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Veganer, Wurst und Weltrettung 0 

Die Überschrift ginge auch als Wurstveganerweltrettung, aber so ist’s auch hübsch.

Thema hier: Veganer und warum sie so oft zu missionieren scheinen. Und warum alle anderen das auch machen, es nur nicht merken — vielleicht sogar noch mehr. Anlass sind einige Beiträge bei Fefe von vorletzter Woche (ja, ich bin spät dran), in denen er sich über missionierende Veganer beschwert. Ich finde das allgemein unfair (und sprachlich unfehr immer attraktiver, aber das geht jetzt vom Thema ab), grade Veganern immer die Mission vorzuwerfen. Ich bin selber kein Veganer, aber an diesen Ernährungsweise grundsätzlich interessierter Nutzer einiger veganer Produkte und habe viel mit Veganern zu tun. Und ganz ehrlich, ich kenne kaum eine Gruppe, die einen besseren Grund zum „Missionieren“ hat als Veganer.
Also: Warum missionieren Veganer eigentlich so oft?

Die einfachen Antworten vorab

Grund für Veganismus ist in Mitteleuropa meistens einer der folgenden drei, seltene Gründe wie jene der Religion (vegane Religionen sind hier sehr selten) mal ignorierend:

  • Ethische Gründe bedeuten in der Regel, dass man dagegen ist, dass Tiere für die Bedürfnisse des Menschen sterben und/oder leiden. Grundlage ist entweder die Ansicht, dass der Mensch kein Recht hat, andere Tiere zu töten (ohne angegriffen worden zu sein) oder dass der Mensch durch seine ungewöhnliche Gabe der Intelligenz die Pflicht erhält, diese zur Vermeidung jeglichen Leides einzusetzen, auch für Nicht-Menschen.
    Dass diese Gruppe zur „Missionierung“ neigt, ist wenig verwunderlich, schließlich ist ihr Ansinnen der Vermeidung von Leid nicht erreicht, solange nur sie selbst auf den Konsum tierischer Produkte verzichten. Etwa so wie es einem Polizisten bei der Verfolgung eines Verbrechers nicht reichen kann, dass er selber keine Straftaten begeht. Aus der ethischen Begründung des Veganismus lässt sich also eine moralische Pflicht ableiten, die Idee weiterzugeben.
  • Umweltschutz ist ein anderer häufiger Grund für Veganismus. Viehwirtschaft ist mit enormem Verbrauch natürlicher Ressourcen verbunden — sowohl direkt bei den Tieren als auch in Form der gewaltigen mengen Nahrung, die durch die Tiere gehen statt wirtschaftlich und ökologisch deutlich günstiger direkt auf den Tellern landen zu können. Besonders Rindfleisch und Milchprodukte sind extrem belastend für die Umwelt. So sehr, dass ein Normalesser bei Milchverzicht sich klimaschonender verhalten als Vegetarier, die zwar auf Rindfleisch verzichten, dafür aber meist mehr Milchprodukte zu sich nehmen.
    Diese Gruppe ist schon seltener „missionarisch“ tätig, da die moralische Pflicht zur Bekehrung weniger akut ist. Zwar ist es natürlich besser, wenn mehr Menschen dabei helfen, die Umwelt zu schützen, aber das Gefühl der Nutzlosigkeiten der eigenen Bemühungen ist weniger stark ausgeprägt, da man das Gefühl hat, „seinen Anteil“ zu erfüllen.
  • Gesundheitliche Gründe sind die letzte simple Gruppe, bevor wir zu den komplizierteren kommen. Sie begründen die Entscheidung zum Verzicht auf Tierprodukte mit der potenziellen Gesundheitsschädlichkeit vieler tierischer Nahrungsmittel, von Wurst über Fleisch bis Milch. In wie weit das den Tatsachen entspricht, ist umstritten, aber hier nicht Thema. Allerdings sind diese Veganer auch oft nicht so strikt und nehmen ab und an Dinge wie Bienenkotze Honig zu sich, was mögliche gesundheitliche Probleme ausgleicht. Zudem ernähren sie sich noch stärker als andere Veganer bewusst und wissen daher, die bei schlecht umgesetztem Veganismus möglichen Mangelerscheinungen zu vermeiden.
    Diese Menschen haben eigentlich nur selten Grund zur Weiterverbreitung ihrer Ansichten, es sei denn, sie wollen ihren Mitmenschen etwas Gutes tun. Das zentrale Wort hier ist eigentlich. Denn jetzt kommen wir dazu, wie Veganer jeglicher Couleur zu Missionaren gemacht werden.

Die karnate Inquisition

Hier wird es komplizierter, das deutet schon die Fremdwörter in der Überschrift an. „Karnat“: fleischlich, „Inquisition“: Befragung.
Um das nachvollziehen zu können empfehle ich jedem Nicht–Veganer einfach mal, für etwa einen Monat Veganer zu spielen. Es ist dazu kein Verzicht nötig, noch nicht ein Mal die Übernahme veganer Ernährung. Spielen Sie, wann immer sie öffentlich sind, einfach mal Veganer. Erwähnen Sie ein oder zwei Mal, dass Sie eine vegane Ernährung ausprobieren. Keine Sore, man wird es Ihnen abnehmen, denn wer sich auf ein solches Experiment einlässt ist offensichtlich offen genug, ab und an etwas Neues auszuprobieren und nicht in den eigenen Vorurteilen zu verharren. Es bedeutet zwar, beim Ausgehen erst später ein Steak essen zu dürfen, wenn man wieder alleine ist (na gut, doch ein bisschen Verzicht), aber für einen Monat sollte das gehen und es bietet erheblichen Erkenntnisgewinn.
Schnell dürfte Ihnen eines auffallen: Menschen, die Fleisch essen, sind unglaublich vehement in ihrer Überzeugung, dass dies etwas Gutes ist. Sobald ihnen auch nur irgendwie zu Ohren kommt, dass Sie sich vegan ernähren, werden die Missionierungsversuche beginnen. Niemand missioniert mehr als Normalos, in deren Gegenwart der Begriff „vegan“ fällt. Sie werden sich ausgiebig und völlig unaufgefordert anhören dürfen, wie schädlich vegane Ernährung sei, dass sie dem Klima ja gar nichts nütze, dass Fleisch zu essen doch ganz natürlich und Fleisch ausserdem doch so lecker sei und so weite rund so fort. Selbst eigentlich gemäßigte Leute fangen plötzlich an, beinahe Verschwörungstheorien um eine Vegetarierlobby aufzubauen. Und dann kommt quasi aus dem Nichts der Vorwurf der Missionierung, sobald man es wagt, dem Redeschwall der Nicht-Veganer zu trotzen. Die Absurdität ist beachtlich.
Man fragt sich unweigerlich, wieso es Allesessern so schwer fällt, als einschränkend wahrgenommene Überzeugungen bezüglich der Ernährung anderer zu akzeptieren. Ja, manche sind einfach Besserwisser, die eine willkommene Gelegenheit wittern, ihr Hobby auszuleben. Aber nicht alle Fälle lassen sich so erklären, dafür sind es zu viele.
Die Veganer fühlen sich da schnell in die Ecke gedrängt und wer in die Ecke gedrängt wird, wehrt sich halt. Und so werden dann auch viele Veganer, die aus eigenem Antrieb nicht missionieren müssten zu Missionaren. Bei denen ist es dann weniger ein Angriff als eine Art offensive Verteidigung; der Versuch, einen Schutzraum um sich zu erschaffen, in dem man nicht ständig von den missionierenden Steak-Gourmands belästigt wird, die einen von den Vorzügen des Fleischgenusses zu überzeugen suchen.
Das erklärt dann vielleicht auch, warum Gruppen wie Peta so oft mit Aktionsformaten arbeiten, die genau niemanden überzeugen, dafür aber viele Menschen abschrecken können.

Also, liebe Normalos: Bevor ihr euch wieder über missionierende Veganer beschwert, kurz an die eigene Nase packen. Natürlich, es gibt Veganer, die eine Art Missionierung als moralische Pflicht ansehen und die wird es immer geben. Aber viele Fleisch-Liebhaber tragen ganz klar ihren Teil zur Radikalisierung von Veganern bei, wenn sie diese nicht sogar auslösen. Ich habe in der Regel Verteidiger des Fleisches als deutlich lauter und missionarischer erlebt als die meisten vegetarisch oder vegan lebenden Menschen. Aber das fällt oft nicht auf, weil sie auf Seiten der gesellschaftlich-mehrheitlichen Norm stehen.

Ersatzprodukte

Kurz noch zu einem Kritikpunkt am Veganismus, den ich nie verstanden habe: Was genau spricht gegen Fleischersatzprodukte?
Das ist relevant, denn ich halte auch das für eine Form von Intoleranz durch die Nicht-Veganer: Wer keine tierischen Produkte zu sich nimmt, der soll gefälligst (unnötigen) Verzicht üben, denn er verdient Strafe? Vegane Ernährung richtet sich ja nicht gegen die Wurst, sondern dagegen, dass für die Wurst ein Tier sterben musste. Warum also sollten vegane Wurst oder auch Ersatzprodukte für in der hiesigen Küche schlichtweg unverzichtbare Zutaten wie Milch ein Problem darstellen?
Mir ist das unbegreiflich. Das ist für mich nichts weiter als ein Ausdruck der Unfähigkeit von Normalos, die aus der Norm fallenden zu verstehen. Für den Wunsch nach einer Form von Buße für die Abweichler.
Ein bisschen so, wie den Homosexuellen das Recht auf Ehe zu verweigern. Es geht nicht um die Sache, denn dafür gibt es gar keine Begründung. Es geht darum, was man als normal zu akzeptieren bereit ist. Und vielleicht um die Angst davor, sich selbst und das eigene Bild von Normalität hinterfragen zu müssen und der Antwort nicht mehr so sicher sein zu können, wie man immer glaubte. Darum, Antworten ernsthaft suchen zu müssen statt die althergebrachten einfach unhinterfragt übernehmen zu können.

Zum Abschluss ein Bild vom Ende der Welt: Vegane Bratlinge mit Salat! (Bild: Wikimedia Commons)

Zum Abschluss ein BIld vom Ende der Welt: Vegane Bratlinge mit Salat! (Bild: Wikimedia Commons)

Meine Position

In einem Artikel zu diesem Thema scheint es mir wichtig, die eigene Position darzulegen, daher folgendes: ich bin selbst kein Veganer, verzichte aber aus ethischen Gründen in allen Bereichen ausser der Ernährung auf tierische Produkte (also z.B. auf Leder) und nutze aus einer Mischung aus ethischen und ökologischen Gründen regelmäßig vegetarische und vegane Lebensmittel, vor allem Ersatz für diverse Milchprodukte.

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Die Verrohung der Mitte (Nachtrag) 0 

Es ist dank der Flüchtlingsdebatte mal wieder in Mode, seinen Gegnern ein saftiges „Nazi“ an den Kopf zu werfen. Gemeint ist in der Regel ein Rassist. Aber in der Form, wie das gegenwärtig geschieht, ist es so ziemlich das Dümmste, was wir machen können. Zur Einleitung in das eigentliche Thema zitiere ich mich mal selbst mit einem zentralen Punkt aus Unter Wittgensteins Löwen, der zentral für mein Menschenbild ist und den ich für einen der besten Absätze halte, die ich je geschrieben habe:

Es ist eine der meistvergessenen Tatsachen im zwischenmenschlichen Umgang, dass sich niemand für einen Extremisten, Fanatiker oder gar böse hält. Das ist eine Grundkonstante menschlichen Denkens: So gut wie jeder Mensch ist davon überzeugt, dass seine Position die richtige, wenigstens aber die bestmögliche oder logischste ist. Sind wir davon nicht überzeugt, begeben wir uns auf die Suche nach Positionen, von denen wir dies besser glauben können – oder aber auf jene nach Begründungen dafür, warum die eigene Position doch die beste ist. Wir alle suchen ständig nach jenen Überzeugungen, die uns aus unserer Vorprägung und Bildung am besten erscheinen.

Dort ging es um Religion, aber Religion und Fremdenhass haben die Gemeinsamkeit, dass beides für mich völlig unbegreifliche Denkweisen sind, denen ich mich nur mit Mühe von aussen nähern kann. Was mir aber auffällt sind zwei Entwicklungen hin zu problematischen Einstellungen, die sich teilweise gegenseitig verstärken: Rassismisierung des Alltags und Menschenfeindlichkeit der Mitte.

Rassismisierung des Alltags

Vorgestern bezeichnete Joachim Hermann Roberto Blanco als wunderbaren Neger. Was Blanco gestern mit dem Satz quittierte: „Ich bedanke mich bei ihm dafür, dass er das Wort ‚wunderbar‘ gesagt hat“ (mehr hier).
Nun hat Hermann dummerweise ein verpöntes Wort benutzt und in manchen Sphären gibt sowas gleich einen Aufstand. Dass dieser wahrscheinlich nichts weiter bewirken wird, als Hermann von den aufschreienden Gruppen abzuschrecken und so dem Ansehen antirassistischer Anliegen unter Konservativen zu schaden, fällt dabei unter den Tisch. Der Ruf nach Zensur macht das Gegenüber niemals zum besseren Menschen. Die Antifa, das muss man leider immer wieder konstatieren, beschäftigt sich selten mit Inhalten, sie reagiert auf Schlüsselreize und reisst halt den Schnabel auf, sobald ihr jemand einen Wurm vorhält.

Überhaupt wird viel zu selten darauf eingegangen, wo Rassismus eigentlich beginnt. Ja, es gibt Rassismus unter dem Tarnmäntelchen der Islamkritik. Und es gibt ebenso legitime Islamkritik, denn der Islam ist, ähnlich wie im Übrigen das Christentum, eine offenbar zu autoritären Systemen neigende Religion. Und ja, es gibt antisemitische Israelkritiker, ebenso allerdings sogar jüdische.
Was wir mit Beiträgen wie diesem tun ist letztlich, sich als normal empfindende Menschen zu Rechtsextremen zu erklären. Sie werden ihre Position deswegen aber in der Regel nicht ändern, sondern sie erleben Ausgrenzung von links, welche durch Verständnis von rechts ausgeglichen wird. Der vermeintliche Rassist findet bei den echten Rassisten Bestätigung und beginnt so seinen Weg an den Rand.
Auf diese Weise ist letztlich auch eine Intoleranz von links mit für die Ausbreitung von Rassismus verantwortlich. Statt Aufklärung kommt Ausgrenzung, bei den Trägern der Vorurteile erfolgt statt Überwindung der Schranken eine Verhärmung.
Ich nenne das eine Rassismisierung: Aktuell oder in der Vergangenheit als normal empfundene Gedanken und auch legitime Gedanken kritischer Geister werden einem Problem zugeschlagen, zu dem sie wenigstens ursprünglich nicht gehören. Und die Rechten freuen sich, eine weitere gesellschaftliche Gruppe in ihre Reihen aufnehmen und sich so auch ihrerseits legitimieren zu können.

Menschenfeindlichkeit der Mitte

Es ist mir momentan noch unklar, ob es sich bei der zunehmenden Verrohung der politischen Mitte um ein paralleles Phänomen oder eine Folge des Drängens von Mainstream-Positionen nach rechts handelt. Wahrscheinlich ein bisschen was von beidem.
Wir müssen nicht lang über Günter Krings sprechen, aber er ist ein schön typisches Beispiel. Statt die Entbürokratisierung in der unter der eigenen Bürokratie zusammenbrechenden Asylverwaltung zu sehen, salbadert er mal wieder von irgendwelchen unrichtigen Asylbewerbern. Er könnte wissen, dass die Karte Entlastungen für den Staat bedeutet, wenn er den Artikel lesen würde, den er dort selbst verlinkt hat, wo es vor allem um die Kosten der aktuellen Situation geht. Aber damit lässt sich nicht so schön populistisch nach Zustimmung fischen.
krings-krankenkarte
Wofür das symptomatisch ist, ist die Verrohung der Mitte im Namen des Populismus. Es ist einfacher, Probleme mit der Keule zu erschlagen, als sie wirklich zu betrachten. Stereotype generieren so wunderschön Zustimmung. Dass man damit kurzerhand in eine Entwicklung einsteigt, die nicht mehr anders genannt werden kann als Kriegsführung gegen die Ärmsten der Armen, scheint dabei egal.
Hauptsache, die Wählerschaft ist zufrieden. Nur wird diese dabei auch gleich an solche Maßnahmen gewöhnt. Entmenschlichung der Opfer und zugleich Verrohung der hiesigen Bürger schreiten voran, für je normaler wir solche Dinge halten.

Und manchmal treibt es wirklich bizarre Blüten. Heute nachmittag wird im Umweltausschuss von Mönchengladbach ein Antrag besprochen, der es unerwünschten Menschen verbieten soll, sich auf Spielplätzen und in Bushaltestellen aufzuhalten. Ich will gar nicht wissen, welcher Denkprozess dahinter stand, diesen Antrag in den Umweltausschuss einzubringen, dessen einzige auch nur peripher betroffene Zuständigkeit im Bereich Sauberkeit und Abfall liegt.
Offenbar ist die Verrohung weit genug fortgeschritten, um einen Antrag über eine soziale Situation eher im für Abfall zuständigen Ausschuss einzureichen, als im Sozialausschuss. Sind wir wirklich schon so weit, Probleme mit Menschen in einem Gremium zu besprechen, welches für Dinge zuständig ist?

Nachtrag vom Abend: Der Punkt ist im Umweltausschuss, weil er Teil eines früheren Antrages zur so genannten Sauberkeitsinitiative der GroKo ist. So weit, so okay. Wieso er allerdings den inhaltlich zuständigen Fachausschüssen nicht vorgelegen hat, ist mir weiterhin ein Rätsel.

tl;dr

Um das alles zusammenzufassen:

  1. Normale Menschen zu Rechtsextremen zu erklären stärkt nur die Position der tatsächlich Rechtsextremen und deren Zuspruch
  2. Das Problem kommt nicht von Rechts. Das Problem kommt aus der Verrohung der Mitte.

Natürlich sind die Rechten ein Problem. Aber sie werden nur ein noch größeres Problem, wenn wir ihnen die Menschen, die sich etwa bei Pegida als normale Menschen mit Sorgen empfinden, den Nazis durch reflexhafte Ausgrenzung in die Arme treiben.

Unbürgertum 0 

In gewisser Weise kann dieser Beitrag als eine Fortsetzung meines letztjährigen zur „Heimatliebe“ gelten. Damals ging es um die Lokalpolitik. Heute geht es um Nationalität. Und so gilt aus diesem früheren Beitrag weiterhin:

Die eine Tatsache, die ich vorausschicken möchte ist, dass ich keine Liebe für Verwaltungseinheiten empfinden kann. Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Europa, diese Dinge sind mir emotional wurscht. Und damit auch eine Möglichkeit, eine Stadt zu lieben. Diese Dinge sind nichts weiter als verwaltungstechnische Einheiten, sie haben keine Bedeutung für mich jenseits der Kenntnis der unmittelbaren Einflussbereiche bestimmter Einzelpersonen (hauptsächlich Politiker und Verwaltungsmitarbeiter).

Schon länger stellt sich diese Frage angesichts der Frage der Einwanderung. Die aktuelle Aufmerksamkeit auf die Untergänge im Mittelmeer ist ja nur ein Schlaglicht in einer seit Jahren laufenden Entwicklung hin zu mehr Nationalismus und Rassismus im Alltag.

Ob dies nun deutscher Nationalismus ist oder europäischer, so groß ist der Unterschied nicht. Das eine ist halt ein etwas größerer Staat als das andere. Die Länder enden an fiktiven Linien auf den Landkarten, abgesichert durch Verträge unter den Regierungen, diese fiktiven Linien gegenseitig anzuerkennen. Sicher, diese Linien haben Auswirkungen, aber was sie nicht haben sind klare Ursachen. Historische Zufälle, geografische Hürden, Gutdünken irgendwelcher Fürsten, Könige und Kanzler — alles nur irgendein Quatsch ohne Substanz.

Und mit der Zeit haben wir angefangen, diesen Linien Bedeutung zuzumessen, die sie nicht haben. Definitionslinien einer gemeinsamen Zugehörigkeit, die wir auf irgendeine Weise (vermutlich Magie) allein durch den Zufall unseres Geburtsortes erworben haben sollen. Ich meine, natürlich hat die Umgebung unseres Aufwachsens einen Einfluss auf unsere Identität und unser Selbstbild. Aber das ist ein viel zu diffuser, unklarer Einfluss, als dass man daraus irgendetwas von Bedeutung herauslesen könnte. Und vor allem hat das wenig und zunehmend weniger damit zu tun, wo jene fiktiven Linien auf den Landkarten verlaufen.

Und daher nun kommt meine Frage zu dem ganzen Einwanderungsthema: Was genau gibt uns eigentlich das Recht, irgendwem sagen zu wollen, ob er unsere fiktiven Linien überquert oder nicht? Jemand geht von Punkt A nach Punkt B auf der Welt und dazwischen sind irgendwelche Linien. Na und? Lasst sie kommen und gehen, wie sie wollen. So wie es zwischen den Städten auch geschieht.
Es ist weder unser Verdienst, noch deren Schuld, dort geboren worden zu sein, wo wir/sie nun mal geboren sind. Und genau deshalb gibt es auch keine Pflicht, in seinem Urpsrungsland zu bleiben ebenso wie es kein Anrecht darauf gibt, Menschen ausschließen zu können. Nationen, Grenzen, sind bedeutungslos. Menschen zählen.

Die Frage, die für mich bleibt ist, was bin ich eigentlich? Die Begriffe, die ich fand, sidn alle in verschiedener Weise ungeeignet: Weltbürger, Kosmopolit, Transnationalist, Postnationalist… das sind alles Ideen mit Grundgedanken, denen ich nicht zustimmen kann. Vielleicht Anationalist, Staatsagnostiker, Unbürger? Das klingt gut. Unbürger.

Nicht niedlich 0 

Es gibt im Moment einige Themen, mit deren öffentlicher Diskussion (und insbesondere mit deren Diskussion innerhalb meiner Partei, der Grünen) erhebliche Probleme habe. Die folgenden drei habe ich in einem Beitrag zusammengefasst, da ich sie als ähnlichen Ursprungs betrachte: Emotionalisierung in Form dessen, was man manchmal als Verweichlichung bezeichnet, sprich die übermäßige Betonung von Gefühlsurteilen in Debatten, die dabei ihre sachliche Dimension praktisch vollkommen verlieren.
Es folgen meine Überlegungen zu je einer neuen, einer alten und einer ewigen Debatte. Und es wird nicht fluffig.

Jagdgesetz/Katzen
Nordrhein-Westfalen hat diese Woche ein neues Jagdgesetz erlassen. Einiges davon ist sicherlich sinnvoll. Das am stärksten in den Medien reflektierte Thema innerhalb der neuen Gesetzeslage ist, dass Jäger jetzt keine streunenden Katzen mehr schießen dürfen. Klar, Catcontent kommt immer gut, Katzen sind niedlich. Und freilaufend eine ökologische Katastrophe.
Es gibt auf der Erde genau drei Wirbeltierarten, von denen nachgewiesen ist, dass sie auch dann jagen, wenn sie nicht hungrig sind: Der Mensch, der Große Tümmler und die Hauskatze.
Dass das beim Menschen ein Problem ist, ist unbestritten. Die Delfine tun das zwar, aber eher selten. Und dann ist da die Hauskatze. Vielleicht ist es die Domestizierung (nützlich um Mäuse loszuwerden), vielleicht ist es ein Merkmal aus einer Zeit, als Katzen seltener waren, aber: Freilaufende Katzen jagen. Ständig. Alles, was ausreichend klein ist und sich bewegt.
Und da wir Menschen sie gerne und beständig füttern, können sie auch unabhängig von der in der jeweiligen Umgebung vorhandenen Beute ständig weiterjagen, Nahrung ist ihnen bei ihren Menschen sicher. Und so kann sich kein ökologisches Gleichgewicht einstellen. Hauskatzen können ihre Beutetiere ohne irgendwelche negativen Folgen für sich selber bis zur Ausrottung jagen.
Klar, diese Beutetiere sind kein jagdbares Wild, denn zumindest in Deutschland ist es unüblich, Singvögeln und Nagetieren als solchem nachzustellen. Aber Jagd hat auch den Auftrag, die vom Menschen verursachten Störungen im ökologischen Gleichgewicht auszugleichen. Dass viele Jäger diesem Anspruch nicht genügen ändert nichts an der Tatsache, dass dies eine Funktion von Jagd ist.
Aber Katzen schießen ist böse. Weil die doch so niedlich sind.

Tierversuche
Hier ist eine Diskussion, die ich absolut faszinierend finde. Es ist fraglos richtig, dass so mancher Tierversuch überflüssig ist, weil er nicht dazu dient, (menschliche) Leben zu retten, sondern allein der menschlichen Eitelkeit in Form von Kosmetika und ähnlichem dient. Aber es gibt eben auch solche, für die es keine Alternative gibt und bei denen es um Menschenleben geht. Für diese muss man dann fragen: Was ist die Alternative?
Gern genannt werden dann Ansätze, menschliche Körper zu simulieren, ob jetzt virtuell oder in Zellkulturen. Dabei ist absolut faszinierend, manche Ansichten derer zu vergleichen, die solches vorschlagen.
Oft erzählt mir der selbe Mensch im einen Kontext (zB Alternativmedizin), die „Schulmedizin“ wüsste ja kaum etwas darüber, wie menschliche Körper funktionieren — und im anderen Kontext, dass ebendiese Schulmedizin genug über den menschlichen Körper wüsste, um die Reaktionen des menschlichen Körpers auf ein neues Medikament simulieren könnten.
Tatsache ist: Das tut sie nicht. Und da man zum einen nicht einfach so an Menschen experimentieren kann, zum anderen die Simulationen eben nicht gut genug sind, um verlässliche Ergebnisse zu liefern, braucht es als Zwischenschritt zwischen Simulation und Mensch Tierversuche. Und danach übrigens auch Menschenversuche. Es geht nicht anders.
Selbst wenn die Simulationen so gut wären, wie die Tierversuchsgegner glauben, müssten wir immer noch überprüfen, ob sie wirklich so gut sind. Wir wissen inzwischen viel über den menschlichen Körper, aber bei weitem nicht genug, um ihn mal eben so zu simulieren Jedenfalls nicht ohne einen kompletten künstlichen Menschen zu erzeugen, der so umfassend simuliert wäre, dass er eine vollwertige Person ist (denn auch psychische Auswirkungen von Mitteln müssen getestet werden).
Und darüber würde sich wohl keiner beschweren, wären unsere Testorganismen Kakerlaken. Leider brauchen wir aber Warmblüter mit halbwegs vergleichbaren Organen und eisenbasiertem Blut als absolutes Mindestmaß an Vergleichbarkeit. Also Ratten. Aber Ratten sind niedlich und deswegen haben wir Tierversuchsgegner.

Pazifismus/Kobane
Wo wir grade bei Menschenleben waren. da ist ja noch die Sache mit Kurdistan, ISIS/ISIL/IS und dem Pazifismus. Ohje.
Fangen wir mal so an: Ich halte den Pazifismus für eine gute Idee. Genauer, ich halte es für erstrebenswert, eine Welt formen zu helfen, in der Pazifismus zum allgemeinen Wertekanon gehört. Ich halte es für richtig und ethisch geboten, eine Welt aufzubauen, in der Pazifismus möglich ist. Doch noch leben wir in keiner solchen Welt. Unsere Welt hat Aspekte davon, viele Konflikte sind gewaltfrei lösbar, viele Gegenden sind in friedlicher Koexistenz verbunden und verflochten.
Der Kampf gegen den IS in Kurdistan gehören nicht dazu.
Gut für den Pazifismus ist: In den meisten Konflikten will keine der beteiligten Parteien einen Krieg. Der Krieg ist nur ein Mittel, etwas zu erreichen; manchmal ist er auch so etwas wie eine Naturkatastrophe, die niemand wollte, aber die sich aus der schwer kontrollierbaren Verstrickung von Umständen, Handlungen und Motivationen ergibt. In solchen Fällen wollen alle Beteiligten Frieden und dann haben pazifistische Ansätze Aussicht auf Erfolg und vor allem das Potenzial, eine Region langfristig zu stabilisieren und weitere Kriege zu verhindern.
Weil dies eine gute Vision ist, halte ich mich aus vielen Krisen im Diskurs heraus. Die kleinen Querelen unter Nationen schrumpfen ins Bedeutungslose, wenn es andernorts darum geht, friedliche Lösungen für die ganze Welt zu finden und zukünftige Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Doch hin und wieder erscheint auf der Bühne der Weltgeschichte eine Gruppe, die einen Krieg will, deren Ideologie den Krieg zum notwendigen oder sogar guten Weg erklärt, die glaubt, mit Krieg die Welt bessern zu können. Es sind etwa zwei oder drei Gruppen in jedem Jahrhundert. Die Kreuzzüge, die Nazis und die Rote Khmer mögen hier exemplarisch stehen, auch IS gehört offenbar in diese Kategorie.
Wer diesen Gruppen mit pazifistischen Methoden entgegentritt, legt allem Anschein nach nicht viel Wert auf seinen Kopf (im Falle von IS wortwörtlich). Selbst aus Sicht des Pazifismus: Was bitte ist denn gewonnen, wenn die Opfer den Kriegstreibern Platz machen, wenn ihnen die Fähigkeit zur Verteidigung durch Verweigerung von Waffenlieferungen und direkter Hilfe genommen wird? Hält man Bellizisten nicht auf, marschieren sie weiter, bis es keinen Raum mehr gibt, in dem sie marschieren könnten oder bis ihnen endlich jemand Widerstand leistet.
Ich dachte eigentlich, grade die Deutschen hätten das gelernt.

Genauso wie es keine Toleranz den Intoleranten gibt, kann es auch keinen Frieden für Bellizisten geben.
Nein, ich bin kein Pazifist. Aber ich würde gerne in einer Welt leben, in der ich einer sein könnte, ohne meine Integrität aufzugeben. Ohne dafür das Leid derer ignorieren zu müssen, die brutale Regimes und Kriegstreiber erdulden müssen. Nur leider ist dies keine solche Welt. Aber das zu erkennen, das ist nicht niedlich.

Die zwei Arten schlurfender Horden: Zombies und Flüchtlinge 0 

Dieses Blog hatte in letzter Zeit viel zu viele anspruchsvolle Namen in den Prämissen der Artikel. Das geht so nicht, also geht es heute um Zombies und was genau die als literarisches Modell eigentlich repräsentieren. 61,5% aller Zombiefilme stammen aus dem 21. Jahrhundert und da stellt sich schon die Frage, warum Zombies so populär geworden sind. Sie sind ja nun beileibe kein neues Motiv.

Die bekannte Erklärung, Zombies stehen für den Konsumwahn dürfte auf Romeros Nacht der lebenden Toten beschränkt sein, ist also kein Ansatz: Weder ältere Zombiefilme wie Plan 9 from Outer Space, noch Romeros eigene Fortsetzung Zombie enthalten Verweise auf den Kapitalismus. Tatsächlich wage ich zu behaupten, Nacht der lebenden Toten war der einzige Zombiefilm, der jemals diese Bedeutungsvariante genutzt hat und selbst dort war so eher halbgar.

Benjamin Reeves kommt bei Medium aufgrund der oben angedeuteten Statistik zu dem Schluss, dass Zombies eine Verkörperung des Terrors sind. Zombies seien gefühllos, bewusstseinslos und töten jeden, der ihnen zu nahe kommt. Das klingt schon wahrscheinlicher, aber es passt noch nicht zu 100%. Wahrscheinlich hat er in Bezug auf einige Werke aber Recht.

Vor einigen Tagen fiel mir bei der Recherche von Titeln für eBooks für lau das Cover des links eingeblendeten eBooks (ja, böser Amazon-Link, ich weiss, ist halt ein Kindle-Buch) auf. Sieht ziemlich genau aus wie ein typischer Zombie-Titel, nicht wahr?
Doch dieses Buch hat keinen Bezug zum Zombie-Thema, es ist die autobiografische Erzählung einer Frau, die als Palästinenserin nach Israel gekommen und daraufhin nirgendwo mehr als Mitbürgerin akzeptiert wurde. Und ihr Cover sieht aus wie das einer Zombie-Geschichte. Was mich zu der Überlegung bringt: Sind Zombies Flüchtlinge? Gar Moslems?

Sind Zombies Flüchtlinge?
Die typische Zombie-Szene sieht immer wieder gleich aus: Hunderte, wenn nicht tausende, abgemagerter Kreaturen füllen die Straßen und drücken sich von Hunger und Verzweiflung getrieben gegen Zäune und Fenster. Sie lungern stöhnend an der Grundstücksgrenze. Findet einer einen Eingang ins Grundstück, strömt eine ganze Flut weiterer Zombies diesem ersten hinterher. Sie sind hungrig und verseucht, tragen Lumpen und sind zu jeder Kommunikation unfähig. Wir kennen dieses Bild aus genau einem anderen Kontext: Es entspricht populären bis populistischen Darstellungen von Einwanderergruppen in die reichen Staaten des Nordens. In Nordamerika mit Zaun aus Mexiko, in Europa über das Mittelmeer aus Afrika. Das Bild des Einwanderers ist jenes eines anonymen Mitglieds einer Masse von Einwanderern, die halbverhungert und in Lumpen gekleidet an unsere südlichen Grenzen treffen und sie ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben zu überwinden suchen. Sie stammen aus Ländern voller schrecklicher Seuchen und wenn sie überhaupt sprechen, so ist die Kommunikation sinnlos, weil sie nicht unsere Sprache sprechen.
Die sich angegriffen fühlenden verstärken ihre Grenzen, bis hin zum Versuch, jeden unerwünschten, der sich der Grenze nähert, zu erschießen.
Denn wenn sie es über die Grenze schaffen, überrennen sie uns und fressen uns auf. Xenophobe Darstellungen von Flüchtlingsströmen und der uns inzwischen vertraute Filmzombie sind in ihrem Erscheinungsbild praktisch identisch. Ich bin daher recht sicher, dass der (heutige) Zombie als Motiv einen xenophoben Kern hat.
Das wichtige hierbei ist, dass dieser Zusammenhang nicht bewusst konstruiert ist, solche Bilder stammen aus dem Unterbewusstsein. Man wird immer wieder in den Medien mit dem Bild von an Zäunen drängenden Horden gefüttert und irgendwann beginnt man, diese Ikonografie in andere Kontexte zu übertragen. Das gefährliche an solchen Dingen ist, dass sie sich auf diese Weise einschleichen – niemand entscheidet sich bewusst, xenophobe Motive zu verwenden oder gar xenophob zu werden. Bewusst dürfte nur die Entscheidung sein, dass Zombies eine hervorragende Bedrohung abgeben. Die meisten Regisseure und Produzenten von Zombiefilmen dürften weit davon entfernt sein, Ausländerfeinde zu sein. Das ist der Grund, warum man als Künstler immer hinterfragen muss, ob man mit seinem Werk grade das tut, was man glaubt zu tun.

Sind Zombies Moslems? Oder der Islam?
Reeves stellt in seinem Artikel den Zusammenhang zu 9/11. In Verbindung mit ein paar Elementen moderner Zombies, welche nicht durch die reine Einwanderer-Analogie erklärt werden können drängt sich daher der Verdacht auf, dass Zombies Muslime sind.

Hier ist mein Bezugspunkt zu der ganzen Sache: Eines meiner im Hintergrund laufenden Projekte ist eine Zombie-Geschichte. Die Zombies dienen dort als Metapher für eine Reihe von Dingen, darunter eben Religion. Zombies können ihre Opfer zu einem der ihren machen, sie können sie konvertieren. Sie haben das mit den in den letzten Jahren ebenfalls extrem populären Vampiren gemein, die aber leider von Stephenie Meyer ruiniert wurden und somit den Zombies das Feld überließen.
Und bei den Zombies wird man nicht etwa ein Sklave wie es bei den als Kommunismus-Metapher dienenden Ausserirdischen der 50er war, man wird selber ein Zombie unter anderen Zombies. Werde ein Zombie oder verlier dein Leben, das sind die Alternativen, die ein Opfer der Zombie-Apokalypse hat. Das ist populistischen Darstellungen des Islam sehr nah. Und tatsächlich findet man die meisten Zombiefilme in den beiden Ländern, in denen die Diskussion um die „Islamisierung“ am größten ist: England und die USA.

Und sonst so?
Zombies können als Metapher für viele Dinge stehen. Grade in Verbindung mit Mediengläubigkeit taucht der Vergleich sehr oft auf. Insofern steht nicht annähernd jedes Zombiebild irgendwie in einem xenophoben Kontext. Und vielleicht ist es ja auch umgekehrt so, dass unsere Darstellung von an Grenzen und Zäunen auflaufenden Menschenmassen von Zombies inspiriert ist, nicht umgekehrt.
Ich meine nur, dass es wichtig ist, alle möglichen Assoziationen eines genutzten Bildes zu reflektieren und zu überlegen, was man da auch unbewusst auslöst oder mitträgt. Das Bild der Zombiehorden vor Tor/Zaun/Mauer birgt einen Beigeschmack der Einwanderungsdebatte, dem wir uns bewusst sein sollten.
Was wir mit diesem Bewusstsein dann machen, ist jedem selbst überlassen.

Leben mit Wittgensteins Löwen oder: Religion und ich 0 

Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit wieder häufiger mit dem Thema Religion konfrontiert zu werden. Dafür gibt es diverse Gründe, wobei in meinem Fall aufgrund meiner politischen Verheimatung die überaus unglückliche Wahl der stark missionarisch auftretenden Katrin Göring-Eckhardt zur Grünen-Spitzenkandidatin ein besonders konstanter und besonders lästiger Umstand ist, da es schwer ist, ihren für mich persönlich beleidigenden Aussagen zu entgehen. Später im Text mehr hierzu, vorerst so viel: Ersetzt jedes Mal, wenn G-E vom Glauben bzw Atheismus spricht, diese Begriffe durch Hetero- bzw. Homosexualität und vielleicht wird euch klar, wie ihre Aussagen für mich klingen.
Ich bin religiöser Analphabet. Und ich komme zunehmend zu der Erkenntnis, dass dies eine nicht haltbare Position ist. Doch auch dazu später mehr, zunächst einmal zu meiner Geschichte betreffs Religion bis zu diesem Punkt.

Es ist schwierig, die Herkunft des Begriffs „religiöser Analphabet“ nachzuvollziehen, hauptsächlich, weil er immer wieder mit sehr verschiedenen Bedeutungen auftritt. Er scheint aus der Jahrtausendwende zu stammen, aber die Grundidee verkörpert kein Bild so gut wie Ludwig Wittgensteins Löwengleichnis: „Wenn der Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“
Wittgensteins Verhältnis zur Religion war kompliziert und es ist durchaus möglich, dass er diesen Satz (bewusst oder unbewusst) aus der Erfahrung des Lebens als Areligiöser in einer Welt voller religiöser Menschen geboren hat. Dass der Löwe spätestens seit dem Mittelalter als Symbol des Christentums präsent ist, ist hier wohl ein glücklicher Zufall.
Es ist einfach ein so perfektes Bild für das Erleben von Religion durch die Augen und Ohren von Menschen wie mich.

Die einfache Tatsache hier ist jene, dass ich nie religiös geworden bin. Ich wurde evangelisch getauft, weil man das halt so macht. Danach hatte ich keinen Kontakt mehr zu irgendeiner Religion, bis zu meiner Einschulung war da schlichtweg nichts. Und bis dahin war es bereits zu spät. Als ich schließlich in der (katholischen) Grundschule erstmals in nennenswerten Kontakt zum Christentum kam, ordnete ich dieses ohne Zögern in einen mir bekannten Kontext ein: Die Märchen der Gebrüder Grimm.
Nun war das Thema damit nicht abgehakt, hatte ich doch die meiste Zeit in der Schule Religion als Unterrichtsfach. Das Ersatzfach Philosophie erschien mir genauso unsinnig und so kam ich nie auf die Idee, nicht in Religion zu gehen. Ich wurde recht gut im Zweifeln und im Hinterfragen religiöser Inhalte, was meinen Lehrern gefiel und Reli zu dem Fach mit meinen besten Noten zu machen (gefolgt und in einigen Jahren übertroffen nur von Bio).
Ich ordnete mich als Atheist ein, sobald ich das Wort erlernte, ließ die Konfirmation über mich ergehen, wieder weil sich das so gehörte (und die Geldgeschenke üppig waren) und trat schließlich beim Amtsgericht aus der Kirche aus, bevor ich auch nur meinen ersten Pfennig verdient hatte. Bis dahin war Religion als Unterrichtsfach präsent, aber nie als Überzeugung oder Vorstellung irgendeiner Art. Es blieb mir fremd, wie irgendjemand in religiösen Texten irgendetwas anderes als Märchen sehen konnte und mit zunehmendem Alter wurde es mir noch fremder, wie selbst Erwachsene an dieser komischen Idee festhielten, es gäbe so etwas wie einen Gott. Ein Gott zudem, der mir zunehmend überflüssig erschien, ohne Platz im real existierenden Universum, wie es die Wissenschaftler ergründeten und wie wir es jeden Tag um uns herum sehen konnten. Mein Bild von Gott wurde zu einer anderen Formulierung von „Keine Ahnung“, er saß überall dort, wohin die Wissenschaft noch nicht vorgedrungen war, nicht weiter als ein lückenbüßerisches Phantom.

Ich versuchte zu verstehen, warum Gläubige an diesen Gott glaubten, doch alle Erklärungen, die ich bekam, drehten sich entweder im Kreis, blieben oberflächliches Geschwafel oder im besten Fall noch irgendwelche persönlichen Gefühlserlebnisse, die ich nicht nachvollziehen konnte („Ich spüre Gottes Dasein tief in mir“ und ähnliche Nullaussagen). Ich nahm am (nicht mehr existenten) Religionsforum teil und am Freigeisterhaus, wurde in beiden Moderator und versuchte, die Denkwelt der religiösen Mitglieder zu verstehen. Ich scheiterte vollständig und begriff irgendwann, dass dies eine fremde Welt ist, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
Auf die Identifikation als Atheist folgte mit Erlernen der jeweiligen Begriffe jene als Agnostiker, dann Ignostiker und schließlich das heutige Bekenntnis zum religiösen Analphabeten, einer Person, unfähig zu religiösem Glauben, unfähig auch nur zu verstehen, was das ist und wieso es existiert. Glaube soll die wichtigsten Fragen des Lebens beantworten, allein, ich verstehe schon die Fragen nicht oder was an diesen so wichtig sein soll. Und noch viel weniger verstehe ich, wieso grade diese Antworten die richtigen seien sollen, schließlich sind es nichts weiter als von irgendwem aufgestellte Behauptungen, die genauso gut frei erfunden sein können.

Und das ist dann auch mein heutiges Bild von Religion: Religion ist, wenn jemand etwas erzählt und alle glauben es, weil… ?
Mein Satz endet in der Leere, weil hier mein Unverständnis beginnt. Ich weiss nicht, warum Leute irgendeinen abgefahrenen Scheiss glauben, nur weil jemand mit ausreichend zugebilligter Autorität es als Wahrheit verkündet. Oder weil es in irgendeinem Buch steht. Hier fehlt für mich mindestens eine Begründungsstufe. Warum glauben Menschen irgendeinen Kram, der in irgendeinem alten Buch steht oder von jemandem in einer Kutte vorgetragen wurde? Wer sagt denn, dass das nicht alles frei erfunden ist? Da fehlt etwas.

Und hier ist das Bizarre: Christen haben dieses Problem ebenfalls, nur weichen sie dieser Erkenntnis aus, indem sie Religionen, an die sie nicht glauben (vorzugsweise solche, die sie ausgerottet haben), zu Mythologien degradieren. Sie kaschieren so die Tatsache, dass die Vorstellungen der antiken Pantheons den damaligen Menschen keineswegs Mythen waren, sondern Religionen mit einem ebenso großen Wahrheitsanspruch wie die heutigen. Eine gefährliche Erkenntnis, birgt sie doch die Frage, was genau den heutigen Göttern einen größeren Wahrheitsanspruch verleiht als jenen Göttergeschlechtern unter Zeus, Iupiter, Teutates oder Wodan. Oder als den Heerscharen anderer Götter, die durch die Köpfe der Menschen spuken und spukten.
Wir meinen zu wissen, dass diese Götter unwahr sind, doch was macht sie unwahrer als die heutigen Götter? Oder andersrum: Warum sollte Yahweh weniger fiktiv sein als Tiamat?

Doch die Sache ist auch die, dass es mir lange egal erschien. Sollen die Gläubigen sich damit selbst herumschlagen, ich hatte diesen Fragen endlich den Rücken gekehrt. Allein, sie mir nicht.

Immer und immer wieder versuchen Religiöse, sich in die Lebensgestaltung jener einzumischen, die nicht zu ihrer Religion gehören. Sie nennen das dann Teilhabe an ethischen Diskussionen. Dass die ethischen Positionen einer Religion für den Rest der Menschheit völlig unerheblich sein könnten, auf diese Idee kommen sie erst gar nicht.
Und so kommen wir zu einer Welt, in der in Westdeutschland erst in den 90ern die Illegalität von Homosexualität abgeschafft wurde. In der staatliche Friedhöfe immer noch nach christlichen Vorstellungen gestaltet werden, ob es den „Bewohnern“ passt oder nicht (wozu haben die eigentlich ihre eigenen Friedhöfe, wenn die doch wieder ihre Nasen in fremde Einrichtungen stecken?). In der Menschen, die sterben werden und wollen gegen ihren Willen noch etwas länger gequält werden, da ihnen Sterbehilfe aus religiösen Gründen versagt bleibt, an die sie möglicherweise noch nicht mal glauben. Da erlangt der explizit missionarisch angelegte Religionsunterricht Verfassungsrang, aber ein für das Verständnis der Welt essenzielles Fach wie Mathe seltsamerweise nicht. Da werden bei uns die süßen Sternsinger rumgeschickt, um in Geld zu sammeln, mit denen man in Afrika fremde Religionen und Kulturen verdrängt (denn etwas anderes ist Missionierung nicht) und ganz nebenbei gewaltige Glaubenskriege auslöst. Politiker eiden auf „So wahr mir Gott helfe“, was alle Nicht-Theisten im Publikum nur zu dem Schluss führen kann, dass alles davor gelogen ist, denn das Gott ihm/ihr hilft ist ja aus deren Sicht nicht wahr (interessante Frage für die Juristen hier: Wenn ein Atheist mit dieser Formel endet und dann den Eid bricht, hat er gelogen? Hat er den Eid überhaupt jemals geschworen?). Da gibt es ausführliche Debatten, wie weit Religionen sich denn an Menschenrechte zu halten haben (zuletzt die Beschneidungsdebatte) anstatt dass dies wie bei allen anderen gesellschaftlichen Gruppen als eine dem Rechtsstaat unabdingbare Selbstverständlichkeit gilt.
All dies mit Verweis auf irgendwelche Werte und Normen, die offenbar dermaßen schlecht begründet sind, dass sie nicht argumentiert werden können, sondern per Dekret einer höchstwahrscheinlich fiktiven Autorität verordnet werden müssen.

Es ist offenbar keine gangbare Option, die Religiösen einfach in Frieden zu lassen, denn sie sind nicht in der Lage, diese Rücksichtnahme zu erwidern. Das liegt teilweise im Wesen von Mission als einem Kerninhalt vieler Religionen, aber noch mehr liegt es im Unverständnis.
Wenn Göring-Eckhardt (da isse wieder!) meint, in einem Flugzeug gäbe es keine Atheisten mehr, sobald es in Turbulenzen kommt, so spricht daraus eine vollkommen fehlende Einsicht zu verstehen, dass es auch Menschen gibt, die schlichtweg nicht glauben. In so einem Weltbild sind die diversen Areligiösen Denkweisen nur verkappte Religiöse. Und daraus legitimiert sich dann der Anspruch religiöser Gruppen, sich in Fragen einzumischen, die sie schlichtweg nichts angehen – vor allem Dinge, die allein die Betroffenen etwas angehen sollten, wie Sexualität und Sterbehilfe.
Auch diese unsinnige Begrifflichkeit, vom Glauben abgefallen zu sein, existiert und verschwindet nur langsam. Natürlich können Menschen vom Glauben abfallen, aber nicht jeder Ungläubige hatte jemals etwas, von dem er abfallen konnte.
„Man muss doch an etwas glauben“ ist auch so ein beliebter Satz von Gläubigen gegenüber Ungläubigen, ein perfektes Destillat des Problems: Der Aussage liegt völliges Unverständnis zu Grunde und sie ist im Gegenzug für Ungläubige ebenso unverständlich. Ich meine, was soll dieser Satz überhaupt bedeuten? Es ist für mich als Nicht-Glaubenden ein offensichtlich falscher Satz, der zudem einen Begriff als selbstverständlich voraussetzt, den ich etwa so gut verstehe wie ein geboren Blinder den Begriff „blau“.

Und somit komme ich zu dem Schluss, dass die Idee religiöser Toleranz eine gänzlich utopische ist. Die Vertreter von Kirchen und vergleichbaren Einrichtungen zeigen sich unfähig, sich aus anderer Leute Angelegenheiten rauszuhalten. Toleranz aber basiert auf Gegenseitigkeit.
Toleranz den Religionen gegenüber ist erst dann ein gangbarer Weg, wenn die Religionen selbst gelernt haben, die Grenzen ihrer Zuständigkeit zu erkennen und ihrerseits Toleranz den Anders- und Nichtreligiösen gegenüber zu üben. Bis dahin ist es die Pflicht eines jeden, der gleiche Rechte für alle als Ideal hält, ihnen diese Grenzen aufzuzeigen und sich gegen jegliche Grenzüberschreitung, jede unbotmäßige Einmischung in anderer Leute Leben, aufzustehen und zu protestieren, sich zu wehren.

Dieser Beitrag wird bereits viel zu lang. Viele Fragen müssen hier offen bleiben, etwa ob nicht schon die grundlegende Struktur von Glauben, dieses grundlose Übernehmen von Behauptungen, für die Menschheit schädlich ist und als Relikt einer Zeit umfassender Unmündigkeit überwunden werden muss. Um Glaubensinhalte ging es nur bedingt, aber die spielen offengestanden auch kaum eine Rolle. Ich bin sicher, ich werde irgendwann auf die anderen Themen in diesem Komplex zurückkommen.

Sisyphos‘ automobile Freunde 0 

Gilbert Garcin - Le moulin de l’oubli


Heute will ich über einen Fall sprechen, in dem es eine wirksame Lösung für ein Problem ist, die aber zugleich die Ursache des Problems zur Normalität macht und somit fördert, was weitere Probleme für die Zukunft erzeugt. Nicht ganz eine Teufelsspirale, aber wohl eine wahre Freude für Sisyphos. Womit dieser Eintrag schon einen deutlich besseren Bezug zu Camus hat als der letzte zu Miller. Manche Dinge lern ich dann auch nach 16 Jahren bloggen noch dazu.
Keine Angst, es geht jetzt nicht um Philosophie. Es geht um das deutsche Straßenverkehrsrecht samt ergänzender Rechtsprechung, ein bisschen um Fahrradhelme und um Verkehrspsychologie. Wer allerdings im Vergleich dazu leichte Kost sucht, dem kann ich Camus nur empfehlen, auch wenn ich seine Sisyphos-Interpretation für etwas krumm halte.

Aber zurück zum Thema, um das es eigentlich geht: Das hier. Ein Taxifahrer aus Wesel versucht derzeit, ein besseres Warnsystem einzurichten, um Radfahrern anzuzeigen, dass der Fahrer eines haltenden Wagens aussteigen will. Da Autofahrer selten vor dem Öffnen einer Tür (vorschriftsmäßig und für den langfristigen Erhalt der Tür sinnvollerweise) noch ein Mal nach hinten schauen, sollen wenigstens andere Verkehrsteilnehmer gewarnt werden.

Diese Initiative wiederum geht zurück auf einen Fall, der letzte Woche öffentlichkeitswirksam vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wurde. Es ging um die Frage, ob jemandem, der bei einem Unfall mit dem Fahrrad keinen Helm trägt, von der Versicherung eine Mitschuld eingeräumt werden kann. Eine Fahrerin war gegen eine sich plötzlich vor ihr öffnende Autotür gefahren, gestürzt und hatte sich schwere Verletzungen zugezogen. Das Gericht entschied letztlich gegen die Mitschuld. Die Urteilsbegründung ist übrigens ziemlich interessant, aber im Kontext dieses Artikels nicht weiter relevant, weil es mir hier nicht um juristische Fragen geht, auch wenn ich hier (als Nichtjurist, wohlgemerkt) eine Menge juristische Quellen verwende.
Ein Thema, das nun (mal wieder) breit diskutiert wird, ist die Radhelmpflicht. Zu deren volkswirtschaftlichen Auswirkungen haben Martin Randelhoff und Lutz Tesch Bei Deutschlandradio Kultur einiges gesagt, zusammengefasst: Auch wenn ein Radhelm individuell sinnvoll sein kann, ist eine Helmpflicht volkswirtschaftlich möglicherweise schädlich, da sie die Zahl der Radfahrer senkt, was der Volksgesundheit schadet und sogar zu einer höheren Zahl an Fahrradunfällen führen kann.

Mein Ansatz ist ein anderer, eben der sisyphorische: Sowohl Radhelmpflicht als auch Zülfikar Celiks Blinkerlösung verringern zwar potenziell das Problem von Kopfverletzungen bei Fahrradunfällen, führen aber dazu, dass die eigentlichen Ursachen des Problems als Normalität anerkannt werden, was wiederum den Straßenverkehr an sich gefährlicher macht. Und die Ursache sind – pardon, aber – rücksichtslose Autofahrer, vor allem zwei Verhaltensweisen.

Das eine ist der fehlende Rückspiegel- oder Schulterblick aussteigender Fahrer. Den Tipp von Tesch, einfach beim Aussteigen die Tür mit der rechten Hand zu öffnen (bzw. mit der linken, wenn man rechts sitzt), ist hier sehr hilfreich, aber natürlich nicht vorschriftsgeeignet. Nur wäre das gar kein Problem, wenn nicht das viel größere, im übrigen auch viel lästigere Phänomen aufträte: Missachtung von Abständen aus bestenfalls Unkenntnis der Regeln, schlimmstenfalls Anspruchsdenken.

Es ist für Radfahrer alltäglich, angehupt, beschimpft und weggedrängt zu werden, wenn sie sich nicht so eng wie es nur geht an den Fahrbahnrand zwängen. Man sei ein Verkehrshindernis, unverschämt und tue so, als würde einem die Straße gehören (sic!). Radfahrer werden von vielen Autofahrern schlichtweg dazu gedrängt, eine wichtige Vorgabe zu missachten: Den seitlichen Mindestabstand.

Die meisten Autofahrer kennen den hier wahrscheinlich und beziehen sich gerne auf §2 Abs. (2) StVO:

Es ist möglichst weit rechts zu fahren, nicht nur bei Gegenverkehr, beim Überholtwerden, an Kuppen, in Kurven oder bei Unübersichtlichkeit.

Das heisst aber eben nicht, dass man sich am Bordstein entlangschrammen soll, sondern dieses „möglichst weit“ ist definiert, vor allem durch Gerichtsurteile. Der Abstand beträgt ca. 80 cm zum Bürgersteig und zwar nicht erst seit gestern, denn zu finden ist diese Zahl in einem BGH-Urteil von 1957. Parken am Rand der Fahrbahn Autos, sind es sogar 1,5 Meter (bzw. eine realistisch zu erwartende Türbreite), die ein Radfahrer seitlichen Abstand halten muss:

LG Berlin, Az. 24 O 466/95
Radfahrer müssen einen ausreichenden Sicherheitsabstand vom rechten Fahrbahnrand und insbesondere von parkenden Kraftfahrzeugen einhalten. Der Abstand muß so bemessen sein, daß den Radfahrer eine sich öffnende Autotür nicht in eine Gefahrensituation bringen kann

Würden Autofahrer diese Vorgaben kennen und beherzigen, statt vorschriftsmäßig fahrende Radler von der Straße zu drängen und sie auch noch als Kampfradler zu brandmarken, gäbe es kaum noch Unfälle dieser Art. Und da bei Unfällen mit Autotüren für Radfahrer die mit Abstand größte Gefahr besteht, sich zu überschlagen und auf dem Kopf zu landen, gäbe es auch deutlich weniger Tote und Schwerverletzte.
Aber wir reden lieber über eine Helmpflicht oder Blinker und behandeln damit halbherzig die Symptome, während die Straßen immer gefährlicher werden, weil wir gefährliches Fehlverhalten als neue Normalität akzeptieren und damit die Maßstäbe des Akzeptablen ständig zu Ungunsten der schwächeren Verkehrsteilnehmer verschieben. Und die stärkeren finden das auch noch richtig so, wenn nicht gar selbstverständlich. Und so beginnt die Geschichte mit dem Stein, der Grube und den Freuden einer griechischen Sagenfigur aus dem Titel des Artikels.

Postsedative Wohnwelten 0 

Unsere Welt ist voll von Konzepten, ausserhalb derer wir nicht denken können. Meist keine expliziten Ideen, sondern Dinge, die sich zwangsläufig aus unserem Lebensstil, unseren Verhältnissen, unserer Biologie und anderen Faktoren ergeben. Sichtbar sind diese Dinge oftmals nur für jene, die sich als nonkonform verstehen – ob mit Absicht oder eher beiläufig als Folge ihrer Art, die Welt zu sehen. Für alle anderen werden sie erst sichtbar, wenn neue Entwicklungen das alte sinnlos machen.
Und damit kommen wir zum Thema dieses Beitrags: Die Selbstverständlichkeit der Sesshaftigkeit.

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Erfindung der Sesshaftigkeit, also des Wohnens an festen Standorten. Mit der Landwirtschaft entstehen die Landwirte, welche ihre Felder das ganze Jahr durch bewirten und Häuser bauen, um jahreszeitlich wechselndem Wetter und anderen Herausforderungen des sesshaften Lebens zu widerstehen.
Die Abende finden nun in den sicheren Häusern statt, Zeit, die zuvor zum Wandern und Wachehalten benötigt wurde, wird für andere Aktivitäten frei. Und mit dem neuen Phänomen der Freizeit beginnt das Zeitalter der Erfindungen, denn plötzlich ist viel Zeit zum Denken frei. Und so kommt es, dass die Völker der Erde in jener Reihenfolge als kulturell-technologische Kräfte in den Geschichtsbüchern auftauchen, in der sie sesshaft werden (von den Mongolen abgesehen). Zunächst war der ideale Mensch der Häuslebauer, dann der Bürger (Bewohner einer Burg).
Wenn Sesshaftigkeit so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, so sehr ihre Grundzutat ist, erklärt das, warum wir an ihrer Selbstverständlichkeit so selten etwas seltsam finden. Zwar gab es immer Völker, die nicht oder weniger sesshaft waren, doch diese ignorierten wir meist, erklärten sie für primitiv und/oder entwicklungsbedürftig.

Bis heute hat sich das zu einem unterschwelligen Extrem entwickelt. Unsere Vorstellung von Stadtentwicklung ist oft davon geprägt, dass wir Menschen als Bewohner von Häusern verorten und den Raum zwischen den Häusern einzig als Verkehrsfläche betrachten, die dazu genutzt wird, von einem Haus zum nächsten zu gelangen. Wir kennen es in seiner massentauglichsten Variante als die Idee von der „autogerechten Stadt“.
Es ist die Allgegenwart des menschen-leben-in-Häusern-Denkens, die Ansätze wie jene von Jan Gehl so revolutionär erscheinen lassen, der Städte für Menschen bauen will. Städtte, in denen Menschen ausserhalb ihrer Häuser leben.

Doch genau in jener Zeit, als die Idee autogerechter Städte aufkam, ging bereits eine Saat auf, die das Ende der Sesshaftigkeit bedeuten konnte. Es war die Grüne Revolution. Diese hat trotz des Namens wenig mit den Grünen zu tun. Es handelt sich um die Industrialisierung der Landwirtschaft.
Plötzlich brauchte es viel weniger Menschen in der Feldarbeit. Doch die Arbeitswelt basierte auf sesshaften betrieben und verfügbaren Dienstleistungen, alles war auf Sesshaftigkeit ausgelegt. Arbeit, Kommunikation, Gesetze, alles erschwerte ein Leben ohne festen Wohnsitz, alles war auf der Norm aufgebaut, dass ein zivilisiertes Leben ohne einen solchen nicht möglich sei. Es gab kein Ausbrechen aus dieser Norm ohne ein völliges Ausbrechen aus der menschlichen Gesellschaft.
Aber es gab Spuren davon: Das Auto kam und mit ihm etwas Neues: Der Berufspendler. Heim und Arbeitsplatz trennten sich, ein niederschwelliges Nomadentum wurde zur Norm.

Und dann kamen die späten 1980er. Auf den Schulhöfen der westlichen Welt (und Japans) erschien der Vorbote einer Revolution.

Viva la Pling-Geräusch-olucion!


Wie gesagt: Vorbote.

Es kam das Zeitalter der mobilen Technologie.
Innerhalb weniger Jahrzehnte erschien Technologie, die es ermöglichte, unterwegs auf seine Arbeit zuzugreifen. Zugegebenermaßen galt das nur für Büroarbeit, aber diese wurde etwa zeitgleich zur dominanten Form von Arbeit. Laptop, mobiles Internet, Smartphone… das digitale Nomadentum wurde eine echte Option für Menschen in Bürojobs oder der Kreativwirtschaft. Unsere Besitztümer werden zunehmend digitaler – Filme, Bücher, Musik, Spiele, alles ist digital und wird über das Netz bezogen. Und wenn unsere Städte menschenfreundlicher werden, brauchen manche Menschen nicht mehr als ein Bett für die Nacht, das ganze übrige Leben kann draussen stattfinden – und wieso nicht jahreszeitabhängig in unterschiedlichen Klimazonen?
Das mit dem Bett ist übrigens keine neue Idee: In der Industriellen Revolution gab es Arbeitersiedlungen, in denen die Menschen nur zum Schlafen in ihre Häuser gingen, wobei die Betten von mehreren Personen abwechselnd benutzt wurden, quasi Schlafen im Schichtdienst. Dieses Wohnmodell verschwand mit der Durchsetzung menschenwürdigerer Arbeitszeiten und Löhne, aber nichtsdestotrotz ist festzuhalten, dass Menschen durchaus so gelebt haben. Und wenn sie es diesmal freiwillig tun, wieso eigentlich nicht? Die japanischen Kapselhotels bieten für eine solche Lebensweise den idealen Raum. Denn wenn man den Rest des Tages ohnehin nicht im Haus verbringt, braucht man auch nicht mehr als ein Bett.

Worauf ich eigentlich hinauswollte?
Wie unglaublich kleingeistig ich diese „Zukunftsvision“ in diesem Kontext letztendlich finde:

Das ganze Konzept basiert darauf, dass Menschen in Zukunft weiterhin ihr ganzes Leben in Häusern verbringen. Es fehlt die Reflexion einer Frage: Warum sollten sie? Zumal, wenn die Wohnungen der Zukunft so beschissene Orte zum Leben sein werden, wie hier dargestellt.

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Papierfrei: Meine kleine Medienrevolution 1 

Unter all den persönlichen Entwicklungen des Jahres 2013 staune ich selbst am meisten über diese: Abgesehen von einem Taschenkalender, Sprühschablonen und Bastelbögen habe ich keinerlei Verwendung mehr für Papier. Was ich an Papier besitze, sofern es nicht in Buchform oder als Verpackungsmaterial ist, liegt nutzlos in irgendwelchen Schubladen, auf eine Nutzung wartend, die wohl nie eintreten wird. Jedesmal, wenn ich etwas ausdrucken will (ganze 2x in diesem Jahr) ist das letzte Mal so lange her, dass die Tintenpatronen völlig eingetrocknet sind und nicht mehr funktionieren.
Papier liegt hier rum wie es zuvor diverse Diskettenformate (5¼, 3½ Zip) getan haben, wie es jetzt die durch USB-Sticks ebenso obsolet gewordenen CD- und DVD-Rohlinge tun. Wie diese und wie diverse Videospielmodule, Vinylplatten und Kassetten, ist es für mich zu einem Relikt der Vergangenheit geworden. Und anders als so viele sehe ich die Vergangenheit zwar als interessant und wichtig, aber keineswegs als erhaltenswert an, denn sie ist ihrem Wesen nach vergangen, jeglicher Erhalt von Vergangenem letztlich eine Lüge, denn wer Vergangenes erhält, erhält nicht die Vergangenheit, sondern ein durch seine Anwesenheit in der Gegenwart bzw. die Abwesenheit seines einstigen Kontextes verzerrtes Echo dieser.
Das gilt in ganz besonderem Maße für Medien.

Ich habe keinerlei Nostalgie für Trägermedien.
Ein gutes Medienprodukt (ich nutze den Begriff, um die Frage der Definition von „Kunst“ zu umgehen) ist eines, welches sein Trägermedium irrelevant macht. Nicht seine Medienart: Ein Text bleibt ein Text, ein Spiel bleibt ein Spiel usw.
Wohl aber sein Medium, denn ein gutes Werk steht für sich, bringt den Leser/Zuschauer/Hörer/Spieler/usw. dazu, alle Sinne auf das Mediierte selbst zu konzentrieren. Solaris von Stanisław Lem bleibt das selbe großartige Buch, ob nun in Form eines Codex, einer Schriftrolle oder auf einem eReader. Zu Marshall McLuhans „The medium is the message“ komme ich übrigens auch noch, heute nur so viel: McLuhan widerspricht mir hier nicht (nunja, nicht wirklich), denn McLuhans Blickwinkel ist ein völlig anderer.
Ein Werk, das dies nicht schafft, ist es ohnehin nicht wert, erneut gelesen/gesehen/gehört/gespielt zu werden. Wobei es zugegebenermaßen noch die Option gibt, dass ein Trägermedium eine Fehlkonstruktion für die Wiedergabe einer bestimmten Medienart ist.

Eine viel zu lange Art um zu sagen, dass ich 2013 Bücher auf Papier nur noch antiquarisch gekauft habe, wenn es billig war oder keine andere Option gab. Sie sind schwer, nehmen Platz weg und Umblättern ist so ziemlich die umständlichste Art, eine Seite zu wechseln, die es gibt. Überhaupt, das Umblättern: Wenig stört so sehr den Lesefluss und damit das Eintauchen in die Geschichte eines Texte wie diese vollständige Unterbrechung des Lesens am Ende jeder zweiten Seite.
Eine Tageszeitung nutze ich übrigens schon lange nicht mehr, einfach weil der Anteil der Informationen in einer solchen, die für mich sowohl neu als auch interessant sind so verschwindend gering ist, dass sich die Anschaffung nicht lohnt.

Warum der Medienexkurs?
Nun, weil die Bücher hier nicht alleine stehen. Auch bei Filmen und Videospielen ist mir nach langem Widerstand klar geworden, dass es völlig egal ist, ob das Medium von einem Modul, einer DVD/BD oder von der Festplatte läuft, ich sehe es letzten Endes ja eh auf dem selben Bildschirm und was währenddessen im Abspielgerät vor sich geht, davon bekomme ich so oder so nichts mit.
Dazu, wie sehr das Ins-Regal-Stellen überbewertet ist, habe ich schon vor über einem Jahr etwas geschrieben und daran hat sich bisher nur unwesentlich etwas geändert.

Nachtrag, 29. 12. 2013
Jetzt habe ich mich doch etwas stärker auf Bücher konzentriert, als ich eigentlich wollte.

Aber es ist auch die aktive Nutzung: ich notiere mir nichts mehr auf Papier. Tatsächlich notiere ich gar nichts mehr, ausser Telefonnummern.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt dass jenes, was man sich nicht merken kann es auch nicht wert ist, aufgeschrieben zu werden. Einkaufslisten brauche ich nicht un was Ideen angeht, da gilt das ganz besonders: Eine Idee erkenne ich daran als gut, ob ich sie mir merke, ohne sie zu notieren.
Eine Idee, ein Gedanke, der nicht interessant genug ist, dass er sich für ein-zwei Tage im Gedächtnis hält, der ist nicht interessant genug, ihn mit der Welt zu teilen.

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Was darf ist Satire? 0 

So, weil ich mich heute noch nicht unbeliebt genug gemacht habe nun noch etwas über die Titanic-Geschichte.

Was darf die Satire?
Alles.

Tucholskys Schlussworte seines berühmten Textes über den Zustand der deutschen Satire werden gerne von selbsternannten Satirikern zitiert, die meinen, wenn es Leute gibt, die darüber lachen, wird es schon Satire sein.

Tucholsky mied in seinem Essay die Frage, was Satire eigentlich ist. Weniger aus Angst vor der Antwort als aufgrund dessen, dass er die Definition für allgemein bekannt zu halten scheint. Dies und die Definition, mit der er arbeitet schimmern an einigen Stellen durch:

Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“
[…]
Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Satire ist also etwas enthüllendes. Zudem muss sie übertreiben, um die Wahrheit zu verdeutlichen, ihre enthüllende Funktion erfüllen, indem sie mithilfe ebendieser Übertreibung auf das zu Enthüllende zeigt.

Und da sind wir auch schon beim Problem mit dem Titanic-Titelblatt.
Seht ihr, ich wäre in dieser Sache wirklich gern auf der Seite der Titanic. Sehr, sehr gern. Ich mag Ratzinger nicht, ich mag nicht wie er seine Kirche und mit ihr etliche Anhänger in eine mittelalterliche Glaubensvorstellung zurückführt und wie er sich (wie so viele Päpste vor ihm) in das Weltgeschehen einmischt und so beispielsweise die Verteilung von Verhütungsmitteln und AIDS-Vorbeugung in Afrika verhindert. Wenn es so etwas wie „das Böse“ überhaupt gibt ist der Papst seine Personifikation.
Nur beruft sich die Titanic auf die Satirefreiheit. Und hier ist das Problem: Ich sehe keinerlei Satire auf dem Titanic-Titel. Welche Wahrheit bildet es ab und deckt es auf, den Papst mit Inkontinenzflecken darzustellen? Das scheint mir nicht mehr als kindische Unflätigkeit.

Nein, ich meine dennoch nicht, dass so etwas verboten werden sollte. Das Recht auf freie Meinungsäusserung steht meiner Meinung nach zu hoch alsdass Beleidigung strafbar sein dürfte (anders ist das vielleicht bei Verleumdung).
Aber ich plädiere dafür, die Satire nicht durch solche Dinge abzuwerten. Ein dämlicher Pippi-Kacka-Witz ist keine Satire.
Die Reaktion der Titanic auf das Verbot interessanterweise schon eher, denn diese bezieht sich auf ein aktuelles Ereignis und schießt erkennbar gegen die Zensurbestrebungen des Papstes.

Das wäre übrigens auch das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu den Mohammed-Karikaturen der Jyllands Posten, die einige wissen wollten: Die berühmtesten und am weitesten verbreiteten der Mohammed-Karikaturen (jene von Kurt Westergaard und Rasmus Sand Homer) hatten eine satirische Aussage, sie nahmen sich der dem Islam inhärenten Gewalttätigkeit an.*
Das ist eine Dimension, die dem Titanic-Cover schlichtweg fehlt.

*Mancher mag hierin einen Widerspruch zu meiner Teilnahme an der Gegendemo zu ProNRW entdecken. Dazu möchte ich anmerken, dass ich mich dort gegen die politischen Aussagen und Ziele der Partei ProNRW aufgestellt habe. Gegen die Karikaturen selbst habe ich nichts, allerdings gegen die Verwendung dieser seitens ProNRW allein zu Zwecken des Krawalls.

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