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Dino-Dienstag 17 0 

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden.

Have Allosaurus, Will Travel – Fossil Tales From the West

Läuft leider nicht mehr lange, aber hier ist ein Kickstarter für ein Buch und eine Tour, die von der Arbeit der Paläontologen im Feld erzählen. Und hier ist ein Interview mit Brian Switek dazu bei meinem Lieblings-Dino-Blog.

Die Urschlange

Nicht immer hat man neue Fossilien vorzuweisen, manchmal gibt es auch andere Methoden, die Gestalt ausgestorbener Tierarten zu ermitteln. Dies hilft dabei zu wissen, wonach man suchen muss. So bei dieser Untersuchung zur Herkunft der Schlangen. Die Forscher haben eine Vielzahl an Schlangen aus der Kreidezeit untersucht, aus den Merkmalen der unterschiedlichen Arten ihre Verwandtschaftsbeziehungen abgeleitet und daraus dann wieder Schlüsse gezogen, wie der gemeinsame Vorfahre aller dieser Tiere, die Urschlange, ausgesehen und wann sie gelebt haben muss.
Das Ergebnis lebte vor etwa 128 Millionen Jahren auf dem Land. Letzteres ist bedeutsam, weil es zur Entstehung der Schlangen immer noch einen großen wissenschaftlichen Streit gibt, ob diese auf dem Land oder im Wasser entstanden sind.
Das Bild zeigt zudem Hinterbeine. Dass die frühen Schlangen Hinterbeine, aber keine Vorderbeine hatten, haben mehrere Schlangenfunde aus der Kreidezeit bewiesen. Hinzu kommt, dass einige heutige Schlangen immer noch Beckenknochen und hin und wieder sogar Reste von Hinterbeinen haben. Es gibt Fossilien von schlangenartigen Tieren, die älter sind als 128 Millionen Jahre, diese haben aber noch vier Beine und ihre Zugehörigkeit zu den Vorfahren der Schlangen ist umstritten.
Schlangen sidn schwierig zu erforschen, weil von ihren kleinen zerbrechlichen Knochen nur selten Fossilien bleiben. Noch seltener bleiben die Fossilien vollständig genug, um Merkmale wie Beine eindeutig zuordnen zu können.

Theoretische Urschlange - Bild: Julius Csotonyi

Theoretische Urschlange – Bild: Julius Csotonyi

Der Ursprung der Zungenwürmer

Zungenwurm Linguatula - Bild: Dennis Tappe und Dietrich W. Büttner

Zungenwurm Linguatula – Bild: Dennis Tappe und Dietrich W. Büttner


Man kann nicht immer Dinosaurier haben. Dafür habe ich heute eine Gruppe von Tieren, von denen die meisten hier noch nie etwas gehört haben werden: Zungenwürmer.
Zungenwürmer sind, da enttäuscht der Name ein wenig, kleine wurmartige Gliederfüßer, die in den Atemwegen größerer Wirbeltiere leben und sich dort von Blut ernähren. Ihre Münder sind umgeben von Haken als letzte Reste der Beine und von unten sieht das Ganze dann ungefähr so aus wie die Facehugger aus den Alien-Filmen. Nein, wirklich. Es sind seltsame kleine Tiere, deren Herkunft weitgehend unbekannt ist. Zwar gab es bereits Fossilien von Zungenwürmern aus dem Silur, nur gab es da ein Problem: Die heutigen Träger dieser Parasiten existierten damals noch gar nicht.
Ein neues, 425 Millionen Jahre altes, Fossil aus England gibt nun einen Einblick in das leben dieser Zungenwürmer bevor ihr heutiger Lebensraum überhaupt existierte: Das Tier hielt sich zu Lebzeiten an einem Wasserfloh fest und lebte wahrscheinlich von dessen Blut.
Heutige Zungenwürmer geraten meist in ihre Wirte, indem sie sich als Eier fressen lassen und aus dem Darm in den Körper eindringen. Wahrscheinlich wurden sie ursprünglich von Landtieren beim Trinken mit den Wasserflöhen verschluckt und fanden in deren Eingeweide einen geeigneten Lebensraum. Während ihre im Meer lebenden Verwandten im Laufe der Zeit verschwanden, waren die Bewohner der Landtiere in den Körpern ihrer Wirte vor allen Katastrophen geschützt und überlebten bis heute.
Bin ich eigentlich der einzige, der eine verblüffende Ähnlichkeit zu den Anomalocariden sieht?

Wissenschaftlernachwuchs im Sandkasten 0 

Manchmal ist es einfach nur amüsant, wenn Wissenschaftler sich auf den Schlips getreten fühlen.
Dann durchmischt sich veritable Kritik mit albernen Streitereien und am Ende hatte keiner Recht (oder Unrecht), weil beide nicht einmal von der selben Sache gesprochen haben. Und das ist dann der Moment in dem man wunderbar vorgeführt bekommt, wieviel Überzeugung (um nicht zu sagen Glauben) oft in der Interpretation wissenschaftlicher Daten steckt.

Aktuelles Beispiel: Die kleine Frau der Zukunft mit ein bisschen Hüftspeck.
Darin geht es um eine Langzeitstudie, die an der weiblichen Bevölkerung eines Ortes festgestelt hat, dass diese im Laufe des Jahrhunderts leicht an Gewicht zugelegt haben, kleiner wurden und einen gesünderen Kreislauf (weniger Cholesterin und Bluthochdruck) hatten. Anhand dessen stellten die Forscher fest, dass die Evolution des Menschen keineswegs zum Stillstand gekommen ist, wie das inzwischen eine Reihe von Forschern postulieren.

Auf diese im Grunde unspektakuläre Erkenntnis nun schießt sich ein ungenannter Autor bei darwin-jahr.de ein. Oder eben nicht, er hinterfragt lieber das Frauenbild der Studie:

Immer diese Meldungen, die überall unkritisch abgetippt werden, sogar von populärwissenschaftlichen Magazinen.

Offenbar ist Der Spiegel jetzt ein populärwissenschaftliches Magazin. Aber selbst wenn: Was heisst denn hier „sogar“ – mal nachgeschaut, was für ein Unfug jeden Monat in der P.M. steht?

Diesmal geht es um die Meldung, dass man die Frau der Zukunft zum Einkaufen rollen kann, weil sie ganz klein und dick sein wird.

Aller Sarkasmus in Ehren, aber die Studie sagt, dass die durchschnittliche Frau in 400-500 Jahren im Schnitt 1 kg mehr wiegen und 1 cm kleiner sein wird. Das reicht nun wahrlich nicht zum Rollen.

Angesichts dessen, dass die zugehörige Studie (die noch nicht einmal veröffentlicht wurde!) lediglich Daten einer einzigen amerikanischen Kleinstadt einbezieht und dort nach Gemeinsamkeiten von kinderreichen Frauen sucht, lässt sich lediglich für diese Kleinstadt etwas über deren zukünftige Frauen aussagen.

Herzlichen Glückwunsch, das ist der einzige korrekte Satz in diesem kurzen Text – die Repräsentativität des Studiensamples anzuzweifeln geht immer und ist hier auch gerechtfertigt.

Im Gegenteil ist es wahrscheinlich, dass Frauen in den wohlhabenden Ländern insgesamt attraktiver werden.

Aha. Und was „attraktiv“ ist, bestimmt der Autor, oder wie?
Im übrigen hat er da grade eine Veröffentlichung vor sich liegen, die aussagt, dass seine Voraussage nicht stimmt. Da seiner Voraussage keine Daten hinterlegen, sondern einzig Intuition und persönlicher Geschmack, ist er jetzt eigentlich in der Bringschuld für Beweise.
Hinzu kommen ein paar zentrale Irrannahmen. Es dürfte vermutlich stimmen, dass „attraktive“ Frauen öfter Sex haben (obwohl auch das nicht zwingend wahr ist, es könnte zum Beispiel Zusammenhänge zwischen Figur und Libido geben), deshalb haben sie aber noch lange nicht öfter Kinder. Mal ganz ab von dieser offenbar immer noch wundersamen Erfindung namens „Verhütungsmittel“ gibt es zum Beispiel Daten, die andeuten, dass fülligere Frauen seltener Fehlgeburten erleiden und so weiter.
Zusammengefasst: Der Autor widerspricht einer Aussage zunächst legitim und stellt dann eine noch wesentlich gewagtere Gegenthese auf, die zu 90% auf einem Geschmacksurteil beruht und im Gegensatz zur von ihm zunächst bestrittenen These so überhaupt gar keine Belege hat.

Warum sollten Männer plötzlich auf kleine, dicke Frauen stehen und mit ihnen viele Kinder zeugen?

Keine Ahnung. Warum eigentlich nicht?

Kommen wir zu einem weiteren interessanten Teil dieser Kritik, einer kompletten Prioritätenverdrehung:

Kombiniert wird die Berichterstattung über jene Studie mit der Feststellung, dass wir offenbar doch weiter evolvieren[…]

Die Ergebnisse werdne vermutlich nicht damit kombiniert, das dürfte die ursprüngliche und somit zentrale Frage der Studie gewesen sein Denn niemand macht wohl ernsthaft eine Studie mit der Frage „Werden Frauen in Zukunft dicker und kleiner?“, die Frage „Sind evolutive Trends auch beim Homo sapiens feststellbar?“ ist dagegen wissenschaftlich durchaus interessant.

Aber der Satz geht ja noch weiter:

[…]als ob irgendjemand, außer einer winzigen Minderheit von Forschern (Steve Jones), das Gegenteil behaupten würde! Natürlich ist die Evolution für den Menschen nicht zu Ende, solange wir durch natürliche Selektion entstandene Lebewesen bleiben!

Das mag der Autor ja glauben, tatsächlich aber gibt es da mehr als einen und die haben auch gute Argumente.
Die Debatte läuft schon seit Darwin, erreichte ihren Höhepunkt in den 40er/50er Jahren des letzten Jahrhunderts und ist inzwischen etwas ruhiger geworden, auch aus moralischen Bedenken an der Fragestellung (die Idee der Rassenhygiene etwa geht auf sie zurück).
Der Spiegel-Artikel bemerkt die Medizin als Bremse des Selektionsfaktors Krankheit/Sterlichkeit. Wissenschaftlich wird allerdings eher die Bevölkerungszahl diskutiert: Bei einer so hohen Bevölkerung wie beim Menschen verbleiben Gene beständig im menschlichen Genpool, weil jede mögliche Genkombination potenziell irgendeinen Partner findet, der ihr bei der Zeugung von Nachkommen hilft (vereinfacht ausgedrückt, um den Artikel nicht allzulang zu machen).

Das ist zwar nicht die erste Studie zur Fortsetzung der menschlichen Evolution, aber sie hat einen schönen Aufhänger, der zum Lesen anregt.
Somit sehe ich den Spiegel-Artikel anders als der Darwin-Jahr-Autor eher positiv: Er hat einen schönen Aufmacher, präsentiert eine Studie (vermutlich) ohne Übertreibungen und informiert die Leser über die Antwort auf eine durchaus interessante Frage – ob wir selber noch evolvieren.
Weshalb ich den letzten Satz des Kritikers auch nicht nachvollziehen kann:

Aber wenn Frauen schon nicht kleiner und dicker werden, dann werden sie zumindest dümmer, wenn sie überall in den Medien mit solchen Meldungen bombardiert werden.

Insgesamt ein seltsamer Beitrag. Aber ein schönes Beispiel, wie unsachlich man werden kann während man versucht, sich sachlich zu geben und anderen Unsachlichkeit vorwirft.

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