies fiel ihm angesichts des Pferdesportkrimis eines Freundes (Aufs falsche Pferd gesetzt von Ulli Holst) auf und so begab er sich an Felgenkiller. Übrigens hatte ich Thomas eine Weile im Verdacht, Ulli Holst zu sein, der ja offen als Pseudonym auftritt. Nun, er war es nicht, aber dafür gibt es jetzt einen Krimi von ihm unter eigenem Namen — darüber mag ich mich nun wirklich nicht beklagen.
felgenkillerUnd tatsächlich: Während Pferdekrimis ein eigenes kleines Subgenre mit immerhin 13 Einträgen bilden, gibt es selbst in der vielfältigen Selbstverlegerszene kaum Krimis mit einer Verbindung zum Fahrrad. Und Felgenkiller ist der einzige mir bekannte, wo nicht Ermittler oder Täter auf dem Rad kommen, sondern die Opfer, somit Radfahren tatsächlich zum thematischen Mittelpunkt der Handlung wird.
Auf dass das Fahrrad mehr literarische Beachtung erhält! Und wenn ich mit meinem eigenen Projekt im Radbereich jemals vorankomme übrigens auch ludische, aber das ist ein anderes Thema für ein andermal.

Kaufen? Kaufen!

Felgenkiller von Thomas Maria Claßen ist seit gestern für 12 € als Taschenbuch im Buchhandel erhältlich (wie gesagt, ich habe für diesen Blogbeitrag einen Feiertag übersehen), zum Beispiel diesen Buchhandlungen in NRW und Roermond (NL) und bei Amazon.
ISBN 978-3-9611123-1-9
Mehr Informationen auf der Webseite des Buchs und der Facebook-Seite des Autors.

Die Sache mit dem Bücherregal 1 

In einer aktuellen Geschichte der dpa, 1:1 nachgedruckt in diversen „Qualitätsmedien“ ( Schwäbische, Westdeutsche Zeitung, Stern, Grenzecho, Rhein-Zeitung – ja, da merkt man richtig die schwere Arbeit, die im Zeitungsmachen steckt) lesen wir vom Untergang des Bücherregals und vom Bücherregal als „Visitenkarte“. Aber taugt das Bücherregal überhaupt als solche?

Ich sehe in dieser Idee einige Probleme und fange mit dem einfacheren an: Wenn ich jemandes Buchregale sehe kenne ich ihn in der Regel bereits recht gut. Natürlich gibt es Menschen, die eine Wohnung betreten und die man noch nicht kennt – das aber ist in der Regel vor allem unangenehmes Publikum oder solches aus unangenehmen Anlässen: Ärzte, Gerichtsvollzieher, Polizeibeamte, Einbrecher…
Der Punkt ist der: Wer mein Bücherregal sieht, den kenne ich bereits ausreichend gut, dass sich der Informationsgehalt dieses Anblicks in Grenzen hält (und ebenso umgekehrt). Es ist ein ganz brauchbarer Ansatz für Small Talk, aber das ist jeder andere Regalinhalt ebenso. Und wenn keine Regale da sind, dann der Wandbehang. Oder sonst etwas in der Wohnung.
Das ist noch ein eigener Unterpunkt hier: Eine Persönlichkeit schlägt sich im gesamten Wohnraum einer Person nieder, nicht nur im Bücherregal. Eigentlich sogar am allerwenigsten im Bücherregal, aber darauf komme ich im nächsten Punkt.

Das andere Problem ist die inhärente Oberflächlichkeit des Buchregalbetrachtens.
Welche Information bringt es denn, ein Buchregal einer Person anzuschauen? Ein Überblick über die Bücher, die eine Person besitzt. Die Bücher aber erzählen niemandem ausser ihrem Besitzer ihre Geschichte. Wurden sie gekauft, weil sie interessant waren, oder nur hübsch? Oder sind es Geschenke? Pflichtkäufe für Schule und Studium? Oder gar Käufe mit dem expliziten Ziel, sie ins Regal zu stellen, um Besucher zu beeindrucken oder damit das Regal hübscher aussieht?
Wer aus dem Buchregal Informationen über eine Person bezieht riskiert massive Fehleinschätzungen, denn grade diese zentralen Informationen über die Person, jene die sich in der individuellen Geschichte jedes Bandes in diesem Regal ausdrücken, grade die sind von allen Regalbefüllungen beim Buch am wenigsten sichtbar. Einfach weil es so viele mögliche Gründe gibt, Bücher zu kaufen.
Das unterscheidet Literatur von praktisch allen anderen Dingen, die wir in unsere Regale stellen – der bildungsbürgerliche Dünkel der Literatur, ausgerechnet die Überzeugung vom Buchregal als Visitenkarte führt zu bewusster Inszenierung des Bücherregals, zu einer Verfälschung eben jenes Spiegelbildes, welches die Regale darstellen sollen. Im Zweifelsfall ist ein Buchregal kein Blick in eine Seele, sondern Teil einer Maske.
Wie viel Persönlichkeit steckt dagegen in anderen Regalbefüllungen – sei es ästhetischer Geschmack, Kunstfertigkeit des Wohnungsbewohners (etwa bei Modellbauern, ein Hobby, dem ich als Gegentrend zum Digitalen eine glorreiche Zukunft vorhersage) oder der vom Dünkel meist unverfälschte Geschmack in der Musik und bildenden Kunst.
Das bedeutet natürlich eine kleine Revolution: Die Repräsentativität des Regals, ob real oder nicht, hat uns zu literarischen Lügnern erzogen. Wir stellen unsere Regale voll mit Büchern, deren Anblick Besucher beeindrucken soll und sonst nichts (es gibt da einen Buchhändlerwitz mit einer Bestellung von einem Regalmeter Goethe und „ausserdem noch was zum Lesen“, in dem viel Wahrheit steckt). Diese Lüge hat ganze Verlage ernährt, die hochgeistige Literatur verlegten, die in Wahrheit kaum jemanden interessiert. Was passiert mit diesen, wenn Literatur nicht mehr als Fassade taugt? Oder wird es immer ein paar Relikte geben, die diese Funktion beibehalten?

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