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Intern: Oh, ein Newsletter 0 

Mein großes Ziel für 2014 ist die Professionalisierung und Optimierung meiner Autorentätigkeit. Das wird im Laufe des Jahres viele Dinge betreffen, einige davon auch in meinem Internetauftritt.

Jeder Marketingmensch wird über diesen Auftritt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, vor allem angesichts des Potpourris an Themen, die ich hier anreisse. Vor allem ist vieles dabei, was einen Teil meiner Leserschaft, nämlich jene, die wegen meiner Bücher reinschauen, nicht interessieren und eher wieder vertreiben wird.
Dabei vertreibe ich so schon genug sonstige Leser mit ellenlangen Posts über Germanistik.

Ein zweites Blog aufzumachen, ist nicht die ideale Lösung, da ich da wiederum diese sonstigen Leser für meine Bücher verlieren würde. Und ausserdem ist das nur zusätzliche Arbeit und ich wüsste auch nicht, wie ich das dann nennen sollte.

Die Lösung: Ich schreibe mein Blog weiter wie bisher und betrachte es als privates Medium der öffentlichen Meinungsäusserung mit allem, was ich sagen will. Zu jedem Thema, zu dem ich etwas sagen will.
Und für die reinen Bücherfreunde biete ich ab sofort einen Newsletter an.

Tada!

Der Newsletter enthält ausschließlich Inhalte zu meinen Veröffentlichungen. Er informiert über Neuerscheinungen und hin und wieder schmeiss ich auch mal eine Kurzgeschichte oder Leseprobe rein. Damit können sich Leser immer auf dem Laufenden halten. Auch, wenn sie sich nicht für die Lokalpolitik von Mönchengladbach oder die Etymologie von Suffixen interessieren.
Hauptsächlich werde ich diesen Newsletter über Links in den nächsten Auflagen aller meiner Bücher und in allen kommenden Veröffentlichungen bewerben, aber es wird eben auch ein Feld zum Eintragen in der linken Seitenleiste dieses Blogs geben. Das bedarf offensichtlich noch einiger Optimierung fürs Layout, aber es ist immerhin schon mal da. So sieht das halt aus, wenn man sowas mal eben in fünf Minuten ins Blog bastelt und den Code noch in Gänze verstehen muss.

Wahrscheinlich folgt nach meiner ersten englischsprachigen Veröffentlichung (geplant für Frühjahr 2014) noch ein Newsletter für die englische Welt. Dort würde er einen Blog komplett ersetzen, da parallel zweisprachiges Bloggen einfach vom Arbeitsaufwand nicht praktikabel ist. Ich will ja zwischendurch auch noch an den Büchern schreiben.

Ins, ers, erins, ichs und der ganze Quark 1 

Im folgenden Text geht es um so schöne Dinge wie Etymologie, Genus-Zuweisungen, Prototypentheorie und ähnliches. Oh, und ein bisschen auch um Latein. Ihr seid gewarnt worden.

Morgen feiert die Linguistin Luise Pusch ihren 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Pusch gilt als die Begründerin der feministischen Linguistik im deutschen Sprachraum, wir verdanken ihr unter anderem das Binnen-I. Was ich euch ersparen werde ist an dieser Stelle eine Kritik der Idee einer „-istischen Linguistik“, statt dessen fasse ich es mit einem kurzen „problematisch, aber nicht völlig unsinnig“ zusammen.
Jedenfalls gibt es anlässlich des Geburtstages eine InWoche, sprich für eine Woche soll das Suffix -in auch dann verwendet werden, wenn Männer gemeint sind – „Herr Lehrerin“ usw. Dies ist einer Idee Puschs aus den 70ern von der ich offen gestanden nicht sicher bin, ob sie jemals ernst gemeint war. Aber nehmen wir sie mal für eine Weile so ernst, wie sie einige Leute zu nehmen scheinen.
Vorab: ich werde die Idee nun auseinandernehmen um anschließend zu einem Ergebnis zu kommen, das Puschs verworfenen früheren Forderungen nahe kommt. Also bis zum Ende lesen, dann erst losschimpfen. Danke.

Das generische Femininum soll ein Gegenpol sein zum generischen Maskulinum. Sprich, zu der Tatsache, dass man mit „Arbeiter“ Männer wie auch Frauen meinen kann. Das Problem hieran ist die Annahme, „Arbeiter“ (und entsprechende weitere Wortbildungen) würden Männer bezeichnen.
Also lasst uns etwas in die lustige Welt der Sprachwissenschaft eintauchen:

Herkunft des -er
Sprachlichen Unfug wie die Beamtin ignorierend (es heisst der Beamte bzw. die Beamte, so wie der Vorsitzende bzw. die Vorsitzende) findet sich das Suffix (bedeutungsverändernde Anhängsel) -in vor allem hinter dem Suffix -er. -in ist ein altes deutsches Suffix, das weibliche Personen im Wort sichtbar macht (n der Sprachwissenschaft ein „Marker&ldquo). Sein männliches Gegenstück ist im übrigen -ich, wie in Mäuserich, Wüterich, Gänserich.
Das führt zu der interessanten Frage: Wo ist das -ich hin? Dieses Suffix ist heutzutage nicht mehr produktiv, das heisst, es wird in der Sprache nicht mehr verwendet, um neue Wörter zu bilden. Und wieso existiert es überhaupt, wenn doch -er angeblich männlich ist?
Zunächst zur letzten Frage, weil ihre Antwort historisch früher kommt.

Das -er nämlich ist kein ursprünglich deutsches Element. 1)
-er stammt vom lateinischen -ārius/-āria ab, welches ungefähr das selbe bedeutet. Es gibt noch das Neutrum -ārium, bei dem nicht ganz klar ist, ob es je ausserhalb von Fremdwörtern wie Aquarium im Deutschen verwendet wurde (möglicherweise steckt es in „das Lager“). Es wäre in diesem Zusammenhang interessant, aber ich ignoriere es der Kürze halber.
Jedenfalls macht -ārius/-āria im Deutschen eine Veränderung durch und wird im Althochdeutschen zu -āri. Plötzlich ist die Geschlechtsbezeichnung verschwunden und das männliche Wort bezeichnet beide Geschlechter. Wenigstens für eine Weile, dann kommt die weibliche Form -āra auf. Für eine kurze Weile hatte das Deutsche offenbar ein generisches Maskulinum, das schnell wieder verschwand.

Lästig wird die Sache danach. Suffixe neigen dazu, verschliffen zu werden. Dabei werden sie immer kürzer und lautlich (in Ermangelung eines besseren Wortes) unauffälliger. Dabei verschwinden oft auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Suffixen.
So werden in den nächsten Jahrhunderten beide Formen unabhängig voneinander zu Mittelhochdeutsch -ære und Hochdeutsch -er, erneut sind die Unterschiede der Geschlechtsformen verschwunden und beide Formen werden männlich gebildet. Aber eigentlich sollten beide Formen heute und auch in ihrer aktuellen Aussprache als -a für beide Geschlechter gelten. So wie im Englischen, wo das -er fast genau die selbe Geschichte hinter sich hat. Warum tun sie das nicht? Und warum gab es zwischendurch die Geschichte mit dem -āra?

Hurra, Prototypentheorie – und Genus
Der größte hier relevante Unterschied zwischen Deutsch und Englisch ist natürlich der/die/das zu the. Das verdeckt das Problem etwas, denn tatsächlich hat das Englische das selbe Problem, nur in anderer Form: Ist ein worker ein he oder eine she (er oder sie)? Vorherrschend ist das he, aber warum? Und warum in beiden Sprachen?

Und damit ab in die Prototypentheorie.
Die Prototypentheorie ist die Theorie, dass unser Hirn die Bedeutung von Wörtern (oder zumindest von Substantiven) auf eine ganz bestimmte Weise abspeichert. Es bildet eine Vorstellung von einem prototypischen Ding, das heisst, der Standardversion von etwas. Ob ein anderes Ding mit dem selben Begriff bezeichnet werden kann hängt davon ab, wie ähnlich es der Standardversion ist.
Ein Standardobst ist ein Apfel, ein Standardgemüse eine Karotte, ein Standardvogel ein Spatz und so weiter. Die Methode ist nicht perfekt und deshalb gibt es Grenzfälle wie Tomaten und unpräzise Begriffe wie für die diversen Sorten von Würmern und von Fischen.
Das wird bei Menschen zu einem Problem: Offenbar arbeitet unser Gehirn bei Menschen mit Geschlechtszuordnungen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wozu Lebewesen biologisch gesehen überhaupt existieren (zur Weitergabe ihrer Gene) und wird deutlich, wenn man sich Reaktionen von „Normalen“ auf geschlechtlich uneindeutige Personen ansieht. Und einiges deutet darauf hin, dass unser prototypischer Mensch männlich ist. Daraus folgt, dass unser Gehirn Männer auch als Grundlage jener Prototypen nimmt, die „Mensch“ weiter unterteilen. Es sei denn, diese sind explizit weiblich.
Das wiederum wäre dann der Mechanismus, durch den das Genericum als Maskulinum wahrgenommen wird. Und der das -ich umgebracht hat, denn überflüssige Elemente verschwinden in Sprachen relativ schnell wieder.
Das wiederum ist ganz klar ein Problem in der Frage der Gleichberechtigung. Und das -in macht alles noch schlimmer.

Deutschlands erste Kanzlerin: Ein Problem
Hier ist ein Satz, den ich immer wieder gerne anbringe: Angela Merkel ist ein Problem.
Ausnahmsweise mein ich das mal nicht politisch, sondern linguistisch.
Angela Merkel ist also Deutschlands erste Bundeskanzlerin, erste Regierungschefin usw. Das ist einerseits korrekt, andererseits natürlich Quatsch: Angela Merkel ist die achte Person im Kanzleramt. Ob sie Deutschlands erste Regierungschefin ist hängt davon ab, wie man Maria Theresia einordnet.
Was hier deutlich wird: Das -in-Suffix erzeugt einen neuen Begriff, der ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Damit wird die Setzung des Männlichen als Standard nur noch bestärkt, Frauen im Beruf werden stärker als zuvor zu einer mehr oder weniger separaten Gruppe, die nicht in der selben Gruppe wie die Männer liegt, sondern als weite daneben steht. Im Extremfall bekommen wir damit neue Rollenklischees wie Friseuse, Politesse und dergleichen. Das empfinde ich persönlich als noch um einiges schlimmer als nur die Subsummierung der Frauen als Sondergruppe innerhalb der Arbeiter.
Das Binnen-I versucht, das zu kitten, führt aber zu einem seltsam zwanghaften Zwitter, der zwei separate Begriffe zusammenzufassen versucht, es ist quasi die Narbe zum Schlag der Klinge linguistischer Geschlechtertrennung.

Ein Lösungsvorschlag
Wie nun bekommen wir eine geschlechtergerechte Sprache hin, ohne eine solche Geschlechtertrennung zu begünstigen? Die Antwort finde ich separat von und dann doch wieder bei Luise Pusch.
In Das Deutsche als Männersprache (amazon-Link) finde ich auch Überlegungen, das -er als geschlechtsneutral anzuwenden und unverändert in beiden Geschlechtern zu nutzen, dabei aber die dazugehörigen Adjektive, Verben etc. abhängig von der Person zu nutzen: „Luise Pusch ist eine Sprachwissenschaftler“.
Das funktioniert offensichtlich nicht, da es einige Grundfesten der deutschen Sprache aushebelt. Vor allem ersetzt es Genus (Geschlecht des Wortes) durch Sexus (Geschlecht des gemeinten Lebewesens). Das dürfte, da bin ich mit Pusch einig, so nicht durchsetzbar sein. Ihre letztendliche Folgerung daraus ist das heute bekannte Binnen-I oder allgemeiner die Bildung einer Mischform für Fälle, in denen beide gemeint sind.
Mein Vorschlag bleibt etwas näher an Puschs Ursprungsidee als sie selber: Warum nicht einfach die -er-Substantive grammatisch als Neutrum setzen? Das Elegante daran wäre, dass er kaum zu Veränderungen in Texten führen würde – nur der Singular (das Arbeiter) wäre sichtbar betroffen und der tritt nur selten auf ohne dass wir das Geschlecht der gemeinten Person kennen – eigentlich nur in Anweisungen, Lexika und Gesetzestexten. Vor allem aber kann man es – anders als das Binnen-I und Konsorten – auch aussprechen.
Ideal wäre natürlich, wenn wir zwecks sprachlicher Gleichstellung der Geschlechter zusätzlich ein männliches Gegenstück zu -in hätten, aber ich glaube nicht, dass eine Wiederbelebung des -ich sehr erfolgversprechend wäre, zumal es im heutigen Deutsch eine Nebenbedeutung als Lächerlichmachung hat (wie eben beim Wüterich).
Es ist wahrscheinlich das beste, dies auch auf Personenbezeichnungen ohne -er auszuweiten: Das Pirat, das Professor, das Anwalt usw. Sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber wenigstens gewöhnungsfähig. Und durch seine Aussprechbarkeit nicht auf schriftsprachliche Kommunikation beschränkt.

Nun, hat die InWoche doch was gutes: Sie hat mich motiviert, diese schon etwas ältere Idee weiter auszuführen und vorzustellen. Also, für mich gutes, für den Rest der Welt steht das Urteil noch aus ;-).

1)Ich ignoriere hier der Einfachheit halber -wari, mit dem Völker bezeichnet wurden und das ebenfalls zum -er wurde: Berliner, Düsseldorfer, Schweizer usw.

Kurzer Rant zur Literaturwissenschaft 0 

Ich hatte ja noch ein paar Worte zu McLuhan versprochen, beziehungsweise zu seinen berühmten Worten „The medium is the message“. Also auf zu der Frage, die McLuhan stellt und die ich in nicht ganz so radikaler Form ebenso stellen möchte: „Was genau erforscht die Literaturwissenschaft eigentlich?“

McLuhans Satz ist eine der Grundlagen der Medienwissenschaft und stammt aus Understanding Media. Grundaussage hier ist, dass das Medium einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft hat als das, was mit ihm transportiert wird und daher vordringlich untersucht werden sollte.
Bevor ich zur Literatur zurückkomme, kurz dazu, was das für die Medienwissenschaft bewirkt hat.
Durch die Zuweisung gesellschaftlicher Folgen zu den Medien entstand etwas messbares. Die Beschäftigung mit Medien erhielt das Potenzial, zur Wissenschaft zu werden, denn Wissenschaft ist im Grunde genau das: Die Vermessung der Welt.
Ansätze dazu hatte es schon vorher gegeben, aber McLuhan brachte es auf den Punkt und festigte die Dsziplin damit im Reigen der anderen Wissenschaften.

Und damit kommen wir zur Literaturwissenschaft: Was genau misst die eigentlich? Inwiefern ist die Literaturwissenschaft wissenschaftlich?
Es gibt ein paar Felder hier und dort, die mit dem Konzept des Messbaren arbeiten. Aber der Großteil der Literaturwissenschaft besteht aus Literaturinterpretation (die vom Individuum des Lesers abhängt und somit nicht wissenschaftlich ist) und Literaturkritik (dito). Man wirft mit Begriffen wie Qualität um sich, als würden sie etwas objektives messen, dabei messen sie lediglich Meinungen über ein Werk.
Noch sind wir in einer Phase, in der diese Anmaßung der Objektivität von Qualität allgemeiner gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint. Goethes Werke hat man gefälligst für Meisterwerke zu halten sonst fehlt einem „Bildung“ – was immer das eigentlich sein soll, es ist einer dieser wunderschön inhaltlosen Begriffe des Elitismus, der kulturelle Überlegenheit durch Phrasen vorzugaukeln versucht.
Dass Goethes Werk hinsichtlich sämtlicher auch nur theoretisch ansetzbarer Kriterien wild geschwankt hat, interessiert dabei nicht. Was grade bei Goethes Lebens- und Schaffensgeschichte mit zahlreichen teils inhaltlich und ästetisch völlig gegensätzlichen Phasen erstaunlich ist (Kleiner Exkurs: Ich liebe den Werther und hasse die Iphigenie mit Inbrunst).

Das ist das Problem der Literaturwissenschaft in der Moderne: Sie schleppt den Muff einer Zeit mit, als eine Elite aus den Elfenbeintürmen der Universitäten per Gutdünken entscheiden konnte, was Teil eines Kanons sei, über dessen Kenntnis sie sich dann vom Pöbel abheben konnten.
Und dieses Erbe ist gefährlich: So lange die LitWi keine Begründung für sich selbst findet, die ohne die Phrase „Bildung“ auskommt, so lange ist sie von den Streichkonzerten an den Hochschulen bedroht. Die LitWi möge das Bildungsgeschwafel den Feuilletons überlassen und endlich den Schritt wagen, eine echte Wissenschaft zu werden.

Die gute Nachricht ist, dass sie begonnen hat, sich aus dem Elitismus der Kanones zu lösen. Die tatsächlich wissenschaftlichen Teilbereiche der LitWi beschäftigen sich schon längst auch mit der Alltagsliteratur und tun dies nicht mehr (nur) abweisend.

Plädiere ich dafür, den Goethe (und die anderen Klassiker) zu vergessen? Nein, wer ihn lesen will, möge ihn lesen und ich bin sicher, die Geschichts- und Kulturwissenschaftler können aus seinem Werk viele Kenntnisse über das Leben und Denken im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert erlangen. Viele Leser werden aus diesen Werken für sich etwas lernen, aber dieses Potenzial hat jede Literatur, selbst die schlechteste.
Aber hört auf, so zu tun, als wären jene, die ihn nicht gelesen haben irgendwie unterlegen oder, netter ausgedrückt, „ungebildet“. Und vielleicht, wenn wir diesen Elitismus mit seinen Symptomen loswerden, schaffen die Schulen es sogar, den Kindern nicht mit aufgrund ihrer zeitlichen Distanz unverständlichen, jahrhundertealten Büchern das Lesen von Literatur zu vergraulen. Und wenn 100 Kinder überhaupt das Lesen als eine angenehme und, ja, bildende Beschäftigung entdecken, ist viel mehr gewonnen als wenn von diesen 100 Kindern 70 vergrault wurden und dafür 2 Schillers Räuber (um mal nicht Goethe zu nehmen) auswendig zusammenfassen können.
Und die Literaturwissenschaft kann wesentlich freier tatsächlich Wissen schaffen anstatt sich in ihrem selbstreferenziellen Muff der Kanones und Klassiker zu suhlen.

Wieso das nun weniger radikal ist als McLuhan?
Ich billige dem Inhalt der Medien im Gegensatz zu seinem Frühwerk durchaus eine Wirkung zu. Oft genug ist diese auch gesamtgesellschaftlich und genau das zählt zu den Dingen, die eine tatsächlich wissenschaftliche Literaturwissenschaft untersuchen kann. McLuhan erklärt die Inhaltsdisziplinen implizit für obsolet; ich nicht, für mich sind sie nur reformbedürftig.
Literaturwissenschaft ist eine wertvolle Disziplin. Sie leidet nur an ein paar Klötzen am Bein.

Mein Problem mit Verkehrsentwicklungsplan & Co. 0 

Heute morgen hatte mich Detlef Neuß im Kommentarbereich der RP (kollateral) an ein Thema erinnert, zu dem ich noch etwas mehr schreiben wollte: Den Verkehrsentwicklungsplan (VEP).
Ich nehme mir die Freiheit, ihn hier einfach zu zitieren:

Der Verkehrsentwicklungsplan wird in Mönchengladbach bereits seit Jahren diskutiert, man kann auch sagen zerredet und auf die lange Bank geschoben. Es kann und darf nicht Aufgabe der Politik sein, damit weiter zu machen. Aufgabe der Politik muss sein, dafür zu sorgen, dass wir endlich die Diskussion über den Verkehrsentwicklungsplan zum Abschluss bringen um ihn dann umzusetzen.

Ich bin recht häufig mit Detlef Neuß einer Meinung, dies ist eine Ausnahme. Es ist allerdings eine Ausnahme, die mit den Grundüberzeugungen meines Weltbildes zu tun hat und daher möchte ich dazu etwas ausführlicher schreiben.

Kurzer historischer Ausflug: Die Grundlage für die Verkehrsentwicklung in Mönchengladbach ist immer noch der Generalverkehrsplan von 1969 in modifizierter Fassung von 1981. Dieser Plan ist, darüber ist keine Diskussion nötig, vollkommen veraltet, sowohl in seinen Planzielen („autogerechte Stadt“) als auch in seinem Bezug auf die tatsächlichen Verhältnisse und Bedürfnisse in der Stadt.
Das ist unvermeidlich. Die Welt verändert sich beständig, sowohl was unsere Kenntnisse und Vorstellungen angeht, als auch was die zu erfüllenden Bedürfnisse angeht. Ganze Stadtteile und -zentren entstehen und vergehen in solchen Zeiträumen, ebenso Industriegebiete, Vereine und Firmen, Hobbys und Branchen, Gesellschaften, Nachbarschaften, elementare Verhaltensweisen und die Strukturierung eines jedermanns Alltag.
Die gewaltigen Güterbahnhöfe sind in vielen Städten, so auch Mönchengladbach, verschwunden und mit ihnen auch die Schienenanbindungen großer Unternehmen. Handelsstrukturen haben sich deutlich zentralisiert und der Versandhandel hat mit der Verbreitung des Internets ganze Handelssegmente übernommen. Aktuell erlebt das Fahrrad einen gewaltigen Aufschwung, der auch schlechteste Infrastruktur ignorierend selbst an Orten wie diesem einfach statt findet.

Grade der letzte Punkt macht deutlich: Die Veränderungen gehen weiter. Da kommen noch die ideologischen und wissenschaftlichen Veränderungen hinzu: Von der autogerechten Stadt zur Stadt der kurzen Wege und weiter zur menschengerechten Stadt, bereits absehbar gefolgt von Konzepten wie der Erzeugerstadt, der autarken Stadt, der inklusiven Stadt, der Stadt im demografischen Wandel oder der Stadternährungsplanung.

Wenn wir einen Plan zur Verkehrsentwicklung über Jahrzehnte hinweg aufbauen (oder, ebenso, einen Masterplan zur Stadtentwicklung), nehmen wir dies gern als Erfolge unserer Überzeugungen wahr, welche wir für die bestmöglichen Überzeugungen halten. Es liegt in der Natur von Überzeugungen, dass wir unsere aktuellen für die besten denkbaren (oder wenigstens bestmöglichen) halten.
Das Problem ist: Mit ziemlicher Sicherheit sind unsere jetzigen Ideen (auch meine) bereits in wenigen Jahren überholt, veraltet oder wenigstens justierungsbedürftig. Das gilt ganz besonders in der Stadtplanung, denn wie oben schon gesagt: Städte verändern sich unter den Händen ihrer Planer weg, da die Planer nur sehr geringen Einfluss auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und noch geringeren auf Phänomene der unsichtbaren Hand haben.

Bedeutet also, ein VEP (oder Masterplan) stellt den (unbewussten und durchaus gutwilligen) Versuch dar, aktuelles Wissen und aktuelle Ideologie auf eine längere Zukunft festzuschreiben, in der Überzeugung, dies seien die bestmöglichen Ideen, weil „moderne“, im Gegensatz zur veralteten früherer Jahre. Dass die modernen Ideen logischerweise mit dem weiteren Fortschreiten der Jahre ebenso veralten und noch lange nicht das Nonplusultra darstellen, scheint dabei ein blinder Fleck der menschlichen Psychologie zu sein.
Wir müssen uns einfach immer vor Augen halten: Auch der Generalverkehrsplan von 1969, der uns heute so viele Probleme mit unsinnigen Verkehrsprojekten beschert, die ihm entspringen (die millionenschweren Ringe in der Straßenplanung kommen einem in den Sinn), war einst das Nonplusultra moderner Ideen.
Was wir jetzt mit dem VEP bauen, ist eine Wiederholung unserer Probleme mit dem Generalverkehrsplan für die 2030er Jahre. Dann werden Ideen der 2000er/2010er genauso veraltet und problematisch sein wie es heute jene aus den 1960er/1970er Jahren sind. Es wäre arrogant zu glauben, nach 5000 Jahren Städtebau wären ausgerechnet unsere jetzigen Ideen der Endpunkt der Geschichte.

Natürlich steckt hierin auch ein Dilemma: Wir brauchen ein übergreifendes Konzept, um Verkehr vernünftig zu planen und nicht in unkoordinierte Einzelmaßnahmen zu verfallen.
Meine Überzeugung ist, dass solche Konzepte nur funktionieren, wenn sie als Einzelkonzepte mit begrenztem räumlichen und zeitlichen Umfang gedacht werden, bei denen zudem Zusammenspiel mit anderen Projekten und gesamtstädtische Auswirkungen eingeplant werden müssen.
Ein solches Konzept sollte in der Fläche einen Stadtteil nur dann überschreiten, wenn es absolut notwendig ist und in der Zeit nicht mehr als 10 Jahre umfassen, da nach dem Ablauf von 10 Jahren davon ausgegangen werden kann, dass mindestens eine bedeutende Veränderung stattgefunden hat, die Planung über einen weiter in der Zukunft liegenden Punkt hinaus erheblich behindert und kontraproduktiv werden lassen kann. Peak Oil, die Markteinführung des fliegenden Autos, Entstehung eines de facto neuen Stadtteils aus einigen zu nah bei einander geplanten Neubaugebieten, neue große Supermärkte oder Industriegebiete, neue Fahrzeugtypen, Mode- und Sporttrends und dergleichen sind alles Entwicklungen, die eine langfristigere Planung schnell ad absurdum führen.

Und das ist der Grund, warum wir einen VEP besser nie beschließen sollten.
Mal davon abgesehen, was passiert, wenn der VEP eben nicht auf dem Stand der aktuellen verkehrs- und stadtentwicklungstheoretischen Diskussion ist, sondern etwa vom in Mönchengladbach immer noch weit verbreiteten Ideal der autogerechten Stadt geprägt wird, also schon bei seiner Beschlussfassung veraltet ist.

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Papierfrei: Meine kleine Medienrevolution 1 

Unter all den persönlichen Entwicklungen des Jahres 2013 staune ich selbst am meisten über diese: Abgesehen von einem Taschenkalender, Sprühschablonen und Bastelbögen habe ich keinerlei Verwendung mehr für Papier. Was ich an Papier besitze, sofern es nicht in Buchform oder als Verpackungsmaterial ist, liegt nutzlos in irgendwelchen Schubladen, auf eine Nutzung wartend, die wohl nie eintreten wird. Jedesmal, wenn ich etwas ausdrucken will (ganze 2x in diesem Jahr) ist das letzte Mal so lange her, dass die Tintenpatronen völlig eingetrocknet sind und nicht mehr funktionieren.
Papier liegt hier rum wie es zuvor diverse Diskettenformate (5¼, 3½ Zip) getan haben, wie es jetzt die durch USB-Sticks ebenso obsolet gewordenen CD- und DVD-Rohlinge tun. Wie diese und wie diverse Videospielmodule, Vinylplatten und Kassetten, ist es für mich zu einem Relikt der Vergangenheit geworden. Und anders als so viele sehe ich die Vergangenheit zwar als interessant und wichtig, aber keineswegs als erhaltenswert an, denn sie ist ihrem Wesen nach vergangen, jeglicher Erhalt von Vergangenem letztlich eine Lüge, denn wer Vergangenes erhält, erhält nicht die Vergangenheit, sondern ein durch seine Anwesenheit in der Gegenwart bzw. die Abwesenheit seines einstigen Kontextes verzerrtes Echo dieser.
Das gilt in ganz besonderem Maße für Medien.

Ich habe keinerlei Nostalgie für Trägermedien.
Ein gutes Medienprodukt (ich nutze den Begriff, um die Frage der Definition von „Kunst“ zu umgehen) ist eines, welches sein Trägermedium irrelevant macht. Nicht seine Medienart: Ein Text bleibt ein Text, ein Spiel bleibt ein Spiel usw.
Wohl aber sein Medium, denn ein gutes Werk steht für sich, bringt den Leser/Zuschauer/Hörer/Spieler/usw. dazu, alle Sinne auf das Mediierte selbst zu konzentrieren. Solaris von Stanisław Lem bleibt das selbe großartige Buch, ob nun in Form eines Codex, einer Schriftrolle oder auf einem eReader. Zu Marshall McLuhans „The medium is the message“ komme ich übrigens auch noch, heute nur so viel: McLuhan widerspricht mir hier nicht (nunja, nicht wirklich), denn McLuhans Blickwinkel ist ein völlig anderer.
Ein Werk, das dies nicht schafft, ist es ohnehin nicht wert, erneut gelesen/gesehen/gehört/gespielt zu werden. Wobei es zugegebenermaßen noch die Option gibt, dass ein Trägermedium eine Fehlkonstruktion für die Wiedergabe einer bestimmten Medienart ist.

Eine viel zu lange Art um zu sagen, dass ich 2013 Bücher auf Papier nur noch antiquarisch gekauft habe, wenn es billig war oder keine andere Option gab. Sie sind schwer, nehmen Platz weg und Umblättern ist so ziemlich die umständlichste Art, eine Seite zu wechseln, die es gibt. Überhaupt, das Umblättern: Wenig stört so sehr den Lesefluss und damit das Eintauchen in die Geschichte eines Texte wie diese vollständige Unterbrechung des Lesens am Ende jeder zweiten Seite.
Eine Tageszeitung nutze ich übrigens schon lange nicht mehr, einfach weil der Anteil der Informationen in einer solchen, die für mich sowohl neu als auch interessant sind so verschwindend gering ist, dass sich die Anschaffung nicht lohnt.

Warum der Medienexkurs?
Nun, weil die Bücher hier nicht alleine stehen. Auch bei Filmen und Videospielen ist mir nach langem Widerstand klar geworden, dass es völlig egal ist, ob das Medium von einem Modul, einer DVD/BD oder von der Festplatte läuft, ich sehe es letzten Endes ja eh auf dem selben Bildschirm und was währenddessen im Abspielgerät vor sich geht, davon bekomme ich so oder so nichts mit.
Dazu, wie sehr das Ins-Regal-Stellen überbewertet ist, habe ich schon vor über einem Jahr etwas geschrieben und daran hat sich bisher nur unwesentlich etwas geändert.

Nachtrag, 29. 12. 2013
Jetzt habe ich mich doch etwas stärker auf Bücher konzentriert, als ich eigentlich wollte.

Aber es ist auch die aktive Nutzung: ich notiere mir nichts mehr auf Papier. Tatsächlich notiere ich gar nichts mehr, ausser Telefonnummern.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt dass jenes, was man sich nicht merken kann es auch nicht wert ist, aufgeschrieben zu werden. Einkaufslisten brauche ich nicht un was Ideen angeht, da gilt das ganz besonders: Eine Idee erkenne ich daran als gut, ob ich sie mir merke, ohne sie zu notieren.
Eine Idee, ein Gedanke, der nicht interessant genug ist, dass er sich für ein-zwei Tage im Gedächtnis hält, der ist nicht interessant genug, ihn mit der Welt zu teilen.

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Politische KW 51/2013 0 

Vorab: Die Politische KW 50/2013 fällt aus, weil ich in dieser Woche nur nicht-öffentliche Sitzungen (Rechnungsprüfungsausschuss und Vergabeausschuss) hatte.

Montag: Fraktionssitzung
Ich sollte vielleicht ein Thema der letzten Fraktionssitzung ansprechen: Der Segelflugplatz in Wanlo. Dazu hat ja ein Fraktionsprotokoll Presse-Aufsehen erregt.
Dazu ist etwas klarzustellen: Wir haben auf unserer Fraktionssitzung am letzten Montag das Gegenteil beschlossen. Was Reiners da mit Verweis auf Hajo Siemes zitiert hat, war kein Beschluss, sondern eine Empfehlung aus einer nicht beschlussfähigen Sitzung.
Dass Reiners überhaupt aus einem Protokollausschnitt einer Fraktionssitzung in dieser Weise zitiert, ist eine Stillosigkeit, die ich von ihm so nicht erwartet hatte. Aber das wiederum gehört in den Mittwoch.

Mittwoch: Rat
So, der Mittwoch. Fangen wir zunächst mit den anderen wichtigen Themen an.
Da wäre zunächst der Hornbach in der City-Ost. Das war auch ein interessanter Vorgang. Der Rat sollte beschließen, dass der Bauvoranfrage des Investors positiv beschieden werden sollte. Das ist interessant, weil dies überhaupt nicht Aufgabe der Politik ist: Das Bauamt macht so etwas normalerweise in Eigenregie, es handelt sich ja nur um eine Auskunft für den Bauherrn in spe, ob sein Vorhaben rechtlich machbar ist.
Das ganze hat ja eine etwas längere Geschichte (ich will das schwarz-gelbe Klopapier ja nicht ständig verlinken, aber es ist halt die einzige halbwegs brauchbare lokale Nachrichtenquelle) mitsamt Rechtsstreit usw.
Nun also soll die Politik nicht nur entscheiden, die Bauvoranfrage zu bescheiden, sondern dies sogar positiv zu machen. Ob der Bescheid positiv ist, ist aber überhaupt keine Entscheidung, die die Politik zu treffen hat. Mein Gefühl: Da wollte jemand Verantwortung und vor allem Haftbarkeit abwälzen.
Nach langer Diskussion hat der Obeerbürgermeister die Vorlage zurückgezogen und soll jetzt über den Kauf des Geländes durch die Stadt verhandeln, damit diese dort selbst planen kann.

Dann war da noch die GEM. Ewig langes Thema, offenbar ist jeder dafür, die GEM vollständig in den Besitz der Stadt zu holen, nur über das „wie“ herrscht erhebliche Uneinigkeit.
Ich erwartete eine (erneut) ewig lange Diskussion, doch dann kam Bude mit einem Vorschlag der EGN, dem zweiten Besitzer der GEM mit der Stadt Mönchengladbach. Diese bot an, sich nur zum Teil direkt auszahlen zu lassen und den Rest des Kaufpreises durch Abführung von Dividenden aus der GEM an die EGN zu zahlen. Einen ähnlichen Vorschlag hatte zzuvor schon die CDU gemacht.
Das war dann allgemein annehmbar und so gab es ohne Diskussion einstimmige Zustimmung (soweit ich mich erinnern kann, kann sein, dass ich hier ein paar Gegenstimmen übersehen habe). 30 Sekunden statt einer erwarteten Stunde.

Jetzt doch noch zum Segelflugplatz Wanlo.
CDU/FWG/SPD hatten beantragt, am Segelflugplatz jeglichen Motorbetrieb auszuschließen. Wer sich mit Segelflug ein wenig auskennt weiss, dass das im flachen Land Unfug ist. Ein Segelflugzeug muss ja irgendwie in die Luft kommen.
Entweder man schiebt es einen steilen Hang hinab (ein interessanter Zweitgebrauch des Braunkohlentagebaus, der aber wohl ganz im Ernst nicht tief genug ist), oder man zieht es hoch. Letzteres geht per Hilfstriebwerk, Schleppflugzeug oder Ziehen per Winde. Die Winde ist übrigens auch nicht handgekurbelt.
Die Motoren dürfen dabei per gesetzlicher Vorgabe 60 dB nicht überschreiten – eine Lautstärke, die nach allen Definitionen innerhalb des Begriffs „Zimmerlautstärke“ liegt. Der Testbetrieb verlief vollkommen problemlos, kaum jemand hatte diesen auch nur bemerkt. Von den Initiatoren des Protestes gab es gegenüber den Flugplatzbetreibern sogar die Bitte, man möge vor dem nächsten Testlauf Bescheid sagen, damit man den auch mitbekommt. Muss wahnsinnig laut sein, wenn die Leute den Betrieb nicht einmal mitkriegen, ohne ihn vorher angekündigt zu bekommen.
Aber wie das so ist, sie hatten mit „Motorflug“ ein Reizwort entdeckt und sich dann einfach mal aufgeregt. Die Antragsteller haben dann mal eben einen unsinnigen Antrag aus dem Ärmel geschüttelt.
Überhaupt, die Abstimmung: Die FDP erklärte den Antrag (vollkommen zutreffend) für Unfug, stimmte aber um des lieben Friedens Willen zu. Das war noch nicht bizarr genug und so erklärte die SPD zu ihrem eigenen Antrag sinngemäß, dieser wäre natürlich Unsinn, aber man habe den Wanloern mal entsprechendes versprochen.
Eine sachliche Diskussion, an der aber offenbar nur Grüne und Linke überhaupt Interesse hatten, wäre für den Antrag verheerend gewesen. Nun zauberte Hans-Wilhelm Reiners aber einen Protokollauszug der Grünen-Fraktion hervor und zitierte diesen vollständig und genüsslich.
Leider ließ Karl Sasserath sich davon provozieren und so kam es zu einigen unglücklichen Äusserungen, die für die Rheinische Pest natürlich ein gefundenes Fressen waren. Von da an war jede sachliche Diskussion vergebens, da sie keinen mehr interessierte und es kam zu einer Zustimmung aller ausser Grüne & Linke.
Ein Prozess, der sich nur mit dem näher rückenden Wahlkampf erklären lässt.

Politische KW 49/2013 0 

Vorab: Neu ist der Abschnitt „Termine, zu denen es nix zu erzählen gibt“ – ob nun gar nicht (uninteressant oder vertraulich) oder noch nicht (wenn z.B. kommende Aktionen geplant wurden).

Dienstag: Umweltausschuss
Eine kurze letzte Ausschusssitzung des Jahres mit den Gebührensatzungen, darüber kann man wenig erzählen ohne gleich tief in Tabellen zu graben. Eine interessante Entwicklung gab es allerdings bei Müllcontainern: Die Leute versuchen offenbar, zu sparen, indem sie ihre Container seltener leeren lassen, aber weiterhin so viel Müll produzieren wie zuvor.
Das funktioniert natürlich nicht, denn das führt nur dazu, dass die Kosten im nächsten Jahr stärker steigen, weil sie dann auf weniger Leerungen verteilt werden müssen. Leute, wenn ihr bei den Containern Geld sparen wollt, vermeidet Müll. Ja, ich weiss, es gibt dabei mittelfristig noch das Problem mit den Überkapazitäten der Müllverbrennungsanlagen, aber daran arbeiten die Kollegen im Landesumweltministerium schon, das weiss ich aus Gesprächen.
Dann gab es noch das Thema Schlammfluten an der Talstraße in Odenkirchen. Ein schwieriges Thema, da der Schlamm schwierig zu vermeiden ist, wenn unten am Hügel Wohnhäuser und oben Landwirtschaft sind. Überhaupt lassen die Landwirte in den letzten Jahren auch andernorts immer weniger Grünstreifen zu den Wegen und Straßen übrig, womit im Herbst/Winter immer öfter große Mengen Erde aus den Feldern in die Straßen gespült wird. Das kann eigentlich in niemandes Sinne sein, da auch die Bauern dadurch wertvollen Boden verlieren, aber offenbar verdienen sie durch die zusätzlichen m² Feld mehr, als die durch Ausspülung zusätzlich nötige Düngung kostet.
Ich habe daher angefragt, ob das Problem zu dünner oder verschwundener Grünstreifen an den Felderrändern stadtweit angegangen werden soll.
An der Talstraße selbst will die Stadt das Problem mit zahlreichen kleinen Maßnahmen in den Griff kriegen.

Mittwoch: Finanzausschuss
Nein, ich war am Mittwoch nicht im Finanzausschuss, aber es gab im Vorfeld eine recht heisse Diskussion zu einem kurzfristig aufgeschlagenen CDU-Antrag, nachdem die CDU mich angesprochen und ich die Nachricht an meine Fraktion weitergegeben habe.
Ich persönlich halte die Idee, die EGN für die GEM-Anteile in Form von fortgesetzten Dividendenausschüttungen zu bezahlen für eine sehr elegante. Die Stadt muss kein frisches Geld in die Hand nehmen, wenn die GEM sich dergestalt am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, zugleich kann die GEM voll in die Stadt integriert und eine Ausschreibung (die wahrscheinlich ein Billiglöhner statt der nach Tarif zahlenden GEM gewinnen würde) vermieden werden.
Eine zu 100% städtische GEM ist grünes Ziel, die Frage ist aber der Weg dorthin. Und die beiden anderen Punkte des CDU-Antrags setzen Fristen, für die wir bislang keinen Grund erkennen können.

Donnerstag: Tütchen
Und zwar Nikolaustütchen. Die galt es in der Grünen-Geschäftsstelle zu packen.
Ich bin nicht sicher, wessen Idee es war, zum Nikolaus-Tag mit einem Nikolaus Geschenktüten an Kinder in Flüchtlingswohnheimen zu verteilen. Aber ich find das gut und es war eine kurzweilige Beschäftigung am Donnerstag Nachmittag.

Termine, zu denen es nix zu erzählen gibt:
Montag Fraktionssitzung; Freitag Jahreshauptversammlung Grüne Jugend

PM: Viktoriastraße: Schlechter Radweg wird zu schlechtem Gehweg 0 

Ja, nochmal die Viktoriastraße. Ist aber auch eine lästige Geschichte.
Hiert also die aktuelle Pressemitteilung zum Thema, die heute auch in der WZ zitiert ist:

Mönchengladbach-Dahl. Vielen Radfahrern war der Radweg entlang der Bahnlinie an der Viktoriastraße über Jahre ein Ärgernis. Schilder, Oberleitungsmasten, vom Radweg nicht einsehbare Kreuzungen und vor allem parkende Autos im Abschnitt kurz vor dem Supermarkt machten den Radweg schlecht nutzbar. Grund genug für die Grünen, hier die Aufhebung der Benutzungspflicht zu fordern. „Der Radweg ist in diesem Bereich für die Radfahrer gefährlicher als die Straße, ortskundige Radfahrer meiden ihn“, hatte Grünen-Ratsherr Thomas Diehl festgestellt.

Zwischenzeitlich hat die Verwaltung reagiert und veranlasst, dass die Viktoriastraße künftig in die Tempo-30-Zone um die Dessauer Straße auf der anderen Seite der Bahngleise einbezogen wird. Da in einer Tempo-30-Zone keine Radwege angelegt werden dürfen, wird der Radweg künftig zum Gehweg für Fußgänger. Entsprechendes hat Mönchengladbachs Ordnungsdezernent Hans-Jürgen Schnaß den Mitgliedern der Bezirksvertretung Nord jetzt mitgeteilt. Zugleich soll das Parken von Autos auf dem Gehwegstück vor dem Supermarkt beibehalten werden, da aus Sicht der Verwaltung eine Gehwegbreite von einem Meter völlig ausreiche. „Die bestehende Parkanordnung kann aus straßenverkehrsrechtlicher Sicht bestehen bleiben“, heißt es dazu seitens der Verwaltung.

„Auch wenn sich die Situation auf der Viktoriastraße bessert, das größte Problem bleibt damit aber doch unverändert“, meint Thomas Diehl. Einen Gehweg, der den Fußgängern wegen parkender Autos nur höchstens einen Meter Raum überlasse, hält Diehl für zu eng und nicht an den Bedürfnissen von Fußgängern – die oft auch mit Kinderwagen oder Rollatoren unterwegs sind – ausgerichtet. „Das Thema Inklusion ist bei dieser Vorgabe der Verwaltung leider nur unzureichend beachtet worden, denn Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Rollator müssen sich hier auf engstem Raum an den Autos vorbeizwängen“, sagt Thomas Diehl. Was, fragt er, wenn sich auf diesem schmalen Weg zwei Fußgänger entgegenkommen? „Müssen die ins Unterholz oder auf die Straße ausweichen?“

Diehl verweist auf das Straßenverkehrsrecht, nach dem das Parken auf dem Gehweg nur dann zulässig ist, wenn für die Benutzung des Gehwegs mindestens 2,20 Meter Raum bleibt. Es müsse genügend Platz für den unbehinderten Verkehr von Fußgängern auch im Begegnungsverkehr bleiben, so der Dahler Ratsherr. Aus seiner Sicht werden zugunsten einer Autovorrangpolitik hier die Rechte schwächerer Verkehrsteilnehmer missachtet. Thomas Diehl: „Die Verwaltung hat an dieser Stelle aus einem schlecht nutzbaren Radweg einen schlecht nutzbaren Fußweg gemacht. Das sollte sie ändern.“

PS: Meine Ursprungsfassung war nicht ganz so freundlich zur Verwaltung, das ist die von mir abgenickte Endfassung der Fraktionsgeschäftsführung. Wahrscheinlich besser so. Ich selbst bin von der ganzen Geschichte trotz des Etappensieges langsam leicht genervt, entsprechend war auch der Ton meines Ursprungstextes.

PPS: Für Pedanten, Rechtgrundlage für die 2,20 Meter ist VwV-StVO (Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung) zu StVO Anlage 2, Punkt 72 in Verbindung mit RASt (Richtlinie zur Anlage von Stadtstraßen) 6.1.6.1

Politische KW 48/2013 1 

Vorab: ich hatte ohnehin geplant, diese Reihe mit dem neuen Ratszug wieder zu starten. Das in dieser Woche auch die Aufstellung der Ratslisten liegt ist eher zufällig, aber ich pack es einfach mit hier rein.
Auf Vorbereitungssitzungenen (Montag & Sonntag) für Gremien geh ich hier nicht ein, wenn es nix besonderes gab.

Mittwoch: Bezirksvertretung Nord
Zwei Themen fand ich in dieser Bezirksvertretung persönlich interessant.
Das eine waren die „Roermonder Höfe“, jene Wohn- und Geschäftsanlage, die demnächst die Bleichweise ersetzen soll. Wem die Begriffe nichts sagen, es handelt sich um das Gelände des 2001 niedergebrannten Zentralbades (an alle Neusiedler & Ausstädter: ja, bei uns ist ein Schwimmbad abgebrannt. Ihr könnt aufhören zu lachen).
Mir persönlich hätte eine Festigung des Gladbach Docks deutlich besser gefallen, aber in MG legt man wohl keinen Wert auf attraktive und ungewöhnliche Einrichtungen wie diese. Noch besteht aber die Hoffnung, dass es einen neuen Platz findet, etwa am Geroweiher oder auf dem riesigen Brachgelände des einstigen Güterbahnhofes (alias City-Ost).
Bedeutender sind die Pläne des Investors für das Bauvorhaben: Ersatzlose Streichung eines der meistbesuchten Spielplätze im Stadtzentrum und die vollkommene Nichtbeachtung der Laufwege zwischen den Schulen, Turnhallen und Bushaltestellen sind heftige Angriffe auf die Struktur dieses Gebietes.
Der Gladbachlauf wird zwar wie schon oft angedacht durch einen Wassergraben nachvollzogen, dieser ist aber zwischen den Häusern so beengt, dass man das auch gleich lassen kann.

Dann kam eine Nachricht, die mich versteckt in den Mitteilungen der Verwaltung überraschte: Es tut sich was an der Viktoriastraße. Nein, wirklich in der Viktoriastraße.
Die wird in Zukunft Teil der Tempo-30-Zone um die Dessauer Straße auf der anderen Seite der Bahngleise. In 30er-Zonen darf man keine benutzungspflichtigen Radwege einrichten, also wird der gemeingefährliche Radweg am Bahndamm entlang aufgehoben und zum Fußweg. So weit, so gut, das ist ja genau das, was ich seit nunmehr fast vier Jahren immer wieder fordere. Den Schutzstreifen auf der Fahrbahn gibt es damit zwar auch nicht, aber das kann ich verkraften. Viele Probleme des Weges sind damit gelöst.
Bis auf eines: Auch weiterhin sollen Autos auf den letzten 100 Metern vor dem Aldi halb auf dem Gehweg aufparken dürfen. Damit bleibt in diesem Bereich ein Restfußweg mit einer Breite von einem ganzen Meter. Das sieht dann so aus:

Alltag auf der Viktoriastraße: Alle Autos parken hier nach Vorschrift. Hinten versucht ein Fußgänger mit Einkaufstüten, den Radweg zu benutzen, der selbst für ihn als Fußgänger zu eng ist. Dass der Fußgänger hier ausserdem nichts zu suchen hat, ignorieren wir mal. Foto: Dieter Rink


Ordnungsdezernent Schnaß hält das für „straßenverkehrsrechtlich“ unproblematisch, ein Meter Gehwegbreite reiche „angesichts der Fußgängerfrequenz völlig aus“ (siehe Bild). Schnaß scheint ein anderes Verkehrsrecht zu kennen als ich, denn in meinem ist eine Mindestbreite von 2,20 Metern nutzbarem Raum für Bürgersteige vorgeschrieben. Auf dem Bürgersteig darf Parken nur erlaubt werden, wenn diese 2,20 Meter frei bleiben (wer die Rechtsgrundlage nachschlagen will: VwV-StVO zu Anlage 2, Punkt 74 der StVO mit RASt 6.1.6.1).
Somit darf ich mich jetzt statt mit einem unbrauchbaren Radweg mit einem unbrauchbaren Fußweg beschäftigen. Ich vermag meine Freude kaum zurückzuhalten. Und warum? Damit ein paar Autofahrer ein paar Meter weniger laufen müssen.

Samstag: Jahreshauptversammlung Grüne MG
Am Samstag dann die Aufstellung der grünen Ratsliste zur Kommunalwahl im Mai. Wie einige schon wissen, bin ich hier auf Platz 10 gelandet und somit wenigstens für die erste Zeit nach der Wahl nicht mehr im Stadtrat.
Es gibt einiges, was ich dazu öffentlich nicht schreiben werde, das gebietet der Anstand. Ich werde sagen, dass ich enttäuscht bin, dass dies zu großen Teilen keine politischen, sondern personelle Gründe hatte.
Was ich sagen möchte, ist dies: Ich bin damit nicht weg vom politischen Fenster. Ich werde mich nach der Wahl politisch auf einen Fachausschuss (das wird noch zu diskutieren sein) und die ausserparlamentarische Arbeit konzentrieren. Und endlich das Egorama zusammenbauen (was das ist sage ich euch, sobald es vorzeigbar ist). Ich höre erst auf, die Welt zu verändern, wenn sie mir gefällt. Und das dürfte noch dauern.

Hausortografie 0 

Kommen wir zu etwas, was ich schon lange schreiben wollte und wozu es jetzt einen konkreten Anlass gibt, dies endlich zu tun: Meine Rechtschreibung. Wie einigen aufgefallen sein wird, weicht diese stellenweise deutlich von jener des Duden ab. Nicht in der radikalen Form einiger anderer wie etwa der konsequenten Kleinschreibung von allem, die durchaus ihre Befürworter hat, sondern in einzelnen Regeln, die ich in der aktuellen Rechtschreibung schlichtweg für falsch oder inkonsequent halte.
Der Duden ist ein Menschenwerk und als solches nicht vor Fehlern gefeit. Das gilt insbesondere, da es sich um ein Regelwerk in Bezug auf Sprache handelt, ein System, welches ohnehin ständigem Wandel unterliegt. Dieser Wandel schert sich meist wenig um Rechtschreibung, denn Rechtschreibung ist eigentlich nicht Teil der Sprache, sondern nur ein System zu deren Wiedergabe. Eigentlich, weil es durchaus Wechselwirkungen gibt, aber das ist jetzt nicht Tema. Sonst schreib ich am Ende noch einen kompletten Meter Text über die Aussprache des g in richtig.
Das will keiner und somit komme ich zurück zum Tema, meine (bewusst so geschriebene) Hausortografie. Die wichtigsten Punkte in denen ich abweiche, ohne spezielle Reihenfolge, jeweils mit Begründung:

ss/ß
Lasst mich kurz ausholen, denn um das zu erklären muss ich leider ein bisschen in die Sprachwissenschaft tauchen (leider für euch, ich genieße das Tauchen in dieser Disziplin).
Ein Diphtong ist ein Laut, der sich aus zwei Vokalen zusammensetzt (oder genauer, einem Vokal und einem zum Halbvokal reduzierten Folgevokal). Der eindeutigste Unterschied zwischen einem Diphtong und einer einfachen Abfolge von zwei Vokalen ist der, dass ein Diphtong nur eine Vokallänge hat.
Eine Vokallänge ist ist ein sprecher- und sprachabhängiges Merkmal, welches definiert ist als die Sprechlänge eines kurzen Vokals (oder eines Vokals, wenn eine Sprache keine kurzen und langen Vokale unterscheidet, wie es etwa im Italienischen der Fall ist).
Somit ist ein Diphtong per Definition ein kurzer Vokal.
Bei der Rechtschreibreform entschied die Kommission, die ß hinter kurzen Vokalen zu ss umzuwandeln und hinter langen Vokalen zu belassen, um eine eindeutigere Lautzuordnung herzustellen. Das Problem hierbei ist, dass man die Diphtonge wie lange Vokale behandelte und ihnen ebenfalls das ß beließ.
Das ist schlichtweg unlogisch und inkonsequent. Man kann das ß hier problemlos abschaffen und ich bin dafür, diesen immer wieder problematischen Buchstaben (u.a. fehlende Majuskelform, Schreibung mit nicht-deutschen Tastaturen) möglichst weit zu reduzieren. Eine Abschaffung des ß ist nicht möglich, da ss immer einen vorhergehenden kurzen Vokal und s zwischen Vokalen einen stimmhaften Laut [z] impliziert.

th/ph/rh und andere stumme Laute
So ziemlich das Erste, was Kinder in der Schule lernen ist, dass man Wörter im Deutschen so spricht, wie man sie schreibt. Das Zweite ist, dass dies häufig nicht stimmt, denn niemand spricht Phantasie mit einem behauchten p (altgriechisch) oder einem bilabialen f-artigen Laut (neugriechisch), schon deswegen, weil diese Laute im Deutschen gar nicht als eigene Laute existieren.
Als Grund hierfür wird gerne genannt, dass die entsprechenden Wörter in der Tradition ihrer ursprünglichen Herkunft stehen.
Damit gibt es zwei Probleme.
Zum einen sind Geschichte und Tradition grundsätzlich zwar gute Erklärungen für einen gegenwärtigen Zustand, aber in der Regel keine sonderlich guten Begründungen für die Frage, ob dieser Zustand gut oder erstrebenswert ist. Erfahrungen aus der Geschichte können gute Begründungen sein, aber ich sehe keine Erfahrungen in der Geschichte irgendeines Rechtschreibsystems, welche nahelegen würden, dass es eine gute Idee ist, einzelne Wörter abweichend von allen anderen Wörtern einer Sprache zu schreiben. Eine Ausnahme können Wörter bilden, deren Ursprung so verschieden vom Deutschen ist, dass eine Anpassung nicht möglich ist (wie etwa bei „fauxpas“ oder „download“).
Zum anderen ist es nicht so, als würden wir damit echte Autentizität erreichen: Wir schreiben weder Rhythmos noch Orthographia, sondern Rhythmus und Orthographie. Die ganze Sache mit der autentischen Schreibung ist Augenwischerei, weil praktisch alle damit gemeinten Wörter ohnehin nicht mehr autentisch sind. Die größte Ironie in diesem Satz ist, dass Authentizität und die Ableitungen davon (insbesondere das Adjektiv authentisch) so ziemlich die besten Beispiele sind, wie wenig die Wörter nach der grammatischen Adaption ins deutsche noch mit ihren einstigen Ursprüngen gemein haben.

Nichts ist gewonnen, wenn die alten Schreibungen beibehalten werden, aber die Rechtschreibung wird deutlich einfacher und klarer, wenn wir sie abschaffen.
Daher sind abzuschaffen: th, ph, rh. Als eine Ausnahme verbleibt (vorläufig) Thron, da ein die Aussprache besser wiedergebender „Trohn“ ein in seiner Radikalität zu abschreckender Wandel wäre. Unberührt bleiben hiervon Völker- und Ländernamen (Thai, Bhutan).
Ebenso verschwinden die stummen e in Wörtern wie Spontaneität und gerade. Dieser letzte Teil ist dudenkonform, aber im Duden nur als eine Option gelistet.
Diese Änderungsregeln gelten nur für Wörter, die in Aussprache und Grammatik vollständig in die deutsche Sprache integriert wurden. Ebenso nicht betroffen sind Fachbegriffe aus der Wissenschaft wie beispielsweise Methan.

Großschreibung von Adjektiven
Das Deutsche hat eine dermaßen inkonsistente Verwendung der Groß- und Kleinschreibung bei Adjektiven, dass ich es ernsthaft als Hinweis erachte, dass diese Wortkategorien in den germanischen Sprachen nicht annähernd so deutlich abgegrenzt sind, wie uns in der Schule glauben gemacht wird (das Englische kann im Gegenzug in der Umgangssprache die meisten Substantive in bestimmten Kontexten als Adjektive nutzen, insbesondere Personennamen).
Die Rechtschreibreform hat das alles andere als verbessert. Ein Adjektiv kann nicht länger dadurch erkannt werden, dass es die Eigenschaften eines zugehörigen Substantivs näher beschreibt, sondern es gibt jetzt eine lange Liste von Situationen, in denen man Adjektive großschreibt. Die darf man dann lernen, weil sie sich logisch nicht erschließen. Mal sind es tatsächliche Substantivierungen (die Eigenschaft wird als Konzept oder Objektbezeichnung angesprochen, nicht als Eigenschaft von einem Objekt: das Gute, das Gelb, ein Doppelter), mal sind sie dies nicht (etwas Gelbes ist ein Etwas mit der Eigenschaft gelb, Gelb bezeichnet hier nicht die Eigenschaft selbst und vertritt auch kein Objekt, denn diese Funktion fällt dem etwas zu).

Somit gilt: Alle Adjektive werden kleingeschrieben, sofern nicht einer der folgenden Fälle vorliegt:
1) Es handelt sich um ein Adjektiv in der Rolle eines Substantivs, steht also entweder allein („Gelb ist eine Farbe“) oder mit einem Artikel („Das ist ein schönes Gelb“)
2) Es handelt sich um den Bestandteil eines Namens oder einer feststehenden Bezeichnung („Der Heilige Stuhl“, „Der Zweite Weltkrieg“)
3) Bezeichnungen für Sprachen, sofern diese nicht eindeutig als Adjektiv vewendet werden („auf Deutsch“, aber: „ein deutsches Wort“)

Getrennt- und Zusammenschreibung
Der eine Bereich, in dem weder alte noch neue Rechtschreibung irgendeine klare und eindeutige Regelung gefunden haben ist die Frage der Zusammen- und Getrenntschreibung. Die Regeln in beiden Systemen klingen genau so lange eindeutig, bis man anfängt sie anzuwenden.
Die Sache ist die, dass es extrem einfach ist, dies alles mit einer Regel abzudecken. Diese lautet:
„Wörter werden grundsätzlich getrennt geschrieben, es sei denn, die Zusammensetzung wird grammatisch und/oder lexikalisch als komplett eigenes Wort behandelt.“

Das bedeutet im einzelnen, Zusammenschreibungen mehrerer Wurzeln finden nur statt, wenn:
1) Die Zusammensetzung eine Bedeutung hat, die sich nicht allein aus dem Aufeinanderfolgen der Bestandteile ergibt. Dies gilt für alle Adjektiv-Substantiv-Zusammensetzungen, aber auch für kleinschreiben (so statt So), welches eine andere Bedeutung hat als klein schreiben (so statt so).
2) Bei Zusammensetzungen, die als Adjektive dienen, wenn diese als eine Einheit konjugiert und gesteigert werden. Also beispielsweise vielversprechend, weil es als vielversprechender gesteigert wird, nicht als mehr versprechend.
3) Wenn eine Getrenntschreibung zu einem grammatisch falschen Satz führen würde, beispielsweise anstelle, weil an Stelle durch den fehlenden Artikel falsch wäre.

Und das sind die wesentlichen Punkte meiner Hausortografie, wo sie vom Duden abweicht.
Es ist eine gemäßigte Fassung früherer Ideen zur radikalen Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung nach dem Vorbild der vollkommen phonetischen Systeme, wie sie im Italienischen und Russischen vorkommen. Ich werde nicht das ck durch kk ersetzen, nicht das q abschaffen, nicht ks ausschreiben und x statt dessen für die beiden ch-Laute des Deutschen verwenden und auch nicht ts schreiben um das z für den stimmhaften alveolaren Frikativ verwenden zu können.
All das wäre durchaus sinnvoll, würde aber eine so radikale Veränderung unseres Schreibsystems darstellen, dass die gegenseitige Verständlichkeit der Leser und Verfasser neuer und alter Texter gefährdet wäre. Gegenseitige Verständlichkeit aber ist die Grundlage jeder Sprache.
Diese erlaubt in einem gewissen Maße verschiedene Rechtschreibungen, so wie sie in gewissem Maße auch regionale Besonderheiten und Einfärbungen der gesprochenen Sprache erlaubt. Wichtig ist dabei, dass die Unterschiede nicht willkürlich zusammengewürfelt werden, sondern auf Systemen beruhen, die jeweils in sich logisch sind.
Es mag damit zu tun haben, dass meine Oberstufenzeit genau mit der Rechtschreibreform zur Jahrtausendwende zusammenfiel, dass ich die Vorschläge des Duden nicht als die allein mögliche Wahrheit betrachte. Der allgegenwärtige Streit um die Richtigkeit der Rechtschreibung war ein Tabubruch, der allgemein meinen Umgang mit weitgehend unhinterfragt akzeptierten Regeln prägte.
Ich kann 100% dudenkonform schreiben, aber ganz im Ernst: Warum sollte ich? Der Duden ist nur ein Buch. Dinge sind nicht automatisch wahr oder richtig, nur weil sie in einem Buch stehen, denn Papier ist geduldig.

PS: Dass es keine Missverständnisse gibt, die Rezension von W.R. Frieling freut mich als solche und in ihrer Gesamtwertung sehr, es ist letztlich mein Fehler, diese Regeln nie öffentlich ausformuliert und begründet zu haben. Ich würde im Traum nicht daran denken, mich über eine 4-Sterne-Bewertung zu mokieren.

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