Meine letzten vier Veröffentlichungen Mad Scientist Journal Autumn 2018 Fiction Science The Dinosaurs of Jurassic Park and Jurassic World Steaks, Walls And Dossiers Zur Übersicht aller Veröffentlichungen Fiction Science

(K)Ein Wort zu Reker 0 

Gestern kam es in Köln zu einem Anschlag, bei dem die OB-Kandidatin Henriette Reker (parteilos) und mehrere weitere Personen mit einem Messer verletzt wurden. Ich wollte dazu nichts schreiben, weil ich weder Reker kenne noch genug über Köln weiss. Nun tue ich es doch, weil mich der Umgang mit dem Thema teilweise erheblich stört.

Tatmotive und die Einzelfallerzählung

Die Tat hatte offenbar nach eigener Aussage des zum Glück direkt gefassten Täters fremdenfeindliche Hintergründe. Reker stünde als zuständige Dezernentin für nicht näher definierte Fehler in der Einwanderungspolitik. Und ganz ehrlich, das ist alles, was man hierzu wissen muss.
Diverse linke Multiplikatoren verbreiteten schnell die Nachricht, Täter Frank S. sei 1994 als Mitglied der später verbotenen rechtsextremen Partei FAP aufgefallen. Und mit Verlaub: Wenig könnte mir mehr am Arsch vorbeigehen, als was irgendein Nazi vor 21 Jahren gemacht hat. Das ist lang genug her, dass damals noch nicht mal geplante Menschen inzwischen die Volljährigkeit erlangt haben. Es ist für die Gegenwart schlichtweg irrelevant und eignet sich auch nicht als Ansatz für die Ursachenforschung, weil dafür in 21 Jahren in der Regel ganz einfach zu viel passiert.
Vielen wird diese Nachricht dennoch gefallen und das liegt an einem entscheidenden Ansatz gegenwärtiger Realitätsbildung: Die Einzelfallerzählung. Erzählungen (oder auch Narrative, selbes Wort in Latein) sind ein derzeit zentraler Ansatz in der Erklärung der Gesellschaft und hier sehen wir eine ganz große bei der Arbeit.
Immer, wenn eine als böse geltende Tat oder ein Unglück geschieht, wird dies zum Einzelfall erklärt, damit wir die Ursachen nicht in der Gesellschaft suchen müssen. Rassistische Einstellungen sind in den letzten Monaten mit erschreckender Geschwindigkeit alltagstauglich geworden. Das will aber keiner wahrhaben und damit wir die Augen verschließen können suchen wir für Frank S. dankbar Möglichkeiten, ihn als eine Person hinzustellen, die nicht in der Mitte der Gesellschaft stand. Doch auch wenn das bei diesem Menschen sachlich nicht falsch ist, dürfen wir nie vergessen: Seine Tat fand in einer Gesellschaft statt, in der Rassismus an allen Ecken zu finden ist. Zwischen „nicht falsch“ und „richtig“ liegen eine Menge Graustufen.
Die damit erfolgende Selbstreflexion der Gesellschaft schmeckt uns nicht. Wir halten lieber weiter die Illusion aufrecht, die jubelnde Massen an den Bahnhöfen zeigt. Da wurde in den Medien die deutsche Willkommenskultur gefeiert, während schon längst die ersten Asylbewerberheime brannten. Es war alles so unglaublich absurd. Und wer dergestalt einer Illusion erliegt merkt dann auch nicht, wenn er selbst zum Rassismus umschwingt, wie beispielsweise in diesen Wochen beim Focus zu beobachten. Man ist schließlich einer der Guten, man meint das ja nicht so. Das Geburtsmoment der Bigotterie.

Entpolitisierende Schockstarre

Ein Spezialphänomen bei Attentaten kommt noch dazu: Der Vorwurf der Politisierung. Das sieht dann beispielsweise so aus, gepostet als Bild bei Facebook:
reker-denkverbot
Man soll also aufhören, ein politisch motiviertes Attentat auf eine Politikerin politisch aufzuarbeiten und gefälligst an die Opfer denken. Hier gab es nun keine Toten, aber auch bei Toten taucht diese Forderung ständig auf. Es ist eine komische Pflicht, die ich seit dem 11. September 2001 wahrnehme: Trauert und haltet die Klappe, auch wenn ihr die Opfer nicht einmal vom Hörensagen kanntet.
Nennt mich sozial defizitär, aber: Trauer ist die Sache der Angehörigen. Meine Aufgabe als Mensch abseits der Ereignisse ist zu reflektieren, wieso so etwas passieren konnte und ob solche Ereignisse in Zukunft verhindert werden können. Und das ist zwangsweise politisch, erst recht, wenn es um ein in sich politisches Ereignis wie ein Attentat geht.
Die Beschäftigung mit solchen Dingen ist nicht Politisierung. Es ist schlichtweg Politik, denn es ist in solchen Fällen genau die Aufgabe der Politik, Ursachen und Gegenstrategien zu diskutieren. Es ist eine Pflicht der Politik, in solchen Situationen nicht in Schockstarre zu verfallen, sondern Lösungen zu diskutieren. Dafür haben wir die Politik!
Wir haben eine wachsende Zahl Rassisten, ja Neonazis, in der Mitte unserer Gesellschaft und dann kommt ernsthaft die Forderung, nicht zu politisieren? Die Gesellschaft hatte politische Arbeit schon lange nicht mehr so nötig wie grade jetzt.
Doch Schockstarre der Betroffenheit ist grade beliebter. Einfacher. Plus chic. More fashionable. Mode. Hübscher. Kameratauglicher.

Extra Extra Vlogs und Geschichten Fiction Science