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Utøya 0 

Ich würde übertreiben, wenn ich sagte, ich hätte die Anschläge von Utøya und Oslo in solcher oder ähnlicher Art erwartet. Niemand rechnet mit einem Anschlag mit über 90 Toten an einem x-beliebigen Samstag. Aber es wäre auch falsch, sie als kontextfrei oder wirklich überraschend zu bezeichnen.
Der rechte Terror des Anders Breivik hat einen Kontext, eine Vorgeschichte.

Statt viel darüber zu schreiben, zitiere ich einfach aus Breiviks „Manifest“ (Seite 1161):

A stable and prosperous country that can offer its citizens solid welfare is dependent on
five primary factors

1. Islam cannot be present
2. An ethnic homogenous people
3. An educated people with a high average IQ (reprogenetics will increase the average IQ
further)
4. Cultural conservative policies/nationalistic policies/at least partially financial protectionist
5. Free market (+ free market towards other cultural conservative countries)

Dieser Abschnitt fasst die grundsätzliche Weltanschauung ganz gut zusammen. Es kommen noch ein paar Details dazu (etwa Monarchismus), abe rim groben und ganzen ist das das Fundament seiner Überzeugungen.

Ich würde wetten, wenn man einem beliebigen Papierschänder wie Sarrazin, Broder oder Wilders diese Sätze hinlegen würde, würden sie sie in Unkenntnis des Autoren ohne Zögern bestätigen, vielleicht mit Ausnahme von Punkt 5.
Und tatsächlich ist Broders Weltsicht immerhin ein ganzer Artikle gewidmet, in dem dazu aufgefordert wird, Europa zu verlassen, wenn man sich vor der Islamisierung retten will.

Europe is turning Muslim. As Broder is sixty years old he is not going to emigrate himself. “I am too old,” he said. However, he urged young people to get out and “move to Australia or New Zealand. That is the only option they have if they want to avoid the plagues that will turn the old continent uninhabitable.”
(Seite 697)

Die Weltsicht solcher Spinner ist nicht die alleinige Ursache für die Entstehung eines terroristen wie Breivik. Aber sie schaffen ein Klima, in dme ein solcher Terrorist Motive findet, in dem sich seine Wut über (tatsächliche oder vermeintliche) Missstände beständig steigert.
Wer Broder & Co. liest und glaubt, wird mit jedem mal ein bisschen islamfeindlicher, ein bisschen christlicher, ein bisschen nationalistischer. Diese Ismen siepen aus jeder Pore ihrer Texte, begründen und durchziehen sie.
Für sich ist jeder Text akzeptabel, harmlos gar und oft auch rational nachvollziehbar. Aber im Gesamtmosaik ergibt sich eine Einseitigkeit, ein geschlossenes Weltbild vom guten Westen, den guten alten Werten, dem heilbringenden Christentum, dem bösen Werteverfall, den naiven Multikultis und dem brutalen Islam.
Die schiere Produktionsmasse dieser Autoren gerät zur Überzeugungsstrategie, Gegenstimmen wird kaum Zeit zum Reagieren gelassen. Und so etabliert sich eine Denkrichtung.
Zumal es so schön einfach ist: Wir sind die Guten, die sind die Bösen.

Vor ein paar Jahren haben wir noch darüber gelacht, wenn George Bush II. sich in derartiger Rhetorik erging. Inzwischen nehmen viele sowas ernst und verstecken hinter „Es gibt auch andere“ die Implikation, dass „normale“ Muslime die Ausnahme seien.

Das Endergebnis einer solchen Entwicklung ist dann Broders Lieblingsland, Israel.
Hier hat sich der Wahnsinn inzwischen so aufgeschaukelt, dass jeder, der dort auf egal welcher der beiden Seiten steht vollkommen den Verstand verloren hat. Dort ist es praktisch politischer Mainstream, den „Gegner“ nur noch als ebensolchen zu betrachten und zu entmenschlichen. Dörfer zu bulldozern und raketen auf Krankenhäuser zu schießen.
Wenn ein einzelner Mensch eine solche Vergegnerung betreibt, tötet er mit Handwaffen und ohne Reue 85 Menschen auf einer Ferieninsel. Das war einer. Die Atmosphäre, die ihn geschaffen hat, aus der er seine Rechtfertigung bezog, existiert weiter und radikalisiert sich zunehmend weiter. Andere werden folgen.
Und jedesmal wird es ein Einzelfall gewesen sein. Bis es dann irgendwann zur Normalität gehört.

Ich wünschte wirklich, das Geschehn in Utøya wäre unerwartet gewesen oder zumindest kontextfrei. Aber das war es nicht.
Es bettet sich ein in eine zunehmende Ausbreitung fremdenfeindlicher Resentisements, rleigiöser und politischer Radikalisierung, Populismus und einer Art Aufgeben der europäischen Idee. In eine Welt in der Verschwörungstheorien und biologistischer Unfug auf fruchtbaren Boden fallen und nicht mehr länger nur belächelt werden.
Ich weiss nicht, wann es anfing. Mit dem 11. September? Oder doch schon mit dem ersten Esoterik- und Verschwörungsboom in den 90ern? Viel früher? Mit der RAF oder dem Radikalenerlass?
Geschichte kennt keine Anfänge und keine Enden. Was wir aber kennen, das ist die Situation. Und die ist der einzige Punkt, an dem wir etwas zu ändern in der Lage sind.

Daher jetzt noch mehr als jemals zuvor: Lasst uns nicht Dystopia bekämpfen, sondern ein Utopia errichten, neben dem Dystopia keinen Bestand haben kann.
Macht nicht die Welt schlechter für die anderen, sondern besser für alle. Wenn ihr überzeugt seid, dass euer Weltbild, euer Gesellschaftssystem das Richtige ist, dann wirkt als Vorbilder, nicht als Gegner.
Das ist oft nicht einfach, oft sogar frustrierend. Und oft bleibt man auch erfolglos in seinen Vorhaben. Aber zumindest baut in einer vernünftigen Gesellschaft ohne Hetze und Feindbilder niemand Kofferbomben und erschießt Kinder, nur um ein Statement abzugeben.

PS: Ich könnte noch einiges mehr über Breivik schreiben. Seine Darstellung der nationalsozialistischen Ideengeschichte vor 1939 (insbesondere in Bezug auf den Armenier-Genozid) ist interessant. Ebenso seine mE offensichtliche Egozentrik. Sein Verhältnis zur europäischen Idee. Die Distanzierungsversuche der Rechten von ihrem selbstgemachten Extremisten. Aber das passt alles nicht in diesen Artikel und/oder erfordert ein noch wesentlich tieferes Eingraben in sein „Manifest“ von immmerhin 1518 Seiten. Vielleicht ein ander Mal.

Wenn man keine Ahnung hat… 0 

Dagegen verstößt heute offenbar die Hälfte aller Nachrichten.

Das könnte daran liegen, dass mal wieder die Innenminister der Bundesländer getagt haben. Und, was haben sie beschlossen?
Klar, ein Killerspieleverbot mal wieder. Zensurfordeurngen sind ja unter deutschen Politikern inzwischen das, was beim britischen Adel die Fuchsjagd ist – ein ethisch fragwürdiger, aber medienwirksamer Berufssport.
Die Mär vom killerspielenden Amokkiller zieht irgendwie immer noch – dass die Zahl an „School Shootings“ (so der korrektere englische Begriff, denn um Amokläufe handelt es sich in der Regel nicht) bereits seit den 1920er Jahren gleich hoch geblieben ist, stört die „Diskussion“ dabei nicht weiter. Ebensowenig, dass „Amokläufer“ überdurchschnittlich wenig zocken.


Auch nicht schlecht ist der Versuch aller Parteien, daraus einen Skandal zu drehen, dass die NPD Amazon-Partner ist.
Sie wollen amazon.de gar boykottieren.
Dahinter steckt vermutlich ein fundamentales Unverständnis des Partnerprogramms: Dort kann man sich anmelden und wenn man nicht gegen recht und Gesetz verstößt und keine Pornografie anbietet, wird man freigeschaltet. Dann kann man Links auf amazon setzen und wird für jeden über einen solchen Link verkauften Artikel in Form einer Werbekostenrückerstattung bezahlt. Wie das aussieht, kann man links neben diesem Text sehen – allerdings geht bei diesem kein Cent an die Nazis, dafür ein bisschen was an mich. denn das ist das Konzept: geld kriegt, wer die Kunden bringt.
Das bedeutet: Die NPD verdient daran nix, solange nicht jemand über ihre Seiten zu amazon geht – und ich hoffe mal, dass kein Nichtnazi blöd genug ist, das zu tun. Und da die NPD legal ist, gibt es seitens amazon.de keine Handhabe gegen sie.
Es ist aber auch besser so: Solange die NPD nach amazon verlinkt, fördert sie keine einschlägigen Händler der Naziszene. Und somit kommen Kunden über die NPD-Seiten nicht auf den „harten Stoff“ rassistischer „Literatur“. Im gegenteil, bei amazon könnte der ein oder andere Nazisympathisant auf aufklärende oder linke Literatur treffen, die vielleicht ein-zwei Leuten ein Licht aufgehen lässt.

Und zum Schluss was eher niedliches:
Amerika, das Land in dem man unter Umweltschutz versteht, Wegwerfflaschen aus Glas den Wegwerfflaschen aus Plastik vorzuziehen, ist immer wieder für Kuriositäten aus diesem Bereich gut.
Da hat ein Designer doch jetzt tatsächlich den Fahrradanhänger erfunden. Okay, der Anhänger stammt aus Schweden, die Verwunderung über die Idee ist aber amerikanisch.

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