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Orlando ist überall – Das Ende der politischen Geografie 1 

Über 100 Opfer forderte am Sonntag ein Anschlag auf einen Schwulenclub in Orlando, Florida, davon 49 Tote. Das zählt nur die körperlich nachweisbar geschädigten. Der Täter, Omar Mateen, war trotz afghanischer Abstammung ein in New York geborener Mitarbeiter einer der größten Sicherheitsfirmen der Welt (G4S). Weitgehend unauffällig und in einem Beruf beschäftigt, in dem man ihm bedenkenlos Schusswaffen anvertraute, samt offizieller Lizenzen. Es gab wohl ein paar Auffälligkeiten um ihn und seinen Vater, er bekannte sich am Ende auch zur IS-Bewegung, aber der Punkt bleibt, dass dies ein Anschlag aus dem Inneren war. Da war ein Amerikaner. Und kein besonders aus der Art geschlagener.
Das ist es, was diesen Anschlag besonders macht: Er verdeutlicht, dass wir in unserem Denken oftmals die Grenzen falsch ziehen. Die Grenzen laufen nicht über den Globus. Sie laufen mitten durch die Gesellschaft. Auch die „westliche“.

Nachteil der Digitalisiserung: Das kann man nicht mal mehr einfach so in den Papierkorb knallen

Nachteil der Digitalisiserung: Das kann man nicht mal mehr einfach so in den Papierkorb knallen

Homophobie als Normalität

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte kurz nach dem Attentat einen beachtlichen Artikel, der sich etwa so zusammenfassen lässt:

Ein Anschlag auf die offene Gesellschaft? Schön wär’s! Welche offene Gesellschaft denn?

Das ist sicherlich übertrieben, in vielen Ländern ist anormative Sexualität nicht oder wenigstens nicht stärker stigmatisiert als etwa bestimmte Haarfarben. Aber, und hier ist das Körnchen Wahrheit in der Geschichte, sie ist auch nirgends wirklich akzeptiert.

Der Massenmörder von Orlando war ein Moslem, das ist praktisch unzweifelhaft. Aber es hätte genausogut ein evangelikaler Christ sein können. Tatsächlich sind in den USA Christen insgesamt praktisch genauso homophob wie Muslime, die evangelikalen Gruppen sind deutlich schlimmer,von den Mormonen und Zeugen Jehovas ganz zu schweigen. Mit Ausnahme der Atheisten und Agnostiker (und in geringerem Maße der Juden und Buddhisten) ist die Quote der Homophoben überall erschreckend. Amerikanische Evangelikale spielten bei der Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle in Uganda eine Rolle. Im Ostblock ist der Kampf gegen die Homosexualität politische Agenda, sei es in Russland, wo wir das ganz furchtbar finden oder in der Ukraine, wo wir das ganz toll finden (oder halt medial verschweigen). Natürlich sind auch die rechten Parteien in unterschiedlichem Maße dagegen, Homosexuelle als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft anzuerkennen, sei es die bloße Ablehnung von mit der Ehe gleichgestellten Lebensgemeinschaften oder die Wiedereinführung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen oder gar Neigungen. Letztere ist auch in Westdeutschland noch nicht so lange her und so ist es auch in den sich als fortschrittlich sehenden Nationen immer noch weit verbreitet, Homosexualität als eine Art Krankheit zu begreifen.

Es gibt in Deutschland Bewegungen, die dagegen auf die Straße gehen, dass 16-Jährige in der Schule von der Existenz nicht-heterosexueller Neigungen erfahren. Sie nennen sich „besorgte Eltern“, bieten regelmäßig rechten Gruppierungen Plattformen und gehen zwei Tage später auf eine andere Demo, wo sie gegen extremistische Muslime protestieren, deren Weltbild sie nahezu identisch vertreten (nur halt mit Deutschland oder irgendeinem anderen Gott statt Allah).

Dummheit kennt keine Grenzen

Parallel läuft in Frankreich ja die Herren-Fußball-EM und da haben wir schon in den ersten Tagen Dauerberichte von randalierenden Hooligans. Engländer, Russen, Deutsche, scheissegal, alles der selbe Mist. Es gibt keine Grenzen, diese Idiotie ist allgegenwärtig.
Und das galt ja schon für ISIS: Die Bewegung speiste sich nicht etwa nur aus Muslimen, die radikal-muslimischen Bewegungen lockten in Massen Menschen an, die mangels besserer Begrifflichkeit nur als europäische „Einheimische“ bezeichnet werden können. In nicht zu verachtenden Teilen ist der IS keine syrische Milz – er ist eine Invasionsarmee verblendeter Europäer.

Mit Orlando nun ist der große Fehler offenbar gewunden, wie „wir“ uns den „Feind“ vorstellen: Wir verorten ihn geografisch, er kommt aus dem Nahen Osten. Dieser hat Grenzen, da kommen die Bösen her. Aus Arabien, Syrien, dem Iran.
Aber unser Gegner ist kein Land. Unser Gegner ist auch keine Miliz, diese sind austauschbare Moden. Unser Gegner ist ein Heer von Ideen. Stark gewordene Rückständigkeiten, geboren aus nie bewältigten Resten alter Dummheiten, aus der Angst vor Veränderung, aus der Unfähigkeit zur Toleranz dessen, was anders ist als man selbst.
Vielleicht auch motiviert von der all zu großen Radikalität und Geschwindigkeit des Wandels im Westen, der von seiner eigenen Geschwindigkeit abgehängt in ein gefährliches Gemisch aus Halbwissen und Nostalgie übergeht.

Der Konflikt hat keine geografischen Grenzen (mehr). Er geht mitten durch die Gesellschaften. Alle Gesellschaften.

(siehe auch meine Worte zu Charlie Hebdo)

PS: Ja, wir brauchen ein besseres Wort als homophob. Ich habe aber keins. Der Vorschlag „Arschloch“ ist effektiv und korrekt, aber wenig deskriptiv.

Auf in die Butterberge! 0 

oder: Von Milchpreis, Schweinezyklus, Propaganda, Grenzen des Wachstums, Butterbergen und dem Niedergang der Mutanten mit Superkräften. Aber das wäre definitiv ein zu langer Titel gewesen.

Die Milch macht schlapp

Statistik der Milchproduktion, die seit 2005 schneler steigt als die Weltbevölkerung

Zwie Striche und ein Mutant – mein erster Webcomic? – Bild: Zentrale Milch Berichterstattung GmbH (nein, wirklich!)

Kuhmilch ist praktisch in allem und allgegenwärtig. Frischmilch, Käse, Jogurt, Quark, Buttermilch, Kefir, Sahne, Baileys (bäh!), Schokolade, Fertigsuppen, Brot und Brötchen… ich könnte die Liste ewig weiterführen. Es ist gar nicht so einfach, im Supermarkt ein Produkt zu finden, dass nicht in irgendeiner Form Milch, Milcherzeugnis, Molke oder dergleichen enthält.
Angesichts dessen muten zwei Dinge wie ein Wunder an: Zum einen, dass der Milchverbrauch in Deutschland immer noch steigt, zum anderen dass es dennoch eine Milchkrise gibt. Ja, der Wachstumswahn hat es geschafft, bei einem seit Jahrhunderten in fast beliebiger Menge absetzbares Produkt eine Überproduktion hervorzubringen, durch die Ängste vor einem Zusammenbruch des Wirtschaftszweiges aufkommen. Glückwunsch!

Milchschaumschläger

Milch ist ein seltsames Nahrungsmittel. Zum einen natürlich von der Idee, Sekret aus fremden Brüsten zu sich zu nehmen. Aber auch, weil es so widerprüchlich ist: Zugleich nährstoffreich und (für Erwachsene) schädlich, da es für das Wachstum von Babys geschaffen ist und Erwachsene es nur dank eines Gendefekts zu sich nehmen können, der aber nur einen Teil der gesundheitlichen Probleme aufhält.
Europäern wurde Milch so lange schmackhaft gemacht, bis sie ernsthaft glaubten, sie sei für ein gesundes Wachstum unverzichtbar — eine Behauptung, welche den 70% der Weltbevölkerung, welche Milch nicht verdauen können, gradezu absurd erscheinen muss.
Aber es hat funktioniert: Die Milchwirtschaft hat sich ihre eigenen Absätze über Propaganda aufgebläht. Und ja, egal, wie man zur Milch steht, die massive Werbung für Milch nicht nur direkt als Werbung sondern auch im Mantel von Aufklärungs- und Förderkampagnen kann nicht anders denn als Propaganda bezeichnet werden. Das Ergebnis ist eine in ihrem Ausmaß absolut wahnwitzige Milchwirtschaft, eine marktwirtschaftliche Blase. Dass die Milchwirtschaft irgendwann zusammenbrechen würde, war seit Jahrzehnten eben aufgrund dieser Blase offensichtlich.
Aber hier ist das Absurde: Der Markt bricht zusammen, ohne dass die Blase geplatzt wäre. Mit anderen Worten: Es hat noch gar nicht angefangen, eine richtige Krise zu werden. Es ist nicht mehr als ein Schluckauf im Vergleich zum Ausmaß der Milchmarktblase.
Aber Milch ist in Kritik geraten. Die demografische Entwicklung des Planeten bewegt sich zu Gunsten von Völkern, bei denen nur Minderheiten Milch verdauen können. Die Blase spannt heftig. Das wird noch schlimmer.

Schlaglöcher der Marktwirtschaft

Hatten wir das nicht alles schonmal? Den Älteren müsste das alles bekannt vorkommen, Stichworte „Butterberge“ und „Milchseen“.
Bevor ich dazu komme kurz eine Erklärung zum Schweinezyklus: In der Landwirtschaft ist es normal, dass Angebot und Nachfrage ständig um einander schwanken. Steigt die Nachfrage über das Angebot, steigen die Preise. Daraufhin setzen mehr Bauern auf die stark nachgefragte und daher besonders lohnende Ware (zum Beispiel Schweinefleisch, deshalb Schweinezyklus). Irgendwann ist das Angebot dann höher als die Nachfrage, die Preise sinken rapide und die Bauern wechseln auf andere lohnende Waren, bis die Nachfrage das Angebot erneut übersteigt und der Zyklus von vorne beginnt.
Und jetzt zurück zur Milch: In den 50ern war die Milch grade in einer Phase, in der die Preise zu niedrig waren. Zum einen war Europa grade in einer Phase des Wiederaufbaus nach einem großen Krieg, in dem man eine Krise nicht brauchen konnte; zum anderen war die Wirtschaft inzwischen stark industrialisiert, viele Landwirte waren dazu übergegangen, nichts mehr ausser Milch herzustellen und konnten nun auf kein anderes Produkt ausweichen. Die junge EWG baute ein System zur Subvention von Milch auf, die Bauern erhielten garantierte Abnahmepreise.
Damit wurde die EWG zum neuen Großkunden für Milch, der Schweinezyklus war geschlossen. Doch nun gab es erstmals keinen realen Abnehmer mehr für die Milch, es kam zu einer gewaltigen Überproduktion, mit der niemand etwas anfangen konnte — der „Butterberg“.
In den 70ern wurde das Problem schlimm genug, dass die EG als Nachfolgerin der EWG die Milchquote einführte, eine Beschränkung der Produktion von Milch in der EU. Erst 2007 waren die Butterberge endlich abgebaut. Preise stiegen wieder und 2015 ließ die inzwischen zur EU gewordene EG die Milchquote auslaufen, nachdem die Mengen vorher nach und nach angehoben worden waren.
Nun, nur ein Jahr später, ist der Milchmarkt im Zusammenbruch begriffen. Es gibt wieder zuviel Milch. Der für solche Situationen in der Landwirtschaft gerne genutzte Exportmarkt fehlt, denn im gerne als Agrarmüllkippe Europas genutzten Afrika will ebenso wie in China und Japan kaum jemand Kuhmilch und gegen Russland hat die EU Handelsbeschränkungen erlassen.
Das allein kann es aber nicht sein: Der Milchkonsum in Europa stagniert, was auch bedeutet, er sinkt nicht.

Nein, ich mache das moderne Wirtschaftsdenken verantwortlich. Was sich zwischen den 70ern und den 2010ern verändert hat, ist unsere Einstellung zum Wachstum. Früher war Wachstum ein Nebeneffekt von Erfolg. Heute ist Wachstum so sehr die Definition von Erfolg, dass er gegen jegliche Vernunft zum alleinigen Ziel der Wirtschaft geworden ist. Aber es gab keinen raum mehr, in den man hätte hineinwachsen können.
Der berühmte Bericht des Club of Rome sprach 1972 bei den Grenzen des Wachstums von Grenzen, die sich aus den begrenzten Ressourcen ergaben. Aber es gibt noch eine andere Form von Grenze des Wachstums: Den Punkt, an dem der Markt vollständig gesättigt ist und eine weitere Nachfrage nur sehr eingeschränkt wenn überhaupt erzeugt werden kann. Und das hat bei der Milch auch konkrete medizinische Gründe.

Wir Mutanten: Eine kleine Evolutionsgeschichte des Milchkonsums

Dass der Mensch ein Säugetier ist, ist für die Milchwirtschaft Fluch und Segen zugleich. Einerseits heisst diese Verwandschaft, dass Menschen über ein Gen für die Verdauung von Laktose verfügen, ihr Körper kann Laktase herstellen. Andererseits hören Menschen, wie alle Säugetiere, nach dem Säuglingsalter in der Regel auf, Laktase zu produzieren und werden laktoseintolerant.
Aber: Gut 30% der Menschheit sind Mutanten. X-Men-Style. Laktophagen; sie haben die Superkraft, einen Stoff zu verdauen, den normale Menschen nicht verdauen können — Milch eben.
Den Ursprung dieser Mutation vermuten die Forscher etwa 10.000 Jahre in der Vergangenheit im Nahen Osten, als erstmals Rinder domestiziert wurden. Die folgende Geschichte liegt etwas im Dunkeln. Bekannt ist, dass Rinder zuvor vor allem gehalten wurden, um das Land zu bearbeiten und fruchtbar zu machen, vermutlich auch als Fleischlieferanten. Milchprodukte (Käse, Milch) tauchen in der Archäologie vor etwa 5000 Jahren auf. Da Milch wahrscheinlich vor den von ihr abstammenden Produkten genutzt wurde, muss das also irgendwann in der Zeit dazwischen geschehen sein. Jedenfalls war die Milch für Mensch und Rind praktisch: Die Menschen erhielten eine zusätzliches Lebensmittel, über das sie noch mehr Nährstoffe aus dem Land holen konnten, die Rinder wurden von den Menschen noch stärker gefördert und traten endgültig ihren Weg zu einer weltweit verbreiteten Spezies neben dem Homo sapiens an.
Die Laktophagen breiteten sich im Nahen Osten und Europa aus. Die Europäer (überhaupt ein seltsames Mutantenvolk, diese hellhäutigen Multi-Immunen Keimschleudern) verbreiteten sich schließlich in der Welt und brachten die milchhaltige Ernährung mit sich. Europa, Australien, Amerika und Australien wurden von diesen Mutanten erobert. Praktischerweise war die Mutation dominant, sprich die Eroberer brachten ihre Mutantengene gleich mit in die lokale Bevölkerung ein. Weshalb zum Beispiel viele schwarzafrikanischstämmige Amerikaner Milch zu sich nehmen können, Afrikaner aber nur sehr selten.
Damit springen wir in die Gegenwart und hier sehen wir ein globales Problem: Es schwinden genau jene Bevölkerungsgruppen, bei denen wir Mutanten in so aussergewöhnlicher Zahl vorkommen. Indien ist noch eine Ausnahme, aber in den übrigen Regionen großen Bevölkerungswachstums sind Laktophagen entweder eine Minderheit (Asien) oder gar eine Rarität (Afrika). Auch wenn manche Milchprodukte bei ihrer Verarbeitung soweit verändert werden, dass sie kaum noch Laktose enthalten, ist absehbar, dass die weltweite Nachfrage nach Milch nicht auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben dürfte. Und da dominante Gene sich nur sehr schwer durchsetzen können (klingt paradox, aber dominante Gene erhalten ihr Gegenstück quasi in abgeschalteter Form, weshalb es von der weiteren Evolution praktisch nicht aussortiert wird), ist da die Hoffnung auf eine schnelle Globalisierung des menschlichen Genpools vergebens.

Die Lösung

Das zwanzigste Jahrhundert hält eine gern übersehene Erkenntnis bereit: Planwirtschaft funktioniert. Oder genauer: Es gibt bestimmte Waren, darunter Milch, bei denen Planwirtschaft funktioniert.
Das erscheint auch logisch. Die Nachfrage nach Milch ist konstant, die Produktionsmenge ist verlässlich genug steuerbar, beim Produkt selbst gibt es praktisch keine Innovationen — Kuhmilch bleibt Kuhmilch, auch wenn ab und an neue Milcherzeugnisse erfunden werden. Der Milchmarkt in Europa ist praktisch ohne Verzögerung in dem Moment zusammengebrochen, als er der Marktwirtschaft überlassen wurde.
Es ist dies eine Erkenntnis, die heutigen Marktliberalen unbegreiflich zu sein scheint: Unterschiedliche Angebots-Nachfrage-Strukturen führen zu einem unterschiedlichen Verhalten am Markt. Deshalb ist es nicht sinnvoll, alle Arten von Produkten am Markt identisch zu behandeln. Für manche Waren ist der freie Markt die richtige Struktur, für andere die Planwirtschaft und für wieder andere sind es monopolistische (im Falle der Existenz sichernden Grundversorgung vorzugsweise nicht-profitorientierte) Strukturen.
Darüber wird es vielleicht eine Debatte geben, ganz sicher wird es große Aufregung bei den überall eingenisteten Vulgärliberalen geben, aber in einer solch profunden Krise siegen die Praktiker immer gegen die Theoretiker.

Jahr 10 ohne Altmedien 0 

Es ist jetzt zehn Jahren her, dass ich den Fernseher rausgeschmissen habe. Die Zeitungen folgten mit kurzer Unterbrechung. Wann ich das letzte Mal ein Radio eingeschaltet habe, weiss ich noch nicht einmal mehr. Es folgt eine Bilanz.

Freie Zeit

Ob man nun mehr freie Zeit hat, liegt letztlich an einem selbst, das hat mit der Wahl der konsumierten Medien überraschend wenig zu tun. Nein, es geht um eine ganz andere Sache. Ich denke, es ist dies das Grundbedürfnis der so unverstandenen generation Y/Millennials/Weiterenunfughiereinfügen: Nicht freie Zeit, freie Zeiteinteilung.
Fernseher und Radio sind Diktatoren. Sie wollen uns vorschreiben, wann wir Nachrichten zu konsumieren haben, wann einen Spielfilm und wann wir uns bei GZSZ die Hirne weichsitzen. Ich verstehe nicht (mehr?), wie eine solche Struktur auch nur die Erfindung der Videokassette überleben konnte. Es gibt Menschen, die ihren ganzen Tagesablauf um irgendeinen Scheiss gestalten, der zu einer vom Sender vorgeschriebenen Zeit im Fernsehen läuft. Warum? Youtube existiert, Netflix existiert. Das Fernsehprogramm steht hier auf einer Ebene mit tatsächlich wichtigen Terminen und Verabredungen — diesen Status hat es schlichtweg nicht verdient.

Nachrichten

Jede Form von Nachrichtenkonsum verzerrt die Wirklichkeit.
Es ist interessant, wie viel momentan bei Facebook und Co von Filterblasen geredet wird. Dabei ist die Filterblase nichts Neues, jeglicher Medienkonsum stellt eine Filterblase dar. Nur: Bei den Altmedien merkt man das nicht, weil alle in der selben Blase, hinter dem selben Filter, sitzen.
Bei den Altmedien sind wir davon abhängig, was der Chefredakteur für berichtenswert, oft auch für politisch opportun erachtet. Das wird berichtet, so wird der Berichterstattung ihr Drall verpasst. Solange ein System keine ausreichend starke Alternative anbieten kann, ist dieses Problem unsichtbar — man weiss ja oft gar nicht, dass andere Nachrichten, andere Positionen und Meinungen existieren, wie soll man sie also vermissen?
Das Internet bricht diesen Konsens aus Unwissenheit auf. Natürlich ist es nun schwierig zu beurteilen, welche Informatonen korrekt, welche Meinungen legitim sind. Das ist aber nicht die Schuld des Internets. Wir kommen aus einer Welt, in der Unmündigkeit fest verankert war, weil wir die Fähigkeit, Informationen einschätzen zu können nie nutzen mussten. Die Medien hielten einen Mythos von Neutralität aufrecht, als wäre Neutralität in der Berichterstattung überhaupt möglich. Die Wut der Erkenntnis, dass diese Neutralität nicht existiert, ist es, die Tausende in die absurdesten Sphären des Online-Schwachsinns treibt.
Aber das Internet ist hier eben auch die Lösung: Nie zuvor hatten wir Zugriff auf so viel Wissen aus so vielen Blickwinkeln. Es ist nur schwer zu erlernen, damit umzugehen.

Die Altmedien kapseln sich unterdessen in einer albernen Selbstbezüglichkeit ein. Das fängt an mit irgendwelchen stundenlang live übertragenen Hochzeiten von Adelsgezücht in den Öffentlich-Rechtlichen, die ihre Bedeutung allein aus dieser absurden Berichterstattung beziehen, welche wiederum die Berichterstattung rechtfertigt. Das endet dann bei Erscheinungen wie Bernd Wollersheim, dessen Namen ich nur kenne, weil er regelmäßig auf den Titelseiten der Bild-für-Leute-die-die-Bild-nicht-lesen-wollen (kurz: Express) auftaucht — irgendein strunzdummer Proll aus einem Puff in Düsseldorf oder so.

Andere Nachrichten dagegen finden in den Altmedien gar nicht erst statt. Wichtige Dinge. Zu den Großdemos gegen Braunkohle im Rheinland und zuletzt der Lausitz musste man lange suchen, um dann etwas in den regionalen Minisendern zu finden. Üblicherweise erfolgt so etwas, wenn das Thema im Internet bereits unübersehbar geworden ist und der Gesichtsverlust, nicht zu berichten, zu groß wäre.

Vermisse ich nichts?

Diese Frage höre ich oft, meist in Bezug auf den Fernseher. Und meine Antwort fällt knapp aus: Ich wüsste nicht, was. Im Ernst, mehr kann ich dazu nicht sagen, ich vermag kaum, die Frage zu verstehen.
Keine Sorge, ich schaffe es auch ohne stundenlange Berieselung, meinen Tag zu füllen. Problemlos auch mit sinnlosem Scheiss – aber eben mit selbstgewähltem sinnlosen Scheiss.

Fazit

Ich kann keinen Grund mehr erkennen, die Altmedien zu konsumieren. Sie nehmen uns aus nicht gerechtfertigten Gründen die Autonomie über unsere Zeit (und im Gegensatz zur Arbeit bezahlen sie uns nicht einmal dafür). Sie berichten unvollständig und nach Gutdünken. Sie leben in einer Welt, die zunehmend aus ihren eigenen Inhalten besteht, welche für die reale Welt bedeutungslos sind.
TV, Radio und Zeitung sind die übelste aller Zeitverschwendungen.

Innenstadt neu denken 0 

Leerstände in Rheydt

Die Friedrich-Ebert-Straße am Donnerstag, 25.02.2016, früher Nachmittag

Nein, Rheydt steht nicht alleine da. Rheydt ist besonders eklatant, da es neben den Problemen aller Innenstädte auch noch extrem nah an größeren Zentren liegt, mit denen es nicht mithalten kann. Das liegt nicht an der Struktur von Mönchengladbach mit zwei Kernen, denn die rheydter Innenstadt hat ja früher auch funktioniert und es ist nicht so, als wäre sie in den bald 45 Jahren seit der Zusammenlegung der Städte weiter nach Norden gerückt, als wären die Abstände zwischen den beiden Innenstädten in dieser Zeit kleiner geworden. Das ist einfach nur albern. Die spezielle Lage der Stadt Mönchengladbach, der schon seit Jahren von mir wiederholt angeprangerte Mangel an Differenzierung Rheydts vom nördlichen Nachbarn und die Konzeptlosigkeit der panikhaften Rheydt-Rettungspolitik sind zwar Faktoren, aber sie alleine reichen nicht, die desaströs werdende Entwicklung zu erklären.
Es hat lange gedauert, bis die Presse sich ausdrücklich des Themas annahm, um genau zu sein bis heute und auch dann noch relativiert. Das Strukturproblem der ganzen Stadt wird auf einzelne Straßenabschnitte begrenzt, als seien diese durch eine Mauer vom Rest der Stadt abtrennbar und somit separat zu behandeln. Auch das ist albern.
Um diese Abtrennung der problematischen Bereiche zu rechtfertigen, redet man sich die Entwicklung in den nicht-problematisch beschriebenen Bereichen schön. Da wird jedes Café zum Triumph emporgehoben, das noch nicht kläglich verhungert ist. Die Rettung von Karstadt wird mit dem Einzug von Billigketten zum Schildbürgerstreich und was jubelt die Rheinische Post dazu?

Rossmann und Action Deutschland ziehen ins Basement des Gebäudes am Rheydter Marktplatz ein[…] Für Rheydt und seine Bürger dürfte am Ende somit eine Aufwertung stehen

Nun steht zu vermuten, dass Rossmann dann aus der Hauptstraße wegzieht. Action ist eine dieser Ketten, bei denen man einkauft, wenn man am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig hat — die aber belegen in Rheydt ohnehin schon die gefühlte Hälfte der Ladenlokale und gelten als sichtbares Merkmal des Niedergangs. „Aufwertung“.

Vom Ende der Innenstadt, wie wir sie kannten

Es gibt aber ohne Frage neue Faktoren, welche die Innenstadt an sich bedrohen. Als wichtigster davon gilt in der Diskussion wenig überraschend der Aufstieg des Online-Versandhandels. Mit seinem gewaltigen Angebot von Waren aus der ganzen Welt, einschließlich Nischenwaren, die mangels lokaler Nachfrage kein normaler Laden führen würde, seiner 24-Stunden-Öffnung, seiner sofortigen Verfügbarkeit weiterer Informationen und Bewertungen durch andere Kunden und seiner Einfachheit übertrumpft online lokal in fast jeder für die Kunden wichtigen Kategorie. Fälschlich geht die Diskussion oft in die Richtung zu behaupten, Anbieter wie Amazon punkteten mit billigen Angeboten, aber das ist schlichtweg falsch: Amazon ist preislich in der Regel nicht günstiger als der Handel vor Ort, in manchen Kategorien wie etwa bei den Lebensmitteln sogar weitgehend deutlich teurer.
Nun kann man aber lobend erwähnen, dass Mönchengladbach zu den wenigen Beispielen gehört, wo eine Stadt es geschafft hat, mit einem Pilotprojekt online ein Angebot aufzubauen, welches den Handel vor Ort auf Augenhöhe zu bringen vermag. Die Befürchtungen von Gerritt Heinemann von der Hochschule Niederrhein scheinen sich dabei nicht zu bewahrheiten:

Der Versuch, durch lokale Online-Marktplätze die Innenstädte zu beleben, wird nicht funktionieren. Stadtväter, die das glauben, haben eine rosarote Brille auf und ignorieren die Realität.

Nein, wenigstens die Kooperation zwischen Mönchengladbach und eBay funktioniert nach allem, was ich dazu vernehmen darf, hervorragend und bringt Kundschaft heran.
Und hier zeigt sich dann das nächste Problem: Wo kommen diese Kunden eigentlich her? Wenn es bei Berichten zur Kooperation stolz heisst, man erreiche Kunden von nah und vor allem auch fern, stellt sich doch genau diese Frage. Auf wessen Kosten saniert sich Mönchengladbach-Gladbach da eigentlich? Nun, zum Beispiel auf jene von Mönchengladbach-Rheydt. Und Viersen und Erkelenz und Düren und Krefeld und so weiter. Der Ansatz des lokalen Bündnisses im Internet richtet sich nicht gegen das Problem, es sorgt nur dafür, dass man als dies angehende Kommune möglichst zu den Siegern gehört.
Und ganz ehrlich: Das Problem lässt sich auch gar nicht bekämpfen. Der Online-Handel ist dem lokalen Handel schlicht und ergreifend strukturell überlegen. Einzelne Sparten können hier eine Ausnahme bilden, weil sie besondere Qualitäten wie Frische, Beratung, Genuss-Atmosphäre oder Anprobemöglichkeit erfordern — aber dafür fallen andere Sparten mit der fortschreitenden Digitalisierung bald komplett weg. Innenstädtische Atavismen wie die letzten Plattenläden, Videotheken und mittelfristig wohl auch der Buchhandel werden von der Geschichte überholt wie so viele andere vor ihnen, vom Hufschmied über den Kolonialwarenladen bis zum Internetcafé. Die Überlebenden sind nicht genug, um die Innenstadt als Konzept zu retten. Sie sind entweder zu wenige oder richten sich nur an eine Kundschaft, die für die klassische Innenstadt nicht als attraktiv gilt. Eine Zukunft, in der das Einkaufen in der Innenstadt eine Tätigkeit ist, der nur mehr die verarmten Bevölkerungsschichten nachgehen, ist denkbar geworden.
Da kann man den Verbrauchern so lange ins Gewissen reden, wie man will, es erreicht doch nur eine Minderheit und von dieser Minderheit wird wiederum nur eine Minderheit den Versandhandel boykottieren. Viele können das auch gar nicht, wenn sie Produkte suchen, die es eben offline nur in vereinzelten Läden in den Haupt- und Millionenstädten überhaupt gibt.
Es gibt noch ein paar andere Trends, die unsere Innenstädte zunehmend schwächen: Armut ist natürlich ein Problem für den Handel. Konsumkritik und Selbstversorgung halte ich beides für sehr gute Dinge, aber ich kann nicht verschweigen, dass jeder Apfel, den der Laden weniger verkauft, letztlich eine Mindereinnahme für den Laden ist. Und in diesem Kontext muss man durchaus selbstkritisch an die Frage gehen, ob unsere Innenstädte im 20. Jahrhundert nicht schlichtweg zu groß geworden sind und sich dies nun rächt.

Die postkommerzielle Innenstadt?

Die Geschichte der Stadt und die Geschichte des Handels sind seit Jahrhunderten eng verwoben. Manche sagen, seit Anbeginn der Geschichtsschreibung, aber da darf man zweifeln, ob hier nicht moderne Weltbilder in vergangene Epochen projiziert werden. Auch muss man deutlich unterscheiden zwischen der Art Handel, aus der sich an Knotenpunkten von Handelsrouten Städte bildeten und dem Bau von Supermärkten — also dem Austausch zwischen Geschäftsleuten einerseits und dem reinen Verkaufsbetrieb an Endkunden andererseits.
Aber ich schweife ab. Der Punkt ist der, dass es uns heute extrem schwer fällt, die Innenstadt nicht als Ort des Kommerzes zu denken, als Sammelpunkt für Geschäfte und Märkte. Was seltsam ist, denn wir tuen es dennoch unentwegt.
Denken Sie an Ihre Lieblingsstadt. Was macht diese aus? Woran denken Sie, wieso ist es Ihre Lieblingsstadt? Ich möchte fast wetten, es ist kein Supermarkt an der Hauptstraße, kein Schuhgeschäft am Bahnhof und auch nicht der Elektronikhändler in der lokalen Mall. Nein, es wird meist oder wenigstens zuerst ein Café in einer Nebenstraße sein, der Ausblick auf die Auen des jeweiligen Flusses, die Atmosphäre eines Altbauviertels, ein Museum oder auch die Art der Menschen dort. Soziale Orte und solche der Entspannung, Erholung, des Erlebens. Orte von Geschichte, Kunst und Kultur. Natürlich auch mit Handel, ohne Handel kein Café oder Restaurant, aber immer sekundär. Der Handel bildet die wirtschaftliche Grundlage der Innenstadt, aber er bildet eben nicht ihre Oberfläche, ihre Einladung an Besucher und Einwohner.
Im Zeitalter des Internet ist es nicht mehr sinnvoll, die Menschen mit Konsummöglichkeiten locken zu wollen. Und die attraktivsten Städte, die boomenden Zentren und alles, was in den letzten Jahrzehnten zu Weltruhm gelang, haben dies auch nie getan. Handel ist nur sehr eingeschränkt ein Frequenzbringer und selbst das, was er in der Vergangenheit an Frequenz bringen konnte, schwindet nun, versickert ins Internet. Aber Plätze, Museen, Cafés, Restaurants und dergleichen, diese Art von Ort gibt es online nicht in dieser Form.
Wollen wir unsere Innenstädte und damit die Siedlungsstrukturen der Großstädte, wie wir sie kennen, erhalten, müssen wir weg von der gegenwärtigen Stadtplanung, die Innenstädte als Orte des überbordenden Kommerzes definiert, plant und fördert. Wir müssen zu einem Verständnis von Innenstädten, das nicht mehr fragt, was es dort zu kaufen gibt, sondern vielmehr, was es dort vorzufinden, zu erleben, gibt. Warum man dort hingehen sollte.
Wenn wir das schaffen, werden die Städte vielleicht endlich wieder etwas, was sie schon so lange nicht mehr waren: Einladend. Und vielleicht sogar schön.

Kinder spielen an einem Brunnen in Frankfurt

Frankfurter Innenstadt Sommer 2009 – Bild: FAZ/Anna Jockisch

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Alternativlos oder: Vom Suizid der Demokratie 0 

Letzte Woche war es hier im Blog sehr ruhig, weil mein Computer defekt ist. Ich sitze aktuell am Tablet, auf dem längere Texte mangels Tastatur schwierig sind. Dennoch ist es mir wichtig, etwas zum Wahlergebnis der gestrigen Landtagswahlen zu schreiben und das wird notwendgerweise ausführlich. Den normalen Ritmus sollte es dann ab nächster Woche wieder im Blog geben. Nun aber erstmal zum Thema der Überschrift, dem (langen) Suizid der Demokratie, wie wir sie kannten.
Warnung vorab: Politik ist kompliziert und hoch abstrakt. Sie besteht quasi vollständig aus Metaphern und Bildnissen. Ich werde also aller Voraussicht nach mit Metaphern nur so um mich werfen, selbst für meine Verhältnisse. Dafür gibt es aus technischen Gründen weniger Bilder.

Wahlergebnisse

Rheinland-Pfalz als eklatantestes Beispiel, die AfD steht überall ähnlich stark da

Rheinland-Pfalz als eklatantestes Beispiel, die AfD steht überall ähnlich stark da

Ich könnte hergehen und mich einfach über das Ergebnis der Grünen in Baden-Württemberg freuen. Aber dafür müsste ich keinen eigenen Blogbeitrag verfassen. Einerseits erfordert er keine große Analyse, andererseits sind dafür die Freitäglichen Fünf das perfekte Format. Und ausserdem kenne ich von BaWü nur das Ufer des Bodensees und ein paar Ausgewanderte aus Stuttgart und Calw, auch wenn mein Nachname aus der Gegend stammt.
Nein, es ist der große Erfolg der AfD, den ich hier ansprechen will. Diese rechte Partei zieht in ein Parlament nach dem anderen und meiner Meinung nach ziehen fast alle, die sich das ansehen falsche, ja teilweise gefährliche, Schlüsse.

Alternativlosigkeit für Deutschland

Die Frage an dieser Stelle dürfte offensichtlich sein: Was ist los?
Natürlich gibt es viele Ursachen. So halte ich es beispielsweise nicht für falsch, wenn man etwa sagt, soziale Probleme seien eine wichtige Ursache. Aber für zu kurz gegriffen. Denn wenn man das so benennt, müsste eigentlich ein nächste Frage folgen: „Wie konnte es so weit kommen?“ Und dann weiter: „Und wieso schafft es niemand, das anzupacken?“
Darauf gibt es Antworten, aber es handelt sich um Erkenntnisse, die nicht nur im Blinden Fleck der politischen Führungsriege liegen – sie sind der Blinde Fleck.
Was dem heutigen Politikverständnis der Oberen gemein ist, ist eine Art Widerstreben gegen jegliche Positionierung jenseits eines wahrgenommenen gesellschaftlichen Konsenses, der sehr eng begrenzt ist. Visionen sind ein Konzept, das mit dem 19. Jahrhundert starb, spätestens jedoch mit dem Ostblock und wer behauptet, welche zu haben, der möge zum Arzt gehen. Das ist kein neues Problem in Deutschland, es ist schon mindestens ein Mal eskaliert. Damals endete es mit der Gründung der Grünen auf der utopistischen und der Wahl von Bundeskanzler Helmut Kohl auf der konservativen Seite.
Die Ära Kohl bestand zu großen Teilen aus seinem Prinzip, Dinge auszusitzen. Deutschland legte sich in die Sonne und wurde von einer günstigen Entwicklung in der Weltgeschichte getragen, bis hin zur Benennung Kohls als „Kanzler der Wiedervereinigung“, an der er so gut wie keine Mitschuld hatte, die er sich aber dennoch auf die Fahnen schreiben konnte.
Seine Abwahl stand schließlich im Kontext von Reformstau und dem Ende des Kalten Krieges. Soweit das Offensichtliche, aber mit den Folgen muss man auch auf die große Katastrophe der Grünen kommen. Nein, nicht Hartz IV, das war nur eine Auswirkung der tiefer liegenden Katastrophe. Der Visionsverlust.
Die Gründung der Grünen stand unter dem Zeichen, einen „Marsch durch die Institutionen“ anzutreten, damit die alternativen Kräfte die Möglichkeit erhielten, ihre Vorstellungen von politischer Seite umzusetzen. 16 Jahre dieses Marsches aber hatten jene Kräfte gestärkt, die am besten im bestehenden System zurechtkamen. Dazu kam noch, dass die Koalition mit eben jener Partei gebildet wurde, die mit dem Zusammenbruch des so genannten Sozialismus begann, massiv an Profil und noch massiver an eigenen Ideen zu verlieren: Der SPD. Man kann jetzt ganze Buchregale lang über diese Koalition ausführen, über die Spaltungsgschichte mit WASG, SED und Linkspartei und wie diese den Weg freimachte für den aktuell laufenden Niedergang der deutschen Sozialdemokraten. Es wäre hier sogar relevant, aber eben auch viel zu ausführlich.
Wichtig sind jetzt die Folgen der deutschen Politik unter Schröder: Die Sozialdemokraten verloren ihre sozialdemokratischen Positionen und begaben sich fortan auf die Suche nach einer vermeintliche Mitte. Die Grünen waren indes von der SPD enttäuscht, sahen sich nach anderen Partnern um und begaben sich so im Dienste der totalen Koalitionsfähigkeit auf die selbe Suche. Und die CXU tat es beiden gleich, um wieder einen Weg zur Macht zu haben, geführt von Kohls bester Schülerin in Sachen Dinge-Aussitzen, Angela Merkel. Die FDP war schon in de 80ern auf die Idee mit der Mitte gekommen, sie begann eine Art Flucht in einen stammtischgespeisten Wirtschaftsextremismus, der sich nur noch um Nuancen zügelloser auch in der AfD wiederfindet, wenn man bei letzterer kurz hinter das oberflächliche Rassismus-Problem blickt.
Und damit nähern wir uns der Gegenwart: Die deutsche Parteienlandschaft besteht nur mehr aus gesichtslosen Gebilden, die sich mehr duch ihre Farbe als ihre Programmatik definieren. Wahlkämpfe werde medial wie auch parteiintern diskutiert wie Quoten im Privatfernsehen, wie Punktestände in Tetris. Es geht nicht mehr darum, politische Entscheidungen zu gestalten, sondern darum, den Highscore zu erreichen. Profil zu zeigen ist da gefährlich, mit zu viel Profil verliert man im Tetris nämlich das Spiel (und im Fernsehen die werberelevante Zielgruppe). Es gibt nur noch zwei Arten von Alternativen: Die programmatisch seit den 90ern weitgehend unverändert gebliebene (um nicht zu sagen stecken gebliebene) Linkspartei und die Protestparteien, wobei sich das bei vielen Wählern überschneidet.
Innerhalb der Protestparteien ist die AfD für eine Betrachtung sehr interessant, weil sie sich eigentlich gar nicht gegen das System stellt, sondern eine (falsche) Analyse des Systems aufstellt und dann fordert, mitmachen zu dürfen. Seht mal in ihr Wahlprogramm: Die AfD konstatiert Zenur in der Presse und fordert dann, selbst zum Zensor werden zu dürfen. Sie sieht angebliche Propaganda in den Schulen und setzt darauf die Forderung, ihre eigene Propaganda in die Schulen zu bringen. Und so weiter. Absurdität in absoluter Vollkommenheit. Leider wohl unmöglich herauszufinden, ob das Absicht ist.
Aber ich schweife ab, der Punkt ist, dass die Politik an Konturlosigkeit leidet. So sehr, dass jeder Schreihals sich zur Alternative erklären kann, einfach nur indem er das Gegenteil des Mehrheitskonsenses von sich gibt, egal wie schwachsinnig das Ergebnis dann ist. Das können sich auch in ihrem Kern antidemokratische Kräfte wie die AfD zu Nutze machen.
Und hier sehe ich das in der aktuellen Analyse gefährliche Element: Was in Abwehr der AfD auf gar keinen Fall geschehen darf ist eine weitere Vereinheitlichung der etablierten Parteien. Es ist nicht Geschlossenheit, die wir jetzt demonstrieren müssen, es ist Vielfalt.

Option 0: Nichts

Es ist zur allgemeinen Kultur geworden, solche Probleme wahlweise zu ignorieren, in der Tradition eben jener Filterblasenmentalität einfach aus dem eigenen Wahrnehmungshorizont fortzulabern oder durch das Umhertragen von Bannern auf der Straße sich selbst eine Tätigkeitsillusion zu verpassen (Demos schön und gut, aber sie ersetzen kein echtes Aktivwerden).
Das ist alles nicht gangbar. Das alles wirkt nicht gegen die Ursachen der Probleme. Die AfD ist ja beileibe nicht die erste Protestpartei mit solchen Erfolgen, sie ist nur die erste aus dem rechten Lager mit bundesweitem Erfolg. Als Phänomen ist die – politisch natürlich völlig anders verortete – Piratenpartei durchaus im selben Komplex zu sehen, auch die anderen Kleinparteien (erwähnenswert Linkspartei und Grüne, aber durchaus auch die FDP) profitieren schon seit Jahrzehnten von jenen, die Politik, wie sie sich aktuell gestaltet, an sich ablehnen.
Das und die vorherigen Ausführungen sollten deutlich machen: Die AfD ist die Grippe zum AIDS des politischen Systems. Natürlich müssen wir die Grippe heilen, aber solange wir kein Mittel gegen AIDS haben, bleibt der Körper in einer Verfassung, in der bald schon das nächste für gesunde Menschen harmlose Virus zur tödlichen Bedrohung wird.

Option 1: Neue Streitkultur

Es ist ein weiteres absurd wirkendes Detail im Aufstieg der AfD, die sich ausdrücklich nicht nur gegen eine multikulturelle, sondern ganz grundsätzlich gegen eine vielfältige Gesellschaft stellt, dass sie besser als irgendwer anders vorführt, warum Monokultur eine schlechte Idee ist. Sie macht anfällig gegen ebensolche gesellschaftlichen Krankheiten.
Die Parteien müssen ihre ideologischen Wurzeln wiederfinden, ergründen, definieren, pflegen und durchaus auch trimmen und schneiden.
Ja, wir haben alle ideologische Wurzeln. Das ist nicht schlimm, es ist notwendig. Ohne Ideologie kein Weltbild. Wer behauptet, keine Ideologie zu haben, hat ganz einfach nur die selbe Ideologie wie alle im Umfeld, weshalb die Ideologie nicht auffällt. Etwa eine Wachstumsideologie oder eine Natürlichkeitsideologie in Bezug auf bestimmte Dinge. Eine Ideologie ist nichts weiter als die Begründung des individuellen Wertekanons. Schlecht wird Ideologie, wenn wir sie selbst nicht mehr wahrnehmen, sondern ihre Inhalte als nicht mehr reflektierbare Selbstverständlichkeiten bezeichnen, als könne es so etwas ausserhalb der Mathematik überhaupt geben.
Das erfordert aber auch eine neue Debatten-, ja eine neue Streitkultur. Wir müssen wieder lernen, Ideologie zu erkennen, bei anderen und sich selbst. Wir müssen lernen, über Ideologien und ihre Inhalte diskutieren zu können. Wir müssen lernen, unsere eigene Ideologie zu verstehen, zu reflektieren und auch, zu dieser zu stehen. Wir müssen lernen, andere Meinungen weder als Angriff, noch als Schwäche zu sehen, sondern als das, was sie sind: Andere Meinungen.
Wenn es das wieder gibt, echten Diskurs statt beständige Aufführungen von „Zwei Stühle, eine Meinung“, dann erhalten wir auch wieder Vielfalt und Auswahl in der Wahlkabine und dann kann niemand mehr sagen, alle Parteien seien doch letztlich identisch. Dann gibt es keine Kerbe mehr, in die Hetzer und vermeintliche Systemgegner mit so großem Erfolg schlagen können.
Eine Veränderung dieser Größenordnung ist aber wahrscheinlich ein Generationen-, wenn nicht ein Jahrhundertprojekt, dessen müssen wir uns bewusst sein. Und sie steht genau entgegengesetzt zum Zeitgeist in den auf allgegenwärtigen Konsens getrimmten Eliten der Gegenwart.

Option 2: Postparlamentarismus

Die andere Möglichkeit wäre eine Abschaffung des Systems, wie wir es kennen. Ein postparlamentarisches System, ein Verwaltungsstaat, in dem kurzfristige Bündnisse an die Stelle fester Parteien treten. Eine Mischform aus direkter Demokratie, Anarchismus, klassisch-griechischer Tyrannis und Kommunismus.
Das allerdings stelle ich mir recht dystopisch vor. Wir werden sehen, denn einige Elemente eines solchen Modells zeichnen sich auf kommunaler Ebene quer durch die Bundesrepublik verteilt bereits ab.
Wahrscheinlich wird sich ein solches System an inneren Widersprüchen zerreissen, aber andererseits hat es auch noch niemand in diesem Maßstab versucht.
Es sollte allerdings klar sein, welche Variante ich bevorzuge.

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Dino-Dienstag 39 0 

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diese Woche mit so ziemlich allem ausser Dinosauriern.

Kreidezeitlicher Sockenfisch

Großmaul - Bild: Robert Nicholls

Großmaul – Bild: Robert Nicholls


Die Meere der Kreidezeit waren aussergewöhnlich vielfältig bewohnt. Verschiedenste Tiergruppen erreichten Größen, wie wir sie heute fast nur noch von den Walen kennen, doch seltsamerweise mangelt es in dieser Zeit an den riesigen Planktonfressern, wie wir sie heute kennen. Den Platz der Bartenwale und Walhaie nahm damals eine heute völlig ausgestorbene Gruppe von Fischen ein, zu denen die größten KNochenfische aller Zeiten zählten. Eine Gattung dieser Fische war Rhinconychthis, die vielleicht am stärksten den heutigen Planktonfressern ähnelnden Vertreter dieser Gruppe, auch wenn sie mit zwei Metern Länge nicht die größten waren.
Mit einer neuen Art aus den USA und neuen Untersuchungen an einem Fund aus Japan zeigt sich nun, dass diese Fische durchaus artenreich waren.

Schmetterlingsflorfliege

Sieht aus wie ein Schmetterling, hat aber Beisser: Oregramma - Bild: Vichai Malikul, Smithsonian

Sieht aus wie ein Schmetterling, hat aber Beisser: Oregramma – Bild: Vichai Malikul, Smithsonian

China gibt uns mit Oregramma illecebrosa eine neue Art prähistorischer Florfliegen. Interessant ist, dass die Flügel dieser Art Augenflecken haben, wie sie sonst bei den mit den Florfliegen verwandten Schmetterlingen bekannt sind. Die Forscher gehen davon aus, dass es sich dabei um eine Entwicklung handelt, die beide Gruppen unabhängig voneinander durchlebt haben, aber eindeutig ist das nicht. Die Paläontologie hat oft genug Überraschungen bereitgehalten wie jene, dass die letzten gemeinsamen Vorfahren von Schmetterlingen und Florfliegen den heutigen Schmetterlingen oberflächlich ähnlicher sahen als den primitiver wirkenden Florfliegen.
Oregramma ist mit 200 Millionen Jahren 40 Millionen Jahre älter als die ältesten bekannten Schmetterlinge.

Soziale Ameisen und Termiten

Weiter geht die Liste interessanter Bernsteinfunde aus der Insektenwelt mit zwei Ameisen, die kämpfend im Bernstein verstorben gefunden wurden. Das ist interessant, da Kämpfe unter Ameisen heute nur von Arten bekannt sind, die in Staaten leben. Das ist ein starker Hinweis, dass Ameisen bereits vor 100 Millionen Jahren in irgendeiner Form in Staaten lebten.
Noch stärker sind die Hinweise aus dem selben Fundort in Burma für Termiten. Von einer neuen Termitenart, Gigantotermes rex, wurden ein klar spezialisierter Soldat gefunden, mit 2,5 cm Länge der größte Soldat aller bekannten Termitenarten. Von einer zweiten neuen Termitenart, Krishnatermes yoddha wurden gleich mehrere Formen gefunden: Flieger (künftige Monarchen), Arbeiter und Soldaten.

Soldat von Gigantotermes und die drei Formen von Krishnatermes (Schwärmer, Arbeiter, Soldat) - Bild: AMNH/D. Grimaldi

Soldat von Gigantotermes und die drei Formen von Krishnatermes (Schwärmer, Arbeiter, Soldat) – Bild: AMNH/D. Grimaldi

Keine Nussknackermenschen

Die kräftigen Zähne so mancher Urmenschenspezies ließen den Gedanken aufkommen, dass diese regelmäßig Nüsse knackten. Das klingt zunächst nicht so dumm, aber eine neue Untersuchung zeigt, dass es damit ein Problem gibt: Zwar können die Zähne ein solches Vorhaben bei Australopithecus sediba; einem der frühesten Menschenvorfahren, gut ab, aber sie renken sich dabei den Kiefer aus.

Plesiosaurier-Baby

Zurück in die Meere der Kreidezeit: Die langhalsigen Plesiosaurier, im Deutschen auch als Schwanenhalsssaurier bekannt (obwohl ihre Hälse nicht wie die der Schwäne gebogen werden konnten, aber das wusste man im 19. Jahrhundetr noch nicht), bargen lange Zeit ein Rätsel: Wie vermehrten sich diese großen Reptilien? Die Vermutung war, dass sie zur Eiablage ähnlich den heute noch lebenden Meeresschildkröten an die Küste kamen, aber mit der Zeit wurde Gruppe für Gruppe klarer, dass sie unter Wasser lebende Junge zur Welt brachten. Nach den Ichthyosauriern und Mosasauriern sidn es nun auch die Plesiosaurier, für nachgewiesen ist, dass die Mütter lebende Junge austrugen. Das gefundene Muttertier hatte ein einzelnes, relativ großes Jungtier im Körper. Das ist interessant, weil eine geringe Anzahl von Nachkommen auf eine enge soziale Struktur hindeutet, ein bei Reptilien sehr seltenes Verhalten.

Trompetennase

Komplexe Kanäle in den Atemgängen waren bisher nur von den zu den Dinosauriern gehörenden Hadrosauriern bekannt, in deren Kopfschmuck sich regelrechte Instrumente befanden. Mit Rusingoryx atopocranion ist nun erstmals ein Säugetier gefunden worden, das über ähnliche Gänge verfügte.
Die Gänge machten die Rufe dieser ungewöhnlichen Antilopenart deutlich tiefer, womit sie für viele Raubtiere, die oft eher hohe Töne hören, schwerer zu hören waren.

Trompetilope - Bild: Todd S. Marshall

Trompetilope – Bild: Todd S. Marshall

Dino-Dienstag 38 0 

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Diese Woche vom Jura bis fast in die Gegenwart.

Portugiesisches Vogelsterben

Es gibt manchmal diesen besonders traurigen Moment für Biologen, wenn sie eine neue Spezies entdecken, die in geologischen Maßstäben grade erst ausgestorben ist. So ging es mit den Moas und Riesenadlern auf Neuseeland, den letzten sibirischen mammuts und nun auch mit dem wohl jüngsten solchen Fall, mit fünf neuen teils flugunfähigen Rallenarten, die auf Madeira und den Azoren lebten und deren letzte erst im 16. Jahrhundert ausgestorben sein muss.

Streng genommen nicht PRÄhistorisch, aber nunja… Bild: José Antonio Peñas (Sinc)

Streng genommen nicht PRÄhistorisch, aber nunja… Bild: José Antonio Peñas (Sinc)

Die Rallen verschwanden vermutlich im Zuge der Besiedlung der Inseln durch Europäer, die auf ihren Schiffen Mäuse und Ratten mitbrachten, welche die Eier fraßen sowie Hunde und Katzen als direkte Raubtiere an den Vögeln.
Forscher gehen davon aus, das mit der Ausbreitung des Menschen und seiner Begleiter weltweit tausende solcher Rallenarten, die jeweils nur auf einer einzigen Insel lebten, ausstarben.

Der älteste Stammeskampf

In Kenia sind die Überreste eines großen Kampfes gefunden worden, der dort vor 10.000 Jahren zwischen zwei Gruppen von Menschen, möglicherweise Stämmen, stattgefunden haben muss. Von den zwölf kompletten Skeletten zeigen zehn Spuren eines gewaltsamen Todes mit einer Art Knüppel oder durch Pfeile. Die Leichen umfassen auch Frauen (darunter eine gefesselte hochschwangere) und Kinder.
Dies ist der älteste nachgewiesene Kampf unter Menschen und überrascht insofern, als die Teilnehmer zu nomadischen Kulturen gehörten, die als friedlicher gelten. Viele Anthropologen vermuteten bisher, solche Konflikte seien erst mit der Erfindung von Landwirtschaft und damit einem sesshaften Lebensstil einhergegangen. Dem widersprach allerdings schon länger die Erkenntnis, dass auch Schimpansen gewaltsame Konflikte unter Gruppen kennen.

Glubschi

Ich mag Tiere, die ich „Glubschi“ nennen kann. Ausserdem hören wir hier viel zu selten von neuen Wirbellosen, obwohl grade diese so herrlich bizarr werden können. Hier ist wieder einer:

Jepp, definitiv bizarr - Bild: Vannier, J. et al./Nature

Jepp, definitiv bizarr – Bild: Vannier, J. et al./Nature

Dollocaris war eine bis zu zwanzig Zentimeter lange räuberische Garnele, die zu einem Viertel aus zwei riesigen Augen bestand und die Küsten Südfrankreichs vor 160 Millionen Jahren für kleinere Tiere zu einem gefährlichen Ort machte. Mit 18.000 Einzelaugen konnte Dollocaris es mit modernen Libellen aufnehmen, sein Körperbau deutet aber eher auf einen Lauerjäger hin, dessen verhalten mehr dem einer unter Wasser lebenden Gottesanbeterin vergleichbar war.

Dracoraptor

Noch etwas älter ist ein neuer Dinosaurier aus Großbritannien. Dracoraptor war ein kleiner Fleischfresser, der vor etwa 200 Millionen Jahren im heutigen Wales lebte. Zwar ist das gefundene Tier etwa zwei Meter lang und 70 Zentimeter hoch, das heisst aber wenig, da die Knochen offenbar zu einem noch nicht ausgewachsenen Exemplar gehören.

So fluffig! - Bild: Bob Nicholls

So fluffig! – Bild: Bob Nicholls

Ein paar kleinere Meldungen

Argentinien bringt uns den neuen größten Dinosaurier aller Zeiten. Abgesehen von seiner Größe (Stolze 37 Meter lang) gibt es aber wenig interessantes über Notocolossus zu sagen, ausser dass sein Fund einen eigenen Dokumentarfilm mit Richard Attenborough bekommen hat, der sicherlich auch noch im deutschen Fernsehen auftauchen wird.
6.000 Jahre in der Vergangenheit haben Forscher Hinweise auf Sesshaftigkeit und gemeinsame Gräber gefunden, in denen definitiv miteinander verwandte Personen verschiedener Generationen gezielt begraben wurden.

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Dino-Dienstag 37 0 

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diesmal mit näherem Blick auf einige Dinosaurierschädel.

Die Geheimnisse der Ceratopsier-Babys

Das Wachstum junger Ceratopsier ist für Paläontologen überraschend interessant, da sich die Form der Schädel dieser Tiere im Laufe des Wachstums stark zu verändern scheint. Das ist der Grund, weshalb vor einiger Zeit die Idee umging, Triceratops könnte nie existiert haben: Einige Wissenschaftler entwickelten damals den Gedanken, Triceratops und Torosaurus könnten das selbe Tier sein, wobei der sehr anders geformte Schädel von Torosaurus damit erklärt wurde, dass diese schlichtweg deutlich ältere Individuen darstellten als jene Schädel, die als Triceratops eingeordnet wurden. Bislang bleibt offen, ob die Vermutung stimmt, dass sich die Schädel der Ceratopsier im Laufe des Lebens so sehr veränderten.
Ein neuer Fund aus Kanada liefert dazu neue Hinweise: Ein zum Zeitpunkt seines Todes wohl etwa drei Jahre alter Chasmosaurus.

Awwww... (Bild: Michael Skrepnick)

Awwww… (Bild: Michael Skrepnick)

Chasmosaurus gehört unter den Ceratopsiern zu den Arten mit besonders langen Nackenschildern, doch bei dem jungen Tier im Bild ist der Schild bei weitem nicht so groß wie bei den bekannten erwachsenen Tieren, auch wenn der Schädel insgesamt eindeutig Chasmosaurus zugeordnet werden kann. Das stützt die These, dass sich die großen Nackenschilder vieler Ceratopsier erst in späteren Jahren entwickelten.
Ebenfalls gestützt wird das von einer fast zeitgleich veröffentlichten Untersuchung am mongolischen Ceratopsier Protoceratops. Protoceratops, ein hornloser Ceratopsier von der Größe eines Schweines ist der am häufigsten gefundene Dinosaurier in der Mongolei und dank der Menge an Funden gibt es von diesem Saurier Exemplare aller Altersstufen. Und ein großer Vergleich der Schädel dieser Tiere zeigt: Die Schädel, insbesondere die Nackenschilde, dieser Art verändern sich nicht nur im Laufe des Lebens, sie verändern sich erheblich. Frisch geschlüpfte Tiere haben so gut wie keinen Schild, erwachsene Tiere haben einen großen Schild, der sich deutlich vom Hals absetzt. Die Tatsache, dass die Schilde sich erst bei erwachsenen Tieren so stark entwickelten nehmen die Forscher dieser Untersuchung als Hinweis, dass sie der Brautwerbung dienten.
Im gesamten Tierreich ist es Schmuck für die Partnerwerbung gemein, dass er sich erst gegen Ende des Wachstums ausprägt, vom bunten Gefieder der Vögel über Löwenmähnen bis zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen beim Menschen.

Spinosaurus der Schlinger

Spinosaurus ist ein Dinosaurier, der nach den neuen Erkenntnissen der letzten Jahre rasant seltsamer wird. Der riesige Raubsaurier, der inzwischen zum einzigen eindeutig auf das Leben im Wasser angepassten Dinosaurier wurde, hatte offenbar speziell veränderte Kiefer, mit denen er kleinere Beutetiere in einem Stück verschlingen konnte. Dazu gehören auch Hinweise auf einen Kehlsack wie er auch bei Krokodilen vorkommt. Für einen schwimmenden Fischfresser durchaus praktisch.

Fluchtursachen besteuern! 0 

Fassen wir die Forderung dieses Beitrags einfach mal in einem Textbild zusammen. Die sozial medialen mögen das. Das sollte es tun und danach kommt der etwas ausführlichere Teil:

Probieren wir das mit der Wirkung von Bildern mal aus (Quelle für den Panzer unbekannt, das Bild fliegt seit Jahren überall im Netz rum)

Probieren wir das mit der Wirkung von Bildern mal aus (Quelle für den Panzer unbekannt, das Bild fliegt seit Jahren überall im Netz rum)

Wolfgang Schäuble ist ein elendiger Hetzer, der regelmäßig die Stimmung in Deutschland anheizt. Nein, lasst mich das noch mal neu formulieren: Wolfgang Schäuble ist ein elendiger Hetzer, der regelmäßig die Stimmung in Deutschland anheizt. Okay, doch, war beim ersten Mal richtig. Aktuell geht es um seinen Vorschlag, die Kosten der aktuellen Fluchtsituation im Nahen Osten und Afrika durch eine Sonderabgabe aufs Benzin zu finanzieren. Ich kann es mir kaum als Versehen vorstellen, ausgerechnet der Erstweltler liebstes Steckenpferd, das Autofahren, anzugehen. Natürlich, der Klimawandel ist eine immer wichtigere Fluchtursache, aber der Treibstoff wird ja bereits entsprechend besteuert, wenn auch mit einer Reihe von Ausnahmen im Schiffs- und Flugverkehr.
Es ist die freundlichste Vermutung angesichts dieses Vorschlags anzunehmen, der Minister habe nicht nachgedacht. Denn sollte diese Idee Ergebnis eines Nachdenkens sein, würfe das ein sehr schlechtes Licht auf den Plan und seine mögliche Motivation. Denn er ist — wiederum bestenfalls — extrem fantasielos, gibt es doch viele andere potenzielle Geldquellen und vor allem solche, die weniger dazu geeignet sind, die Stimmung anzuheizen und zugleich gerechter wären. Siehe oben. Oder in den folgenden Punkten des Artikels.
Das Grundkonzept ist einfach: Schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe, indem wir die Verantwortlichen für die Fluchtursachen die Bekämpfung der Fluchtursachen und die Bewältigung der Fluchtfolgen bezahlen lassen. Verursacherprinzip halt. Das bringt auf der einen Seite Geld, auf der anderen macht es entsprechende Investitionen unattraktiver.

Kriegskostensteuer

Das dürfte die einfachste Maßnahme sein. Technisch genau betrachtet müsste es eine Abgabe sein, damit das Geld zweckgebunden eingenommen werden kann und niemand den Strick dreht, die Regierung würde zu Kriegsgewinnlern werden. Mit dem Geld würde die Bundesrepublik dann gezielt Friedensarbeit und Friedensforschung fördern. Die hätte natürlich zunächst das Problem, wohin mit der plötzlichen Geldflut, aber das wird sich sicherlich bald geben.
Die Rüstungsunternehmen leben davon Geräte herzustellen, mit denen Menschen sich gegenseitig umbringen. Ein Panzer hat einfach keine andere Funktion als das. Sie leben davon, dass Krieg Geld kostet, sie versorgen die Schlachtfelder des Planeten mit dem Belag.
Und damit werden sie gewaltige Konzerne, einige der größten der Welt. Also, lassen wir sie für das Vermarkten von Tötungswerkzeugen ordentlich bezahlen. Mir schweben so 19% vor, also quasi eine Verdoppelung der Mehrwertsteuer. Es gibt einen verminderten Mehrwertsteuersatz für die Grundversorgung, warum nicht einen erhöhten für destruktive Produkte wie Waffen? Meinetwegen mit Ausnahmen für Lieferungen an die eigene Regierung, aber auch nur an die, schon Exporte an Partner sidn voll zu besteuern (sonst erklären wir halt kurzerhand Länder wie Saudi-Arabien zu Ausnahmen und das ganze Konzept ist dahin). Alles, wofür keine Bestellungen der Bundesrepublik vorliegen, ist mit der Abgabe zu belegen und diese ist für die Friedensarbeit zweckzubinden.

Strafzoll für „Unfair Trade“

Gerne spricht man hierzulande abwertend von Wirtschaftsflüchtlingen, die keine richtigen Flüchtlinge seien. Gleich so, als wären Armut und Hungersnot weniger schlimm als Krieg und politische Verfolgung.
Eine wichtige Ursache für Armut in den Entwicklungsländern ist die Ausbeutung durch die Länder der „entwickelten Welt“.
Der Ansatz von Fair Trade ist, diese Ausbeutung durch gerechte Handelsbedingungen zu vermeiden. Kakao- und Kaffeebauern kriegen dann mehr als 10 Cent pro Arbeitsstunde, nur leider kosten die Produkte leider entsprechend viel. Das Beste wäre es, wenn ausbeuterisch gewonnene Produkte mehr kosten würden als gerecht erworbene und es gibt eine Möglichkeit, das sicherzustellen: Das etwas untergegangene Konzept der Strafzölle. Erst wenn sich Ausbeutung nicht mehr lohnt, wird sie zurückgehen, insbesondere im internationalen Raum, in dem die Regierungen der Empfängerstaaten der Waren wenig bis keinen echten Einfluss haben.
Eine alternative Option wäre ein Mindestlohn für ausländische Arbeitnehmer und Abhängig von deutschen Unternehmen, das wäre aber deutlich einfacher zu umgehen, deshalb schlage ich es nicht als Lösung vor.

Kapitaleinkünfte besteuern wie Lohneinkünfte

Einkünfte aus Kapitalanlagen sind praktisch komplett niedriger besteuert als solche aus Beschäftigung, ob abhängig oder selbstständig. Das führt dazu, dass ein wild wucherndes Spekulationsgeschäft für Banken und Investoren extrem lohnend ist. Gerecht ist das nicht. Die Folgen sind vielfältig und nicht nur die Entwicklungsländer, sondern die ganze Welt hat daran zu leiden. Riskante Finanzgeschäfte blühen und machen die Weltwirtschaft anfällig für Krisen, die ihrerseits Not auslösen. Wir sehen jetzt an der europäischen Peripherie (vor allem Griechenland), wie solche Strukturen selbst entwickelte Nationen in Schutt und Asche legen können.
Wenn sich die riskantesten Kapitalgeschäfte aufgrund der Steuerlast nicht mehr so sehr lohnen, löst das zwar nicht direkt die Probleme der Welt, aber es trägt erheblich zur Stabilisierung der von Krise zu Krise taumelnden Weltwirtschaft bei. Und wenn wir die Welt wieder in Ordnung bringen wollen, ist das schlichtweg notwendig.

Weiterdenken!

Dies sind ein paar innerhalb eines Nachmittags niedergeschrieben Gedanken. Sie sind als Denkanstoß gedacht, in welche Richtung man auch gehen könnte. Sie leiden sicherlich an Einfachheit, aber wie gesagt sind sie keine vollen Konzepte, sondern einfach Ideen. Ideen müssen lange reifen und dies auch in mehr als einem Kopf tun. Ich hoffe, das Konzept, Kriegsursachen zu besteuern, bekommt nun in einigen Köpfen den Raum zu reifen.

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Dino-Dienstag 36 0 

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diesmal zwei kurze Nachrichten aus dem Erdmittelalter.

Tanzende Dinosaurier

Irgendwann musste es hier ja so weit kommen: Dinoporno! (Bild: University of Colorado in Denver)

Irgendwann musste es hier ja so weit kommen: Dinoporno! Naja, Vorspiel, bis auf die beiden im Hintergrund. (Bild: University of Colorado in Denver)

In Colorado deuten neue Fußspurenfunde darauf hin, dass einige Dinosaurier in ähnlicher Weise mit den Füßen scharrten, wie dies viele moderne Vögel bei der Balz tun.
Von den Spuren selbst scheint es leider noch keine Fotos zu geben, aber dafür halt von einer Rekonstruktion des Verhaltens anhand der Fußspuren (siehe oben).

Riesiges Salzwasserkrokodil

Machimosaurus rex, das vor 120 Millionen Jahren in den Ozeanen des heutigen Nordafrika lebte, mag mit 10 Metern Länge nicht das größte Krokodil aller Zeiten sein, aber doch ein beeindruckendes Tier. Er lebte zu einer Zeit, als Nordafrika von einem Netzwerk aus Lagunen bedeckt war, in dem zahlreiche Arten von Krokodilen und die einzigen bekannten Dinosaurier des Wassers, die Spinosaurier, lebten. Doch Maschimosaurus hielt sich davon etwas fern, es war ein Bewohner der Ozeane.
Es war der, soweit bekannt, letzte Vertreter der Teleosaurier, einer Gruppe meist im Meer lebender Krokodile, die grob den heutigen Gavialen ähnlich sahen.

Machimosaurus rex - Bild: Davide Bonadonna

Machimosaurus rex – Bild: Davide Bonadonna

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