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Vom Ende der Schreibschrift 0 

Es ist mal wieder so weit, das Ende der Schreibschrift wird lamentiert. Das ist eine dieser sinnlosen Debatten, die sich vor allem aus dem sinnlosen Bildungsbegriff der Moderne speisen. Denn auch Schreibschrift gehört zur „Bildung“, was auch immer das sein soll (ich kenne die Entstehungsgeschichte des Begriffs, aber seine moderne Verwendung ist sinnentleert beliebig).

Schrift ist ein Resultat der Technologie, mit der sie aufgezeichnet wird. Und um gleich mit einem Mythos auszuräumen: Schrift hat nichts mit Sprache zu tun, zumindest nicht in dieser Detailschärfe. Schrift ist ein System zur Aufzeichnung von Sprache. Es gibt ein paar Einflüsse durch die Frage des verwendeten Schriftsystems, aber solange wir innerhalb eines Schriftsystems bleiben (in diesem Fall lateinische Alphabetschrift mit deutschen Sonderzeichen), macht es für die Sprache keinerlei Unterschied, welches der (grob) vier im Deutschen verwendeten Alphabete wir benutzen. Sie ist damit noch unwichtiger als die Rechtschreibung, die wenigstens hin und wieder Einfluss auf die Sprache nimmt (aber auch nur sehr selten, da ihre Anwendung ein Phänomen der Verschriftlichung ist, nicht der Sprache selber).

Schrift begann deswegen als Keilschrift, weil diese recht einfach mit einem Keil in ein Lehmtäfelchen zu ritzen war. Die Antiqua (Druckschrift) sieht so aus, weil sie eine Weiterentwicklung dessen ist, immer noch werden grade Linien in Lehmtäfelchen geritzt. Die Schreibschriften sind ein Resultat des Schreibens mit Federn auf Pergament/Papyrus/Papier, bei dem das zuvor selbstverständliche Absetzen vom Blatt lästig wurde. Die komplexe Form der asiatischen Schriften mit ihren variierenden Strichstärken resultiert aus dem Schreiben mit einem Pinsel. Und die Frakturschriften resultieren aus der Form der europäischen Schreibfeder, die bei unterschiedlicher Zugrichtung unterschiedlich dicke Linien zieht. Es sind technische Unterschiede, die zu unterschiedlichen Schriften führen, keine Unterschiede im Denken.

Und hier komme ich zum Verschwinden der Schreibschrift in den Schulen. Die Schreibschrift ist einer Zeit geschuldet, als mit Füllfederhaltern auf Papier geschrieben wurde. Mit einem Füller vom Papier abzusetzen ist ein vergleichsweise aufwändiger Akt, eine lästige Unterbrechung des Schreibaktes, bei der immer mal wieder ungewollte Linien verbleiben. Es machte daher Sinn, diese Linien zu normieren und zum Teil des Schriftbildes zu erklären, um den Schrifterwerb einfacher zu gestalten. Das System war nie perfekt, Diakritika und Elemente wie der Punkt des i und der Querstrich des t störten den Schreibfluss weiterhin und fielen in einem solchen auf Fluss bedachten System noch stärker auf, unterbrachen teils die sprachliche Formulierung des Satzes während seiner hakelig verlaufenden schriftlichen Fixierung.
Der Füller als Schreibgerät sieht nun seinem Ende entgegen. Selbst wer mit Hand schreibt, tut dies mit dem Kugelschreiber und ähnlichen Schreibgeräten, die auf einem Ball oder einer abgerundeten Spitze laufen. Mit diesen Schreibgeräten ist es kein Problem, den Stift für jede neue Linie kurz einen Millimeterbruchteil anzuheben und andernorts wieder anzusetzen. Das Erlernen einer separaten Schreibschrift verliert seinen technologisch begründeten Sinn.
Damit stellt sich auch die Frage, warum Kinder eine Schrift erlernen sollten, die für ihr späteres Leben weitgehend nutzlos sein wird.

Druckschrift hat einen großen Vorteil: Technologische Stabilität. Die Antiqua hat von der frühen Zeit des Römischen Reiches bis in die Gegenwart jede technische Veränderung in der Aufzeichnung von Sprache überlebt, von der Lehmtafel bis zum Bildschirm. Ihre einfachen Formen geben ihr die Fähigkeit, an jede Darstellungsform angepasst werden zu können, solange sie nur eine ist, die mit den Augen wahrgenommen wird.
Während die Schreibschriften kommen und gehen und schon ein in Sütterlin (erfunden 1914) geschriebenes Dokument für die meisten heute unlesbar ist, ist die Antiqua über die Jahrtausende leserlich geblieben. Die Inschriften auf römischen Denkmälern und Gebäuden bleiben lesbar, weil sie eben nicht in Schreibschrift verfasst wurden. Grundsätzlich ist ein Text von jemandem mit Sauklaue leichter zu entziffern, wenn er seine Sauklaue auf Antiqua anwendet als auf die Schreibschrift, bei deren Schnörkeln viel mehr schief gehen kann. Und wenn man davon ausgeht, dass Schrift ebenso wie Sprache der Kommunikation dient, spricht das für ihre Überlegenheit in der Erfüllung ihrer zentralen Funktion.

*Anmerkung: Der Autor beherrscht Sütterlin und Fraktur sowie deutsche und russische Schreibschrift. Tatsächlich bevorzugt er persönlich beim Lesen Frakturschriften gegenüber Antiqua. Aber das ist ein reines Geschmacksurteil und solche haben in der Diskussion nichts verloren.

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Ins, ers, erins, ichs und der ganze Quark 1 

Im folgenden Text geht es um so schöne Dinge wie Etymologie, Genus-Zuweisungen, Prototypentheorie und ähnliches. Oh, und ein bisschen auch um Latein. Ihr seid gewarnt worden.

Morgen feiert die Linguistin Luise Pusch ihren 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Pusch gilt als die Begründerin der feministischen Linguistik im deutschen Sprachraum, wir verdanken ihr unter anderem das Binnen-I. Was ich euch ersparen werde ist an dieser Stelle eine Kritik der Idee einer „-istischen Linguistik“, statt dessen fasse ich es mit einem kurzen „problematisch, aber nicht völlig unsinnig“ zusammen.
Jedenfalls gibt es anlässlich des Geburtstages eine InWoche, sprich für eine Woche soll das Suffix -in auch dann verwendet werden, wenn Männer gemeint sind – „Herr Lehrerin“ usw. Dies ist einer Idee Puschs aus den 70ern von der ich offen gestanden nicht sicher bin, ob sie jemals ernst gemeint war. Aber nehmen wir sie mal für eine Weile so ernst, wie sie einige Leute zu nehmen scheinen.
Vorab: ich werde die Idee nun auseinandernehmen um anschließend zu einem Ergebnis zu kommen, das Puschs verworfenen früheren Forderungen nahe kommt. Also bis zum Ende lesen, dann erst losschimpfen. Danke.

Das generische Femininum soll ein Gegenpol sein zum generischen Maskulinum. Sprich, zu der Tatsache, dass man mit „Arbeiter“ Männer wie auch Frauen meinen kann. Das Problem hieran ist die Annahme, „Arbeiter“ (und entsprechende weitere Wortbildungen) würden Männer bezeichnen.
Also lasst uns etwas in die lustige Welt der Sprachwissenschaft eintauchen:

Herkunft des -er
Sprachlichen Unfug wie die Beamtin ignorierend (es heisst der Beamte bzw. die Beamte, so wie der Vorsitzende bzw. die Vorsitzende) findet sich das Suffix (bedeutungsverändernde Anhängsel) -in vor allem hinter dem Suffix -er. -in ist ein altes deutsches Suffix, das weibliche Personen im Wort sichtbar macht (n der Sprachwissenschaft ein „Marker&ldquo). Sein männliches Gegenstück ist im übrigen -ich, wie in Mäuserich, Wüterich, Gänserich.
Das führt zu der interessanten Frage: Wo ist das -ich hin? Dieses Suffix ist heutzutage nicht mehr produktiv, das heisst, es wird in der Sprache nicht mehr verwendet, um neue Wörter zu bilden. Und wieso existiert es überhaupt, wenn doch -er angeblich männlich ist?
Zunächst zur letzten Frage, weil ihre Antwort historisch früher kommt.

Das -er nämlich ist kein ursprünglich deutsches Element. 1)
-er stammt vom lateinischen -ārius/-āria ab, welches ungefähr das selbe bedeutet. Es gibt noch das Neutrum -ārium, bei dem nicht ganz klar ist, ob es je ausserhalb von Fremdwörtern wie Aquarium im Deutschen verwendet wurde (möglicherweise steckt es in „das Lager“). Es wäre in diesem Zusammenhang interessant, aber ich ignoriere es der Kürze halber.
Jedenfalls macht -ārius/-āria im Deutschen eine Veränderung durch und wird im Althochdeutschen zu -āri. Plötzlich ist die Geschlechtsbezeichnung verschwunden und das männliche Wort bezeichnet beide Geschlechter. Wenigstens für eine Weile, dann kommt die weibliche Form -āra auf. Für eine kurze Weile hatte das Deutsche offenbar ein generisches Maskulinum, das schnell wieder verschwand.

Lästig wird die Sache danach. Suffixe neigen dazu, verschliffen zu werden. Dabei werden sie immer kürzer und lautlich (in Ermangelung eines besseren Wortes) unauffälliger. Dabei verschwinden oft auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Suffixen.
So werden in den nächsten Jahrhunderten beide Formen unabhängig voneinander zu Mittelhochdeutsch -ære und Hochdeutsch -er, erneut sind die Unterschiede der Geschlechtsformen verschwunden und beide Formen werden männlich gebildet. Aber eigentlich sollten beide Formen heute und auch in ihrer aktuellen Aussprache als -a für beide Geschlechter gelten. So wie im Englischen, wo das -er fast genau die selbe Geschichte hinter sich hat. Warum tun sie das nicht? Und warum gab es zwischendurch die Geschichte mit dem -āra?

Hurra, Prototypentheorie – und Genus
Der größte hier relevante Unterschied zwischen Deutsch und Englisch ist natürlich der/die/das zu the. Das verdeckt das Problem etwas, denn tatsächlich hat das Englische das selbe Problem, nur in anderer Form: Ist ein worker ein he oder eine she (er oder sie)? Vorherrschend ist das he, aber warum? Und warum in beiden Sprachen?

Und damit ab in die Prototypentheorie.
Die Prototypentheorie ist die Theorie, dass unser Hirn die Bedeutung von Wörtern (oder zumindest von Substantiven) auf eine ganz bestimmte Weise abspeichert. Es bildet eine Vorstellung von einem prototypischen Ding, das heisst, der Standardversion von etwas. Ob ein anderes Ding mit dem selben Begriff bezeichnet werden kann hängt davon ab, wie ähnlich es der Standardversion ist.
Ein Standardobst ist ein Apfel, ein Standardgemüse eine Karotte, ein Standardvogel ein Spatz und so weiter. Die Methode ist nicht perfekt und deshalb gibt es Grenzfälle wie Tomaten und unpräzise Begriffe wie für die diversen Sorten von Würmern und von Fischen.
Das wird bei Menschen zu einem Problem: Offenbar arbeitet unser Gehirn bei Menschen mit Geschlechtszuordnungen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wozu Lebewesen biologisch gesehen überhaupt existieren (zur Weitergabe ihrer Gene) und wird deutlich, wenn man sich Reaktionen von „Normalen“ auf geschlechtlich uneindeutige Personen ansieht. Und einiges deutet darauf hin, dass unser prototypischer Mensch männlich ist. Daraus folgt, dass unser Gehirn Männer auch als Grundlage jener Prototypen nimmt, die „Mensch“ weiter unterteilen. Es sei denn, diese sind explizit weiblich.
Das wiederum wäre dann der Mechanismus, durch den das Genericum als Maskulinum wahrgenommen wird. Und der das -ich umgebracht hat, denn überflüssige Elemente verschwinden in Sprachen relativ schnell wieder.
Das wiederum ist ganz klar ein Problem in der Frage der Gleichberechtigung. Und das -in macht alles noch schlimmer.

Deutschlands erste Kanzlerin: Ein Problem
Hier ist ein Satz, den ich immer wieder gerne anbringe: Angela Merkel ist ein Problem.
Ausnahmsweise mein ich das mal nicht politisch, sondern linguistisch.
Angela Merkel ist also Deutschlands erste Bundeskanzlerin, erste Regierungschefin usw. Das ist einerseits korrekt, andererseits natürlich Quatsch: Angela Merkel ist die achte Person im Kanzleramt. Ob sie Deutschlands erste Regierungschefin ist hängt davon ab, wie man Maria Theresia einordnet.
Was hier deutlich wird: Das -in-Suffix erzeugt einen neuen Begriff, der ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Damit wird die Setzung des Männlichen als Standard nur noch bestärkt, Frauen im Beruf werden stärker als zuvor zu einer mehr oder weniger separaten Gruppe, die nicht in der selben Gruppe wie die Männer liegt, sondern als weite daneben steht. Im Extremfall bekommen wir damit neue Rollenklischees wie Friseuse, Politesse und dergleichen. Das empfinde ich persönlich als noch um einiges schlimmer als nur die Subsummierung der Frauen als Sondergruppe innerhalb der Arbeiter.
Das Binnen-I versucht, das zu kitten, führt aber zu einem seltsam zwanghaften Zwitter, der zwei separate Begriffe zusammenzufassen versucht, es ist quasi die Narbe zum Schlag der Klinge linguistischer Geschlechtertrennung.

Ein Lösungsvorschlag
Wie nun bekommen wir eine geschlechtergerechte Sprache hin, ohne eine solche Geschlechtertrennung zu begünstigen? Die Antwort finde ich separat von und dann doch wieder bei Luise Pusch.
In Das Deutsche als Männersprache (amazon-Link) finde ich auch Überlegungen, das -er als geschlechtsneutral anzuwenden und unverändert in beiden Geschlechtern zu nutzen, dabei aber die dazugehörigen Adjektive, Verben etc. abhängig von der Person zu nutzen: „Luise Pusch ist eine Sprachwissenschaftler“.
Das funktioniert offensichtlich nicht, da es einige Grundfesten der deutschen Sprache aushebelt. Vor allem ersetzt es Genus (Geschlecht des Wortes) durch Sexus (Geschlecht des gemeinten Lebewesens). Das dürfte, da bin ich mit Pusch einig, so nicht durchsetzbar sein. Ihre letztendliche Folgerung daraus ist das heute bekannte Binnen-I oder allgemeiner die Bildung einer Mischform für Fälle, in denen beide gemeint sind.
Mein Vorschlag bleibt etwas näher an Puschs Ursprungsidee als sie selber: Warum nicht einfach die -er-Substantive grammatisch als Neutrum setzen? Das Elegante daran wäre, dass er kaum zu Veränderungen in Texten führen würde – nur der Singular (das Arbeiter) wäre sichtbar betroffen und der tritt nur selten auf ohne dass wir das Geschlecht der gemeinten Person kennen – eigentlich nur in Anweisungen, Lexika und Gesetzestexten. Vor allem aber kann man es – anders als das Binnen-I und Konsorten – auch aussprechen.
Ideal wäre natürlich, wenn wir zwecks sprachlicher Gleichstellung der Geschlechter zusätzlich ein männliches Gegenstück zu -in hätten, aber ich glaube nicht, dass eine Wiederbelebung des -ich sehr erfolgversprechend wäre, zumal es im heutigen Deutsch eine Nebenbedeutung als Lächerlichmachung hat (wie eben beim Wüterich).
Es ist wahrscheinlich das beste, dies auch auf Personenbezeichnungen ohne -er auszuweiten: Das Pirat, das Professor, das Anwalt usw. Sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber wenigstens gewöhnungsfähig. Und durch seine Aussprechbarkeit nicht auf schriftsprachliche Kommunikation beschränkt.

Nun, hat die InWoche doch was gutes: Sie hat mich motiviert, diese schon etwas ältere Idee weiter auszuführen und vorzustellen. Also, für mich gutes, für den Rest der Welt steht das Urteil noch aus ;-).

1)Ich ignoriere hier der Einfachheit halber -wari, mit dem Völker bezeichnet wurden und das ebenfalls zum -er wurde: Berliner, Düsseldorfer, Schweizer usw.

Hausortografie 0 

Kommen wir zu etwas, was ich schon lange schreiben wollte und wozu es jetzt einen konkreten Anlass gibt, dies endlich zu tun: Meine Rechtschreibung. Wie einigen aufgefallen sein wird, weicht diese stellenweise deutlich von jener des Duden ab. Nicht in der radikalen Form einiger anderer wie etwa der konsequenten Kleinschreibung von allem, die durchaus ihre Befürworter hat, sondern in einzelnen Regeln, die ich in der aktuellen Rechtschreibung schlichtweg für falsch oder inkonsequent halte.
Der Duden ist ein Menschenwerk und als solches nicht vor Fehlern gefeit. Das gilt insbesondere, da es sich um ein Regelwerk in Bezug auf Sprache handelt, ein System, welches ohnehin ständigem Wandel unterliegt. Dieser Wandel schert sich meist wenig um Rechtschreibung, denn Rechtschreibung ist eigentlich nicht Teil der Sprache, sondern nur ein System zu deren Wiedergabe. Eigentlich, weil es durchaus Wechselwirkungen gibt, aber das ist jetzt nicht Tema. Sonst schreib ich am Ende noch einen kompletten Meter Text über die Aussprache des g in richtig.
Das will keiner und somit komme ich zurück zum Tema, meine (bewusst so geschriebene) Hausortografie. Die wichtigsten Punkte in denen ich abweiche, ohne spezielle Reihenfolge, jeweils mit Begründung:

ss/ß
Lasst mich kurz ausholen, denn um das zu erklären muss ich leider ein bisschen in die Sprachwissenschaft tauchen (leider für euch, ich genieße das Tauchen in dieser Disziplin).
Ein Diphtong ist ein Laut, der sich aus zwei Vokalen zusammensetzt (oder genauer, einem Vokal und einem zum Halbvokal reduzierten Folgevokal). Der eindeutigste Unterschied zwischen einem Diphtong und einer einfachen Abfolge von zwei Vokalen ist der, dass ein Diphtong nur eine Vokallänge hat.
Eine Vokallänge ist ist ein sprecher- und sprachabhängiges Merkmal, welches definiert ist als die Sprechlänge eines kurzen Vokals (oder eines Vokals, wenn eine Sprache keine kurzen und langen Vokale unterscheidet, wie es etwa im Italienischen der Fall ist).
Somit ist ein Diphtong per Definition ein kurzer Vokal.
Bei der Rechtschreibreform entschied die Kommission, die ß hinter kurzen Vokalen zu ss umzuwandeln und hinter langen Vokalen zu belassen, um eine eindeutigere Lautzuordnung herzustellen. Das Problem hierbei ist, dass man die Diphtonge wie lange Vokale behandelte und ihnen ebenfalls das ß beließ.
Das ist schlichtweg unlogisch und inkonsequent. Man kann das ß hier problemlos abschaffen und ich bin dafür, diesen immer wieder problematischen Buchstaben (u.a. fehlende Majuskelform, Schreibung mit nicht-deutschen Tastaturen) möglichst weit zu reduzieren. Eine Abschaffung des ß ist nicht möglich, da ss immer einen vorhergehenden kurzen Vokal und s zwischen Vokalen einen stimmhaften Laut [z] impliziert.

th/ph/rh und andere stumme Laute
So ziemlich das Erste, was Kinder in der Schule lernen ist, dass man Wörter im Deutschen so spricht, wie man sie schreibt. Das Zweite ist, dass dies häufig nicht stimmt, denn niemand spricht Phantasie mit einem behauchten p (altgriechisch) oder einem bilabialen f-artigen Laut (neugriechisch), schon deswegen, weil diese Laute im Deutschen gar nicht als eigene Laute existieren.
Als Grund hierfür wird gerne genannt, dass die entsprechenden Wörter in der Tradition ihrer ursprünglichen Herkunft stehen.
Damit gibt es zwei Probleme.
Zum einen sind Geschichte und Tradition grundsätzlich zwar gute Erklärungen für einen gegenwärtigen Zustand, aber in der Regel keine sonderlich guten Begründungen für die Frage, ob dieser Zustand gut oder erstrebenswert ist. Erfahrungen aus der Geschichte können gute Begründungen sein, aber ich sehe keine Erfahrungen in der Geschichte irgendeines Rechtschreibsystems, welche nahelegen würden, dass es eine gute Idee ist, einzelne Wörter abweichend von allen anderen Wörtern einer Sprache zu schreiben. Eine Ausnahme können Wörter bilden, deren Ursprung so verschieden vom Deutschen ist, dass eine Anpassung nicht möglich ist (wie etwa bei „fauxpas“ oder „download“).
Zum anderen ist es nicht so, als würden wir damit echte Autentizität erreichen: Wir schreiben weder Rhythmos noch Orthographia, sondern Rhythmus und Orthographie. Die ganze Sache mit der autentischen Schreibung ist Augenwischerei, weil praktisch alle damit gemeinten Wörter ohnehin nicht mehr autentisch sind. Die größte Ironie in diesem Satz ist, dass Authentizität und die Ableitungen davon (insbesondere das Adjektiv authentisch) so ziemlich die besten Beispiele sind, wie wenig die Wörter nach der grammatischen Adaption ins deutsche noch mit ihren einstigen Ursprüngen gemein haben.

Nichts ist gewonnen, wenn die alten Schreibungen beibehalten werden, aber die Rechtschreibung wird deutlich einfacher und klarer, wenn wir sie abschaffen.
Daher sind abzuschaffen: th, ph, rh. Als eine Ausnahme verbleibt (vorläufig) Thron, da ein die Aussprache besser wiedergebender „Trohn“ ein in seiner Radikalität zu abschreckender Wandel wäre. Unberührt bleiben hiervon Völker- und Ländernamen (Thai, Bhutan).
Ebenso verschwinden die stummen e in Wörtern wie Spontaneität und gerade. Dieser letzte Teil ist dudenkonform, aber im Duden nur als eine Option gelistet.
Diese Änderungsregeln gelten nur für Wörter, die in Aussprache und Grammatik vollständig in die deutsche Sprache integriert wurden. Ebenso nicht betroffen sind Fachbegriffe aus der Wissenschaft wie beispielsweise Methan.

Großschreibung von Adjektiven
Das Deutsche hat eine dermaßen inkonsistente Verwendung der Groß- und Kleinschreibung bei Adjektiven, dass ich es ernsthaft als Hinweis erachte, dass diese Wortkategorien in den germanischen Sprachen nicht annähernd so deutlich abgegrenzt sind, wie uns in der Schule glauben gemacht wird (das Englische kann im Gegenzug in der Umgangssprache die meisten Substantive in bestimmten Kontexten als Adjektive nutzen, insbesondere Personennamen).
Die Rechtschreibreform hat das alles andere als verbessert. Ein Adjektiv kann nicht länger dadurch erkannt werden, dass es die Eigenschaften eines zugehörigen Substantivs näher beschreibt, sondern es gibt jetzt eine lange Liste von Situationen, in denen man Adjektive großschreibt. Die darf man dann lernen, weil sie sich logisch nicht erschließen. Mal sind es tatsächliche Substantivierungen (die Eigenschaft wird als Konzept oder Objektbezeichnung angesprochen, nicht als Eigenschaft von einem Objekt: das Gute, das Gelb, ein Doppelter), mal sind sie dies nicht (etwas Gelbes ist ein Etwas mit der Eigenschaft gelb, Gelb bezeichnet hier nicht die Eigenschaft selbst und vertritt auch kein Objekt, denn diese Funktion fällt dem etwas zu).

Somit gilt: Alle Adjektive werden kleingeschrieben, sofern nicht einer der folgenden Fälle vorliegt:
1) Es handelt sich um ein Adjektiv in der Rolle eines Substantivs, steht also entweder allein („Gelb ist eine Farbe“) oder mit einem Artikel („Das ist ein schönes Gelb“)
2) Es handelt sich um den Bestandteil eines Namens oder einer feststehenden Bezeichnung („Der Heilige Stuhl“, „Der Zweite Weltkrieg“)
3) Bezeichnungen für Sprachen, sofern diese nicht eindeutig als Adjektiv vewendet werden („auf Deutsch“, aber: „ein deutsches Wort“)

Getrennt- und Zusammenschreibung
Der eine Bereich, in dem weder alte noch neue Rechtschreibung irgendeine klare und eindeutige Regelung gefunden haben ist die Frage der Zusammen- und Getrenntschreibung. Die Regeln in beiden Systemen klingen genau so lange eindeutig, bis man anfängt sie anzuwenden.
Die Sache ist die, dass es extrem einfach ist, dies alles mit einer Regel abzudecken. Diese lautet:
„Wörter werden grundsätzlich getrennt geschrieben, es sei denn, die Zusammensetzung wird grammatisch und/oder lexikalisch als komplett eigenes Wort behandelt.“

Das bedeutet im einzelnen, Zusammenschreibungen mehrerer Wurzeln finden nur statt, wenn:
1) Die Zusammensetzung eine Bedeutung hat, die sich nicht allein aus dem Aufeinanderfolgen der Bestandteile ergibt. Dies gilt für alle Adjektiv-Substantiv-Zusammensetzungen, aber auch für kleinschreiben (so statt So), welches eine andere Bedeutung hat als klein schreiben (so statt so).
2) Bei Zusammensetzungen, die als Adjektive dienen, wenn diese als eine Einheit konjugiert und gesteigert werden. Also beispielsweise vielversprechend, weil es als vielversprechender gesteigert wird, nicht als mehr versprechend.
3) Wenn eine Getrenntschreibung zu einem grammatisch falschen Satz führen würde, beispielsweise anstelle, weil an Stelle durch den fehlenden Artikel falsch wäre.

Und das sind die wesentlichen Punkte meiner Hausortografie, wo sie vom Duden abweicht.
Es ist eine gemäßigte Fassung früherer Ideen zur radikalen Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung nach dem Vorbild der vollkommen phonetischen Systeme, wie sie im Italienischen und Russischen vorkommen. Ich werde nicht das ck durch kk ersetzen, nicht das q abschaffen, nicht ks ausschreiben und x statt dessen für die beiden ch-Laute des Deutschen verwenden und auch nicht ts schreiben um das z für den stimmhaften alveolaren Frikativ verwenden zu können.
All das wäre durchaus sinnvoll, würde aber eine so radikale Veränderung unseres Schreibsystems darstellen, dass die gegenseitige Verständlichkeit der Leser und Verfasser neuer und alter Texter gefährdet wäre. Gegenseitige Verständlichkeit aber ist die Grundlage jeder Sprache.
Diese erlaubt in einem gewissen Maße verschiedene Rechtschreibungen, so wie sie in gewissem Maße auch regionale Besonderheiten und Einfärbungen der gesprochenen Sprache erlaubt. Wichtig ist dabei, dass die Unterschiede nicht willkürlich zusammengewürfelt werden, sondern auf Systemen beruhen, die jeweils in sich logisch sind.
Es mag damit zu tun haben, dass meine Oberstufenzeit genau mit der Rechtschreibreform zur Jahrtausendwende zusammenfiel, dass ich die Vorschläge des Duden nicht als die allein mögliche Wahrheit betrachte. Der allgegenwärtige Streit um die Richtigkeit der Rechtschreibung war ein Tabubruch, der allgemein meinen Umgang mit weitgehend unhinterfragt akzeptierten Regeln prägte.
Ich kann 100% dudenkonform schreiben, aber ganz im Ernst: Warum sollte ich? Der Duden ist nur ein Buch. Dinge sind nicht automatisch wahr oder richtig, nur weil sie in einem Buch stehen, denn Papier ist geduldig.

PS: Dass es keine Missverständnisse gibt, die Rezension von W.R. Frieling freut mich als solche und in ihrer Gesamtwertung sehr, es ist letztlich mein Fehler, diese Regeln nie öffentlich ausformuliert und begründet zu haben. Ich würde im Traum nicht daran denken, mich über eine 4-Sterne-Bewertung zu mokieren.

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Musikeinlage: Die Personalpronomen 0 

So, zur Reaktivierung des Blogs mal eine kleine Englisch-Lektion. Die Personalpronomen im Akkusativ.
Also: Look at…

1. Person Singular: Me

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Eine deutsche Vokabel 1 

Die Mär von den 100 Wörtern für Schnee bei den Eskimos ist ebenso altbekannt wie falsch.
Dennoch gibt es solche Phänomene natürlich: Dschungelbewohner werden wohl kaum ein Wort für Schnee haben. Und auf einer subtileren Ebene gibt es noch die ideellen Konzepte, die es nur in einer Sprache gibt und die nur dort einen Begriff gefunden haben.
Ein schönes Beispiel liefert uns das Deutsche.

Gigantomanie.
Ironischerweise ein griechischer Begriff, taucht er in der Gesellschaft erstmals in der Besprechung Albert Speers auf, etwas später auch Adolf Hitlers. Er hat sich weltweit verbreiten können, aber so richtig populär wurde er nie. „Gigantomania“ bringt auf Google ein Gemisch an Sprachen hervor mit vielleicht 100 Treffern pro Sprache, der französische versuch géantomanie bringt es auf genau ein Ergebnis.
Es ist ein typisch deutscher Begriff, eben zur Distanzierung von den Nazis. Dass Speer lediglich – wie praktisch jeder Architekt, der was auf sich hält – sämtliche Möglichkeiten auszunutzen gedachte, die ihm Hitler zur Verfügung stellt und dass sein Werk architektonisch durchaus bedeutend und interessant war (hübsch find ich es auch nicht, aber das ist ein reines Geschmacksurteil), fällt dabei unter den Tisch.
Und ist auch der Grund, warum der Begriff ein Deutscher blieb – anderswo gilt das, was wir als Gigantomanie bezeichnen, als normal. Wer Geld und Macht hat, zeigt es. New York, San Francisco, Kazakhstan, Moskau, Peking, Kuala Lumpur, Dubai. Herrgott, selbst die deutschen Bankenmetropolen Düsseldorf und Frankfurt.

Der letzte Auswuchs solcher Geißelei von Normalität (der Begriff „Neiddebatte“ echot mir aus dem Hinterkopf) ist eine Äusserung der Bundesjustizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger:

Mich stört dieses Vorpreschen, diese Gigantomanie, die auch bei der Google-Buchsuche durchscheint.

Was genau sie hier überhaupt mit „Gigantomanie“ meint, bleibt aussen vor.
Sie stört halt, dass Google sehr schnell wächst und neue Produkte einführt. Warum sie das nicht tun sollten, weiss allein Frau Leutheuser-Schnarrenberger Ihre weitere Kritik bezieht sich auf Googles fragwürdige Datensammlung (wobei da auch viel übertrieben wird) und rechtliche Konflikte.
Es geht nämlich gar nicht um Gigantomanie, sondern nur noch um ein Reizwort – der Begriff ist endgültig entwertet und ein reines Codewort für „ich mag die nicht“ geworden.

Und so endet die Kariere eines seltsamen deutschen Begriffs: Von einem Begriff für Hitlers tatsächlich seltsame Faszination an großen Dingen (die in Europa bis 1945 aber normal war) über ein halbwegs gerechtfertigtes Wort für symbolisches Repräsentationsstreben hin zu einem inhaltleeren Neidbegriff.

Ein interessantes Merkmal noch am Schluss: „Gigantomanie“ war immer ein Neidbegriff, der zwischendurch aber wenigstens mal Inhalt hatte. Als gigantoman bezeichnet man im allgemeinen nämlich nur den Bau von Statussymbolen, die durch die Bedeutung des Projektes oder die Macht des Bauherrn tatsächlich gerechtfertigt sind.
Sind sie dies nicht, spricht man von Überheblichkeit, Maßlosigkeit oder Hybris.

Stichworte:

Ze Schermän Längwech 0 

Ich hab mir vor kurzem mal wieder TV angetan. Naja, Youtube.

Genauer: Den Trailer zum neuen Bond und die deutsche Version von Doctor Who, einer Serie, die ich im Original liebe (einzige Fernsehserie, die ich immer noch schaue).

Zunächst zu Doctor Who: Mein Gott. Wieso ist die Serie von zwei Teenagern synchronisiert worden? Und spricht eigentlich keiner bei denne Deutsch, oder wieso wurde die „Church of the everrepeating meme“ zur „Anhängerschaft des sich wiederholenden Meme“.
Liebe Übersetzer, „meme“ heisst auf deutsch „das Mem“, nicht „das Meme“.

[youtube 1ijc4SOc-EI]

Na gut, das ist ja nun auch Fernsehen. Vielleicht klappt es im Kino besser.
Ja, der neue Bond: Ein Quantum Trost – Moment, ein was Trost? Das Deutsche hat eine Quante (physikalischer Fachbegriff) und ein Quäntchen. Letzteres hätte funktioniert, ersteres wäre ziemlich obskur.

Ich dachte eigentlich, Übersetzer würden arbeiten. Da habe ich mich wohl getäuscht. was sie nicht kennen, lassen sie mittlerweile einfach im Original und sprechen es deutsch aus.

[youtube nZ7JymzpgWk]

Okay, die feindliche Organisation scheint Quantum zu heissen. Dadurch macht der Titel aber nicht grade mehr Sinn als vorher schon (und ja, „Sinn machen“ ist in Ordnung, Bastian Sick kann sich seinen linguistisch inkompetenten Quark sonstwohin stecken).

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