Meine letzten vier Veröffentlichungen Mad Scientist Journal Autumn 2018 Fiction Science The Dinosaurs of Jurassic Park and Jurassic World Steaks, Walls And Dossiers Zur Übersicht aller Veröffentlichungen Fiction Science

Printjournalismus 0 

Hehe, wie gemein…:
„Geben Sie mir eine Nachricht aus der Zeitung von heute, die heute passiert ist.“

via Nerdcore

Stichworte:

Print – Rückkehr in die Fremde 2 

Mein Ausstieg aus der Welt der alten Medien ist inzwischen fast ein Jahr her. Inzwischen besitze ich gar keinen Fernseher und kein Radio mehr.

Zurückgekehrt sind aber die Zeitungen. Und es ist eine seltsame Rückkehr.
Offenbar wird von einem politisch aktiven Menschen, vor allem in einer Partei und vor allem von einem Kandidaten für ein Amt (wie bei mir für den Gladbacher Stadtrat) erwartet, sich regelmäßig dem Printjournalismus zu widmen – die Frage, welche Zeitung ich lese kam öfters, meine übliche Antwort war „keine“, sehr zur Verwunderung meiner Parteigenossen. Man müsse doch eine zeitung lesen, wie sei man sonst informiert, so die Rückantwort.
Dabei sollten grade die Grünen auf John Yemma hören, wenn er sagt: „Printjournalismus macht einfach keinen Sinn: Da werden Bäume gefällt, fässerweise Farbe durchs Land gefahren, Zeitungen gedruckt, die tags darauf im Altpapier landen.“ Baumvernichtung, CO2-Ausstoß und Müllproblem ohne wirklichen Zwang dazu – und kosten tut der Spass auch noch (kostenlose Tageszeitungen wie in san Francisco scheint es in Deutschland nicht zu geben).

Nun denn, meine Wahl fiel auf die Westdeutsche Zeitung (WZ) – die hat (anders als die taz) einen Lokalteil und ist vergleichsweise günstig (85 bis 95 Cent, je nachdem ob ich grade die gladbacher oder düsseldorfer Ausgabe erwische). Vor allem erstreckt sich der Lokalteil auch auf die Nachbarstädte, was gegen den Zwang wirkt, diese mit Belanglosigkeiten zu füllen.
Die politische Ausrichtung ist dezent sozialdemokratisch – nicht ideal, aber okay. Dass das Verhältnis zwischen dieser Zeitung und dem AStA in Düsseldorf eher zerrüttet ist (erster Artikel einen Tag nach unserer Ernennung zum Vorstand: „Der AStA beschäftigt sich nur mit sich selber“ – na herzlichen Dank) spielt dabei eine eher geringe Rolle.
Dass die WZ vergleichsweise dünn ist, ist durchaus von Vorteil – im Gegensatz etwa zur Rheinischen Post (RP) kann man sie auf der täglichen Fahrt MG-Düsseldorf hin und zurück gemütlich durchlesen (dafür mag die RP den aktuellen düsseldorfer AStA mehr – tja…) ohne größere Teile auszulassen.

So steigert sich der Leseschnitt: Immerhin lese ich jetzt gut 10% komplett – und weitere 10% gar nicht. Zuvor las ich bis zu 80% gar nicht.
Grund für das Nichtlesen war bei der RP zunehmendes Desinteresse, bei der Wz ist es das Treffen von Freunden und Bekannten im Zug. Insgesamt also angenehmer.
Und dennoch – mit tagesaktuellen Lokalseiten wie der Bürgerzeitung MG, großen Nischenseiten wie Telepolis und der grundsätzlichen Schnelligkeit des Internet bei Themen überregionaler Bedeutung erscheinen diese Papierstapel überflüssig. Ihre Informationen sind grundsätzlich mehrere Stunden veraltet, weil Zeit für den Druck draufgeht. Wer behauptet, Zeitungen seien besser recherchiert verkennt entweder den Aktualitätsdruck der Zeitungen oder die Qualität der Netzschreiber.
Essays und Dossiers gibt es zu selten und wenn, sind sie oft zu kurz um wirklich interessant zu sein – das Essayformat funktioniert besser mit praktisch unbegrenztem Raum und Verlinkungen, welche die Informationen und Meinungen vertiefen und verknüpfen.
Hinzu kommt noch das poitische und gesellschaftliche Engagement – bei Ereignissen und Veranstaltungen dabei zu sein und später in der Zeitung darüber zu lesen – der Vergleich ist fast immer desillusionierend. Reduzierte Darstellungen und die Sprache von menschen, die seit Jahren nur noch PR-blabla ertragen und davon geistig langsam infiziert werden, beherrschen das Bild.

Etwas anders ist das bei den Wochenmagazinen. Von diesen habe ich mir die Zeit empfehlen lassen.
Recherchiert, jenseits der erdrückenden Tagesaktualität – und erfüllt von einem Geist der Pseudointellektualität und des Kulturkampfes gegen das böse Internet.
Dennoch, immer wieder greifen die Zeitler gute Themen auf – zuletzt in einem Dossier über eine Wirtschaft ohne Wachstum. Aber die Darstellungen bleiben oberflächlich, letztlich inhaltslos und fallen in die Kategorie „schön, mal drüber gesprochen zu haben“.
Seine Energie verschwendet man unterdessen in Abwehrgefechten gegen das Internet und die digitale Welt, die fast durchgehend aus Unverständnis und Zukunftsangst gespeist sind, die das alte deutsche Makel fortführen, intellektuell und intelligent, unverständlich und komplex zu verwechseln.
Alles in allem ist die Zeit zum Lesen uninteressant, zum Überfliegen aber ein hervorragendes Blatt – mehr als ein Blatt bräuchte es aber oft auch nicht für den tatsächlich interessanten Inhalt einer Ausgabe dieser Zeitschrift.

Bleibt zu guter Letzt eine einzige Frage: Warum tue ich mir den Unfug eigentlich an? Nur, weil alle meinen, man müsste?
Und kann die Zeitung im Zeitalter des Internet überhaupt mehr sein als ein Pendant zur Krawatte – ein nutzloses Statussymbol für Wichtigtuer, welches seine Wichtigkeit allein durch die wiederholte Behauptung dieser Wichtigkeit erhält?

Extra Extra Vlogs und Geschichten Fiction Science