Meine letzten vier Veröffentlichungen Mad Scientist Journal Autumn 2018 Fiction Science The Dinosaurs of Jurassic Park and Jurassic World Steaks, Walls And Dossiers Zur Übersicht aller Veröffentlichungen Fiction Science

Vom Ende der Schreibschrift 0 

Es ist mal wieder so weit, das Ende der Schreibschrift wird lamentiert. Das ist eine dieser sinnlosen Debatten, die sich vor allem aus dem sinnlosen Bildungsbegriff der Moderne speisen. Denn auch Schreibschrift gehört zur „Bildung“, was auch immer das sein soll (ich kenne die Entstehungsgeschichte des Begriffs, aber seine moderne Verwendung ist sinnentleert beliebig).

Schrift ist ein Resultat der Technologie, mit der sie aufgezeichnet wird. Und um gleich mit einem Mythos auszuräumen: Schrift hat nichts mit Sprache zu tun, zumindest nicht in dieser Detailschärfe. Schrift ist ein System zur Aufzeichnung von Sprache. Es gibt ein paar Einflüsse durch die Frage des verwendeten Schriftsystems, aber solange wir innerhalb eines Schriftsystems bleiben (in diesem Fall lateinische Alphabetschrift mit deutschen Sonderzeichen), macht es für die Sprache keinerlei Unterschied, welches der (grob) vier im Deutschen verwendeten Alphabete wir benutzen. Sie ist damit noch unwichtiger als die Rechtschreibung, die wenigstens hin und wieder Einfluss auf die Sprache nimmt (aber auch nur sehr selten, da ihre Anwendung ein Phänomen der Verschriftlichung ist, nicht der Sprache selber).

Schrift begann deswegen als Keilschrift, weil diese recht einfach mit einem Keil in ein Lehmtäfelchen zu ritzen war. Die Antiqua (Druckschrift) sieht so aus, weil sie eine Weiterentwicklung dessen ist, immer noch werden grade Linien in Lehmtäfelchen geritzt. Die Schreibschriften sind ein Resultat des Schreibens mit Federn auf Pergament/Papyrus/Papier, bei dem das zuvor selbstverständliche Absetzen vom Blatt lästig wurde. Die komplexe Form der asiatischen Schriften mit ihren variierenden Strichstärken resultiert aus dem Schreiben mit einem Pinsel. Und die Frakturschriften resultieren aus der Form der europäischen Schreibfeder, die bei unterschiedlicher Zugrichtung unterschiedlich dicke Linien zieht. Es sind technische Unterschiede, die zu unterschiedlichen Schriften führen, keine Unterschiede im Denken.

Und hier komme ich zum Verschwinden der Schreibschrift in den Schulen. Die Schreibschrift ist einer Zeit geschuldet, als mit Füllfederhaltern auf Papier geschrieben wurde. Mit einem Füller vom Papier abzusetzen ist ein vergleichsweise aufwändiger Akt, eine lästige Unterbrechung des Schreibaktes, bei der immer mal wieder ungewollte Linien verbleiben. Es machte daher Sinn, diese Linien zu normieren und zum Teil des Schriftbildes zu erklären, um den Schrifterwerb einfacher zu gestalten. Das System war nie perfekt, Diakritika und Elemente wie der Punkt des i und der Querstrich des t störten den Schreibfluss weiterhin und fielen in einem solchen auf Fluss bedachten System noch stärker auf, unterbrachen teils die sprachliche Formulierung des Satzes während seiner hakelig verlaufenden schriftlichen Fixierung.
Der Füller als Schreibgerät sieht nun seinem Ende entgegen. Selbst wer mit Hand schreibt, tut dies mit dem Kugelschreiber und ähnlichen Schreibgeräten, die auf einem Ball oder einer abgerundeten Spitze laufen. Mit diesen Schreibgeräten ist es kein Problem, den Stift für jede neue Linie kurz einen Millimeterbruchteil anzuheben und andernorts wieder anzusetzen. Das Erlernen einer separaten Schreibschrift verliert seinen technologisch begründeten Sinn.
Damit stellt sich auch die Frage, warum Kinder eine Schrift erlernen sollten, die für ihr späteres Leben weitgehend nutzlos sein wird.

Druckschrift hat einen großen Vorteil: Technologische Stabilität. Die Antiqua hat von der frühen Zeit des Römischen Reiches bis in die Gegenwart jede technische Veränderung in der Aufzeichnung von Sprache überlebt, von der Lehmtafel bis zum Bildschirm. Ihre einfachen Formen geben ihr die Fähigkeit, an jede Darstellungsform angepasst werden zu können, solange sie nur eine ist, die mit den Augen wahrgenommen wird.
Während die Schreibschriften kommen und gehen und schon ein in Sütterlin (erfunden 1914) geschriebenes Dokument für die meisten heute unlesbar ist, ist die Antiqua über die Jahrtausende leserlich geblieben. Die Inschriften auf römischen Denkmälern und Gebäuden bleiben lesbar, weil sie eben nicht in Schreibschrift verfasst wurden. Grundsätzlich ist ein Text von jemandem mit Sauklaue leichter zu entziffern, wenn er seine Sauklaue auf Antiqua anwendet als auf die Schreibschrift, bei deren Schnörkeln viel mehr schief gehen kann. Und wenn man davon ausgeht, dass Schrift ebenso wie Sprache der Kommunikation dient, spricht das für ihre Überlegenheit in der Erfüllung ihrer zentralen Funktion.

*Anmerkung: Der Autor beherrscht Sütterlin und Fraktur sowie deutsche und russische Schreibschrift. Tatsächlich bevorzugt er persönlich beim Lesen Frakturschriften gegenüber Antiqua. Aber das ist ein reines Geschmacksurteil und solche haben in der Diskussion nichts verloren.

Stichworte:
Extra Extra Vlogs und Geschichten Fiction Science