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Wir Kinder der Buchhandlung Wackes 1 

Ja, es ist einer dieser Titel mit einer Referenz, in diesem Fall auf Dogenabhängigkeiten. Immerhin geht es um die gefährlichste Droge der Welt: Bücher! An ihr sind schon ganze Gesellschaften zerbrochen — zumeist solche, die allerdings niemand vermisst.
Zum Ende der Buchhandlung Wackes (und anderer) in der Stadt hatte ich ja schon ein Mal geschrieben, aber diese Woche kam die Schließung von Wackes nun und ich nehme das zum Anlass für einen Rückblick. Immerhin passt das Logo des weiterhin existierenden Onlineshops der Buchhandlung so schön in die Farbgestaltung meiner Seite.

Es ist ein Rückblick in Dingen. Aber in Dingen von Bedeutung. Denn zu Büchern ohne Bedeutung habe ich vor geraumer Zeit schon geschrieben. Und ich bin halt erst fertig, wenn ich mir in jeder Kategorie Feinde gemacht habe.
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Genregedanken – Science-Fiction 2015 0 

Die Welt der literarischen Genres hat sich mit der Zeit massiv verändert. Diesen Donnerstag starte ich, inspiriert von der Tagesschau, eine Reihe von Betrachtungen, was passiert ist.

Ein Panzer der Bundeswehr mit einer gottverdammten Laserkanone (Bild: ARD/Tagesschau)

Ein Panzer der Bundeswehr mit einer gottverdammten Laserkanone (Bild: ARD/Tagesschau)


Die Bundeswehr hat Laserpanzer. Links von mir liegt ein handflächengroßer Supercomputer, der sprechen kann, routinemäßig mit Satelliten kommuniziert und genug Rechenkraft hat, die Besiedlung des Mondes zu koordinieren (ich benutze ihn zumeist für Notizen und Textmitteilungen). Raumfahrt ist in großen Teilen dermaßen uninteressant geworden, dass wir wieder aufgehört haben, auf dem Mond zu landen. Die Hälfte der technischen Anlagen in meinem Besitz ist so kompliziert, ich habe keine Ahnung, wie sie wirklich funktionieren. Europa ist, von ein paar Stolpersteinen abgesehen, politisch und wirtschaftlich geeint. Der Kalte Krieg ist vorüber. Von explodierenden Atomkraftwerke und abstürzenden Raumschiffen hören wir im Geschichtsunterricht.

Ich könnte die Liste noch lange weiterführen, Tatsache ist: In gewisser Weise leben wir in der Zukunft unserer Kindheit und Jugend. Okay, das klingt relativ bescheuert, also veersuchen wir das noch mal: Wir leben in unseren alten Science-Fiction-Romanen. Und das hat seltsame Folgen.

Die Krise der Utopie

Sieht man sich in der Fanszene um, so sieht man immer wieder Klagen, die großen Utopien seien tot. Unsere aktuellen Zukunftsvisionen seien von Dystopien wie den Tributen von Panem beherrscht.
Im Kern steht darin die falsche Vorstellung, positive Visionen seien jemals beherrschend gewesen. Utopia war immer die Ausnahme in der Literatur, vielleicht abgesehen vom Geburtsmoment des Genres als solches, mit den positiven Versionen der Kontinentaleuropäer wie Jules Verne oder Kurd Laßwitz, bereits damals ausgeglichen von den Briten wie H.G. Wells und Mary Shelley. Da ist auch schon eine Erklärung: Utopia war bis auf wenige Ausnahmen (Ernest Callenbach, Thomas Morus) ein Phänomen der Kontinentaleuropäer (Isaac Asimov in einem so kurzen Text kulturell zu verorten ist derweil praktisch unmöglich). Insofern mag es dem Zufall der amerikanischen Vorherrschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken sein, dass SF ein zwischen negativen und militärischen Ausprägungen verortetes Genre wurde. Tatsächlich verschwanden die großen Utopisten mit den Untergängen der Achsenmächte (z.B. Hans Dominik) und des Ostblocks (z.B. Alexei Tolstoi, Stanisław Lem) in zwei großen Phasen aus dem Mainstream der SF-Welt, während Frankreich sich seltsamerem zuwendete (z.B. Jean Giraud/Moebius).
Aber da steckt vielleicht auch mehr hinter: Utopien sind heute aus einem ganz pragmatischen Grund kaum mehr möglich: Wir haben gesehen, was aus den großen Technologien der Zukunft wurde und siehe, es war… langweilig. Ja, das Internet hat unser aller Leben verändert, revolutioniert gar, aber es wirkt von heute aus gesehen alles so trivial. Es scheint, als wäre jede Verbesserung emotional letztlich nur der neue Normalzustand. Als wäre es ein Naturgesetz, dass es leichter ist, Leid zu beklagen als Glück zu genießen.
Wir sind dem Paradies so nahe, dass wir nicht länger den Sinn darin erkennen, es zu erreichen. Oh sicher, wir gehen weiter, aber die große Erwartung an die Ankunft ist verflogen. Es ist wie beim Umzug in eine neue Gegend: Irgendwann ist man halt da und alles wird überraschend schnell wieder normal. Ein paar Monate und man meint, schon immer dort gewesen zu sein.

Der Techno-Thriller

Der beständige Fortschritt hat schon immer die Zukunft aufgefressen und überholt. Vernes U-Boote, Wells‘ Panzer und beider Landungen auf dem Mond sind heute trivial. Aber sie sind so fantastisch und fern dessen, was wir wirklich haben, dass sie ihre Faszination bewahren konnten.
Doch mit dem Näherrücken der Zukunft wurden unsere Visionen von ihr realistischer, bis vollkommen ununterscheidbar wurde, wo die Gegenwart aufhörte und die Zukunft begann. In den 80ern begann man zunehmend, in der nahen Zukunft angesiedelte Science-Fiction unter dem für die Verkäufe besseren Label Techno-Thriller zu verkaufen. Plötzlich verschwand ein großer Teil der Science-Fiction in andere Regale und die Menschen gewöhnten sich daran, dass Geschichten um Supercomputer und revolutionäre technische Durchbrüche keine Science-Fiction mehr darstellten.
Frank Schätzing läuft unter den Mainstream-Romanen, Tom Clancy unter den Thrillern. Die Grenze lief schon länger eher schwammig (Hans Dominiks Kautschuk von 1929 behandelt die damals wirtschaftlich extrem folgenreiche Erfindung künstlichen Gummis, die 1930/31 tatsächlich erfolgte), aber nun war sie ausdrücklich aufgehoben.
Alles, was so wirkte, als könne es bereits morgen in den Geschäften auftauchen, wurde der Science-Fiction entzogen und dem Thriller zugeschlagen. Und das war viel.
Hinzu kommt der Verlust von Science-Fiction-tauglichen Elementen. Ja, Gravity spielt im Weltraum. Es enthält aber dennoch kein einziges SF-Element. Das hat einigen Sub-Genres der SF die Luft genommen — Cyberpunk als besonders eklatantes Beispiel ist ausserhalb des Videospiels praktisch tot, seit das Internet allgegenwärtig wurde und vom Unterschied zwischen einem Mobiltelefon und einem Cyber-Implantat nur noch ein ästetischer verblieben ist.

Extrem-SF

Für die Sf bleibt nur, der Gegenwart möglichst weit aus dem Weg zu gehen.
Entweder in einer seltsamen Form von Selbstreflexion in einer Zukunft, von der bereits erwiesen ist, dass sie nie kommt: Steampunk samt seiner Sprösslinge Dieselpunk, Clockpunk und Bronzepunk nähert sich teils der Fantasy und befreit sich von der Last, die Zukunft vorherzusagen. Manche werden dabei zu reinem Eskapismus, andere nutzen die Freiheit, um in der Technik Metaphern und Wege zur menschlichen Natur aufzubauen.
Oder aber in einer Zukunft, die so weit entfernt liegt, dass sie nur wenige von uns sehen können werden. Die Weltraumoper mit zwischen Planeten umherfliegenden Raumschiffen taucht ebenso wieder auf, wie die militärische SF mit ihren Weltraum- und Planetenschlachten. Neue Autoren wie Andy Weir (Der Marsianer) und Hugh Howey (Silo) führen uns zur Besiedlung anderer Planeten.
Die Science-Fiction hat aufgehört, das Morgen zu beschreiben, es wurde ihr entrissen. An seiner statt beschreibt sie das Übermorgen und auch ganz bewusst das Niemals, denn nur so kann sie überleben.

Nächste Woche: Horror

Apnoe-Flachköpper: Rezension zu Free Rainer 0 

Dank Netflix sehe ich in letzter Zeit einige Filme, die ich schon lange schauen wollte. Einer davon war Free Rainer. Es kommt selten vor, dass ich zu einem konsumierten Medium nachher so viel sagen will, dass ich dafür einen Blogbeitrag bemühe. Free Rainer ist ein solcher Fall, einfach, weil er so ein seltsames Erlebnis war, zugleich aber auch unfreiwillig einige Probleme der gegenwärtigen Kulturdiskussion veranschaulicht.

Die Geschichte
Rainer ist der verkokste Produzent von strunzdämlichen Unterhaltungssendungen beim Privatsender TTS, einem hauchdünn verpackten Klon von RTL2. Nachdem er einen Anschlag schwer verletzt überlebt, kommt er als veränderter Mensch zurück – seine Fieberträume und die Geschichte der Attentäterin Pegah bringen ihn zu der Erkenntnis, dass seine Produkte den Menschen und der Gesellschaft insgesamt geschadet haben. Sein Versuch, eine Sendung mit mehr Anspruch ins Programm zu bringen, scheitert kläglich und er kündigt beim Sender, um der Ursache für die Volksverblödung durch das Fernsehen auf den Grund zu gehen: Den Quoten.
Nachdem er herausfindet, dass die Quoten tatsächlich die Sehgewohnheiten einiger weniger gemessener Haushalte darstellen, entwickelt er einen neuen Plan. Mit Hilfe einer kleinen Gruppe Arbeitsloser (und des paranoiden Sozialphobikers Philipp) manipuliert er die Einschaltquoten, um niveauvolle Sendungen plötzlich profitabel erscheinen zu lassen.

Kritik
Free Rainer anzuschauen ist ein seltsames Erlebnis. Man sieht ihn und während der Abspann läuft ist da dieses angenehme, warme Gefühl, etwas gehaltvolles gesehen zu haben. Kulturkritik, die Entwicklung der Vorstellung einer besseren Welt, nah genug an der unseren um wahr zu werden, ein Hoffnungsschimmer der Möglichkeiten, eine Eulenspiegeliade. Die Mischung aus konsensfähigen Überzeugungen (Marke „Reality TV ist scheisse und verblödet“), Humanismus (Der Mensch ist zu besserem fähig, man muss ihn nur anstupsen) und der Regisseur Weingartner eigenen Revolutionsromantik (noch deutlicher im Vorgänger Die fetten Jahre sind vorbei) ist die perfekte Droge für so manchen eher links gesinnten Geist. Dieses warme Gefühl, das da entsteht muss in etwa das sein, was andere beim Betrachten eines Heimatfilms empfinden, nur halt mit Revoluzzer- stat Alpenromantik.
Für einen Moment. Dann kommen die Fragen. Dann kommt die Erkenntnis, dass diese ganze Kulturkritik doch sehr simpel gestrickt ist.
Es sind anfangs nur kleine Misstöne, die man im Film bemerkt, aber als Nebensätze übersprungen hat. Dass der Film ein paar mal Schwarz-Weiss-Bild als visuellen Hinweis auf hohen kulturellen Wert des neuen Fernsehprogramms nutzt — geschenkt. Dass die Mathematik erschreckende Salti schlägt, wenn bei einem Prozentanteil ein Balken schrumpft, ohne dass andere steigen — na gut, das ist halt kein Film über Mathematik. Immerhin wird das Fernsehen ausgewogen dargestellt: Gutes wie schlechtes Programm existieren, das Medium selbst kann auf verschiedene Arten genutzt werden.
Aber schon da ist dieser kleine Moment, den der Film anschließend übergeht. In einer Diskussion, welche Programme gut sind, wirft einer der engagierten Arbeitslosen American Chopper ein. Im Film ist es nicht mehr als ein Gag, aber der wahre Kern geht dabei unter: Qualität ist zu großen Teilen subjektiv. Des einen Prollo-Mist auf Sendern wie DMax ist des anderen Arte-Äquivalent. Und warum eigentlich nicht? Einem Kunstkritiker eine Folge der Chrom anbetenden amerikanischen Motorradfans vorzuführen wäre ein ebenso amüsantes wie potenziell fruchtbares Experiment. Was genau macht einen Picasso (oder wegen der industriellen Reproduzierbarkeit vielleicht passender, einen Warhol) eigentlich wertvoller als eine Harley Davidson? Den Film interessiert die Frage nicht weiter. Aber das ist schon in Ordnung, denn der Film lässt für eine solche Diskussion keine Zeit, sie den Rezensenten zu überlassen ist wahrscheinlich kein Fehler.
Dann jedoch kodiert der Film weiter den Kontrast zwischen guter und schlechter Kultur. Kann man machen, wenn man über Inhalte spricht. Das aber tut Weingartner nicht. Er arbeitet mit Oberfläche. Bücher und die Oper werden als Indikatoren dafür benutzt, dass es der Kultur besser gehe. Videospiele und Musicals sind die Stellvertreter verdummender Unkultur. Während das Fernsehen differenzierte Betrachtung erhält, tauchen am Rande andere Medien als gänzlich gut oder schlecht auf. Sie sind auf Schlüsselreize reduziert, die ebenso unterkomplex die angelernten Reflexe der Zielgruppe auslösen, wie es jenes schlechte Fernsehen tut, dem der Film dies vorwirft. Dass der Großteil aller Bücher (auch aus den Verlagen) nach den meisten Maßstäben Schund ist, dass Videospiele sich mit ihren ganz eigenen narrativen Möglichkeiten zunehmend neben den anderen Kunstformen etablieren, fällt da unter den Tisch. Oper=Gut, Musical=Schlecht ist sogar eine Unterscheidung, die man nur treffen kann, wenn man ordentlich aus Vorurteilen schöpft (mir ist noch nicht mal klar, was genau der Unterschied sein soll).

Free Rainer leidet damit an Halbreflektiertheit. Der Film hat das sprichwörtliche Herz am rechten Fleck, trägt aber in sich die Saat dessen, was er kritisiert. Das Ansprechen von Schlüsselreizen in der Zielgruppe, letztlich die Grundlage, auf der das gerne kritisierte Schrottfernsehen es schafft, so viele Zuschauer anzuziehen: Es konzentriert sich auf die Schlüsselreize seiner (allerdings viel größeren) Zielgruppe.
So kann sich der links geneigte Zuschauer dem warmen Gefühl in der Brust hingeben, er habe grade etwas profundes, wahres, revolutionäres gesehen. Und wird damit selbst Opfer der Einlullung in einfache Denkmuster.
Es gibt nichts, was Free Rainer wirklich hinterfragt. Der Film baut Vorurteile des Kultursnobismus zu einer angenehmen Gutenachtgeschichte für die Anhänger eben jener.

Damit illustriert Free Rainer das Hauptproblem der gegenwärtigen Kulturdebatte: Es wird nur noch mit Vorurteilen umhergeschmissen. Diese und jene Medienerscheinung verblödet, jene andere hingegen ist richtige Kultur, was auch immer das eigentlich sein soll. Der gesamte Kulturbetrieb ist zu einem an mangelnder Selbstreflexion leidenden Zirkus geworden, dessen Publikum sich nur zu bereitwillig von einfachen Erzählungen einlullen lässt.

Aber wisst ihr was: Das geht in Ordnung. Das angenehm warme Gefühl in der Brust beim Ansehen einer Schmonzette ist durchaus ein Wert für sich, wenn man ihn zu dosieren weiss. Angenehme Gefühle dieser Art sollen ja sogar das Leben verlängern. Ob dieses Gefühl nun aus der Hochzeit am Ende oder der erfolgreichen Revolution folgt, ist dabei allerdings nur eine Frage von Nuancen. Beides ist in der selben Weise Schmonzette.

Andererseits, wenn ich mir die Verwendung von Musik im Film ansehen, die gerne mal dem Publikum vorschreibt, was es grade zu empfinden hat, kann es durchaus auch sein, dass das Regisseur Weingartner durchaus bewusst ist.

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Mythos Enhanced eBook 1 

Mal wieder läuten die Glocken vom Ende des traditionellen eBooks, angeblich sterben die ePaper-Lesegeräte zu Gunsten von iPads und iPhones. Verursacher diesmal: „Enhanced eBooks“, also eBooks, die mehr als nur Text und Bilder bieten – etwa Ton, eingebettete Videos und interaktive Elemente.
Nun, ich habe meine Zweifel an der Wahrheit der These, dass klassisch-buchartige eBooks in absehbarer Zukunft ersetzt werden. Ich könnte lange ausführen, wie beispielsweise Romane in den letzten 100 Jahren eine beständige Entwicklung hin zu weniger Zusatzmaterial wie Bildern hatten, nicht zu mehr und wie dies das Erlebnis des Lesens eines Romans verbessert hat. Oder wie viel angenehmer Lesen auf ePaper im Vergleich zu einem Display ist.
Aber ich finde einen anderen Aspekt viel interessanter: Die Geschichte der Zukunft des Buches.

Was Behauptungen von der Zukunft des Lesens gerne übersehen ist, dass es nicht nur eine Sorte Bücher gibt und dass Sachbücher, Fachbücher, Romane, Comics, Biografien und etliche andere Formate alle unterschiedliche Anforderungen und auch völlig unterschiedlichen Nutzen von verschiedenen technischen Fortschritten haben. Aber bisher hat sich immer gezeigt, dass der Vorgang des Lesens einer Geschichte sich nicht ändern ließ. Lasst mich euch durch 40 Jahre (nahezu) ausgebliebener Medienrevolution führen. Weiterlesen »

Die zwei Arten schlurfender Horden: Zombies und Flüchtlinge 0 

Dieses Blog hatte in letzter Zeit viel zu viele anspruchsvolle Namen in den Prämissen der Artikel. Das geht so nicht, also geht es heute um Zombies und was genau die als literarisches Modell eigentlich repräsentieren. 61,5% aller Zombiefilme stammen aus dem 21. Jahrhundert und da stellt sich schon die Frage, warum Zombies so populär geworden sind. Sie sind ja nun beileibe kein neues Motiv.

Die bekannte Erklärung, Zombies stehen für den Konsumwahn dürfte auf Romeros Nacht der lebenden Toten beschränkt sein, ist also kein Ansatz: Weder ältere Zombiefilme wie Plan 9 from Outer Space, noch Romeros eigene Fortsetzung Zombie enthalten Verweise auf den Kapitalismus. Tatsächlich wage ich zu behaupten, Nacht der lebenden Toten war der einzige Zombiefilm, der jemals diese Bedeutungsvariante genutzt hat und selbst dort war so eher halbgar.

Benjamin Reeves kommt bei Medium aufgrund der oben angedeuteten Statistik zu dem Schluss, dass Zombies eine Verkörperung des Terrors sind. Zombies seien gefühllos, bewusstseinslos und töten jeden, der ihnen zu nahe kommt. Das klingt schon wahrscheinlicher, aber es passt noch nicht zu 100%. Wahrscheinlich hat er in Bezug auf einige Werke aber Recht.

Vor einigen Tagen fiel mir bei der Recherche von Titeln für eBooks für lau das Cover des links eingeblendeten eBooks (ja, böser Amazon-Link, ich weiss, ist halt ein Kindle-Buch) auf. Sieht ziemlich genau aus wie ein typischer Zombie-Titel, nicht wahr?
Doch dieses Buch hat keinen Bezug zum Zombie-Thema, es ist die autobiografische Erzählung einer Frau, die als Palästinenserin nach Israel gekommen und daraufhin nirgendwo mehr als Mitbürgerin akzeptiert wurde. Und ihr Cover sieht aus wie das einer Zombie-Geschichte. Was mich zu der Überlegung bringt: Sind Zombies Flüchtlinge? Gar Moslems?

Sind Zombies Flüchtlinge?
Die typische Zombie-Szene sieht immer wieder gleich aus: Hunderte, wenn nicht tausende, abgemagerter Kreaturen füllen die Straßen und drücken sich von Hunger und Verzweiflung getrieben gegen Zäune und Fenster. Sie lungern stöhnend an der Grundstücksgrenze. Findet einer einen Eingang ins Grundstück, strömt eine ganze Flut weiterer Zombies diesem ersten hinterher. Sie sind hungrig und verseucht, tragen Lumpen und sind zu jeder Kommunikation unfähig. Wir kennen dieses Bild aus genau einem anderen Kontext: Es entspricht populären bis populistischen Darstellungen von Einwanderergruppen in die reichen Staaten des Nordens. In Nordamerika mit Zaun aus Mexiko, in Europa über das Mittelmeer aus Afrika. Das Bild des Einwanderers ist jenes eines anonymen Mitglieds einer Masse von Einwanderern, die halbverhungert und in Lumpen gekleidet an unsere südlichen Grenzen treffen und sie ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben zu überwinden suchen. Sie stammen aus Ländern voller schrecklicher Seuchen und wenn sie überhaupt sprechen, so ist die Kommunikation sinnlos, weil sie nicht unsere Sprache sprechen.
Die sich angegriffen fühlenden verstärken ihre Grenzen, bis hin zum Versuch, jeden unerwünschten, der sich der Grenze nähert, zu erschießen.
Denn wenn sie es über die Grenze schaffen, überrennen sie uns und fressen uns auf. Xenophobe Darstellungen von Flüchtlingsströmen und der uns inzwischen vertraute Filmzombie sind in ihrem Erscheinungsbild praktisch identisch. Ich bin daher recht sicher, dass der (heutige) Zombie als Motiv einen xenophoben Kern hat.
Das wichtige hierbei ist, dass dieser Zusammenhang nicht bewusst konstruiert ist, solche Bilder stammen aus dem Unterbewusstsein. Man wird immer wieder in den Medien mit dem Bild von an Zäunen drängenden Horden gefüttert und irgendwann beginnt man, diese Ikonografie in andere Kontexte zu übertragen. Das gefährliche an solchen Dingen ist, dass sie sich auf diese Weise einschleichen – niemand entscheidet sich bewusst, xenophobe Motive zu verwenden oder gar xenophob zu werden. Bewusst dürfte nur die Entscheidung sein, dass Zombies eine hervorragende Bedrohung abgeben. Die meisten Regisseure und Produzenten von Zombiefilmen dürften weit davon entfernt sein, Ausländerfeinde zu sein. Das ist der Grund, warum man als Künstler immer hinterfragen muss, ob man mit seinem Werk grade das tut, was man glaubt zu tun.

Sind Zombies Moslems? Oder der Islam?
Reeves stellt in seinem Artikel den Zusammenhang zu 9/11. In Verbindung mit ein paar Elementen moderner Zombies, welche nicht durch die reine Einwanderer-Analogie erklärt werden können drängt sich daher der Verdacht auf, dass Zombies Muslime sind.

Hier ist mein Bezugspunkt zu der ganzen Sache: Eines meiner im Hintergrund laufenden Projekte ist eine Zombie-Geschichte. Die Zombies dienen dort als Metapher für eine Reihe von Dingen, darunter eben Religion. Zombies können ihre Opfer zu einem der ihren machen, sie können sie konvertieren. Sie haben das mit den in den letzten Jahren ebenfalls extrem populären Vampiren gemein, die aber leider von Stephenie Meyer ruiniert wurden und somit den Zombies das Feld überließen.
Und bei den Zombies wird man nicht etwa ein Sklave wie es bei den als Kommunismus-Metapher dienenden Ausserirdischen der 50er war, man wird selber ein Zombie unter anderen Zombies. Werde ein Zombie oder verlier dein Leben, das sind die Alternativen, die ein Opfer der Zombie-Apokalypse hat. Das ist populistischen Darstellungen des Islam sehr nah. Und tatsächlich findet man die meisten Zombiefilme in den beiden Ländern, in denen die Diskussion um die „Islamisierung“ am größten ist: England und die USA.

Und sonst so?
Zombies können als Metapher für viele Dinge stehen. Grade in Verbindung mit Mediengläubigkeit taucht der Vergleich sehr oft auf. Insofern steht nicht annähernd jedes Zombiebild irgendwie in einem xenophoben Kontext. Und vielleicht ist es ja auch umgekehrt so, dass unsere Darstellung von an Grenzen und Zäunen auflaufenden Menschenmassen von Zombies inspiriert ist, nicht umgekehrt.
Ich meine nur, dass es wichtig ist, alle möglichen Assoziationen eines genutzten Bildes zu reflektieren und zu überlegen, was man da auch unbewusst auslöst oder mitträgt. Das Bild der Zombiehorden vor Tor/Zaun/Mauer birgt einen Beigeschmack der Einwanderungsdebatte, dem wir uns bewusst sein sollten.
Was wir mit diesem Bewusstsein dann machen, ist jedem selbst überlassen.

Architektur ist alles 0 

tl;dr Die Würdigung Hans Holleins in Mönchengladbach ist eine oberflächliche. Wer Holleins Ideen würdigen will, sollte in seiner Stadt keine immergleiche 08/15-Architektur à la Burkhard Schrammen protegieren, das zeugt einzig von Unverständnis dieser Ideen./tl;dr

Vergangene Woche starb Hans Hollein, in Mönchengladbach als Architekt des Museums Abteiberg bekannt. Leider ist Hollein genau die Art Architekt, die in MG so schmerzhaft fehlt und überhaupt in Deutschland an Bedeutung zu verlieren scheint.

Es gab in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Bauvorhaben, denen allen gemeinsam war, dass die jeweiligen Siegerentwürfe, oft aber auch die anderen Entwürfe, geprägt waren vom immergleichen Bild: Aufeinandergestapelte weisse Rechtecke mit entweder glatten Wandflächen oder Glasfronten und ohne individuelle Erkennungsmerkmale. Architektur wie vom Fließband.

Von oben nach unten: Zwei Entwürfe für die Friedrich-Ebert-Straße (Baulücke gegenüber Bushaltestelle Hauptstraße), ein aktuelles Projekt im Nordpark und ein Wettbewerbsgewinner für einen Bau gegenüber des Museums Abteiberg.

Unsere Presse spielt mit: Die 08/15-Glasfassade des rechten Entwurfs für die Friedrich-Ebert-Straße findet die Rp „interessant“ das unübersehbar reduziert-moderne weisse Ding mitten im Denkmalbereich „fügt sich […] gut ins Gesamtbild ein“ und der Schrammen-Entwurf gegenüber des Hollein-Museums sei laut Pressemitteilung der Stadt „städtebaulich richtig und wichtig“.
Man könnte die Liste austauschbar gleicher Gestaltung fortführen, etwa mit den Roermonder Höfen, die auch nur eine größere Version davon sind. Grade Schrammen/Jessen baut nur solche Dinger, die jedes Kind mit Legos unterfordern.
Selbst wo das Nutzungskonzept gut ist (wie etwa am Abteiberg), die Gestaltung ist eine immergleiche Soße, die keinerlei Berücksichtigung der Umgebung findet. Und nirgendwo ist das eklatanter als am Abteiberg, gegenüber eines Hollein-Baus.

Ich habe mich bei der Vorstellung des Entwurfs bei Facebook mit meinem KOmmentar bei einigen nicht beliebt gemacht, als ich darauf hinwies, dass das Gebäude nicht in die Ecke passe, insbesondere nicht an der durch sehr alte Bauten geprägten Krichelstraße (die wohl aus gutem Grund in keinem der Pressebilder gezeigt wird). Man kann das Problem erahnen, wenn man sich den architektonischen Kontrast zu den Nebengebäuden klar macht, die im Bild deutlich weiter entfernt aussehen, als sie sind.

Ein Zitat von Bernhard Jansen in der Facebook-Diskussion finde ich nachträglich sehr interessant:

Ob ein post-moderner neo-neu-barocker Bau ehrlich besser sein könnte, wage ich zu bezweifeln.

Warum eigentlich nicht? Gibt es etwas an der Architektur der Jahrhundertwende, dass es heute unmöglich macht, ein Gebäude zu bauen, welches sich in eine solche einfügt und dennoch etwas Individuelles hat, mit dem sich der Architekt verwirklichen kann? Ich sehe nicht, was das wäre.
Hollein würde sich, sofern er bereits beerdigt wurde, im Grabe umdrehen, denn grade sein Ansatz war es, dies wenigstens auszuprobieren. Denn, so verstehe ich Holleins Ansatz inzwischen, Architektur ist alles und deshalb verdient sie es nicht, lieblos angegangen zu werden.

Wer sich eine größere Anzahl Bauten und Entwürfe Holleins ansieht kommt nicht umhin, ihnen allen Individualität zuzugestehen. Jedes Gebäude sieht vollkommen anders aus. Glasfassaden und weisse Rechtecke sind vorhanden, aber immer durch Brüche, Unregelmäßigkeiten, Störer jedweder Form durchstoßen.
Um mal ein Extrem herauszugreifen, hier ist das Institut für Vulkanologie in Clermont-Ferrand, ein aus Vulkangestein gebautes Museum über Vulkane. Mit einem Nebengebäude in Form eines aufgespaltenen Vulkans!
Wer so etwas macht, baut keine langweiligen gestapelten weissen Rechtecke an jede Ecke einer Stadt. Der ignoriert auch nicht mal eben eine riesige mitten über das Grundstück eines Projekts spannende Brücke und sagt nachher, er wisse nicht, was man damit machen solle.

Mönchengladbach ehrt Hollein diese Woche mit Nachrufen und mit der schon zuvor immer wieder in Erinnerung gerufenen Tatsache, dass er unser größtes Museum entworfen hat. Doch es zeigt sich auch ohne jegliches Bewusstsein für Holleins Ansatz, seine Denkweise und seine Verdienste. Hollein war einer der letzten im Westen, die sich noch die Mühe machten, Architektur als Kunst zu behandeln und ihr entsprechende Hochachtung zu gewähren.
Und ich vermute es ist dies, was den Architekten, die unsere Stadt jetzt bauen, fehlt. Das Verständnis, dass was sie bauen mehr ist als eine Hülle für Funktionalitäten. Architektur ist alles, sie umgibt uns ständig. Der Lebensraum des Menschen ist Architektur und da der Lebensraum einer der prägenden Einflüsse auf ein Lebewesen ist, sollte seine Gestaltung entsprechend wichtig genommen werden. Ich wage zu behaupten, dass die aktuelle uniform-glatt-unkreative Bauweise ebensolche uniform-glatt-unkreativen Geister fördert.
Das war eine Erkenntnis Holleins. Ich mag den Hollein-Bau des Museums nicht besonders, aber ich verstehe ihn nach meiner Beschäftigung mit Hollein. Anders als von vielen Freunden des Baus gesagt hat dies meine Einstellung gegenüber der gleichmachenden 08/15-Architektur der Gegenwart aber nur verschlechtert.
Es wäre schön, wenn das aktuelle Gedenken an Hollein tiefer gehen würde. Es lohnt sich.

Wobei auch Hollein mir noch nicht weit genug geht, denn eine Frage erlaube ich mir noch zu stellen: Warum eigentlich muss jedes Gebäude der Gegenwart aussehen wie ein Gebäude der Gegenwart? Die Technologie, einen Erker, Schnörkel oder Arkaden zu bauen, ist ja nicht verloren gegangen. Was hindert einen Architekten des 21. Jahrhunderts eigentlich daran, ein Gebäude im Gründerzeitstil zu bauen? Technisch moderner und vielleicht auch mit ein paar Gestaltungselementen anderer Zeiten. Halt nicht wieder als „Epoche“, sondern als individueller Entwurf eines künstlerisch tätigen Individuums. Denn Epochen sind ohnehin eine unsinnige Idee, geboren aus dem Versuch branchenweiter Gleichmacherei.

Ein gutes Beispiel gibt es in Gladbach übrigens durchaus: Was auch immer man von der im Bau befindlichen Mall halten mag, sie ist individueller gestaltet, schöner und optisch besser in ihr Umfeld eingebettet als so ziemlich alles andere, was in der Stadt aktuell oberhalb des Niveaus eines Eigenheims gebaut und geplant wird (Größe und Funktion ignorierend, es geht nur um die Gestaltung). Und im allgemeinen sind die neuen Platzgestaltungen in der Stadt von hervorragender Qualität, weil hier Gruppen wie die Freimeister aktiv sind, die sich als Künstler verstehen und entsprechend individuelle Konzepte vorlegen. Es könnte allerdings auch daran liegen, dass Plätze in der Regel keine Fassaden haben.

Kurzer Rant zur Literaturwissenschaft 0 

Ich hatte ja noch ein paar Worte zu McLuhan versprochen, beziehungsweise zu seinen berühmten Worten „The medium is the message“. Also auf zu der Frage, die McLuhan stellt und die ich in nicht ganz so radikaler Form ebenso stellen möchte: „Was genau erforscht die Literaturwissenschaft eigentlich?“

McLuhans Satz ist eine der Grundlagen der Medienwissenschaft und stammt aus Understanding Media. Grundaussage hier ist, dass das Medium einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft hat als das, was mit ihm transportiert wird und daher vordringlich untersucht werden sollte.
Bevor ich zur Literatur zurückkomme, kurz dazu, was das für die Medienwissenschaft bewirkt hat.
Durch die Zuweisung gesellschaftlicher Folgen zu den Medien entstand etwas messbares. Die Beschäftigung mit Medien erhielt das Potenzial, zur Wissenschaft zu werden, denn Wissenschaft ist im Grunde genau das: Die Vermessung der Welt.
Ansätze dazu hatte es schon vorher gegeben, aber McLuhan brachte es auf den Punkt und festigte die Dsziplin damit im Reigen der anderen Wissenschaften.

Und damit kommen wir zur Literaturwissenschaft: Was genau misst die eigentlich? Inwiefern ist die Literaturwissenschaft wissenschaftlich?
Es gibt ein paar Felder hier und dort, die mit dem Konzept des Messbaren arbeiten. Aber der Großteil der Literaturwissenschaft besteht aus Literaturinterpretation (die vom Individuum des Lesers abhängt und somit nicht wissenschaftlich ist) und Literaturkritik (dito). Man wirft mit Begriffen wie Qualität um sich, als würden sie etwas objektives messen, dabei messen sie lediglich Meinungen über ein Werk.
Noch sind wir in einer Phase, in der diese Anmaßung der Objektivität von Qualität allgemeiner gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint. Goethes Werke hat man gefälligst für Meisterwerke zu halten sonst fehlt einem „Bildung“ – was immer das eigentlich sein soll, es ist einer dieser wunderschön inhaltlosen Begriffe des Elitismus, der kulturelle Überlegenheit durch Phrasen vorzugaukeln versucht.
Dass Goethes Werk hinsichtlich sämtlicher auch nur theoretisch ansetzbarer Kriterien wild geschwankt hat, interessiert dabei nicht. Was grade bei Goethes Lebens- und Schaffensgeschichte mit zahlreichen teils inhaltlich und ästetisch völlig gegensätzlichen Phasen erstaunlich ist (Kleiner Exkurs: Ich liebe den Werther und hasse die Iphigenie mit Inbrunst).

Das ist das Problem der Literaturwissenschaft in der Moderne: Sie schleppt den Muff einer Zeit mit, als eine Elite aus den Elfenbeintürmen der Universitäten per Gutdünken entscheiden konnte, was Teil eines Kanons sei, über dessen Kenntnis sie sich dann vom Pöbel abheben konnten.
Und dieses Erbe ist gefährlich: So lange die LitWi keine Begründung für sich selbst findet, die ohne die Phrase „Bildung“ auskommt, so lange ist sie von den Streichkonzerten an den Hochschulen bedroht. Die LitWi möge das Bildungsgeschwafel den Feuilletons überlassen und endlich den Schritt wagen, eine echte Wissenschaft zu werden.

Die gute Nachricht ist, dass sie begonnen hat, sich aus dem Elitismus der Kanones zu lösen. Die tatsächlich wissenschaftlichen Teilbereiche der LitWi beschäftigen sich schon längst auch mit der Alltagsliteratur und tun dies nicht mehr (nur) abweisend.

Plädiere ich dafür, den Goethe (und die anderen Klassiker) zu vergessen? Nein, wer ihn lesen will, möge ihn lesen und ich bin sicher, die Geschichts- und Kulturwissenschaftler können aus seinem Werk viele Kenntnisse über das Leben und Denken im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert erlangen. Viele Leser werden aus diesen Werken für sich etwas lernen, aber dieses Potenzial hat jede Literatur, selbst die schlechteste.
Aber hört auf, so zu tun, als wären jene, die ihn nicht gelesen haben irgendwie unterlegen oder, netter ausgedrückt, „ungebildet“. Und vielleicht, wenn wir diesen Elitismus mit seinen Symptomen loswerden, schaffen die Schulen es sogar, den Kindern nicht mit aufgrund ihrer zeitlichen Distanz unverständlichen, jahrhundertealten Büchern das Lesen von Literatur zu vergraulen. Und wenn 100 Kinder überhaupt das Lesen als eine angenehme und, ja, bildende Beschäftigung entdecken, ist viel mehr gewonnen als wenn von diesen 100 Kindern 70 vergrault wurden und dafür 2 Schillers Räuber (um mal nicht Goethe zu nehmen) auswendig zusammenfassen können.
Und die Literaturwissenschaft kann wesentlich freier tatsächlich Wissen schaffen anstatt sich in ihrem selbstreferenziellen Muff der Kanones und Klassiker zu suhlen.

Wieso das nun weniger radikal ist als McLuhan?
Ich billige dem Inhalt der Medien im Gegensatz zu seinem Frühwerk durchaus eine Wirkung zu. Oft genug ist diese auch gesamtgesellschaftlich und genau das zählt zu den Dingen, die eine tatsächlich wissenschaftliche Literaturwissenschaft untersuchen kann. McLuhan erklärt die Inhaltsdisziplinen implizit für obsolet; ich nicht, für mich sind sie nur reformbedürftig.
Literaturwissenschaft ist eine wertvolle Disziplin. Sie leidet nur an ein paar Klötzen am Bein.

Papierfrei: Meine kleine Medienrevolution 1 

Unter all den persönlichen Entwicklungen des Jahres 2013 staune ich selbst am meisten über diese: Abgesehen von einem Taschenkalender, Sprühschablonen und Bastelbögen habe ich keinerlei Verwendung mehr für Papier. Was ich an Papier besitze, sofern es nicht in Buchform oder als Verpackungsmaterial ist, liegt nutzlos in irgendwelchen Schubladen, auf eine Nutzung wartend, die wohl nie eintreten wird. Jedesmal, wenn ich etwas ausdrucken will (ganze 2x in diesem Jahr) ist das letzte Mal so lange her, dass die Tintenpatronen völlig eingetrocknet sind und nicht mehr funktionieren.
Papier liegt hier rum wie es zuvor diverse Diskettenformate (5¼, 3½ Zip) getan haben, wie es jetzt die durch USB-Sticks ebenso obsolet gewordenen CD- und DVD-Rohlinge tun. Wie diese und wie diverse Videospielmodule, Vinylplatten und Kassetten, ist es für mich zu einem Relikt der Vergangenheit geworden. Und anders als so viele sehe ich die Vergangenheit zwar als interessant und wichtig, aber keineswegs als erhaltenswert an, denn sie ist ihrem Wesen nach vergangen, jeglicher Erhalt von Vergangenem letztlich eine Lüge, denn wer Vergangenes erhält, erhält nicht die Vergangenheit, sondern ein durch seine Anwesenheit in der Gegenwart bzw. die Abwesenheit seines einstigen Kontextes verzerrtes Echo dieser.
Das gilt in ganz besonderem Maße für Medien.

Ich habe keinerlei Nostalgie für Trägermedien.
Ein gutes Medienprodukt (ich nutze den Begriff, um die Frage der Definition von „Kunst“ zu umgehen) ist eines, welches sein Trägermedium irrelevant macht. Nicht seine Medienart: Ein Text bleibt ein Text, ein Spiel bleibt ein Spiel usw.
Wohl aber sein Medium, denn ein gutes Werk steht für sich, bringt den Leser/Zuschauer/Hörer/Spieler/usw. dazu, alle Sinne auf das Mediierte selbst zu konzentrieren. Solaris von Stanisław Lem bleibt das selbe großartige Buch, ob nun in Form eines Codex, einer Schriftrolle oder auf einem eReader. Zu Marshall McLuhans „The medium is the message“ komme ich übrigens auch noch, heute nur so viel: McLuhan widerspricht mir hier nicht (nunja, nicht wirklich), denn McLuhans Blickwinkel ist ein völlig anderer.
Ein Werk, das dies nicht schafft, ist es ohnehin nicht wert, erneut gelesen/gesehen/gehört/gespielt zu werden. Wobei es zugegebenermaßen noch die Option gibt, dass ein Trägermedium eine Fehlkonstruktion für die Wiedergabe einer bestimmten Medienart ist.

Eine viel zu lange Art um zu sagen, dass ich 2013 Bücher auf Papier nur noch antiquarisch gekauft habe, wenn es billig war oder keine andere Option gab. Sie sind schwer, nehmen Platz weg und Umblättern ist so ziemlich die umständlichste Art, eine Seite zu wechseln, die es gibt. Überhaupt, das Umblättern: Wenig stört so sehr den Lesefluss und damit das Eintauchen in die Geschichte eines Texte wie diese vollständige Unterbrechung des Lesens am Ende jeder zweiten Seite.
Eine Tageszeitung nutze ich übrigens schon lange nicht mehr, einfach weil der Anteil der Informationen in einer solchen, die für mich sowohl neu als auch interessant sind so verschwindend gering ist, dass sich die Anschaffung nicht lohnt.

Warum der Medienexkurs?
Nun, weil die Bücher hier nicht alleine stehen. Auch bei Filmen und Videospielen ist mir nach langem Widerstand klar geworden, dass es völlig egal ist, ob das Medium von einem Modul, einer DVD/BD oder von der Festplatte läuft, ich sehe es letzten Endes ja eh auf dem selben Bildschirm und was währenddessen im Abspielgerät vor sich geht, davon bekomme ich so oder so nichts mit.
Dazu, wie sehr das Ins-Regal-Stellen überbewertet ist, habe ich schon vor über einem Jahr etwas geschrieben und daran hat sich bisher nur unwesentlich etwas geändert.

Nachtrag, 29. 12. 2013
Jetzt habe ich mich doch etwas stärker auf Bücher konzentriert, als ich eigentlich wollte.

Aber es ist auch die aktive Nutzung: ich notiere mir nichts mehr auf Papier. Tatsächlich notiere ich gar nichts mehr, ausser Telefonnummern.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt dass jenes, was man sich nicht merken kann es auch nicht wert ist, aufgeschrieben zu werden. Einkaufslisten brauche ich nicht un was Ideen angeht, da gilt das ganz besonders: Eine Idee erkenne ich daran als gut, ob ich sie mir merke, ohne sie zu notieren.
Eine Idee, ein Gedanke, der nicht interessant genug ist, dass er sich für ein-zwei Tage im Gedächtnis hält, der ist nicht interessant genug, ihn mit der Welt zu teilen.

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Punkt Te O 0 

Erneut ist das Urheberrecht in der Debatte. Ausgangspunkt ist diesmal ein Statement beachtlicher Dämlichkeit bei movie4k.to, einer von vielen .to-Seiten, die illegal Filme streamen. Nun geht der Streit wieder los: Piraten sind böse. Copyright ist böse. Ihr seid doof.
Hach, wenn es doch nur so einfach wäre. Denn dummerweise haben beide Seiten Recht. Irgendwie. Die eigentliche Diskussion besteht in zwei Thesen, die sich diametral entgegenstehen. Und nun werde ich versuchen herauszustellen, was die beiden Thesen zu ihrer Verteidigung vorzubringen haben.

1. Piraten sind doof
Die Position hier ist nicht schwierig darzustellen: Piraten „stehleb“ (Ich komme im nächsten Satz auf den Begriff zurück) Medienerzeugnisse und schaden damit den Erzeugern dieser Inhalte (Autoren, Musiker, Programmierer, Journalisten usw.).
Die Piraten (die soziale Gruppe, nicht unbedingt die Partei gleichen Namens) selber machen eine Semantik-Diskussion um das „Stehlen“ auf, die offen gestanden wenig sinnvoll ist. Ja, es wird kein Original entwendet, somit ist es technisch gesehen kein Diebstahl. Allerdings besitzt der Urheberrechtsverletzer nach dem Akt einen Gegenstand, an dem er keine legalen Besitzrechte erworben hat, womit es zwar nicht gestohlen wurde, aber dennoch die Definition von „Diebesgut&ldquO; erfüllt.

Dennoch kann Medienpiraterie einen gewissen Nutzen haben.
Cory Doctorow nutzt den freien Download seiner Bücher als Werbemaßnahme für diese. Seine Bücher über Überwachungssysteme und Society Hacking sprechen eine Zielgruppe an, die man so erreicht. Eine Zielgruppe, die bereit ist, für erlebte Qualität Geld zu geben.
Dann ist da dieses kleine Juwel (setzt euch, das ist ein 85-Minuten-Film):
[youtube DQ72p4scSXg]
Das ist The Man from Earth. Ein Indie-Film. Ursprünglich ein Flop, wurde er zu einem kommerziell erfolgreichen Geheimtipp, als er im Internet die Runde machte. Die Macher des Films bedankten sich später bei den Piraten dafür. Ich selbst habe nach dem Ansehen auf Youtube die DVD gekauft. Was sich durchaus wiederholen könnte, etwa wenn ich Bokusatsu Tenshi Dokuro-Chan zu einem annehmbaren Preis finde.
Auch der Fernsehmarkt wäre ein anderer, wenn diverse Serien (Doctor Who, Fringe, Game of Thrones) nicht ein riesiges Publikum ausserhalb ihres Heimatmarktes hätten.
Wer sich die Beispiele allerdings ansieht, findet die Hinweise auf ein Problem: The Man from Earth ist im Kern ein Kammerspiel, das ohne nennenswertes Budget auskommt. Fernsehserien indes sidn ohnehin nicht auf die Einnahmen aus der Fernsehausstrahlung angewiesen, sie finanzieren sich über Zweitverwertungen (DVD-Verkäufe, Sendelizenzen für Wiederholungen bei anderen Sendern) und teilweise auch über Merchandise. Große Kinofilme hingegen sind auf die Ticketverkäufe an den Kinokassen angewiesen.
Und hier wird es interessant.

Nehmen wir ein beliebtes Piraterie-Argument beim Wort und sagen, dass Medienpiraterie der Vorauswahl guter Werke dient (sprich, man schaut vorher, ob ein Film was taugt und geht ins Kino, wenn dem der Fall ist). Dann bekommen wir ein Problem: Schlechte Filme lohnen nicht mehr.
Nur, wenn schlechte Filme sich nicht mehr lohnen, woher weiss ein Filmstudio dann noch, ob ein Film sich überhaupt lohnt? Sowohl die Chance auf einen guten als auch das Risiko eines schlechten Films steigen erheblich mit der Neuartigkeit dessen, was er cinematografisch und erzählerisch versucht. Das Risiko der Ablehnung eines sich von der Masse abhebenden Films ist enorm und das lässt aus der Perspektive der Studios nur einen Schluss zu: Keine Experimente!
Und noch schlimmer: Online-Vorabschau tötet nicht nur schlechte Filme, es zerstört auch den soliden Mittelbau. Denn wer einen Film bereits gesehen hat, wird ihn nur dann noch einmal sehen wollen, wenn er wirklich verdammt gut war. Ein Film der nur ein ganz brauchbarer Zeitvertreib ist, aber nichts weiter besonderes, wird untergehen. Das ist beispielsweise meine Theorie, was Disney mit Prince of Persia und John Carter passiert ist, beides gute, aber eben nicht überwältigende Filme.
Wenn die Studios nun aber keine Risiken mehr eingehen, werden immer mehr Filme zum soliden Mittelbau zählen: Sie bieten nichts neues, sind aber kompetent gemacht. Der lohnt aber immer weniger, worauf die Studios mit noch weniger Risiko reagieren.
Deshalb wird die Hollywood-Ästhetik immer einheitlicher. Deshalb dreht sich praktisch jeder Hollywood-Film um einen austauschbaren Helden, der eine ebenso austauschbare Frau in Nöten retten muss (oder ist eine wahlweise ein Remake, eine Verfilmung von irgendwas oder eine Buddy-Komödie). Deswegen sind die Standardkost von der Stange liefernden J.J. Abrams und Joss Whedon Hollywoods neue Stars und gibt es auf absehbare Zeit keinen nächsten Tarrantino. Und deshalb ist der kommerziell größte Film der letzten zehn Jahre ein objektiv betrachtet ziemlich uninteressantes Pocahontas mit Schlümpfen.
[youtube mYr9eFgQIFI]
(PS: Das komischste an diesem Artikel dürfte ironischerweise die Anzahl von Youtube-Einbindungen und -Links sein)

Das alles wäre ein negativer Trend, der zwar traurig, aber nicht wirklich schlimm. Medien kommen und gehen. Dass ein neues Medium ein altes verdrängt ist legitimer Teil des technischen und kulturellen Fortschritts, selbst wenn man das im Einzelfall schade finden mag.
Aber hier ist es keine neue Technologie, keine neue künstlerische Vision, welche die alten Medien bedroht. Es ist reine Profitgier.
Zentren der Medienpiraterie sind mit Werbung überfrachtete und somit hochprofitable Seiten, die ständig versuchen, einem kostenpflichtige Zugänge und Abos auf irgendwelche Download-Plattformen zu verkaufen. Die Vergütungen für diese Verkäufe werden oft nur noch von Bank- und Versicherungstantiemen übertroffen. Es ist ein extrem profitables Geschäft. Von wegen harmlos und nichtkommerziell.
Einfach nur eine nichtkommerzielle Platform für Nutzer zu sein, das konnten Netzwerke wie Napster, eDonkey und BitTorrent für sich veranschlagen. Dies sind Phänomene, die passieren und auf die Medienanbieter eine Antwort finden müssen. Das ist legitimer technischer Fortschritt. Aber wenn Seitenbetreiber anfangen, damit ihre Geldbörsen vollzuscheffeln, ist die Linie überschritten, weil hier aktiv und aus niederen Gründen eine ganze Branche zerstört wird. Und den Nutzern wird noch einer vom Robin Hood vorgelogen.

2. Medienindustrie ist doof
Man kann nicht behaupten, dass es die Medienindustrie ihren Gegnern schwer machen würde: Über gute 100 Jahre ist mit Plattenfirmen, Verlagen, Buchhandlungen und Filmstudios ein Netzwerk von Industrien gewachsen, die ihre ursprüngliche Funktion als Vermarktungs- und Distributionskanäle längst zu Beiwerk degradiert haben.
Die großen Vertreter dieser Zünfte (in vorheriger Reihenfolge der Branchen Bertelsmann, Bertelsmann, Bertelsmann/Amazon und TimeWarner/Disney) haben schon lange jegliches Interesse an künstlerischer Qualität verloren und vertreiben nur noch jenes, von dem sie glauben, dass es sich gut verkauft. Dank des Selbstverlags können sie inzwischen sogar dazu übergehen, nur Dinge zu verkaufen, die sich bereits gut verkauft haben, was zugleich zum weiter oben angesprochenen Problem der Filmwirtschaft als auch zu solchen Entwicklungen führt.
Die Filmstudios haben es verpasst, hier trifft die Argumentation der Piraten ins Schwarze, sich auf neue Geschäftsmodelle einzurichten.
Andererseits, auf welche auch: Crowdfunding ist eine gute Methode, Projekte von einem Budget bis in den sechsstelligen Bereich zu stemmen. Hollywood fängt bei siebenstelligen Filmbudgets überhaupt erst an. Die Zahl der Marken, die sich über Zweitverwertungen und Lizenzen finanzieren können, ist gering (Filme, deren Titel mit „Star“ anfangen sind ein guter Ansatz – Star Wars; Star Trek, Stargate) und eine neue Marke mit dieser Erwartung aufzubauen, ist nur bei Fernsehserien (Mein kleines Pony) und Videospielen (Pokemon, Skylanders) realistisch.
Was die anderen Branchen angeht: Konservenmusik ist bereits auf iTunes & Co. übergegangen, Literatur und Wissenschaft sind drauf und dran, das Verlagswesen komplett abzuschaffen, Fernsehfiktion war noch nie auf Ausstrahlungseinnahmen alleine angewiesen.

Dieser Teil des Artikels sollte eigentlich in eine ganz andere Richtung gehen, aber nach der Reflexion während des Schreibens dieses Textes stückweise über drei Tage verstehe ich die Medienhäuser deutlich besser: Die Landschaft ist bereits in jenem Umbruch, den die „Piraten“ fordern.
Aussen vor ist dabei einzig die Filmindustrie, für die es ganz einfach keinen Weg gibt, anders zu sein, als sie es momentan ist. Teilweise hat sie sich da selbst reingeritten, teilweise ist es das auch durch Filmpiraterie steigende finanzielle Risiko, wenn man etwas neues probiert (ziemlich vermurkster Satz, ich weiss, aber grammatisch korrekt).
Somit verhindert die Medienpiraterie letztlich genau jene Reform, die ihre Akteure vordergründig beständig fordern.

3. Synthese: Alle doof Die unbekannte Zukunft
Wie gesagt, das ging in eine sehr andere Richtung, als ich erwartet hatte. Mein Blick auf die Medienpiraterie war deutlich positiver, bevor ich diesen Artikel geschrieben habe. Vor allem aber war mein Blick auf die Medienindustrie deutlich negativer.
Ja, die Industrie verhält sich den Künstlern gegenüber oft auch nicht besser als die Piraten. Das ist aber kein Argument für die Legitimität der Piraten. Bestenfalls ist es eines gegen die große Medienunternehmen.
Man kann die Argumentation fahren, dass Piraterie Exzellenz durch bekannt machen belohnt, dies aber zu einem so hohen Preis für das „nur“ kompetente bis gute, dass letztlich auch die Exzellenz schwindet.

Teils ist die Lösung die Ausschaltung der Mittelleute: Der Rückschnitt der Verlage und Vertriebe auf das, was sie einst waren, einfache Dienstleister für die eigentlichen Wertschöpfer, die Künstler und Autoren. Vielleicht gibt es auch einen Weg, wie Filmstudios sich verbessern können, den mögen klügere Menschen als ich es bin vorschlagen, denn ich habe keinen Vorschlag, wie das gehen soll (ausser durch die vollständige Abschaffung des Blockbusters, was aber wohl niemand will und letztlich zwischen all dem Schrott auch viel Qualität kostet).
Faire Preise sind eine Option, aber im Ernst: Die Preise für Musik und (mit wenigen Ausnahmen) Filme sind fair, jene für Videospiele sind es teilweise (wenn man mal die ca. 60 € für neue Konsolenspiele auslässt). eBooks sind noch zu teuer, aber auch dieses Problem schwindet mit der Etablierung verlagsunabhängiger Autoren zunehmend.

Die Medienwelt ist auf dem richtigen Weg, auch wenn es lange gedauert hat, auf diesen Weg zu gelangen. Das bedeutet nicht, dass es keinerlei Probleme mehr gäbe (Seriously, fuck you, Xbox One DRM scheme!). Man muss den Piraten zu Gute halten, Teil der Motivation zur Verbesserung der wirtschaftlichen Seite des Medienkonsums gewesen zu sein.

Ganz zuletzt sei es noch ein Mal gesagt: Ich habe kein Problem mit den Piraten selbst. Sie können, wie weiter oben aufgezeigt, Nutzen für die Künstler bringen, wenn auch nur in Ausnahmefällen.
Es gibt auch noch legitime Begründungen für bestimmte Bereiche, etwa diese gottverdammte Aufteilung der Datenträger-Welt in Distributionsregionen (für mich als großer Fan spezifisch japanischer Videospiel-Genres wie Shmup und Visual Novel ein echtes Problem). Womit ich ein Problem habe, sind jene Leute, die mit Medienpiraterie unter Ausschluss der Urheber Geld machen.
Portale wie movie2k/movie4k/kinox und was sonst alles auf die TLD .to hört. Die scheinheilig erzählen, wie wenig Geld Künstler für ihre Leistung bekommen und wie die Firmen das ganze Geld machen. Und sogleich daran gehen, auch diesen kümmerlichen Rest an Künstlereinkünften für sich einzusacken. Wo man fragen muss: Wenn jemand, der 90% der Einnahmen für sich behält, böse ist, was ist dann jemand, der 100% behält?

Das wichtigste Buch des Jahrzehnts 1 

Es ist ein häufiges Missverständnis, dass literaturhistorisch bedeutende Bücher auch automatisch gut, kreativ oder neuartig seien. Die Bandbreite in ihrer historischen Wirkung bedeutender Bücher reicht von der Bibel bis zu Mein Kampf, da ist also viel schlechtes zu finden – auch das Anrichten gewaltigen Schadens ist ein historisch bedeutsamer Akt. Rein literaturintern haben wir Werke wie Superman No. 1, welches den modernen Superheldencomic als Genre etablierte, dessen Protagonist aber im Endeffekt nichts weiter ist als ein Plagiat von John Carter. Die Hälfte des Lebenswerks von Goethe ist nichts weiter als eine Reihe Neufassungen wesentlich älterer Geschichten (im Grunde alle längeren Werke nach dem Werther).
Womit wir einen guten Punkt für eine Überleitung von Johann Wolfgang von Goethe zu E.L. James haben. Und warum beide Autoren sich in einigen Jahrzehnten gemeinsam in den Kanones der Literaturwissenschaftsstudenten wiederfinden werden.

Wie gesagt, um historisch bedeutend zu werden, bedarf es nicht unbedingt Qualität. Daher geht es hier nicht um diese. Shades of Grey wird allgemein restlos verrissen und ich werde diesem Urteil nicht widersprechen. Dass die Autorin einen ausreichend schlechten Literaturgeschmack hatte, um eine Fanfiction zu Twilight zu verfassen, sollte für ein Urteil reichen. Andererseits gibt es von mir Fanfiction zu Pokémon, ich sollte mich also nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

Aber zurück zum Thema: Die Bedeutung von 50 Shades liegt in seiner Wirkung auf die (euro-amerikanische) Fanfiction-Szene.

Hinweis: Jeder, der weiss, was Fanfiction ist, kann einfach zum nächsten Absatz scrollen
Kurz zur Erklärung für Neulinge in diesem Bereich: Fanfiction ist von Fans geschriebene Literatur (oder sonstige Erzählmedien wie Filme, Comics oder Videospiele), die auf den Charakteren, Ereignissen, Orten und/oder fiktiven Regeln aus den Werken anderer basieren. Dabei zählt es in der Regel nur als Fanfiction, wenn das Autor keine Lizenz zur Verwendung dieser Elemente hatte, sonst ist es schlichtweg eine Lizenzarbeit (oder ein Expanded Universe, aber ich will jetzt keine komplette Einführung in Erzähltheorie verfassen, vielleicht ein ander Mal). Wie weit Fanfiction legal und legitim ist, ist bei Autoren und Juristen umstritten.

Die Bedeutung von 50 Shades liegt in seiner Herkunft: Wie oben bereits angedeutet ist es eigentlich eine Fanfiction zu Twilight. Twilight war eine nicht der weiteren Erinnerung werte Vampirschnulze, die überaus fragwürdige christlich-fundamentalistische Werte zu vermitteln trachtete und die Harry Potter als meistverkaufte Buchreihe ablöste. Die Serie half, den Fantasy-Boom des frühen 21. Jahrhunderts ein paar Jahre zu verlängern.
Der Schottin Erika Leonard gefiel diese Serie so gut, dass sie dazu unter dem herrlichen Künstlernamen SnowQueensIceDragon eine Fanfiction schrieb. Sie nahm die Charaktere und versetzt sie in eine andere Situation, womit das ganze eine S/M-Geschichte zwischen einem Millionär und seiner seltsam unschuldigen Liebhaberin wurde. Das Ergebnis trug den Titel Master of the Universe, enthält zu meiner großen Enttäuschung so gut wie keine Muskelmänner in Metallharnischen und ist inzwischen gelöscht.
Master of the Universe wurde extrem erfolgreich und es wurde schnell klar, dass das Szenario die Geschichte so sehr verändert, dass sie sich mit der einfachen Änderung der Namen der Figuren als komplett neues Buch verkaufen ließ. Gesagt, getan. Das Ergebnis dieser einfachen Umstrukturierung war 50 Shades of Grey, das erfolgreichste britische Buch der bisherigen Geschichte.

Die historische Bedeutung nun ergibt sich daraus, dass hier klar wurde: In Fanfiction lag Geld zu holen. Viel Geld. Das ist quasi die zweite Stufe nach George Lucas‘ Idee, bei Star Wars einen großen Teil der Produktionskosten eines Films über Merchandising reinzuholen, wozu natürlich auch Bücher gehörten.
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Auf die gelegentlichen Nachrichten von weiteren Fanfiction-Werken, die auf ähnliche Weise wie 50 Shades zu einem verlagsvertrag kamen, folgte diese Woche die größte Nachricht: Amazon startet mit Kindle Worlds eine Plattform für das kommerzielle Verlegen von Fanfiction. Stark eingeschränkt für nur drei amerikanische Fernsehserien, aber dennoch.
Das kommerzielle Verlegen von Fanfiction im großen Stil wird die Literaturlandschaft und vor allem das Urheberrecht nachhaltig und umfassend verändern.

Was die Restriktivität von Kindle Worlds angeht: Die halte ich teilweise für vernünftig, das einzige, was ich problematisch finde ist der Punkt, dass Amazon alle Rechte an den Werken erhält. Hier zum Vergleich ein Dislaimer, den ich vor zwei Wochen für meine in Arbeit befindlichen fiktiven Werke verfasst habe, die nach dem Abschluss der Meilensteine erscheinen sollen:

Science-Fiction und Fantasy sind als Genres große Magneten für Fanfiction, also von Fans geschriebene Geschichten auf Grundlage der Geschichten eines Autors oder einer Serie. Ich weiss nicht, ob je jemand Fangeschichten zu meinen Büchern und Geschichten schreiben will, aber sie bieten auf jeden Fall inhaltlich und formal das Potenzial dazu. Daher will ich mich dazu positionieren. Wer weiss, wann es benötigt wird.

Zunächst einmal: Wer Fanfiction zu meinen Welten schreiben will, ist willkommen. Die nichtkommerzielle Nutzung meiner Welten und Charaktere ist ausdrücklich erlaubt. Über eine kommerzielle Nutzung lasse ich mit mir sprechen: Wenn mir eine Geschichte gefällt und sie mit meinen Plänen für diese Welten kompatibel ist, kann ich ein Fanfiction-Werk zum Teil des offiziellen Universums erklären und der/die Verfasser/in kann es entsprechend bewerben und verkaufen; ich werde meinerseits auf diese Werke hinweisen.

Ich halte es dabei einfach nur für fair, wenn ich die Figuren und Elemente dieser Fanfiction ebenso verwenden kann, wie die Fanfiction-Autoren meine Welten und Figuren verwenden können. Daher ist dies eine Lizenzbedingung für alle Fanfiction zu meinen Büchern: Ich darf alle eigenen Charaktere und Elemente der Welt aus Fanfiction zu meinen Geschichten auch ohne Gegenleistung in meinen späteren Geschichten verwenden. Die andere inhaltliche Bedingung ist, dass alle Fanfiction sich von der Satdt Erkelenz fernhält. Das liegt daran, dass in Erkelenz für diese Welt einige bedeutende Ereignisse stattfinden werden, durch die diese Stadt ab den 2030er Jahren nicht mehr existiert; die entsprechenden Bücher werden erscheinen, sobald sie fertig sind. Es gibt noch ein paar andere Punkte, an denen Fanfiction meinem Konzept von dieser Welt widersprechen kann (keine Aliens, bitte!), aber das ist von Fall zu Fall entscheidbar.

Also, noch Mal kurz gefasst: Ich bin für Fanfiction. Wer damit Geld machen will, muss mich vorher fragen. Ich darf Elemente aus Fanfiction in meinen eigenen Werken verwenden. Und Pfoten weg von Erkelenz!

Alles in allem nicht so anders – bis auf die Sache mit Erkelenz.

Ich bin sicher, die Rezeption von Fanfiction wird sich in den nächsten Jahren weiter verändern. Es wird eine neue Diskussion um die Legitimität dieser Werke geben und darum, welche Rechte an einer Erzählwelt eigentlich bei wem liegen.
Das ging schon ein paar Jahre so, aber 50 Shades war der große Sprung. Und deshalb hat sich E.L. James jenseits aller Fragen nach literarischer Qualität ihren Platz in der Literaturgeschichte verdient.
Und es ist eine Wirkung, von der es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie dieses Jahrzehnt noch von einem anderen Werk übertroffen wird.

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