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Auf in die Butterberge! 0 

oder: Von Milchpreis, Schweinezyklus, Propaganda, Grenzen des Wachstums, Butterbergen und dem Niedergang der Mutanten mit Superkräften. Aber das wäre definitiv ein zu langer Titel gewesen.

Die Milch macht schlapp

Statistik der Milchproduktion, die seit 2005 schneler steigt als die Weltbevölkerung

Zwie Striche und ein Mutant – mein erster Webcomic? – Bild: Zentrale Milch Berichterstattung GmbH (nein, wirklich!)

Kuhmilch ist praktisch in allem und allgegenwärtig. Frischmilch, Käse, Jogurt, Quark, Buttermilch, Kefir, Sahne, Baileys (bäh!), Schokolade, Fertigsuppen, Brot und Brötchen… ich könnte die Liste ewig weiterführen. Es ist gar nicht so einfach, im Supermarkt ein Produkt zu finden, dass nicht in irgendeiner Form Milch, Milcherzeugnis, Molke oder dergleichen enthält.
Angesichts dessen muten zwei Dinge wie ein Wunder an: Zum einen, dass der Milchverbrauch in Deutschland immer noch steigt, zum anderen dass es dennoch eine Milchkrise gibt. Ja, der Wachstumswahn hat es geschafft, bei einem seit Jahrhunderten in fast beliebiger Menge absetzbares Produkt eine Überproduktion hervorzubringen, durch die Ängste vor einem Zusammenbruch des Wirtschaftszweiges aufkommen. Glückwunsch!

Milchschaumschläger

Milch ist ein seltsames Nahrungsmittel. Zum einen natürlich von der Idee, Sekret aus fremden Brüsten zu sich zu nehmen. Aber auch, weil es so widerprüchlich ist: Zugleich nährstoffreich und (für Erwachsene) schädlich, da es für das Wachstum von Babys geschaffen ist und Erwachsene es nur dank eines Gendefekts zu sich nehmen können, der aber nur einen Teil der gesundheitlichen Probleme aufhält.
Europäern wurde Milch so lange schmackhaft gemacht, bis sie ernsthaft glaubten, sie sei für ein gesundes Wachstum unverzichtbar — eine Behauptung, welche den 70% der Weltbevölkerung, welche Milch nicht verdauen können, gradezu absurd erscheinen muss.
Aber es hat funktioniert: Die Milchwirtschaft hat sich ihre eigenen Absätze über Propaganda aufgebläht. Und ja, egal, wie man zur Milch steht, die massive Werbung für Milch nicht nur direkt als Werbung sondern auch im Mantel von Aufklärungs- und Förderkampagnen kann nicht anders denn als Propaganda bezeichnet werden. Das Ergebnis ist eine in ihrem Ausmaß absolut wahnwitzige Milchwirtschaft, eine marktwirtschaftliche Blase. Dass die Milchwirtschaft irgendwann zusammenbrechen würde, war seit Jahrzehnten eben aufgrund dieser Blase offensichtlich.
Aber hier ist das Absurde: Der Markt bricht zusammen, ohne dass die Blase geplatzt wäre. Mit anderen Worten: Es hat noch gar nicht angefangen, eine richtige Krise zu werden. Es ist nicht mehr als ein Schluckauf im Vergleich zum Ausmaß der Milchmarktblase.
Aber Milch ist in Kritik geraten. Die demografische Entwicklung des Planeten bewegt sich zu Gunsten von Völkern, bei denen nur Minderheiten Milch verdauen können. Die Blase spannt heftig. Das wird noch schlimmer.

Schlaglöcher der Marktwirtschaft

Hatten wir das nicht alles schonmal? Den Älteren müsste das alles bekannt vorkommen, Stichworte „Butterberge“ und „Milchseen“.
Bevor ich dazu komme kurz eine Erklärung zum Schweinezyklus: In der Landwirtschaft ist es normal, dass Angebot und Nachfrage ständig um einander schwanken. Steigt die Nachfrage über das Angebot, steigen die Preise. Daraufhin setzen mehr Bauern auf die stark nachgefragte und daher besonders lohnende Ware (zum Beispiel Schweinefleisch, deshalb Schweinezyklus). Irgendwann ist das Angebot dann höher als die Nachfrage, die Preise sinken rapide und die Bauern wechseln auf andere lohnende Waren, bis die Nachfrage das Angebot erneut übersteigt und der Zyklus von vorne beginnt.
Und jetzt zurück zur Milch: In den 50ern war die Milch grade in einer Phase, in der die Preise zu niedrig waren. Zum einen war Europa grade in einer Phase des Wiederaufbaus nach einem großen Krieg, in dem man eine Krise nicht brauchen konnte; zum anderen war die Wirtschaft inzwischen stark industrialisiert, viele Landwirte waren dazu übergegangen, nichts mehr ausser Milch herzustellen und konnten nun auf kein anderes Produkt ausweichen. Die junge EWG baute ein System zur Subvention von Milch auf, die Bauern erhielten garantierte Abnahmepreise.
Damit wurde die EWG zum neuen Großkunden für Milch, der Schweinezyklus war geschlossen. Doch nun gab es erstmals keinen realen Abnehmer mehr für die Milch, es kam zu einer gewaltigen Überproduktion, mit der niemand etwas anfangen konnte — der „Butterberg“.
In den 70ern wurde das Problem schlimm genug, dass die EG als Nachfolgerin der EWG die Milchquote einführte, eine Beschränkung der Produktion von Milch in der EU. Erst 2007 waren die Butterberge endlich abgebaut. Preise stiegen wieder und 2015 ließ die inzwischen zur EU gewordene EG die Milchquote auslaufen, nachdem die Mengen vorher nach und nach angehoben worden waren.
Nun, nur ein Jahr später, ist der Milchmarkt im Zusammenbruch begriffen. Es gibt wieder zuviel Milch. Der für solche Situationen in der Landwirtschaft gerne genutzte Exportmarkt fehlt, denn im gerne als Agrarmüllkippe Europas genutzten Afrika will ebenso wie in China und Japan kaum jemand Kuhmilch und gegen Russland hat die EU Handelsbeschränkungen erlassen.
Das allein kann es aber nicht sein: Der Milchkonsum in Europa stagniert, was auch bedeutet, er sinkt nicht.

Nein, ich mache das moderne Wirtschaftsdenken verantwortlich. Was sich zwischen den 70ern und den 2010ern verändert hat, ist unsere Einstellung zum Wachstum. Früher war Wachstum ein Nebeneffekt von Erfolg. Heute ist Wachstum so sehr die Definition von Erfolg, dass er gegen jegliche Vernunft zum alleinigen Ziel der Wirtschaft geworden ist. Aber es gab keinen raum mehr, in den man hätte hineinwachsen können.
Der berühmte Bericht des Club of Rome sprach 1972 bei den Grenzen des Wachstums von Grenzen, die sich aus den begrenzten Ressourcen ergaben. Aber es gibt noch eine andere Form von Grenze des Wachstums: Den Punkt, an dem der Markt vollständig gesättigt ist und eine weitere Nachfrage nur sehr eingeschränkt wenn überhaupt erzeugt werden kann. Und das hat bei der Milch auch konkrete medizinische Gründe.

Wir Mutanten: Eine kleine Evolutionsgeschichte des Milchkonsums

Dass der Mensch ein Säugetier ist, ist für die Milchwirtschaft Fluch und Segen zugleich. Einerseits heisst diese Verwandschaft, dass Menschen über ein Gen für die Verdauung von Laktose verfügen, ihr Körper kann Laktase herstellen. Andererseits hören Menschen, wie alle Säugetiere, nach dem Säuglingsalter in der Regel auf, Laktase zu produzieren und werden laktoseintolerant.
Aber: Gut 30% der Menschheit sind Mutanten. X-Men-Style. Laktophagen; sie haben die Superkraft, einen Stoff zu verdauen, den normale Menschen nicht verdauen können — Milch eben.
Den Ursprung dieser Mutation vermuten die Forscher etwa 10.000 Jahre in der Vergangenheit im Nahen Osten, als erstmals Rinder domestiziert wurden. Die folgende Geschichte liegt etwas im Dunkeln. Bekannt ist, dass Rinder zuvor vor allem gehalten wurden, um das Land zu bearbeiten und fruchtbar zu machen, vermutlich auch als Fleischlieferanten. Milchprodukte (Käse, Milch) tauchen in der Archäologie vor etwa 5000 Jahren auf. Da Milch wahrscheinlich vor den von ihr abstammenden Produkten genutzt wurde, muss das also irgendwann in der Zeit dazwischen geschehen sein. Jedenfalls war die Milch für Mensch und Rind praktisch: Die Menschen erhielten eine zusätzliches Lebensmittel, über das sie noch mehr Nährstoffe aus dem Land holen konnten, die Rinder wurden von den Menschen noch stärker gefördert und traten endgültig ihren Weg zu einer weltweit verbreiteten Spezies neben dem Homo sapiens an.
Die Laktophagen breiteten sich im Nahen Osten und Europa aus. Die Europäer (überhaupt ein seltsames Mutantenvolk, diese hellhäutigen Multi-Immunen Keimschleudern) verbreiteten sich schließlich in der Welt und brachten die milchhaltige Ernährung mit sich. Europa, Australien, Amerika und Australien wurden von diesen Mutanten erobert. Praktischerweise war die Mutation dominant, sprich die Eroberer brachten ihre Mutantengene gleich mit in die lokale Bevölkerung ein. Weshalb zum Beispiel viele schwarzafrikanischstämmige Amerikaner Milch zu sich nehmen können, Afrikaner aber nur sehr selten.
Damit springen wir in die Gegenwart und hier sehen wir ein globales Problem: Es schwinden genau jene Bevölkerungsgruppen, bei denen wir Mutanten in so aussergewöhnlicher Zahl vorkommen. Indien ist noch eine Ausnahme, aber in den übrigen Regionen großen Bevölkerungswachstums sind Laktophagen entweder eine Minderheit (Asien) oder gar eine Rarität (Afrika). Auch wenn manche Milchprodukte bei ihrer Verarbeitung soweit verändert werden, dass sie kaum noch Laktose enthalten, ist absehbar, dass die weltweite Nachfrage nach Milch nicht auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben dürfte. Und da dominante Gene sich nur sehr schwer durchsetzen können (klingt paradox, aber dominante Gene erhalten ihr Gegenstück quasi in abgeschalteter Form, weshalb es von der weiteren Evolution praktisch nicht aussortiert wird), ist da die Hoffnung auf eine schnelle Globalisierung des menschlichen Genpools vergebens.

Die Lösung

Das zwanzigste Jahrhundert hält eine gern übersehene Erkenntnis bereit: Planwirtschaft funktioniert. Oder genauer: Es gibt bestimmte Waren, darunter Milch, bei denen Planwirtschaft funktioniert.
Das erscheint auch logisch. Die Nachfrage nach Milch ist konstant, die Produktionsmenge ist verlässlich genug steuerbar, beim Produkt selbst gibt es praktisch keine Innovationen — Kuhmilch bleibt Kuhmilch, auch wenn ab und an neue Milcherzeugnisse erfunden werden. Der Milchmarkt in Europa ist praktisch ohne Verzögerung in dem Moment zusammengebrochen, als er der Marktwirtschaft überlassen wurde.
Es ist dies eine Erkenntnis, die heutigen Marktliberalen unbegreiflich zu sein scheint: Unterschiedliche Angebots-Nachfrage-Strukturen führen zu einem unterschiedlichen Verhalten am Markt. Deshalb ist es nicht sinnvoll, alle Arten von Produkten am Markt identisch zu behandeln. Für manche Waren ist der freie Markt die richtige Struktur, für andere die Planwirtschaft und für wieder andere sind es monopolistische (im Falle der Existenz sichernden Grundversorgung vorzugsweise nicht-profitorientierte) Strukturen.
Darüber wird es vielleicht eine Debatte geben, ganz sicher wird es große Aufregung bei den überall eingenisteten Vulgärliberalen geben, aber in einer solch profunden Krise siegen die Praktiker immer gegen die Theoretiker.

eInstürzende Altbauten: Wer profitiert vom eBook? 0 

Friedrich Forssmann hat im Suhrkamp-Blog eine lange Tirade gegen das eBook verfasst. Kann man machen.
Dass der Text recht einseitig ausgefallen ist, finde ich sogar nachvollziehbar: Als Buchgestalter und Typograph lebt er in einer Berufswelt, die im eBook bestenfalls marginale Daseinsberechtigung hat, denn beide Arbeiten widersprechen fundamental einem Grundvorteil des eBook, der flexiblen Anpassung an unterschiedliche Lesegeräte und Leserwünsche.

Ich möchte deswegen nicht auf die gesamte Tirade eingehen, sondern eine Rosine picken, um ein Thema anzusprechen, dass ich schon lange ansprechen wollte. Betrachtet es als Fortsetzung meines Textes zur Oberflächlichkeit des Bücherregals.

(…)wenn Sie nicht zum Beispiel zwischenzeitlich Ihren Amazon-»Account« gelöscht haben, weil Sie schlechte Arbeitsbedingungen schlecht finden und lebendige Innenstädte mögen (…)

Fettung von mir. Ja, ich picke mir das beiläufigste Argument des ganzen Textes raus, weil ich einen Aufhänger brauche, der zugleich gute Clickbait abgibt. Und es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt. Ha!

„eBooks zerstören die Innenstädte“ ist ein Argument, das zwei Probleme hat. Das einfacher zu benennende Problem ist, dass es die Rolle der Buchhändler im Gesamtensemble der Innenstädte maßlos überschätzt. Die zwei-drei Buchhändler pro Fußgängerzone sind weder die großen Umsatz- und Publikumsbringer der Innenstädte, noch ihre größte Attraktion. Manche Buchhandlung ist ein schönes Kleinod und ich mag sie, aber objektiv muss man konstatieren: Wirtschaftlich sind sie für die meisten Innenstädte unbedeutend.
Sorry, aber für die Innenstädte ist jedes H&M bedeutender als drei Buchläden.

Für das andere Problem muss man hinter die Symbolik der schönen Innenstadt blicken. Sie repräsentiert ja etwas, in der Regel wirtschaftliche Anziehungskraft und Einnahmen. Insbesondere Steuereinnahmen für die Städte.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema meines Beitrages, den Geldfluss des Papierbuchsystems gegenüber dem Selbstverlag mit eBooks:

Das bestehende Modell
Das Geschäftsmodell der Buchproduktion und des Vertriebes ist derzeit auf drei Ebenen organisiert: Verlagswesen, Druckereien und Buchhandel. Verlagsbuchhandlungen und -druckereien lasse ich hier der Einfachheit halber mal raus, obwohl sie meinen Punkt noch deutlicher machen würden.
Verlage und Druckereien sind in der Regel recht große Unternehmen. Druckereien sind in Industriegebieten, Verlage in Innenstädten angesiedelt. Diese Unternehmen haben eine gewisse Zentralisierung und sind fast durchweg in Großstädten oder Hauptstädten von Landkreisen zu finden.
Der Buchhandel ist etwas weiter verteilt, Buchhandlungen findet man – wenn auch durch Urbanisierung und Standortkonzentration mit abnehmender Tendenz – auch in den meisten Klein- und Mittelstädten. Viele gehören allerdings zu Ketten wie Bertelsmann, Thalia oder Weltbild, deren Hauptniederlassungen natürlich wieder in Großstädten sitzen.
Das Geld dieses Systems steckt also in den Großstädten. Da die größten Unternehmen dieser Branchen nur in den größten Städten oder deren direkter Peripherie angesiedelt sind (Vor allem in belrin, Köln und München, in den USA sogar praktisch komplett komplett in New York), erhalten diese einen überproportional hohen Anteil der positiven Auswirkungen der Anwesenheit eines Verlagsbetriebs (vulgo: Geld).
Der Versandhandel verschärft dieses Problem noch, indem er sich auf noch weniger Standorte konzentriert, er hat noch nicht mal mehr Filialen. Das heisst, Amazon ist mit dem Versand von Papierbüchern durchaus problematisch, allein: Um diese geht es hier ja nicht.

Es dürfte offensichtlich sein, dass die Verteilung volkswirtschaftlicher Auswirkungen um so ungerechter ist, je weniger Standorte daran teilhaben. Je weniger Standorte es gibt, desto größer der Kapitalfluss von ausserhalb in die verbleibenden Standorte und umso mehr Kapital sammelt sich an diesen Standorten an und geht an anderen Orten verloren.
Das ist das volkswirtschaftliche Grundproblem des Versandhandels. Hinzu kommt noch, dass die gesamte Branche auf prekäre Beschäftigung setzt – der Kapitalfluss vom Umland in die Standortgemeinden wird auf diesen Umweg quasi direkt in die Konzernkassen weitergeleitet, der sich seine Gewinne über die sozialen Leistungen für die unzureichend bezahlten Beschäftigten kurzerhand subventionieren lässt.
Solche Hartz4-Fabriken wie die Logistikzentren der großen Versandhändler existieren auf dieser Grundlage.
Deswegen sind diese Branchen ein wirtschaftliches Übel, selbst für die Gemeinden, in denen sie beheimatet sind.

Aber was passiert, wenn wir den Blick umwenden und den digitalen Wandel in der Buchbranche auf die selbe Weise betrachten?

Umfluss zu den Autoren
Mit dem eBook hat der Selbstverlag an Bedeutung gewonnen. Das bedeutet, dass kein Geld mehr an die Verlagsstandorte fließt. Es fließt Geld an die Anbieter der Verkaufsplattformen, aber der wichtige Punkt hier: Es fließt ein größerer Teil der Einnahmen aus den Buchverkäufen als je zuvor in Siedlungen und Dörfer. Plötzlich erhalten die Autoren einen bis zu zehnfach höheren Anteil an den Einnahmen ihrer Bücher.
Und Autoren wohnen mehr oder weniger zufällig über die Bundesrepublik verstreut: Hier einer in Düren, da einer in Neuss und ja, dank der höheren Bevölkerungszahl auch gut tausend in Berlin.
Selbst wenn dieses Geld keinen so hohen Betrag ergibt, dass das Finanzamt davon etwas sieht, ist es doch Geld, das ein Einwohner einnimmt und wahrscheinlich auch auf irgendeine Weise wieder ausgibt. Und so kommen die Einnahmen eines Autoren aus – sagen wir mal – Lüchow auch in Lüchow an, statt in Gütersloh zu versacken, wo Lüchow von seinem tollen Schreibtalent nichts hat.
Plötzlich muss ein Dorf keinen großen Verlag mehr im Ort haben, um am Geschäft mit der Literatur mitzuverdienen, es reicht, einen Autoren vorweisen zu können. Autoren gibt es etwa hundertmal so viele wie Buchhändler.
Klar, die bisherigen Profiteure, die Standorte der großen Verlage und Druckereien, verlieren dabei. Aber so ist das halt mit der Herstellung von Gerechtigkeit: Die vielen übervorteilten erhalten ihr Geld zu Lasten der wenigen, die zuvor die Vorteile hatten.

Eine kleine eBook-Utopie
Der große Schwachpunkt dessen ist natürlich die Festigung der eBook-Anbieter. Das Geld, das konzentriert wird, wird noch stärker konzentriert als bisher, auch wenn es relativ zum Gesamtmarkt weniger ist. Auch wenn ein größerer Teil des Geldes als zuvor direkt an die Autoren und damit in deren Heimatorte geht, geht doch noch einiges an einige wenige Standorte.
Das lässt sich eigentlich nur durch einen genossenschaftlichen eBook-Shop lösen: Ein Shop also, der den dort verkaufenden Autoren gemeinsam gehört und der zum Jahresabschluss seine Gewinne an die Autoren verteilt, wobei sich der Anteil an der Gewinnausschüttung am Anteil an der Gewinnerzielung orientiert.
Dann endlich wäre das Problem der Kapitalkonzentration auf einige wenige Standorte gelöst und das Geld gerecht dort verteilt, wo das Talent sitzt.
Und das ist die Chance des eBooks: Mit dem Papierbuch geht ein solches Modell nicht, da es eben der Buchläden, Verlage und Großhändler bedarf. Mit dem eBook fallen die meisten Instanzen der Machtkonzentration weg und es bleiben nur zwei: Autoren und Shop-Betreiber.
Ob so etwas in Deutschland möglich ist, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Aber es ist eine Utopie, für die man sich einsetzen kann.

Der wichtige Punkt aber: Das eBook bewirkt jetzt schon einen größeren volkswirtschaftlichen Gewinn für die bisher übervorteilten Standorte als es in Zeiten des Papierbuchs der Fall war. Und es hat das Potenzial, eine vollkommen gerechte Verteilung dieser Gelder zu erreichen, was das Papierbuch nie könnte.
Entsprechendes gilt übrigens auch für Youtube, Blip & Co. gegenüber dem Fernsehen und für zahlreiche andere Medienrevolutionen. Die Musikindustrie konnte sich erfolgreich gegen eine Umverteilung zu mehr Gerechtigkeit wehren, aber auch dort ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Punkt Te O 0 

Erneut ist das Urheberrecht in der Debatte. Ausgangspunkt ist diesmal ein Statement beachtlicher Dämlichkeit bei movie4k.to, einer von vielen .to-Seiten, die illegal Filme streamen. Nun geht der Streit wieder los: Piraten sind böse. Copyright ist böse. Ihr seid doof.
Hach, wenn es doch nur so einfach wäre. Denn dummerweise haben beide Seiten Recht. Irgendwie. Die eigentliche Diskussion besteht in zwei Thesen, die sich diametral entgegenstehen. Und nun werde ich versuchen herauszustellen, was die beiden Thesen zu ihrer Verteidigung vorzubringen haben.

1. Piraten sind doof
Die Position hier ist nicht schwierig darzustellen: Piraten „stehleb“ (Ich komme im nächsten Satz auf den Begriff zurück) Medienerzeugnisse und schaden damit den Erzeugern dieser Inhalte (Autoren, Musiker, Programmierer, Journalisten usw.).
Die Piraten (die soziale Gruppe, nicht unbedingt die Partei gleichen Namens) selber machen eine Semantik-Diskussion um das „Stehlen“ auf, die offen gestanden wenig sinnvoll ist. Ja, es wird kein Original entwendet, somit ist es technisch gesehen kein Diebstahl. Allerdings besitzt der Urheberrechtsverletzer nach dem Akt einen Gegenstand, an dem er keine legalen Besitzrechte erworben hat, womit es zwar nicht gestohlen wurde, aber dennoch die Definition von „Diebesgut&ldquO; erfüllt.

Dennoch kann Medienpiraterie einen gewissen Nutzen haben.
Cory Doctorow nutzt den freien Download seiner Bücher als Werbemaßnahme für diese. Seine Bücher über Überwachungssysteme und Society Hacking sprechen eine Zielgruppe an, die man so erreicht. Eine Zielgruppe, die bereit ist, für erlebte Qualität Geld zu geben.
Dann ist da dieses kleine Juwel (setzt euch, das ist ein 85-Minuten-Film):
[youtube DQ72p4scSXg]
Das ist The Man from Earth. Ein Indie-Film. Ursprünglich ein Flop, wurde er zu einem kommerziell erfolgreichen Geheimtipp, als er im Internet die Runde machte. Die Macher des Films bedankten sich später bei den Piraten dafür. Ich selbst habe nach dem Ansehen auf Youtube die DVD gekauft. Was sich durchaus wiederholen könnte, etwa wenn ich Bokusatsu Tenshi Dokuro-Chan zu einem annehmbaren Preis finde.
Auch der Fernsehmarkt wäre ein anderer, wenn diverse Serien (Doctor Who, Fringe, Game of Thrones) nicht ein riesiges Publikum ausserhalb ihres Heimatmarktes hätten.
Wer sich die Beispiele allerdings ansieht, findet die Hinweise auf ein Problem: The Man from Earth ist im Kern ein Kammerspiel, das ohne nennenswertes Budget auskommt. Fernsehserien indes sidn ohnehin nicht auf die Einnahmen aus der Fernsehausstrahlung angewiesen, sie finanzieren sich über Zweitverwertungen (DVD-Verkäufe, Sendelizenzen für Wiederholungen bei anderen Sendern) und teilweise auch über Merchandise. Große Kinofilme hingegen sind auf die Ticketverkäufe an den Kinokassen angewiesen.
Und hier wird es interessant.

Nehmen wir ein beliebtes Piraterie-Argument beim Wort und sagen, dass Medienpiraterie der Vorauswahl guter Werke dient (sprich, man schaut vorher, ob ein Film was taugt und geht ins Kino, wenn dem der Fall ist). Dann bekommen wir ein Problem: Schlechte Filme lohnen nicht mehr.
Nur, wenn schlechte Filme sich nicht mehr lohnen, woher weiss ein Filmstudio dann noch, ob ein Film sich überhaupt lohnt? Sowohl die Chance auf einen guten als auch das Risiko eines schlechten Films steigen erheblich mit der Neuartigkeit dessen, was er cinematografisch und erzählerisch versucht. Das Risiko der Ablehnung eines sich von der Masse abhebenden Films ist enorm und das lässt aus der Perspektive der Studios nur einen Schluss zu: Keine Experimente!
Und noch schlimmer: Online-Vorabschau tötet nicht nur schlechte Filme, es zerstört auch den soliden Mittelbau. Denn wer einen Film bereits gesehen hat, wird ihn nur dann noch einmal sehen wollen, wenn er wirklich verdammt gut war. Ein Film der nur ein ganz brauchbarer Zeitvertreib ist, aber nichts weiter besonderes, wird untergehen. Das ist beispielsweise meine Theorie, was Disney mit Prince of Persia und John Carter passiert ist, beides gute, aber eben nicht überwältigende Filme.
Wenn die Studios nun aber keine Risiken mehr eingehen, werden immer mehr Filme zum soliden Mittelbau zählen: Sie bieten nichts neues, sind aber kompetent gemacht. Der lohnt aber immer weniger, worauf die Studios mit noch weniger Risiko reagieren.
Deshalb wird die Hollywood-Ästhetik immer einheitlicher. Deshalb dreht sich praktisch jeder Hollywood-Film um einen austauschbaren Helden, der eine ebenso austauschbare Frau in Nöten retten muss (oder ist eine wahlweise ein Remake, eine Verfilmung von irgendwas oder eine Buddy-Komödie). Deswegen sind die Standardkost von der Stange liefernden J.J. Abrams und Joss Whedon Hollywoods neue Stars und gibt es auf absehbare Zeit keinen nächsten Tarrantino. Und deshalb ist der kommerziell größte Film der letzten zehn Jahre ein objektiv betrachtet ziemlich uninteressantes Pocahontas mit Schlümpfen.
[youtube mYr9eFgQIFI]
(PS: Das komischste an diesem Artikel dürfte ironischerweise die Anzahl von Youtube-Einbindungen und -Links sein)

Das alles wäre ein negativer Trend, der zwar traurig, aber nicht wirklich schlimm. Medien kommen und gehen. Dass ein neues Medium ein altes verdrängt ist legitimer Teil des technischen und kulturellen Fortschritts, selbst wenn man das im Einzelfall schade finden mag.
Aber hier ist es keine neue Technologie, keine neue künstlerische Vision, welche die alten Medien bedroht. Es ist reine Profitgier.
Zentren der Medienpiraterie sind mit Werbung überfrachtete und somit hochprofitable Seiten, die ständig versuchen, einem kostenpflichtige Zugänge und Abos auf irgendwelche Download-Plattformen zu verkaufen. Die Vergütungen für diese Verkäufe werden oft nur noch von Bank- und Versicherungstantiemen übertroffen. Es ist ein extrem profitables Geschäft. Von wegen harmlos und nichtkommerziell.
Einfach nur eine nichtkommerzielle Platform für Nutzer zu sein, das konnten Netzwerke wie Napster, eDonkey und BitTorrent für sich veranschlagen. Dies sind Phänomene, die passieren und auf die Medienanbieter eine Antwort finden müssen. Das ist legitimer technischer Fortschritt. Aber wenn Seitenbetreiber anfangen, damit ihre Geldbörsen vollzuscheffeln, ist die Linie überschritten, weil hier aktiv und aus niederen Gründen eine ganze Branche zerstört wird. Und den Nutzern wird noch einer vom Robin Hood vorgelogen.

2. Medienindustrie ist doof
Man kann nicht behaupten, dass es die Medienindustrie ihren Gegnern schwer machen würde: Über gute 100 Jahre ist mit Plattenfirmen, Verlagen, Buchhandlungen und Filmstudios ein Netzwerk von Industrien gewachsen, die ihre ursprüngliche Funktion als Vermarktungs- und Distributionskanäle längst zu Beiwerk degradiert haben.
Die großen Vertreter dieser Zünfte (in vorheriger Reihenfolge der Branchen Bertelsmann, Bertelsmann, Bertelsmann/Amazon und TimeWarner/Disney) haben schon lange jegliches Interesse an künstlerischer Qualität verloren und vertreiben nur noch jenes, von dem sie glauben, dass es sich gut verkauft. Dank des Selbstverlags können sie inzwischen sogar dazu übergehen, nur Dinge zu verkaufen, die sich bereits gut verkauft haben, was zugleich zum weiter oben angesprochenen Problem der Filmwirtschaft als auch zu solchen Entwicklungen führt.
Die Filmstudios haben es verpasst, hier trifft die Argumentation der Piraten ins Schwarze, sich auf neue Geschäftsmodelle einzurichten.
Andererseits, auf welche auch: Crowdfunding ist eine gute Methode, Projekte von einem Budget bis in den sechsstelligen Bereich zu stemmen. Hollywood fängt bei siebenstelligen Filmbudgets überhaupt erst an. Die Zahl der Marken, die sich über Zweitverwertungen und Lizenzen finanzieren können, ist gering (Filme, deren Titel mit „Star“ anfangen sind ein guter Ansatz – Star Wars; Star Trek, Stargate) und eine neue Marke mit dieser Erwartung aufzubauen, ist nur bei Fernsehserien (Mein kleines Pony) und Videospielen (Pokemon, Skylanders) realistisch.
Was die anderen Branchen angeht: Konservenmusik ist bereits auf iTunes & Co. übergegangen, Literatur und Wissenschaft sind drauf und dran, das Verlagswesen komplett abzuschaffen, Fernsehfiktion war noch nie auf Ausstrahlungseinnahmen alleine angewiesen.

Dieser Teil des Artikels sollte eigentlich in eine ganz andere Richtung gehen, aber nach der Reflexion während des Schreibens dieses Textes stückweise über drei Tage verstehe ich die Medienhäuser deutlich besser: Die Landschaft ist bereits in jenem Umbruch, den die „Piraten“ fordern.
Aussen vor ist dabei einzig die Filmindustrie, für die es ganz einfach keinen Weg gibt, anders zu sein, als sie es momentan ist. Teilweise hat sie sich da selbst reingeritten, teilweise ist es das auch durch Filmpiraterie steigende finanzielle Risiko, wenn man etwas neues probiert (ziemlich vermurkster Satz, ich weiss, aber grammatisch korrekt).
Somit verhindert die Medienpiraterie letztlich genau jene Reform, die ihre Akteure vordergründig beständig fordern.

3. Synthese: Alle doof Die unbekannte Zukunft
Wie gesagt, das ging in eine sehr andere Richtung, als ich erwartet hatte. Mein Blick auf die Medienpiraterie war deutlich positiver, bevor ich diesen Artikel geschrieben habe. Vor allem aber war mein Blick auf die Medienindustrie deutlich negativer.
Ja, die Industrie verhält sich den Künstlern gegenüber oft auch nicht besser als die Piraten. Das ist aber kein Argument für die Legitimität der Piraten. Bestenfalls ist es eines gegen die große Medienunternehmen.
Man kann die Argumentation fahren, dass Piraterie Exzellenz durch bekannt machen belohnt, dies aber zu einem so hohen Preis für das „nur“ kompetente bis gute, dass letztlich auch die Exzellenz schwindet.

Teils ist die Lösung die Ausschaltung der Mittelleute: Der Rückschnitt der Verlage und Vertriebe auf das, was sie einst waren, einfache Dienstleister für die eigentlichen Wertschöpfer, die Künstler und Autoren. Vielleicht gibt es auch einen Weg, wie Filmstudios sich verbessern können, den mögen klügere Menschen als ich es bin vorschlagen, denn ich habe keinen Vorschlag, wie das gehen soll (ausser durch die vollständige Abschaffung des Blockbusters, was aber wohl niemand will und letztlich zwischen all dem Schrott auch viel Qualität kostet).
Faire Preise sind eine Option, aber im Ernst: Die Preise für Musik und (mit wenigen Ausnahmen) Filme sind fair, jene für Videospiele sind es teilweise (wenn man mal die ca. 60 € für neue Konsolenspiele auslässt). eBooks sind noch zu teuer, aber auch dieses Problem schwindet mit der Etablierung verlagsunabhängiger Autoren zunehmend.

Die Medienwelt ist auf dem richtigen Weg, auch wenn es lange gedauert hat, auf diesen Weg zu gelangen. Das bedeutet nicht, dass es keinerlei Probleme mehr gäbe (Seriously, fuck you, Xbox One DRM scheme!). Man muss den Piraten zu Gute halten, Teil der Motivation zur Verbesserung der wirtschaftlichen Seite des Medienkonsums gewesen zu sein.

Ganz zuletzt sei es noch ein Mal gesagt: Ich habe kein Problem mit den Piraten selbst. Sie können, wie weiter oben aufgezeigt, Nutzen für die Künstler bringen, wenn auch nur in Ausnahmefällen.
Es gibt auch noch legitime Begründungen für bestimmte Bereiche, etwa diese gottverdammte Aufteilung der Datenträger-Welt in Distributionsregionen (für mich als großer Fan spezifisch japanischer Videospiel-Genres wie Shmup und Visual Novel ein echtes Problem). Womit ich ein Problem habe, sind jene Leute, die mit Medienpiraterie unter Ausschluss der Urheber Geld machen.
Portale wie movie2k/movie4k/kinox und was sonst alles auf die TLD .to hört. Die scheinheilig erzählen, wie wenig Geld Künstler für ihre Leistung bekommen und wie die Firmen das ganze Geld machen. Und sogleich daran gehen, auch diesen kümmerlichen Rest an Künstlereinkünften für sich einzusacken. Wo man fragen muss: Wenn jemand, der 90% der Einnahmen für sich behält, böse ist, was ist dann jemand, der 100% behält?

Die Bosheit des Geldes 0 

Lasst uns über Geld reden. Nicht nur, weil ich grade diese Webseite wieder für ein Jahr bezahlt habe, sondern auch, weil es ein Thema ist, das mich grade im politischen Diskurs besonders nervt. Geld ist wahrlich kein neues Thema im politischen Diskurs, aber in letzter Zeit ein besonders interessantes.
Wann immer irgendwo in einer politischen Debatte das Wort Geld (oder ein Wort aus dem Rest des Wortfeldes “Finanzen und Währungen„) fällt kann man sicher sein, dass es ein Gegenargument ist. Dies üblicherweise in der Gestalt der Implikation der Bosheit des Geldes.
Die gibt es in drei Geschmäckern und zu diesen nun im Einzelnen:

Geld verdienen ist böse
Wann immer ein Projekt abgelehnt wird, gibt es ein Argument, dass spätestens kommt, wenn alle anderen Argumente weg sind: „Die machen doch nur Geld damit!“
Ein Punkt, an dem ich nur fragen kann: „Ja, na und?“
Windräder, Solaranlagen, Kriz (unterster Kommentar) – überall machen die Akteure nur Geld damit. Was ich hier nicht verstehe ist, worin eigentlich der Vorwurf besteht. Sollen sie halt was davon haben, wenn sie sinnvolle Projekte machen, wo ist das Problem? Was ist denn die Erwartungshaltung, die hier hintersteht, dass alles Gute in der Gesellschaft von Bettelmönchsorden durchgeführt wird?
Ganz besonders beachtlich ist der Vorwurf der Abschöpfung von Subventionen: Ja natürlich werden Subventionen abgeschöpft, dafür sind sie da! Subventionen haben den Zweck, Investitionen zu erleichtern und so politisch erwünschte Änderungen zu fördern. Wenn niemand eine Subvention abschöpft, läuft irgendetwas grauenhaft schief.
Ja, es gibt Subventionsgräber, die nach der Abschöpfung stillgelegt werden. Sowas muss man verhindern, etwa mit Vertragsstrafen im Subventionsabkommen.
Und natürlich sind nicht alle Subventionen aus der Warte der jeweils eigenen politischen Position gut. So ist das halt, wenn man die Politik auf der jeweils zuständigen Ebene nicht selbst bestimmt.

Geld ausgeben ist böse
Das hatten wir in MG bei der Bibliothek, man kann es aber im Moment überall sehen. Alles, was einem politisch nicht schmeckt und was Geld kostet bezeichnet man als Steuerverschwendung.
Dabei wird so argumentiert, als sei eine Steuerkasse das selbe wie ein Portmonee: Anschaffungen werden für sich und in ihren laufenden Kosten betrachtet. Dabei haben Ausgabeentscheidungen von Gebietskkörerschaften (Städte, Länder, Nationen, transnationale Vereinigungen, aber auch ausreichend großer Unternehmen) auch noch volkswirtschaftliche Auswirkungen, die aber schwer bis gar nicht präzise vorherzusagen sind.
Etwa wenn der Bau eines Radweges in einzelnen Läden zu 49% Umsatzzuwachs führt und nebenbei noch Abgase vermeidet und die Innenstadt belebt. Oder wenn durch eine zentralere Bibliothek der Bildungsgrad und damit die Arbeitsfähigkeit des Bevölkerungsschnitts gehoben wird. Oder wenn mehr Jobs entstehen. Wenn kulturelle und/oder wirtschaftliche Verbesserungen die Stadt und ihren Ruf aufwerten und so ein Bevölkerungswachstum verursachen. All das kann man auch monetär abbilden: Weniger Ausgaben wegen Zerfalls und Armut, mehr Einnahmen aus Steuern der neuen Einwohner und der stärkeren Wirtschaft.
Das sind Dinge, die die vielbeschworene schwäbische Hausfrau nicht kennt. Und genau deswegen ist eine so einfache Rechnung, die nur auf die Kosten schielt in der politischen Diskussion unseriös, oft sogar schädlich.
Das gilt übrigens auch andersrum: Ein einträglich erscheinendes Projekt kann sich über volkswirtschaftlichen Schaden als Fehlinvestition herausstellen. Etwa, wenn man einen Niedriglohn-Logistiker in die Stadt holt und dann die sich daraus ergebende höhere Anzahl von Aufstockern bezahlen darf. Nur: Wer wie etwa Presseliebling Bund der Steuerzahler regelmäßig das Vorgehen, politische Entscheidungen betriebswirtschaftlich zu rechnen, fordert, der darf sich nicht gleichzeitig beschweren, wenn das mal nach hinten losgeht.

Geld haben ist böse
Kommen wir zu den Millionären und Milliardären. Die sind ja eh alle verdorben. Es interessiert uns auch gar nicht, womit die ihr Geld verdient haben und ob einige Methoden, zu Reichtum zu kommen, legitimer sind als andere.
In gewisser Weise ist das logisch: Wenn man (siehe „Geld verdienen ist böse“) mit guten Dingen kein Geld verdienen kann, bleibt ja nur noch Lug, Betrug und Ausbeutung. Unter der Prämisse macht dann auch eine Reichensteuer Sinn. Es ist halt viel einfacher, Reichtum jeglicher Couleur zu bestrafen, als illegitime Methoden des Reichtumserwerbs (sagen wir mal Nahrungsmittelspekulationen oder Börsenwetten) unattraktiv oder gar illegal zu machen.

Bonus: Kein Geld haben ist böse
Denn wer kein Geld hat, ist Sozialschmarotzer. Steht inner Zeitung, muss also stimmen.

#Amazon 0 

Derzeit schlägt ein vom HR zusammengestellter Bericht über die Arbeitsbedingungen bei Amazons Weihnachts-Arbeitern hohe Wellen. Etwas, was ich in keinster Weise ignorieren kann. Die Sache ist allerdings nicht so einfach: Einerseits zeigt die Reportage ernsthafte Missstände, die anzusprechen sind. Andererseits bleibt sie dabei oberflächlich und vergisst, nach den Ursachen zu fragen.
Aber fangen wir mit der Reportage selbst an:

Der Beitrag zeigt einige sehr problematische Zustände in den Logistikzentren des Versandhauses. Nun muss wenn man Beiträge über Amazon derzeit sehr vorsichtig „genießen“, weil die seit Monaten umfangreiche negative Berichterstattung mE ganz klar eine Kampagne der einflussreichen Buchhandelslobby (Börsenverein des deutschen Buchhandels) darstellt, der die von ihm vertretenen Branchen lieber vor Innovation von aussen schützt als sie bei seinen eigenen Mitgliedern voranzutreiben, um gegen Amazon wettbewerbsfähig zu werden. Diese ist effektiv genug, um selbst gestandene Überall-Verschwörungs-Vermuter sie übernehmen.

Bemerkenswert ist etwa ein fast zeitgleich erschienener überaus alberner Artikel in der FAZ.

So erklärt es sich denn auch, warum der Filmbeitrag des HR an vielen Stellen so oberflächlich bleibt. Hierzu noch ein Zitat, Hendrik Sachtler sei zur Hand genommen:

Dieser Beitrag geht in die richtige Richtung: Das Problem ist das System, dass solche Vorgänge nicht nur ermöglicht, sondern sogar erwünscht. Ich muss das noch deutlicher formulieren: Amazons Verhalten wird vom System nicht toleriert; es wird von ihm ausdrücklich gefördert.
Dabei habe ich mit Saisonarbeitern kein Problem, in Branchen mit starken saisonalen Schwankungen im Bedarf an Arbeitskräften ist sowas völlig in Ordnung. Spargel wird halt nur ein mal im Jahr gestochen und auch Weihnachten als großer Einkommens- und Arbeitsbringer der Händler gibt es pro Jahr nur ein mal (trotz aller Versuche, Ostern und Halloween auf ein vergleichbares Konsumniveau zu bringen).
Nein, das eine Problem ist die Behandlung dieser Arbeiter. Nicht das Schlafen in Doppelbettzimmern, darin erkenne ich nichts unzumutbares. Nicht der Lohn von 8,52 €, der ist bei Saisonarbeitern mehr oder weniger normal, dafür habe ich in meinem Studium öfter als Urlaubsvertretung gearbeitet – klar wäre mehr besser, aber man kann einem Einzelunternehmen nicht vorwerfen, das selbe zu bezahlen wie alle anderen auch (Zalando zum Beispiel bezahlt laut Medienberichten 1€ weniger). Aber die Gängelung durch den Sicherheitsdienst, schon dessen bloßes Vorhandensein in den Arbeiterunterkünften, das ist schlichtweg inakzeptabel. Und das ist der einzige Kritikpunkt, für den ich Amazon Mitverantwortung gebe.
Welchen Sicherheitsdienst das Unternehmen beschäft, ist vollkommen in seinem Ermessensspielraum. Zumal sich die Frage stellt, wozu der überhaupt da ist.

Das andere Problem liegt im System und hier kommen wir zu der Oberflächlichkeit, die ich dem Beitrag vorwerfe.
Amazon hat seine Stellenangebote an das örtliche Arbeitsamt gegeben. Und dieses wiederum ist für die erfolgte Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer verantwortlich. Was in der Reportage nur als Nebensatz vorkommt (wohl um dem Vorwurf der möglicherweise justiziablen Falschdarstellung zu entgehen), ist der Kern der ganzen Sache: Der wahre Täter hier ist der deutsche Staat. Die Leiharbeiterherankarrung aus dem Ausland, die geringen Löhne, der fehlende Kündigungsschutz – hier ist nicht Amazon am Werk, sondern die von Merkel so schön pointiert (aber bei ihr komplett ironiefrei) propagierte „marktkonforme Demokratie“. Einen ähnlichen Skandal gab es in Verbindung mit Amazon bereits vor etwa einem Jahr. Nach späterer Angabe des Konzerns auf ausdrücklichen Wunsch des örtlichen Arbeitsamtes.
Letzten Endes wird Amazon hier als Schild hochgehalten, um das System zu schützen. Amazons Verhalten ist in großen Teilen ein mit Absicht oder zumindest wissentlich gezogener Spross eines Gartens, der nur derlei Kraut hervorbringt. Man kann nun Amazon selbst angreifen, allein es ändert nicht viel. Selbst wenn Amazon etwaige Proteste zu spüren bekommt, was unwahrscheinlich ist, trifft es nicht jenes System, welches solche Auswüchse ermöglicht und fördert. Und die anderen machen unterdessen weiter, teils sogar noch schlimmer.

Der Protest muss dem System gelten. Solange dieses solches Verhalten nicht nur erlaubt, sondern sogar fördert, kann man von den Unternehmen nicht erwarten, ein Unrechtsbewusstsein zu erlangen. Deutschland erklärt es ja explizit für rechtens und erwünscht.

full disclosure
Ein merklicher Teil meiner Einkünfte stammt aus Werbung für und eBook-Veröffentlichungen bei Amazon.

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